kPTBS und irgendwie versuchen zu leben

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ssri
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kPTBS und irgendwie versuchen zu leben

Beitragvon ssri » Di 22. Okt 2019, 22:33

Ja, was soll ich sagen? Gefühl hab ich meine Geschichte selbst schon Millionen mal durchgekaut, ohne zu einer cleveren Schlussfolgerung zu kommen. Irgendwie ist da wohl irgendwo in meinem Kopf die Hoffnung, dass je öfter ich darüber schreibe, irgendwann den Punkt entdecke, wo alles falsch gelaufen ist oder plötzlich der sprichwörtliche Stein der Weisen vor mir liegt.

Nun, dass ich ein Komplextrauma habe, das musste ich erst nach vielen Jahren leiden selbst rausfinden. Meine damalige Psychiaterin hat 2010 nach meiner Schilderung über die OP, die meine Mutter damals gerade hinter sich gebracht hatte, als erste Person überhaupt das Wort Dissoziation verwendet, nachdem ich ihr detailiert meine mentale Verfassung an jenem Tag der OP beschrieben hatte.

Ich bin dann allerdings diesem ganzen Themenkomplex nicht weiter nachgegangen und hab weitergemacht - wie eben immer schon; natürlich auch mit den immer wiederkehrenden Intrusionen und anderen Phänomenen der Traumatisation. Bis dorthin hatte ich ja schon fast alle möglichen psychiatrischen Diagnosen abgeerntet, Depros in allen Farben und Schattierungen, Schizophrenie (was auch meine behördlich-offiziöse Diagnose ist), alle möglichen Angst- und Panikstörungen, neurotisches Verhalten, vermutlich alle Formen affektiver Störungen; das einzige, was wohl wirklich fehlt, ist eine Manie; vielleicht bewahrt mich meine seit Kindheitstagen persistierende Melancholie davor.

Naja, ich hab auch immer gehofft, dass sich irgendeine organische Ursache festmachen liesse, nachdem ich als Kind herzkrank war und viele OPs und Krankenhausaufenthalte hinter mir hatte. Leider hat sich das nie bestätigt, auch gerade letzthin nicht, als ich wegen des chronischen Hustens und der Rückenschmerzen in instrumenteller Abklärung war - physisch alles ok.

Dass etwas mit eben diesen Krankenhauszeiten nicht in Ordnung war, ist mir eigentlich schon längst bewusst; aber vermutlich durch das Verhalten meiner Umwelt, welches daraus bestand, nachdem damals alles vorbei war, zur Tagesordnun zurückzukehren und kein Aufheben mehr zu machen über die zurückliegende Tragödie, hab ich halt auch einfach versucht zu vergessen.

Trotzdem war es halt immer so, schon zu früher Kindheitszeit, dass ich, was man so schön sagt, verhaltensauffällig war. Ich würde heute sagen: sozial völlig inkompetent - wie ich durch die aktuelle Therapie weiss vermutlich resultierend aus der Tatsache, dass meine Mutter schon nach der Geburt durch die Erkenntnis, dass ich an einem Herzdefekt litt, nicht fähig war, eine gesunde Mutter-Kind-Beziehung aufzubauen. Es scheint also, dass die Traumata, die ich später erlitt, vorallem durch diese Sollbruchstelle - dieses Bindungstrauma verursacht war.

Ich will nicht im Detail auf die Krankenhausgeschichte eingehen, aber das, was bis heute erinnerbar ist - leider - und immer wieder in die Gegenwart hineindrückt, ist kaum auszuhalten. In der Folge habe ich eine völlige Ablehnung gegenüber Ärzten entwickelt; wobei es mich komischerweise heute weniger belastet, selbst Patient zu sein, als wenn z.B. meine Frau bei einem Arzt vorständig wird. Das stösst mich regelmässig in dicke Krisen; weswegen ich dann auch, nachdem wir zusammengezogen waren, irgendwann wieder mit Therapie anfing, obwohl mich damals konkret extreme Panikattacken förmlich dazu getrieben habe, nach psychiatrischer Hilfe zu suchen.

2016 hab ich dann in einer heftigen Krise wieder nach einer Therapieoption Ausschau gehalten, wobei mir meine Hausärztin eine Praxis von einer Psychiaterin mit angeschlossener Psychologin empfohlen hat, weil diese EMDR anwenden. Meine Thera wollte aber in der Folge EMDR nicht anwenden, weil sie es in meinem Fall für möglicherweise kontraproduktiv angesehen hat. So haben wir dann mehrheitlich verhaltenstherapeutisch gearbeitet, aber von mir aus gesehen ohne überzeugendes Konzept. Einzelne Konfrontationen sind aus dem Ruder gelaufen. Mittlerweilen läuft es fast durchgehend so ab, dass bei jeder Sitzung wieder von neuem eine alte Wunde geöffnet wird, die bereits offenen aber nicht versorgt werden.

Wie ich schon geschrieben hab, bin ich auch in einem anderen Forum, wo mit ein paar Personen auch engeren Kontakt habe. Eine davon ist eine jetzt 20 Jährige, die gerade an Krebs erkrankt ist, was mich damals im Juni, als sie es unter uns Moderatoren und Administratoren erzählt hat, völlig aus der Bahn geworfen hat. Sie hatte, seit sie dort ins Forum kam, viel über ihr Vorleben erzählt und wohl dadurch fühle ich mich ihr sehr verbunden. Wir haben in all der Zeit auch viel über alles mögliche, politisches, soziales, was weiss ich gesprochen; ja, sie ist einfach ein ganz toller, liebenswerter Mensch. Und dann kommt diese Diagnose.

Das hat wirklich mein Leben durchgeschüttelt und mir so das letzte Stück Vertrauen ins Leben zerstört; vorallem gerade, weil sie in meinen Augen, nach all dem Schlimmen in ihrem zurückliegenden Leben, das geschafft hat, was ich selbst nie zuwege gebracht habe: wieder ein normales Leben zu leben, eine Ausbildung zu machen und mit Zuversicht in die Zukunft zu schauen, ohne dass die Vergangenheit diese zerstörerische Kraft, die sie einst hatte, noch in die Gegenwart ausüben könnte.
Ihre Stärke, die sie da gezeigt hat, hat auch mich gestärkt.

Jedenfalls sind ab diesem Moment im Juni all meine traumatischen Erlebnisse mit der Kraft eines Tsunami über mich hinweggefegt, und immer noch versuche ich täglich, wieder irgendwie die Normalität vor dieser Zeit zurück zu kriegen, aber irgendwie klappt das nicht. Es hat mir wirklich vor Augen geführt, dass die Therapie seit 2016 nicht nur nicht geholfen, sondern alles noch schlimmer gemacht hat, vermutlich weil dieses unsystematische, ständige Rumstochern im Müll der Vergangenheit nicht zur Verarbeitung sondern nur zu einer höheren Vulnerabilität geführt hat.

Ja, es gäbe da noch viel mehr Details, z.B. die aktuellen Lebensumstände hier vor Ort, die viel Probleme bereiten, dazu soziale, administrative und finanzielle; das ist zwar alles auch sehr belastend, aber halt vorallem auch deswegen, weil durch diesen ganzen Traumamist keine vernünftige Stressbewältigung möglich ist; so werden dann auch nichtige Dinge zu einem riesen Popanz.

danke, dass ich das mal hier lassen durfte; zumindest bleibt mir dann immer für eine gewisse Zeit das Gefühl, dass ich etwas Last abgeworfen habe, wenn ich darüber schreiben kann...

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Laura
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Re: kPTBS und irgendwie versuchen zu leben

Beitragvon Laura » Do 24. Okt 2019, 15:46

Hallo ssri!

Hilflos im Leid steckend, wenn man eigentlich lieber gesund und glücklich wäre. Kenn ich, kennen auch andere.

Heute heißt es schnell "Geh doch mal in Therapie" oder auch (eher sarkastisch gemeint): "Du solltest mal den Therapeuten wechseln!".

Also ich hoffe eigentlich nur noch auf ein Wunder, wobei ich natürlich nicht erwarte, dass ein Mensch Wunder bewirken kann. Meine Zukunftsängste muss ich dabei immer noch aushalten.

Gib nicht auf, auch wenn Dein Zustand noch so qualvoll ist!

Liebe Grüße

Laura
Es ist o. k., wenn nicht alles supertoll ist. Wenn alles supertoll wäre, dann wäre alles nur noch o. k.

ssri
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Re: kPTBS und irgendwie versuchen zu leben

Beitragvon ssri » Mo 28. Okt 2019, 15:46

Hallo nochmals!

Pff, ja, die Phrasendrescherei; da hab ich früher um das Verständnis meiner Eltern gerungen; als sie es dann kapiert haben, was los ist, war es eigentlich auch schon zu spät; und irgendwie wiederholt sich das gerade zur Zeit mit meiner Frau...

Hab heute soweit den ganzen Tag damit verbracht, nach anderen Therapeuten und anderen Finanzierungsmöglichkeiten zu schauen; das gibt immerhin für einen Moment das Gefühl, die sonst übliche Passivität zu verlassen, aber es ist auch frustrierend zu sehen, wie wenig Optionen ich noch habe, was vorallem auch geographisch bedingt ist, da das hier ein ländlicher Kanton ist und sowohl die Infrastruktur als auch das Personal einfach fehlt.

Mittwoch muss ich wieder zu meiner Thera, gefühlt würd ich sagen: das letzte Mal. Irgendwie schadet mir diese Therapie nur noch, weil ich jedes Mal in einem noch schlimmeren Zustand wieder von dort weggehe als ich zuvor gekommen bin.

Wie gesagt: wäre ich alleine, wär jetzt der Punkt erreicht, wo ich alles hinschmeissen würde und mein Leben physisch an einen anderen Ort verlagern würde - wieder zurück in die Isolation von der Welt, die ich zum Leben brauche. Alleine dieses Verantwortungsgefühl und die Gewissheit, so oder so irgendwann wieder mit dem medizinischen Thema getriggert zu werden, lässt mich halt nicht aufgeben. Ich kann bei mir selbst mit Krankheit umgehen, aber nicht wenn es andere, mir nahestehende Personen betrifft; da haut es mich sofort aus der Bahn.

Aber ja, nach mehr als 3 Jahren Therapie ist das Ergebnis doch sehr enttäuschend. Ich hatte eigentlich zuvor gesagt, ich gehe nicht wieder in Therapie; dann ging es mir so mies und so hab ich das besagte Buch gelesen, wo ich wieder irgendwie Hoffnung hatte, dass noch nicht aller Tage Abend ist. Aber jetzt, da steh ich doch sehr ratlos da. Vorallem weil es ja nicht sein kann, dass ich als Patient in der Therapie die Struktur vorgeben muss - denn genau die fehlt, weswegen nicht nur alles ins Leere sondern sogar ins Kontraproduktive läuft.

Die Vorstellung, jetzt dann möglicherweise wieder bei einer anderen Thera von vorne alles durchzukauen zu beginnen, ist ein totaler No-brainer und ist eine ganz, ganz furchtbare Vorstellung, aber irgendwie seh ich keine Alternative, da ich es einfach nicht schaffe, ein triggerfreies Leben aufzubauen.

mamschgerl
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Re: kPTBS und irgendwie versuchen zu leben

Beitragvon mamschgerl » Di 29. Okt 2019, 06:53

Mir ist es ein Rätsel, wieso bei Ärzten und Therapeuten immer noch größtenteils die Einstellung herrscht, komplexe PTBS wäre, wenn nicht völlig heilbar, so doch zumindest so behandelbar, daß man wieder ein erfülltes oder "lebenswertes" Leben führen könnte.
Mit allen Betroffenen und darunter ein, zwei ehrlichen Ärzten, mit denen ich mich ausgetauscht habe, kam immer wieder die Erkenntnis auf, daß bisher noch kein Verfahren wirklich geholfen hat.
Es ist auch logisch, daß gängige Behandlungen, die eventuell bei 30 bis 40 Prozent angeschlagen haben, nicht bei allen anderen ebenfalls zu einem befriedigenden Ergebnis führen, aber leider reicht diese Quote wohl aus, um bei denjenigen, bei denen die Behandlung nicht funktioniert, ein schlechtes Gewissen oder gar noch größere Hoffnungslosigkeit hervorzurufen.
Oft und gerne wird von den Ärzten der Begriff Kooperation genutzt und den Betroffenen mangelnde Kooperation vorgeworfen, sollte die Behandlung nicht weiterführen.
Wenn aber genau die Symptome der Krankheit dazu führen, daß man eben nicht den Vorgaben folgen kann, um zu Fortschritten zu gelangen, passiert etwas Faszinierendes: die Diagnose wird gegen einen verwendet.
Also, wenn typische Merkmale der psychischen Störung dazu führen, die Behandlungen nicht annehmen zu können, wird behauptet, man zeige keinen Willen oder Bereitschaft oder eben mangelnde Kooperation!?
Naja, Ärzten zu sagen, daß das alles wohl etwas paradox sei, ist natürlich nicht hilfreich und macht alles nur schlimmer.
Ich denke, sich mit den Gegebenheiten abzufinden, ist am Ende hilfreicher als zu versuchen, sich für irgendeine Therapie zu verbiegen, die dann sowieso nicht zu echten Erfolgen verhilft, sondern zu vorgespielten.
Aber auch das ist ja genau dieser Lebenslüge Vorschub zu leisten, der man bis dahin schon immer Folge geleistet hat und am Ende zum Nervenzusammenbruch führte.
Sich anzupassen, eine Rolle zu spielen, sich und anderen vorgaukeln, daß man trotz einiger Andersartigkeiten ( die man eventuell noch als harmlose Macken verpacken kann ) ein funktionierender und normaler Mensch sei, ist aber nun mal genau das, was einen am Ende richtig frustet und innerlich verkümmern lässt.
Vielleicht muß man sich neu erfinden, sich neu erkunden, viel offener und ehrlicher mit sich selbst umgehen, damit man dann, befreit von gesellschaftlichen und von Ärzten erschaffenen Konventionen, endlich wieder einen anderen und klareren Blick in die nahe Zukunft werden kann.
Natürlich gehört dazu auch, daß vielleicht der Partner und auch manche Bekanntschaft / Freundschaft in dieser Zukunft keinen Platz mehr finden, aber ( ich spreche da aus eigener Erfahrung ) wenn man sich der Wahrheit stellt und sie zulässt, geht es einem besser.
Ich strebe nicht mehr nach diesem Ziel, wieder gesellschafts- und arbeitsfähig zu sein und lasse mich nicht mehr von Ärzten unter Druck setzen, um mich unter Biegen und Brechen zu einem Individuum umfunktionieren zu lassen, das ich nicht bin, nur um denen ein Erfolgserlebnis zu bescheren, mit dem sie sich brüsten können, wobei ich selbst am Ende psychisch draufzahle, weil ich mit aller Gewalt so sein will, wie ich es vorgeblich zu sein habe.
Ich bin nun mal kein Mensch, der Ziele verfolgt, diszipliniert und konsequent an einer Sache dranbleibt, einen Sinn darin sieht, ein Haus, ein Auto, einen Swimmingpool etc etc sein eigen zu nennen, so war ich noch nie, wieso sollte ich also jetzt so sein wollen, nur weil das den gängigen Vorstellungen des normalen Menschen entspricht?
Vollkommen logisch, daß man ohne solche Ziele keinen Behandlungserfolg verbuchen kann...
Mein ganzes Leben lang habe ich versucht, normal zu sein, mich anzupassen oder übliche Gefühle in den jeweiligen Situationen vorzuspielen, um nicht als seltsam oder auffallend zu wirken.
Ich musste immer schon genau beobachten, mühsam erlernen, welche Regeln in der Gesellschaft und im sozialen Umfeld gelten, doch verstanden habe ich bis heute nicht, wieso man eifersüchtig, geltungssüchtig, neidisch, gierig, hinterlistig etc etc sein muß, um persönliche Ziele wie Beziehung, Erfolg im Beruf, das Erwerben von Statussymbolen zu erfüllen, was wiederum nur bedingt und auch vorübergehend etwas Glück beschert...
Ich habe die Menschen bzw ihren Antrieb nie verstanden und werde sie nie verstehen, weil mir die entsprechenden Empfindungen fehlen, ich kenne sie nicht, doch deswegen bin ich kein schlechterer Mensch.
Ich war oft traurig, weil ich dachte, mein Leben könnte qualitativ so viel besser sein, könnte ich doch nur ein wenig von diesen Emotionen fühlen, aber ein solches Denken ist völlig kontraproduktiv und lässt einen immer mehr abdriften und verzweifeln.
Es ist, wie es ist, nur das muss man begreifen und auch, daß man gewisse Dinge eben nicht ändern kann, ohne sich am Ende dadurch völlig zu verlieren.
Ich möchte mir auch nicht weiter vorwerfen lassen, daß ich ( bedingt durch eben meine psychische Störung ) keinen Willen aufbringen oder keiner Zielsetzung folgen kann bzw den Sinn darin nicht erkenne und die Leere nicht verschwindet und mit nichts aufzufüllen ist?
Ich muß doch keinen Roboter spielen, nur um eine Daseinsberechtigung zu erhalten und gesellschaftskompatibel zu sein?
Tja, wäre ich superreich oder eine bekannte Künstlerin, würde ich als exzentrisch gelten und nicht als psychisch krank, aber auch das ist mir mittlerweile wurscht.


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