Persönlichkeitsreife/Persönlichkeitsnachreifung

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Laura
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Beitragvon Laura » So 3. Aug 2008, 23:18

Hallo Triangel!

Was man unter Reife verstehen mag, da wird Dir nicht nur jeder Psychotherapeut etwas anderes sagen (als ob die das am besten wüssten...), sondern auch jeder Mensch. Es ist auch für Lexikografen eine knifflige Aufgabe, auch nur irgend einen Begriff möglichst allgemeinverständlich zu definieren. Man fasst sich lieber knapp bevor es ausufert. Versuch mal, den Begriff "Stuhl" zu definieren, Du wirst schnell feststellen, dass wenn ein Stuhl eine Sitzgelegenheit ist, dann ja auch ein Baumstumpf demnach ein Stuhl wäre. Umso schwieriger ist es bei geistigen, abstrakten Begriffen, eine Definition festzulegen, die objektiv und allgemein verständlich sein soll.

Beim Begriff der Reife ist man schnell beim Moralisieren und Sympathisieren angelangt. Ein reifer Mensch ist ein guter Mensch? Oder reif ist, wer mich mag und wen ich mag? Da will ich auch mal lieber knapp sein und Dir meine altmodische Definition von Reife verraten: Zu wissen, wer man ist und was man will.

Viele Grüße

Laura
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moni
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Beitragvon moni » Mo 4. Aug 2008, 00:36

Hallo zusammen

Was "man" darunter versteht, weiss ich auch nicht. Aber ich habe mich vor kurzem selber auch gerade mit diesen Begriffen auseinandergesetzt.

Anstelle von Reife könnte meiner Meinung nach auch erwachsene Haltung stehen - im Unterschied zu einer kindlichen Haltung. Kinder sind entwicklungsbedingt vielem einfach ausgesetzt, ohne dass sie darauf Einfluss nehmen können. Aus dieser Abhängigkeit von ihren ersten Beziehungspersonen heraus erobern sie sich nach und nach die Welt, wachsen an den Erfahrungen, die sie machen, an den Widerständen, die sich ihnen stellen, vergrössern das Fassungsvermögen ihrer Seele.
Die Verhältnisse können für sie aber auch so sein, dass sie nicht in genügendem Mass erstarken können und in manchen Teilen in einer Art Ausgeliefertsein-Haltung verharren und so nicht genügend gerüstet sind zur Bewältigung ganz normaler (sowohl schwieriger wie auch schöner) Erwachsenensituationen. Es ist, als ob die Seele nicht genug mitgewachsen wäre. Dann ist es Zeit für die Nachreifung - je nachdem in Form von Psychotherapie oder anderswie.

Für mich persönlich ist das ein lebenslanger Prozess, ein Weg, ein Ziel: mich immer besser kennen lernen; Verantwortung für das übernehmen, was ich dabei entdecke; meine Kräfte in machbaren Schritten aktiv in meine Wünsche und Ziele investieren; meinen dunklen Seiten nicht mehr ausweichen; Widerstände auch als Training zu betrachten, etwas auszuhalten und zu wachsen; Unabänderliches als das zu anerkennen und es ebenfalls auszuhalten.

LG moni
Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden.
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Remedias
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Beitragvon Remedias » Mo 4. Aug 2008, 03:05

Eine reife Persönlichkeit übernimmt die Verantwortung für sich selbst.
liebe Grüße Remedias

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moni
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Beitragvon moni » Mo 4. Aug 2008, 08:55

Hallo Triangel

Ich glaube nicht, dass Reife ein Charakterzug ist, mit dem man sozusagen geboren wird. Eher ernst oder eher verspielt etc. zu sein, sind daher in meinen Augen keine Kriterien für Reife - man kann diese Charakterzüge haben und sich gleichzeitig reif oder unreif verhalten. Überhaupt glaube ich nicht, dass man Reife an irgendwelchen Etiketten festmachen kann, sondern dass Reife, wie ich es schon beschrieben habe, eine Haltung ist, die man einnimmt - zu was auch immer man selber ist oder nicht ist, hat oder nicht hat, einem begegnet, widerfährt im Leben. Nachprüfen kann man dann allenfalls eben, welche Haltung man einnimmt zum Leben, so wie es sich einem präsentiert, wie man es sich gestaltet.

Eine reife Haltung zu erwerben ist allerdings harte, lebenslange Arbeit an sich selber. Nicht wie bei den Früchten, die nur bis zu einem bestimmten Zeitpunkt/Höhepunkt reifen und dann ist fertig (bzw. sie werden matschig :wink:). Reife bedeutet für mich also nicht, in irgendwelchen Dingen oder Lebensbereichen - Geld, Familie, Karriere etc. - ein bestimmtes Niveau zu erreichen (was du wohl mit "nachprüfbar" meinst, oder?). Ich glaube nicht, dass Reife quantitativ messbar ist. Aber sie erweitert das Spektrum des (Er)lebens und bringt so Lebensqualität.

LG moni
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Hermann Hesse

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Remedias
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Beitragvon Remedias » Mo 4. Aug 2008, 11:04

Es gibt aber auch bei Kindern Unterschiede. Manche sind ernster, erwachsener andere sind kindlicher, verspielter und andere Modepuppen.

Was gäbe es für nachprüfbare Kriterien?
- finanzielle Selbständigkeit, daß man zumindest seinen Lebensunterhalt verdient?
- Bindungsfähigkeit? Freunde, Familie, LebenspartnerIn
- Glaube und Religion oder andere ethische Richtlinien?
- Belastbarkeit im Beruf und Privatleben??
Ich glaube Moni hat recht, Reife ist eher eine Haltung in verschiedenen Lebensbereichen als ein Ist-Zustand. Nach deinen Kriterien wäre ein atheistischer Single, Hartz IV- Empfänger unreif; dem ist aber gewiss nicht so.
Es gibt auch Menschen, die sich im Beruf beispielsweise reif verhalten, aber auf Bezug ihres Körpers unreif, beispielsweise ständig Schönheitsoperationen machen lassen.
liebe Grüße Remedias

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Beitragvon Laura » Mo 4. Aug 2008, 12:16

Hallo Triangel!

Eigentlich sehe ich es wie moni und Remedias, dass man Reife nicht "messen" kann, aber wenn Du so auf der Suche nach "Kriterien" bist, dann findest Du vielleicht in einem Buch über emotoniale Intelligenz, bzw. dem EQ etwas darüber. Der amerikanische Psychologe Daniel Goleman hat viel darüber geschrieben.

Viele Grüße

Laura
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Beitragvon paine 22 » Mo 4. Aug 2008, 16:14

ein eigenes gefühl sich mit dem körper und dem verstand eins zu fühlen.

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Stille
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Beitragvon Stille » Mo 4. Aug 2008, 17:37

Hallo an Alle,

also ich glaube die Entwicklung der Persönlichkeit durchläuft man ein ganzes Leben. Sie beginnt mit der Geburt und endet mit dem Tod. Veilleicht kann man unter "Reife" verstehen, den ensprechenden Entwicklungsstufen zu entsprechen. Aber genau das grenzt wieder ein und zwingt den Menschen in ein zu enges Gerüst. Es gibt verschiedene Stufenmodelle der psychosozialen Entwicklung Damit haben sich schon Freud und seine Nachfolger beschäftigt. Am besten gefällt mir (von denen die ich kenne) das von Erikson. Er macht z.b. nicht die Sexualität zum eigentlichen Motor, sondern beachtet noch andere Kriterien. Bei ihm hört die Entwicklung auch nicht mit dem Erwachsenenalter auf. Sie sind auch nicht starr und einengend.

In diesem Sinne
Stille
Nur weil du paranoid bist, heißt das nicht, daß sie nicht hinter dir her sind ;-)

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Re: Persönlichkeitsreife/Persönlichkeitsnachreifung

Beitragvon Kytoma » Mo 17. Mai 2010, 17:01

Hi
Ich bin auch neu hier und dieses Thema spricht mich sehr an. Denn
ich glaube manchmal ich bin ein sehr kleines Kind in einen erwachsenen Körper. Ich bin fast 43 Jahre alt
und sehne mich noch immer nach einer Mutter. Grade zur Zeit ist dass sehr aktuell bei mir.
Ich glaube nicht dass ich sehr reif bin. Funktioniere aber nach aussen hin anscheinend sehr gut.
Denn wie es in mir aussieht weis niemand. Es würde glaub ich auch niemand auf die Idee kommen dass mit
mir etwas nicht stimmt.
Natürlich verschweige ich wie es in mir aussieht. Denn dass würde ja doch niemand verstehen.
Ich hatte zwar eine Mutter, die aber meistens betrunken war. Also die ersten 2 Jahre meines Lebens wurde ich alleine gelassen. Als ich 2 Jahre alt war hat meine Mutter aufgehört zu trinken. Aber da war es wohl schon zu spät.
Ich kenne nur das Gefühl "alleine zu sein". Ich kenne nichts anderes.
Kann man dass irgendwie nachhohlen, diese verlorenen ersten 2 Jahre? Wohl nicht.
Das ist etwas was mich sehr traurig macht. Aber verstehen würde das wohl niemand.
Deswegen rede ich auch mit niemanden darüber. Ich rede sowieso nicht über mich und mein Inneres da es
niemand gibt der das verstehen könnte. Ich meine natürlich Menschen die eben mit psychischen Problemen keine
Erfahrung haben.
Also ich für mich kann sagen dass ich mich absolut unreif und nicht erwachsen fühle.
Und ich glaube nicht dass man dass irgendwie nachholen kann.
lg Renate
Leben, wohl dem der es spendet
Liebe, Kinder täglich Brot
doch das Beste was es sendet
ist das Wissen dass es endet
ist der Ausgang ist der Tod.

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Feuerchen
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Re: Persönlichkeitsreife/Persönlichkeitsnachreifung

Beitragvon Feuerchen » Mo 17. Mai 2010, 18:00

Liebe Kytoma...

habe gerade Deinen Beitrag gelesen... Doch es gibt eine Möglichkeit dem inneren Kind, deinem zweijährigen Kind, das zukommen zu lassen was ihm gefehlt hat, und zwar durch Imaginationsübungen.... Das machen vielfach auch se*uell mi*brauchte, oder anderweitig traumatisierte Menschen, das sie ihr inneres Kind an einen sicheren Ort, bzw Wohlfühlort bringen ,um ihm das zu geben, was es braucht....Ich habe zwar auch ein Kindheitstrauma erlitten, weiß aber auch noch nicht so lange davon, weshalb ich Dir nicht genauer Bescheid geben kann..... Bitte such dir doch einen Therapeuten mit Traumaerfahrung.... der versteht das und kann dir sicher weiterhelfen...Ich habe zwar eine Anleitung von der Traumatherapeuting Fr.Dr. Reddemann, aber ich könnte nur per PM versuchen dir das zukommen zu lassen... (weiß aber nicht , obs kopieren funktioniert) Mir wäre lieber , du würdest Dich in professionelle Hände begeben....

Mit besten Wünschen und lieben Grüßen
Feuerchen

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Re: Persönlichkeitsreife/Persönlichkeitsnachreifung

Beitragvon Kytoma » Di 18. Mai 2010, 02:49

Das ist in meiner Gegend leider nicht möglich.
Ich habe hier glaube ich schon alle Psychotherapeutinnen durch.
Und zu Männer mag ich nicht gehen.
Ich glaube kaum dass es hier am Land einen Traumatherapeuten gibt.
Habe hier nicht so viel Auswahl. Ganz abgesehen davon dass ich mir dass sowieso nicht leisten könnte.
Denn auf Krankenschein macht es in meiner Gegend niemand.
Hab ehrlich gesagt keine Ahnung was du mit "Imaginationsübungen" meinst.
lg Renate
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fluuu
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Re: Persönlichkeitsreife/Persönlichkeitsnachreifung

Beitragvon fluuu » Di 18. Mai 2010, 13:34

...habe gerade etwas Zeit und mische mich mal ein.
Imaginationsübungen sind Formen der Wahrnehmung und Vorstellung bei denen man kurz gesagt
imaginär eine Reise durch Phantasiewelten und -landschaften macht um somit das Bewusstsein auf
positive Erlebnisse zu lenken. Es sind Übungen der Achtsamkeit.
Wenn man das häufig genug macht werden die negativen traumatisierten Dinge positiv überlagert.
Es ist eine hervorragende Methode um die Selbstheilungskräfte zu aktivieren.
Die bekannteste deutsche Therapeuten die in diesem Bereich veröffentlicht hat ist Frau Dr. Luise Reddemann,
sie hat zahlreiche Bücher und CDs herausgebracht.

Ansonsten stimme ich Remedias zu:
Eine reife Persönlichkeit übernimmt die Verantwortung für sich selbst.
gruß fluuu

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Re: Persönlichkeitsreife/Persönlichkeitsnachreifung

Beitragvon Vogelmaske » Di 8. Mär 2016, 09:40

Als Neuankömmling lese ich hier ein wenig in älteren Beiträgen...Ich möchte gern etwas sagen auf die Frage nach den Imaginationsübungen. Ich habe selbst viel Erfahrung mit geführten Meditationen und Visualisierungen, die meine frühere Therapeutin mit mir einübte. Das ist wirklich eine mittlerweile häufige Praxis, es gibt CDs und Bücher mit entsprechenden Anleitungen. Das Ganze geht eigentlich aus dem esoterischen Erfahrungsbereich hervor. Es ist ja doch so, daß in früheren Zeiten die Schamanen oder Mönche oder Priester aller Religionen zuständig waren für Sörungen seelischer Art. Und ich meine jetzt nichts mit Geisterkram! Es geht darum, dem inneren Kind in der Vorstellung einen Raum zu geben, in dem es dieses Kind sein darf und seine Bedürnisse erfüllt werden. Ich habe das oft gemacht, weil ich ebenfalls in den ersten zwei Lebensjahren im Urvertrauen gestört wurde. Innere Bilder und Reisen zu entwickeln ist eine Übungssache. Mit Musik geht das auch gut, man kennt es vom Tagträumen. Dies jedoch geht tiefer! Man braucht dafür Ruhe. Und zuerst Anleitung von jemandem!

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Re: Persönlichkeitsreife/Persönlichkeitsnachreifung

Beitragvon Vogelmaske » Di 8. Mär 2016, 09:46

Mittlerweile habe ich die eigene Erfahrung, daß Reife mit dem Alter kommen kann. Kann. Allerdings - bevor jemals von Demenz gesprochen wurde, gab es schon reichlich viele alte Leute, die sich sehr kindlich benahmen. Ich bin mit denen aufgewachsen und weiß heute, daß die ungelösten Traumatisierungen aus der Kriegs- und Fluchtgeschichte eine Reife verhindert haben. Wenn man bedenkt, daß diese auf das Land und uns einen solchen Einfluss haben, dann versteht man, dß das aktuelle Thema um Flucht etwas hervorholt, Emotionen, die nur mit dem Hintergrund verständlich sind.

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Re: Persönlichkeitsreife/Persönlichkeitsnachreifung

Beitragvon fluuu » Di 8. Mär 2016, 10:56

Da widerspreche ich, hilft nichts, so wie die Imaginationstherapie nach Reddemann nichts mit Esoterik zu tun hat,
denn sie ist wissenschaftlich fundiert, so hat die Reife eines Menschen nur wenig mit alten Leuten zu tun,
denn die Reife beginnt schon im Mutterbauch denn es kann Distanz einnehmen. Reife hat etwas mit einem autonomen
Organismus zu tun, ein System das selbst verwaltet ist mit so wenig Abhängigkeit wie möglich, vor allem zu denen
die einen in der Zeit als bedürftiges Kind gefördert haben.
gruß fluuu

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