Zwang in der stationären Therapie von Anorxie-Patienten

Adrian
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Zwang in der stationären Therapie von Anorxie-Patienten

Beitragvon Adrian » Di 25. Mai 2021, 16:03

Hallo. Ich bin neu hier und habe mich angemeldet, weil mich der Fall einer Bekannten zum Nachdenken angeregt hat.
Nennen wir sie mal Lisa. Lisa ist 17 Jahre alt und hat sich nach einem langen Prozess zur Einsicht vor einigen Wochen in die örtliche Kinder- und Jugendpsychiatrie einweisen lassen. Disclaimer: ich habe mit Lisa keinen Kontakt, kenne ihre Geschichte nur aus den Nachbarschaftserzählungen. Die Klinik selbst kenne ich durch meine Ex-Freundin relativ gut. Lisa wurde also mit extremem Untergewicht aufgenommen. Sie wird meinem Wissen nach nicht sondiert, kann sich aber nur im Rollstuhl bewegen, wird nur 1x pro Woche geduscht etc. Genaue zu BMI oder Gewicht sind mir nicht bekannt, also sollte man das hier vielleicht als generell hypothetischen Fall betrachten. Lisa leidet zudem unter bisher ungeklärten epileptischen Krampf-/Atemnotanfällen. Ein solcher trat auch kurz vor dem ersten Besuch ihrer Eltern auf, weshalb dieser am nächsten Tag abgesagt wurde.
Was ich so erfahren habe, wirft doch einige Fragen auf. Da die KJP im örtlichen Krankenhaus angesiedelt ist, wird sie auch von dort versorgt, obwohl es auf der Station auch eine Küche gibt. Die Patient*innen können aus drei Gerichten wählen, klassisches Krankenhausessen würde ich sagen. Es gibt auch einen Essenplan, der dann aber scheinbar hier sagt: Essen was auf’n Tisch kommt. Lisa isst zwar wieder (ich weiß nicht, ob aus taktischer oder tatsächlicher Motivation), nimmt jedoch noch nicht merklich zu. Essen scheint dort mit viel Zwang verbunden. Dass Mengen und Verweigerung protokolliert werden, wundert mich nicht, ich kann mir nur nicht erklären, dass von der Krankheit/ Störung induziertes Verhalten mit Konsequenzen versehen wird. Das kenne ich auch von meiner Ex-Freundin, der beispielsweise nach SVV für 24h der Kontakt zu ihrer Bezugstherapeutin entzogen wurde. Lisas Problem ist vielleicht, dass das ihr vorgestellte Essen nicht unbedingt zu ihren Lieblingsmahlzeiten gehört. Auch ich bezweifle manchmal, wie gesund typisch deutsche Kantinen-/Hausmannskost ist. Welches Ziel steckt dahinter, wenn man Menschen, die sowieso wenig Motivation zum Essen haben, Nahrung quasi aufdrückt, sodass sie sich diese tatsächlich reinzwängen müssen? Ich habe natürlich nur einen beschränkten Einblick, kenne aber auch sonst keine Fälle, in denen die Patient*innen gefragt wurden, was sie denn mal gern essen würden.
Sind solche Zwangs- und Konsequenzstrukturen Alltag im stationären Psychiatriealltag? Und warum würde sowas denn „wirken“? Ich bin zwar der Meinung, dass Menschen mit psychischen Gesundheitsproblemen/Störungen in ihrem Denken nicht immer rational ist (was ja der eigentliche Knackpunkt ist), bloß gerade deshalb machen sie ja manchmal unüberlegte, also von der Störung induzierte, Sachen (SVV, nicht essen, Fremdaggression), die dann „bestraft“ werden, obwohl es manchmal nicht deren Absicht ist, und das erschließt sich mir nicht sofort. Etwas sperriger Satz, ich hoffe mein Punkt kommt durch.
Ich weiß nicht, von welchen Therapeut*innen welcher Schulen oder Spezialisierungen Lisa behandelt wird. Über konkrete Therapieansätze kann ich also auch nichts sagen.
Schöne Pfingsten noch 😊

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Laura
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Re: Zwang in der stationären Therapie von Anorxie-Patienten

Beitragvon Laura » Mo 14. Jun 2021, 12:15

Hallo Adrian!

Du wirfst hier mit Hypothesen ja nur so um Dich, erwartest aber eine realistische Einschätzung der Situation. Zum Thema Magersucht ist schon viel gesagt worden und Du betonst ja so das psychisch Gestörte an magersüchtigen jungen Frauen. Guck Dich mal in Deinem Umfeld um; Wie willst Du denn wissen, wenn Du einer "sehr schlanken" Frau begegnest, ob sie nicht auch magersüchtig und somit psychisch gestört ist? Das würde vermutlich nicht auf jede sehr schlanke Frau zutreffen, auf einige aber doch. Diese Erkrankung kann frau (in selteneren Fällen auch mann) sich in jungen Jahren "einfangen" und lange Zeit im Leben in lediglich leicht gebesserter Form mit sich herumschleppen.

Erzähl Du doch erstmal aus Deiner Erfahrung, was in Gesprächen unter (jungen) Männern so alles durchdiskutiert wird. Wird da auch nur hypothetisiert und sich Sorgen um gestörte Frauen gemacht?
Es ist o. k., wenn nicht alles supertoll ist. Wenn alles supertoll wäre, dann wäre alles nur noch o. k.

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Laura
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Re: Zwang in der stationären Therapie von Anorxie-Patienten

Beitragvon Laura » Mo 14. Jun 2021, 13:15

Nochmals hallo!

Ooooh, jetzt habe ich es mir nicht verkneifen können, mit dem Magersuchtsthema erstmal auf Männer zu verweisen, die ja so gar nicht verstehen können, wie eine Frau nur so dermaßen gestört sein kann, auf eigengefährdende Weise so abzumagern. Ich war in dieser Hinsicht dann doch zu sehr von meiner essfreudigen Familie geschützt, um selbst bei meinen früheren Schnelldiäten in die Magersucht abzudriften.

Deine eigentliche Frage, ob Magersüchtige in einer Psychiatrie oftmals fehlbehandelt oder auch in besonderem Maße fehlbehandelt werden, kann ich Dir aus eigener Erfahrung nichts sagen. Ich kam aus anderen Gründen in die Kinder- und Jugendpsychiatrie, begegnete dort aber zum ersten Mal einem magersüchtigen jungen Mädchen und damit auch dem Problem als solchem. Da das junge Mädchen vom Rest der Mädchenstation überwiegend abgeschirmt wurde, wusste ich schon damals sehr wenig über das, was alles zu ihrer Behandlung gehörte und weiß es heute immer noch nicht, auch nicht, wie es dieser Mitpatientin später im Leben ergangen ist und sie doch dauerhaft zu einer Ernährungsgewohnheit gefunden hat, bei der man nicht gleich mit Magensonde zu drohen braucht. Alles, was ich mitbekam, war, dass es ihr zur Aufgabe gemacht worden war, regelmäßig Kuchen einmal die Woche oder alle zwei Wochen) für alle zu backen, auch wenn sie selber nicht unbedingt mit am Kuchentisch sitzen musste/wollte.

Ich reagiere übrigens deswegen so gereizt auf dieses Thema, weil ich Dir darin zustimme, dass es für Magersüchtige besser ist, wenn sie genau das essen dürfen, was ihnen gut schmeckt Ausgewogenheit vorausgesetzt) und man ihnen besser zugesteht, kleinere Portionen zu essen bevor sie gar nichts essen. Aber ob Du es glaubst oder nicht: Sogar hier kann Futterneid mit ins Spiel kommen! Und der entsteht halt da, wo mehrere Leute am selben Essenstisch sitzen. Da kann die spezielle Mahlzeit einer Magersüchtigen durchaus einen seltsamen Futterneid bei sehr unverfrorenen Menschen hervorrufen. Da bin ich mich immer noch über eine Person am Aufregen, die zuerst eine sehr gehässige Bemerkung über eine magersüchtige Mitbesucherin und Freundin von mir machte und schließlich eine über mich.

Bin in keinster Weise unparteiisch und sogar sehr männerkritisch, was dieses Thema angeht , auch wenn ich nicht magersüchtig bin.

Du sagst, Du kennst diese junge Frau, um die Du Dir Sorgen machst, nicht, bzw. hast keinen Kontakt zu ihr. Das ist jetzt auch rein hypothetisch von mir gesprochen: Angenommen, sie wird Dir eines Tages vorgestellt und Du stellst fest, dass ihr Euch (auf dem Kinderspielplatz oder in der Schule) schon mal begegnet seid und Du sie mit gehässigen Sprüchen über Ihr Äußeres traktiert hast. Wie? Sowas macht doch jeder mal? Aber nur in der Psychiatrie wimmelt es ja nur so von Gestörten und draußen laufen nur Leute rum, denen einfach alles normal erscheint und die sich dementsprechend dann auch immer nur normal verhalten???
Es ist o. k., wenn nicht alles supertoll ist. Wenn alles supertoll wäre, dann wäre alles nur noch o. k.


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