Borderline vs. artifizielle Störung

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Apfelkuchen14
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Borderline vs. artifizielle Störung

Beitragvon Apfelkuchen14 » Fr 1. Mär 2019, 12:38

Hallo,

ich habe eine Frage bezüglich der Diagnosestellung. Wo liegt der Unterschied zwischen Borderline und einer leichten artifziellen Störung?
Für Borderline spräche: Selbstverletzendes Verhalten (aber nicht zum Gefühlsabbau, sondern mehr um Aufmerksamkeit und Mitleid zu bekommen vor allem von bestimmten Personen (Vorbilder...)), intensive Beziehung (Idealisieren, aber nicht wechselnd von absolutes Hoch in Hass, sondern eher dauerhaftes Hoch), schwarz-weiß denken, schnelle Eifersucht
Dagegen spricht: Keine starke Gefühlsschwankungen, keine innere Leere, keine Wutausbrüche/Impulsivität, kein Risikoverhalten, kein Realitiätsverlust
Für artifizielle Störung: Selbstverletzendes Verhalten ausschließlich um Verletzungen vorzutäuschen (sekundärer Krankheitsgewinn Aufmerksamkeit, Fürsorge), manchmal Wunsch nach OPs/Krankheit usw. bzw. sich freuen wenn sowas nötig ist
Dagegen spricht: sozial angepasst, "nur" alle paar Monate/Jahre Vortäuschung, kein Krankenhaushopping, keine Übertreibung (würde von ausen niemandem auffallen), stabile Lebenssituation.

Vielen Dank im Voraus
Apfelkuchen14

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Laura
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Re: Borderline vs. artifizielle Störung

Beitragvon Laura » Fr 1. Mär 2019, 18:54

Hallo Apfelkuchen!

Wundersame Welt der psychischen Störungen und Diagnosen! Da erwächst ja neuerdings eine neue Krankheit wie eine Zinseszinsrechnung: Artifizielle Störung. Davon hatte ich noch nie gehört und auch in den Kreisen von psychisch Kranken, in denen ich mich bewege, noch nie jemanden kennen gelernt, der dies als seine Diagnose genannt hätte. Hab nur mal schnell in einen Bericht darüber was gelesen (google weiß ja schließlich alles) und kann hier nur im Sinne eines Ratespiels eine mögliche Antwort einbringen.

Bei psychischen Erkrankungen - querbeet durch den Diagnose-Katalog - spielt das Stigma der Diagnose stets eine große Rolle. Man fühlt sich wie unschuldig als "Assi" verurteilt und setzt viel daran, um aller Welt zu zeigen, dass man gar nicht "assi" ist. Vielleicht ist das bei artifiziell Gestörten aber anders. Und vielleicht ist das so, weil sie bei ihrem mysteriösen Leiden immer noch genügend Dinge im Leben haben können, mit denen sie mitten in der Gesellschaft stehen und nicht etwa am Rande. Vielleicht können sie zwischen Randgruppe und mainstream wechseln wie es ihnen beliebt. Borderliner, die ab einer gewissen Schwere und Chronifizierung ihrer Erkrankung in der Sozialfürsorge landen, haben diese Wahl erst gar nicht mehr.

Zu meinem Background: Bin seit 34 Jahren Psychotikerin und habe schon einige Borderliner entweder oberflächlich als Mitpatienten kennen gelernt oder war eine Zeitlang mit einigen enger befreundet.
Es ist o. k., wenn nicht alles supertoll ist. Wenn alles supertoll wäre, dann wäre alles nur noch o. k.

mamschgerl
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Re: Borderline vs. artifizielle Störung

Beitragvon mamschgerl » Sa 2. Mär 2019, 19:25

Ich denke, Betroffene mit Borderline verletzen überwiegend sich selbst ( aus bekannten Gründen ) und Betroffene mit artifizieller Störung verletzen in eher dissoziativen Momenten überwiegend andere. Hinzu kommt, daß Betroffene mit artifizieller Störung in der Regel Verletzungen, Schmerzen und andere Krankheiten vortäuschen oder, wie bei dem Münchhausen Stellvertretersyndrom, bei anderen hervorrufen, um dann von Arzt zu Arzt zu springen, falls es bei Verdachtsmomenten nötig werden sollte.
Betroffene mit artifizieller Störung täuschen und betrügen, Betroffene mit Borderline nicht. Die Gründe für die Selbst- oder Fremdverletzung und Gefährdung liegen zudem auch völlig anders.
Eine Borderline Störung ist nicht bei jedem gleich, genausowenig wie die artifizielle.
Es gibt hier wie überall Überschneidungen, Übereinstimmungen, einzelne zutreffende und im Gegenteil wieder eine Menge unzutreffende und widersprüchliche Punkte. Meistens hat ein Betroffener von allem etwas, wenn man es genauer betrachtet, aber ich habe noch von keinem Borderliner gehört, der sich selbst verletzt, um Aufmerksamkeit und Beachtung von bestimmten Personen zu erhalten...Verlustängste oder überreagierende Eifersucht sprechen ebenso nicht unbedingt für ein solches Verhalten, oft sind das die einzigen Emotionen, die sie empfinden, je nachdem wie stark der Betroffene unter der Borderlinestörung leidet.
Vielleicht könnte man es grob vereinfachend so ausdrücken: der Betroffene mit artifizieller Störung schadet überwiegend anderen, derjenige mit Borderlinestörung überwiegend sich selbst. In welch stärker Ausprägung und mit welchen Folgen ist eben von Typ zu Typ verschieden, letztlich hat noch jeder immer auch seine eigene Persönlichkeit, die mit einfließt und alleine diese Tatsache macht es schon unmöglich, zu pauschalisieren. Denn viele Momente und Symptome sind vielleicht gar nicht auf die jeweilige Diagnose zurückzuführen, sondern gehören einfach zur Persönlichkeit des Betroffenen. Das herauszufinden, schaffen oft nicht mal wirklich gute Psychiater. und wie gesagt, je nach Ausprägung muß man damit keineswegs zwangsläufig "aus der Reihe tanzen" bzw. in der Gesellschaft auffallen. Nur wirklich extreme Fälle erregen Aufmerksamkeit und dann auch nur bei denen, die Interesse dafür zeigen.
L.G. mamschgerl

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Laura
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Re: Borderline vs. artifizielle Störung

Beitragvon Laura » So 3. Mär 2019, 15:45

Ein Internetforum für Kranke ist theoretisch natürlich auch eine gute Möglichkeit, wenn ein artifiziell Gestörter/eine artifiziell Gestörte ein paar Tipps erfragen will, um in einer Behandlung noch besser Symptome vortäuschen zu können, nur um die tatsächlichen seelischen Wunden weiterhin schützen zu können. Da hätte ich ja jetzt, ohne mir vorher Gedanken zu machen, einen prima Hinweis geliefert: "Herr Doktor, mir macht es zusätzlich zu meiner Grunderkrankung sehr zu schaffen, dass ich so ausgegrenzt werde aufgrund weitverbreiteter Vorurteile..."

Ich werfe diesen spitzfindigen Gedanken deswegen in die Runde, weil Apfelkuchen als thread-Ersteller/Erstellerin sich bisher noch nicht zurückgemeldet hat. Vielleicht hatte er oder sie hier tatsächlich Fachleute erwartet und wenn dann "nur" Betroffene antworten, muss man es ja mit der Höflichkeit nicht mehr so genau nehmen, die kann man dann ja einfach wortlos stehen lassen. "Herr Doktor, mir macht es zusätzlich zu meiner Grunderkrankung sehr zu schaffen, dass Leute sofort das Gespräch zu mir abbrechen, wenn ich mich mit meiner psychischen Erkrankung auch nur knapp oute...mit mir kann man nicht reden, mir kann man höchstens "helfen"...
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Apfelkuchen14
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Re: Borderline vs. artifizielle Störung

Beitragvon Apfelkuchen14 » Mo 4. Mär 2019, 12:57

Hallo,

vielen Dank für eure Antworten. Sie waren sehr ausführlich und informativ.
Danke an alle, die sich Zeit genommen haben!
Es tut mir Leid, dass durch meine verspätete Antwort, der Eindruck entstanden ist, dass ich dies nicht wert schätzen würde.
Dem ist nicht so!

Mfg

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Laura
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Re: Borderline vs. artifizielle Störung

Beitragvon Laura » Mo 4. Mär 2019, 13:45

Danke für die Rückmeldung, Apfelkuchen!

LG

Laura
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