Depression bei Sohn

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mamschgerl
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Depression bei Sohn

Beitragvon mamschgerl » Do 13. Jun 2019, 20:42

Ich möchte hier kurz den momentanen Zustand meines Sohnes schildern, der aber in dieser Art leider schon seit knapp vier Jahren anhält.
Wie mittlerweile bekannt, leben mein Sohn ( 23 Jahre alt ) und ich seit Dezember 2017 in einer Sozialwohnung, nachdem ich mich von meinem langjährigen Partner getrennt habe.
Mein Sohn hat 2016 die zweite Lehrstelle abgebrochen, nachdem er nach vier Monaten psychisch und physisch stark abgebaut hatte und am Ende nicht mehr fähig war, zur Arbeit zu gehen. Er weinte sehr viel, konnte seine Nöte nicht artikulieren und war einfach zu nichts mehr imstande.
Aufgrund meiner eigenen psychischen Probleme konnte und kann ich mich nicht um ihn kümmern, was natürlich hinsichtlich einer Besserung nicht gerade förderlich ist.
Alle Versuche, ihn zu einem Besuch bei einem Psychotherapeuten zu bewegen, nachdem ihm eine Ärztin die Diagnose F 43.2 G stellte und schwere Depressionen feststellte, scheiterten kläglich nicht zuletzt daran, da er sich nicht zu den Terminen aufraffen konnte.
Meine Renten reichen nicht für zwei, dieser Zustand zieht mich immer mehr runter, ich sehe ihn menschlich immer mehr kaputt gehen und kann nicht helfen.
Gestern war ich mit einer Vollmacht auf dem Sozialamt, um für ihn Sozialhilfe zu beantragen, damit wenigstens seine Krankenversicherung weiter gezahlt wird. Natürlich wird mein Einkommen angerechnet, aber letztlich würden 100 bis 200 € mehr im Monat schon einiges ausmachen und ich müsste nicht mehr meine Freundin anschnorren, um über die Runden zu kommen.
Aber es ist nicht das fehlende Geld, was mich total fertig macht...ich stelle mir ständig die Frage, was passieren würde, käme ich plötzlich ums Leben? Er bekommt überhaupt nicht mit, an welche Stellen ich mich die ganze Zeit über wenden muß, was ich unternehme, damit etwas anläuft oder unternommen wird.
Ich weiß nicht, wie ich ihn dazu bewegen könnte, sich endlich helfen zu lassen, nicht von mir, sondern von geeigneter Stelle, damit er Eigenverantwortung erlernt, Eigenständigkeit und überhaupt die Notwendigkeit, auf eigenen Füßen zu stehen.
Es gibt unendlich viele Angebote, aber wie bekomme ich ihn dahin? Er ist mein Sohn und ich kann ihm nicht helfen. Er fällt von einem Hoch zum nächsten Tief, kommt manchmal tagelang nur aus seinem Zimmer, um eine Kleinigkeit zu essen und verkriecht sich wieder, dann ist er wieder voller Tatendrang und bewirbt sich für irgendwelche Jobs, nimmt aber dann die Vorstellungsgespräche nicht wahr, sagt noch nicht einmal die Termine ab, entschwindet wieder in weiter Ferne und ist unerreichbar...
Wie bekomme ich ihn zum Arzt? Wie bekomme ich ihn dazu, mit jemandem zu sprechen, der ihm helfen könnte? Ich werde nicht ewig da sein und ich spüre, wie sich meine Hilflosigkeit und meine Sorgen langsam in Wut verwandeln und ich befürchte, daß es irgendwann zu einem großen Knall kommen wird und über die Konsequenzen will ich erst gar nicht nachdenken...
Grüße
mamschgerl

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Laura
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Re: Depression bei Sohn

Beitragvon Laura » Sa 15. Jun 2019, 15:12

Hallo mamschgerl!

Ich antworte hier mal ganz abgebrüht, auch wenn Dich die Sorge um Deinen Sohn so quält.

Am ehesten bemüht man sich um professionelle Hilfe, wenn der eigene Leidensdruck nicht mehr auszuhalten ist. Für Deinen Sohn ist es im heimischen Nest immer noch aushaltbar genug, jedenfalls erträglicher als draußen in der "bösen Welt". Das würde dann also bedeuten, dass Du in Aktion treten müsstest, wenn Deine Schmerzgrenze erreicht wäre. Aber dazu würden entweder Deine eigenen Kräfte schon nicht mehr ausreichen oder Du würdest ihm zu mehr Selbstständigkeit verhelfen, Dir aber in diesem Prozess doch noch jede Menge Gemecker, Unverständnis und Beschuldigungen anhören müssen.

Nun habe ich unter Betroffenen einige Langzeit-Nesthocker kennen gelernt, die in jüngeren Jahren sicherlich ihre psychischen Nöte hatten, später dann aber einfach nur anderen, nicht nur der Ursprungsfamilie ein schlechtes Gewissen machen wollen, wenn sie nicht reichlich bedient und abgepampert werden. "Wenn Ihr Euch nicht um mich kümmert, geht es mit mir wieder so bergab wie damals...(was immer das heißen mag)" Das ist dann schon nicht mehr "erlernte Hilflosigkeit", sondern emotionale Erpressung, ausgehend von Betroffenen, die nicht kapieren wollen, dass es noch andere gibt, denen es psychisch dreckig geht. Die meinen dann stets, die Extra-Wurst für sich gepachtet zu haben und wehe, sie bekommen nicht wenigstens mehr Schmankerl als andere Betroffene! Diese Langzeit-Nesthocker sind dann in Kreisen von Betroffenen oftmals Außenseiter, weil sie gleichzeitig angeberisch und neidisch sind. Die sehen an anderen Betroffenen, was sie sich trotz ihrer Erkrankung an Selbstständigkeit erarbeitet haben (also hier meine ich weniger die berufliche oder finanzielle Selbstständigkeit, eher all die Erledigungen im Privatbereich) und sehen, was sie in all ihrer Angst vor der Außenwelt verpasst haben. Ich find's nicht lustig, wenn solche Leute dann noch z. B. die (akademischen) Berufe der Eltern bemühen, um zu zeigen, dass sie "wer" sind.

Was sind denn die Tricks in der Erziehung, wenn ein Kind partout nicht will? Nicht immer "Tu das, das kommt Dir später mal zugute", oder? Manchmal müssen Eltern auch einfach Konsequenzen androhen und notfalls wahrmachen. Dieser strenge Part ist normalerweise etwas, was Väter besser können. Aber Du, liebe mamschgerl, bist alleinerziehende Mutter. Und möchtest sicherlich auch nicht eine "böse Mutti" genannt werden.

Das kannst Du Dir ausmalen wie Du willst, wie das weitergehen soll, wenn Dir diese Belastung zu viel wird. Du kannst es Dir auch einfach so ausmalen, dass Du Dich noch zwanzig Jahre weiter um Deinen Sohn kümmerst und er Dir dann Vorhaltungen darüber macht, warum Du ihn denn an Dich "gekettet" hättest, anstatt ihn seine eigenen Gehversuche machen zu lassen. Klar, da könnte auch sogleich das fiese Argument kommen, dass Du Dich nur so rührend um ihn gekümmert hättest, weil Du ohne Lebenspartner bist.

Was Du Deinem Sohn am besten sagen solltest, um ihn in die Puschen zu bringen, weiß ich nicht. Du kennst Deinen Sohn ja schließlich besser als ich. Meine Eltern haben mir z. B. schon von kleinauf eingeflößt, dass sie eines Tages nicht mehr sein würden und ich dann ohne sie zurechtkommen müsste. Das war schon mal ein Grund, weswegen ich sehr bemüht war, möglichst bald bei meinen Eltern ausziehen zu können. Gegenseitige Besuche fanden dann immer noch statt.

Dein Sohn ist 23, also schon seit einiger Zeit volljährig. Du kannst ihm eigentlich nur noch hier und da ein bisschen behilflich sein, aber wenn es Dich jetzt schon zu sehr strapaziert, immer noch "Vollzeit-Mami" sein zu müssen, dann hat das wirklich nichts mit "böser Mutti" zu tun.

Liebe Grüße

Laura
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Re: Depression bei Sohn

Beitragvon mamschgerl » Sa 15. Jun 2019, 19:56

Ja, ich weiß und ich wollte, ich könnte so sein wie die Mutter, die ich in der Klinik kennengelernt hatte. Sie hatte ihre Tochter, als diese 18 war, rausgeworfen, weil sie nicht einsehen wollte, daß es das "Hotel Mama" nicht gibt; diese Tochter hatte einen großen Freundes- und Bekanntenkreis, bei dem sie anfangs unterkriechen konnte und musste sich wohl oder übel auf die eigenen Füße stellen, was sie auch schaffte. Mit ihrer Mutter versteht sie sich heute blendend...es geht, wenn man muß, wie gesagt, ich weiß das.
Ein "Hotel Mama" gibt's bei mir auch nicht mehr in diesem Sinne; ich bekoche ihn nicht, ich räume nicht sein Zimmer auf, ich wasche nicht seine Wäsche, das alles macht er alleine ( nachdem ich ihm gesagt habe, daß ich es nicht mehr mache ) und er macht das richtig gut, wenn er nicht gerade wieder in seinem seelischen Loch festhängt, aber auch dann mache ich nichts für ihn, weil ich denke, daß er auch damit umzugehen lernen muß.
Rauswerfen kann ich ihn schon deshalb nicht, weil er gleichberechtigter Mieter ist und mit Unterschrift als Mieter auch eingetragen wurde.
Doch das, was in der Welt eben auch wichtig ist, sind eben Behördengänge, Informationen einholen, selbst was in die Gänge bringen, schlicht "sich um sich selbst kümmern", denn genau das ist es, was ich - alleine durch meine Exsistenz - verhindere. Da es sich um Dinge handelt, die getan werden müssen, erledige ich sie immer noch, weil ich sonst selbst darunter leiden muß, nicht nur finanziell.
Und ja, ich bin - anders als meine Mutter - um meinen Sohn besorgt und habe ein verdammt schlechtes Gewissen, weil ich mich nicht frühzeitig darum gekümmert habe, eine adäquate Erziehung angewandt zu haben, damit er mit 23 Jahren nicht so weltfremd und unerfahren dasteht wie ein frisch gebackener Teenager...
Ich denke, irgendwie weiß er das genau, daß ich mir die Schuld daran gebe, nicht angemessen für ihn da gewesen zu sein und er verlässt sich - ob bewusst oder unbewusst - darauf, daß ich weiter für ihn die Kastanien aus dem Feuer hole...und ich? Ich habe wirklich nicht mehr die Kraft dazu, hart und konsequent zu sein...es ist ein Kreislauf, der durchbrochen werden muß und den ersten Schritt muß er machen, damit er es auch spürt, wie es ist, selbst etwas für sich zu tun...allein das Wissen, selbst dafür Sorge zu tragen , wie es weitergeht und diese Genugtuung, wenn man etwas alleine schafft oder auch unangenehme Sachen hinter sich bringen kann und nicht vor ihnen weglaufen muß.
Diese Lebenserfahrung hat er nicht und ich wünschte, er würde einmal mit jemandem sprechen, dem er das auch glaubt.
Alles nicht so einfach, besonders nicht, wenn man Depressionen hat und ohnehin in nichts einen Sinn erkennt. Wie gesagt, wäre er einfach nur faul und unwillig, könnte ich mehr auf den Putz hauen, aber so...
L.G. mamschgerl

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Re: Depression bei Sohn

Beitragvon Laura » Mo 17. Jun 2019, 10:46

Hallo mamschgerl!

Es gibt Möglichkeiten, dass ein professioneller Helfer einen Hausbesuch macht, also auch für einen unverbindlichen Ersttermin. Die erste Adresse dafür ist stets der ortsansässige SpDi (Sozialpsychiatrische Dienst). Wenn da jemand dazu bereit wäre, in Eure Wohnung zu kommen, müsste das so geschickt arrangiert werden, dass Dein Sohn zu diesem Termin auch in der Wohnung zugegen ist, und ihm nicht plötzlich einfällt, dass er einem alten Kumpel noch 'ne ausgeliehene CD vorbeibringen wollte, also urplötzlich die Wohnung verlassen hat, um diesen häuslichen Termin auch noch zu umgehen.

Ich denke, so schnell wird Dein Sohn nicht einem "Impuls" folgen, sich von sich aus auf professionelle Hilfe einzulassen. Daher wird auch nicht so schnell, ein "Impuls von ihm" kommen.

Was ich in meinem obigen Beitrag so abschätzig über Langzeit-Nesthocker ausgesagt habe, damit meine ich halt ein paar wenige, die ich kennen gelernt habe und die nicht nur als Twens oder Thirty-Somethings den Schoß der Ursprungsfamilie sowohl genossen und strapaziert haben, sondern auch in höherem Lebensalter.

Mir scheint es der beste Weg zu sein, um jungen Erkrankten "etwas von der Welt zu zeigen" und sie "einiges in der Welt auch alleine tun" zu lehren, wenn sowohl die Eltern Schutz bieten als auch mindestens ein professioneller Helfer aus dem ambulanten Bereich. Es entlastet die Eltern und der professioneller Helfer steht da wie eine Art Wegweiser und temporärer Begleiter in die Außenwelt. An sich ist doch jeder junge Mensch sehr neugierig auf die Welt und diese Neugier gehört zu seinem jugendlichen Kräftepotenzial.
Und solche Hilfsangebote findet man bei Psychosozialen Diensten, eventuell auch bei einem SpDi oder der Caritas oder der Diakonie. In einer Großstadt ist das Angebot in dieser Hinsicht ziemlich gut. Nur in Hintertupfingen sieht es mau damit aus.

LG

Laura
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Re: Depression bei Sohn

Beitragvon mamschgerl » Mo 17. Jun 2019, 20:43

Der heutige Besuch bei der Mitarbeiterin im Sozialamt war leider auch wieder nicht vielversprechend...es gäbe zwar die Möglichkeit eines Hausbesuches einer Sozialarbeiterin, aber ich kann keine Garantie geben, daß mein Sohn dann auch mit ihr spricht und sich nicht einfach verweigert und in seinem Zimmer einsperrt.
Eine Bewilligung von Sozialhilfe wird es voraussichtlich geben, aber um einen Besuch bei einem Arzt oder einer Einladung zum medizinischen Gutachter im Jobcenter wird er nicht herumkommen; ich hoffe, er begreift endlich, daß es um ihn und seine Zukunft geht und nicht darum, ihm das Leben noch schwerer zu machen.
Die Zeiten haben sich geändert, wie ich feststellen konnte und man ist mittlerweile sehr freundlich und hilfsbereit gestimmt, wenn es um junge Erwachsene geht.
Ich werde weiter versuchen, ihn zu überzeugen, daß ihm niemand etwas Böses will und vielleicht glaubt er mir ja endlich mal, auch wenn ich nur seine Mutter bin, auf die man eh nicht hören muß...
Wenn er als arbeitsunfähig eingestuft werden sollte, muß wieder ein neuer Antrag gestellt werden für Hilfe zum Lebensunterhalt. Im Moment kann er das noch nicht so angehen, weil eben der entsprechende Attest fehlt.
Naja, vielleicht geschieht noch ein Wunder, man soll die Hoffnung darauf nie aufgeben...

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Re: Depression bei Sohn

Beitragvon Laura » Di 18. Jun 2019, 15:01

Ich wünsche Dir und Deinem Sohn, dass all diese Erledigungen doch noch gemacht werden können. Und dass Dein Sohn bald versteht, worum es geht. Dass es ganz wichtig für ihn selber ist, dass er jetzt kooperiert.
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Re: Depression bei Sohn

Beitragvon mamschgerl » Fr 21. Jun 2019, 08:55

...wieder weiß ich nicht, ob ich das Thema Johanniskraut schon irgendwo angesprochen habe, aber ist ja auch wurscht...zumindest habe ich meinem Sohn davon erzählt und ihn gefragt, ob er das mal probieren wolle, weil es eventuell helfen könnte, diese abrupten Stimmungsschwankungen einzudämmen.
Anders, als bei chemischen Psychokeulen kann man dieses Zeug wirklich bei Bedarf nehmen und zudem ist wirklich nicht mit einer Abhängigkeit zu rechnen oder Entzugserscheinungen.
Eigentlich hatte ich gehofft, daß er so eher zum Arzt gehen und es sich verschreiben lassen würde und dabei, so ganz nebenbei, bemerkt, wie gut ein Gespräch mit dem Arzt tun kann. Natürlich hoffe ich auch, daß sich daraus vielleicht sogar eine Therapie ergibt und mein Sohn weiter kommt, aber da bleibt es wohl noch vorerst bei dem Wunsch...zumindest aber will er es mit dem Johanniskraut probieren, was an sich schon ein kleiner Fortschritt ist, denn das zeigt mir, daß er begreift, etwas ändern zu müssen.
Na ja, wir werden sehen...

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Re: Depression bei Sohn

Beitragvon mamschgerl » So 30. Jun 2019, 07:10

...ich freue mich natürlich erfahrungsgemäß nie zu früh, aber in diesem Fall habe ich eine winzig kleine Hoffnung, daß es endlich klappen könnte...ganz in unserer Nähe und fußläufig schnell erreichbar befindet sich die Praxis eines Psychiaters, der zudem auch als Internist und Allgemeinarzt praktiziert.
Ich habe ihm vorab in einer Email die Situation geschildert und ihn dann erst angerufen. Normalerweise muß der Erwachsene Betroffene selbst einen Termin vereinbaren und von sich aus Bereitschaft zeigen, aber er hat eine Ausnahme gemacht. Wenn also alles gutgeht, wird mein Sohn am Mittwoch nachmittag endlich ein Gespräch führen, das ihm hoffentlich seine Lage deutlich werden und begreifen lässt, daß er eine Therapie beginnen muß.
Diese Woche war emotional sehr aufwühlend; er hat kaum gegessen, hat tiefe Ringe unter den Augen und wirkt total entkräftet und ausgemergelt. Sein psychischer Zustand ist genauso...
Ich finde es tieftraurig, wenn ein junger Mensch sich so quälen muß, statt das Leben genießen zu können.
Er hat bereits viel verpasst und es wird höchste Zeit, daß er rauskommt aus dieser Situation.
Ich gehe sogar soweit, daß ich es befürworten würde, wenn er sich stationär behandeln ließe...damit er sich nicht mehr so alleine fühlen muß mit seinen Ängsten, damit er erfährt, was Hilfe und Verständnis bewirken kann.
Meine Erfahrungen kann er sich da nicht als Maßstab nehmen, denn ich bin vom Typ her anders als er und er sollte seine eigenen Eindrücke mitnehmen.
Wir haben lange Gespräche geführt und es war schon ein großer Fortschritt, daß er wohl endlich begriffen hat, daß er sich helfen lassen muß und daß dieser Umstand nicht bedeutet, daß er sich dafür schämen müsste.
Ich wünsche mir so sehr, daß er den Termin wahrnimmt und dieser Arzt ihm weiterhelfen kann...

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Re: Depression bei Sohn

Beitragvon Laura » Di 2. Jul 2019, 15:35

Hallo mamschgerl!

Die Präambel des Rheinischen Grundgesetzes lautet: Es hätt noch immer alles jootjejange! :razz: Kann doch bald alles nur besser werden, was Deinen Sohn angeht. Früher oder später wird er trotz seiner Ängste bestimmt wieder den Wunsch verspüren, unter Leute zu gehen. Wenn dieser Arzt, den Du nun kontaktiert hat, ihm dabei Unterstützung bieten kann und sich Dein Sohn bei ihm in guten Händen fühlt, dann ist doch schon mal ein Lichtlein am Ende des Tunnels zu sehen!

Zum Thema "Man freue sich besser nie zu früh" hat Eckart von Hirschhausen, glaub ich, mal den fiesen Joke gebracht, dass das Licht am Ende des Tunnels auch einfach die Scheinwerfer eines entgegendonnernden Zuges sein könnten. Stimmt ja gar nicht!!!! Das kann doch nur dieses komische Seeungeheuer mit Leuchtauge sein, das schon in dem Film "Erik, der Wikinger" fälschlicherweise für die Sonne gehalten wurde!!! Und wie endete dieser Film? Am Schluss sahen die Wikinger in ihrem heimischen Skandinavien doch endlich zum ersten Mal die Sonne, als sich der Nebel endlich lichtete, also diesmal die echte Sonne, womit wir auch wieder beim Rheinischen Grundgesetz wären!
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Re: Depression bei Sohn

Beitragvon mamschgerl » Mi 3. Jul 2019, 09:08

...tja, das war's dann schon wieder...ein kurzes Hoffnungsschimmerchen hat aufgeblitzt und sich dann gleich wieder verabschiedet.
Mein Sohn kann seine Angst nicht überwinden und hat sich in seinem Zimmer eingeschlossen; ich denke, vor Mitternacht wird er nicht rauskommen, den Arzttermin muß ich jetzt wahrnehmen, weil es zu spät ist, ihn abzusagen. Ich "freue" mich schon auf das Gespräch...
Den Antrag auf Sozialhilfe habe ich zurückgezogen, denn im Laufe des Verfahrens würde auch ein Gutachten hinsichtlich seiner Arbeitsfähigkeit erstellt werden müssen und diesen Termin, der im Jobcenter stattfinden würde und zu dem man mit öffentlichen Verkehrsmitteln fahren müsste, könnte er ohne die Vorbereitung und Unterstützung des Psychiaters, bei dem er eben heute seinen ersten Termin hätte haben sollen, nicht wahrnehmen.
Es ist zum "verrückt werden"...
Ich hoffe nur, daß der Arzt Verständnis hat und mir irgendwelche Tipps geben kann, wie ich meinen Sohn motivieren könnte; ich bin emotional zu sehr verstrickt und seh den Wald vor lauter Bäumen nicht, hier versagt mein Talent, uns von außen zu betrachten und eine Objektivität herbeizuführen, völlig...
Diese Zurückgezogenheit, dieses Ausklinken der Realität, diese Angst vor der bösen Welt nimmt Ausmaße an, die nicht nur ihn immer tiefer ziehen...
Dadurch, daß ich ihm nicht helfen kann, werden meine Schuldgefühle immer größer, obwohl ich weiß, daß das hirnrissig ist und ich kontraproduktiv auf diese verfahrene Situation reagiere...aber woher soll ich noch die Kraft nehmen, ihn zu unterstützen?
Es tut so verdammt weh, ihn so zu sehen und am liebsten würde ich ihn gegen seinen Willen einweisen lassen und auch, wenn es einem Verrat gleichkäme, so würde es ihm vielleicht helfen...aber das sind nur Gedankenspiele und dergleichen wird nie geschehen.

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Re: Depression bei Sohn

Beitragvon Laura » Mi 3. Jul 2019, 22:01

Äh, das weiß ich jetzt nicht so genau zu deuten, ob Du auf Deinen letzten Beitrag wirklich keine Reaktion haben möchtest, aus Angst, da könnte jemand falsch auf Dich reagieren oder ob Du damit nur sagen möchtest, dass man Dir gerade jetzt mit falschen Vorwürfen, psychologischem Klugschiss etc. nun wirklich nicht zu kommen braucht. Hm, auch wenn wir uns nur über dieses Forum kennen...es geht mir schon ein wenig nah, dass es Dir jetzt so schlecht geht. Und da möchte ich wenigstens versuchen, Dir ein bisschen Trost und Beistand von Computer zu Computer zukommen zu lassen. Ich hoffe, meine folgenden Zeilen können wenigstens dies für Dich leisten. "Tolle Lösungen" möchte ich dir gewiss nicht überbraten.

In Deinem obigen Beitrag steht ja schon alles glasklar drin. Du tust Dein Möglichstes, um Deinem Sohn Türen zu öffnen, aber er will nicht und kann nicht und Du kannst ihn ja nicht einfach am Schopf packen und hinter Dir herschleifen, damit er in endlich in die Arztpraxis kommt. Deine Situation, also Betroffene, zugleich nächste Angehörige eines Betroffenen und dies obendrein als alleinerziehende Mutter...vermutlich gibt es diese Konstellation nicht sehr häufig. Aber das ungewöhnliche Übermaß an Belastung, die Du in dieser Konstellation hast, geht klar hervor. In solch einer Situation wären nicht nur "Überempfindliche" oder "Übersonstwas"-Leute geschlaucht. Du hast im Moment einfach extrem viel Verantwortung an der Backe. Weder in der familiären Bindung noch aus dem Verständnis für einen anderen Betroffenen heraus kannst Du mal so locker "energisch werden". Stichwort: Zu wenig Distanz.
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Re: Depression bei Sohn

Beitragvon mamschgerl » Do 4. Jul 2019, 07:47

Liebe Laura,
wie immer hast du es genau richtig verstanden und ich weiß genau, warum ich dich "von Computer zu Computer" so gut leiden mag...danke.
L.G. mamschgerl

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Re: Depression bei Sohn

Beitragvon Laura » Do 4. Jul 2019, 21:19

:razz: :razz: :razz:

mamschgerl ist 'ne ganz Liebe!
Es ist o. k., wenn nicht alles supertoll ist. Wenn alles supertoll wäre, dann wäre alles nur noch o. k.

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Re: Depression bei Sohn

Beitragvon mamschgerl » Mi 10. Jul 2019, 20:41

...ich glaube, wenn man so etwas nicht selbst erlebt hat oder selbst betroffen ist, kann man das alles nicht nachvollziehen. Hätte mir jemand diese Story, wie ich sie gerade durchmache, vor meinem eigenen Zusammenbruch erzählt, so hätte ich wohl nur meinen Kopf schütteln können.
In Anbetracht dessen, daß ich erfahren habe, daß wir aufgrund meiner Renten ca € 50,- über dem liegen, was den Bedarf unserer Bedarfsgemeinschaft ausmacht und sich somit also keine Aussicht auf Hilfe zum Lebensunterhalt ergibt, würde ein Antrag auf Zuschuss zur freiwilligen Krankenversicherung jedoch wiederum einen Anspruch auf besagte Hilfe nach sich ziehen ( das versteh', wer will...), diesem Antrag jedoch müsste ein medizinisches Gutachten des Jobcenters zugrundeliegen, da ja sonst der Nachweis zur Erwerbsunfähigkeit fehlte, was wiederum eine Ablehnung bedeutete.
Es gäbe noch die Zurhilfenahme der Sozialdienstleister in Form eines Hausbesuches, was jedoch ebenso keinerlei Aussichten verspricht, da sich mein Sohnemann diesem Gespräch durch Einschließen in seinem Zimmer entziehen würde.
Da weder Eigen- noch Fremdgefährdung vorliegt, gibt es ohnehin keine Chance, ihn gegen seinen Willen ärztlich untersuchen zu lassen ( ganz abgesehen davon, daß ich diesen Schritt niemals gehen könnte...).
Unterdessen kommen Mahnungen der Krankenkasse, da er seine Beiträge nicht zahlen kann, ein Austreten bringt nichts, ein Ruhen auch nicht, die Beiträge fallen trotz allem monatlich an.
Ohne Sozialhilfe hat er keinen Anspruch auf Übernahme seiner Beiträge und so wird laut Getzgeber ein Minimum an fiktivem Einkommen festgesetzt und dementsprechend der Mindestbeitrag erhoben.
Er fällt irgendwie durch die Maschen des sozialen Netzes und das nur, weil ich mit meinem kärglichen Einkommen für ihn sorgen muß, obwohl ich das nicht kann.
Eine Besserung könnte allenfalls in zwei Jahren eintreten, denn dann ist er 25 und aus der Bedarfsgemeinschaft würde eine Haushaltsgemeinschaft. Dann wiederum bleibt mir das Doppelte des Regelsatzes und das, was darüber liegt, wird zur Hälfte angerechnet.
WO, BITTE, LIEGT HIER DIE LOGIK?
Ich hoffe, daß sich bis dahin solche Überlegungen erledigt haben werden, weil ein oder mehrere Wunder geschehen und mein Sohn sich einfach aufgerappelt haben wird.
Oder vielleicht habe ich bis dahin im Lotto gewonnen, alle Schulden bezahlt und wir leben glücklich und zufrieden bis aus Lebensende...können ohne Druck versuchen, unsere seelischen Tiefen zu überwinden und vielleicht etwas entspannter mit dem umgehen, was sich Leben schimpft...
Ach ja, der Arztbesuch ergab auch nur die Erkenntnis, in welcher Zwickmühle wir stecken und daß diese Konstellation doch sehr, sehr selten sei...mit anderen Worten, einen Ausweg wusste er auch nicht anzubieten...


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