Benommenheit und Schwindel in der Depression

Hier hinein gehören spezifische Beiträge zu Depressionen, manischen und manisch-depressiven (bipolaren) Störungen, Zyklothymie, Dysthymie und anderen Störungen des Gemüts.
-> Basis-Infos zum Thema "Depressionen" und zum Thema "Manie und bipolare Störung"
Skygirl77
Beiträge: 9
Registriert: Fr 4. Okt 2019, 09:50

Benommenheit und Schwindel in der Depression

Beitragvon Skygirl77 » Di 22. Okt 2019, 13:46

Hallo,
Ich leide sehr unter einer schweren Depression und befinde mich damit seit 13 Wochen in stationärer Behandlung. Die Medikamente haben bisher nicht geholfen und nun wird das vierte ausprobiert. Im Vergleich zur Einweisung fühle ich mich schlechter. Ich stehe oft neben mir, bin benommen, reaktionslahm...Die Ärzte sagen, es sei die Depression. Aber ich hatte ja vorher nicht solche Symptome. Es kann ja auch an den Nebenwirkungen der Medikamente liegen. Es belastet mich ungemein dieser Dämmerzustand und ich habe Angst, da nicht mehr rauszukommen. Ich bin alleinerziehend und gerade so verzweifelt. Gibt es Erfahrungswerte mit dieser Problematik?

Viele Grüße
Christiane

mamschgerl
Beiträge: 1108
Registriert: Mi 27. Apr 2016, 06:53

Re: Benommenheit und Schwindel in der Depression

Beitragvon mamschgerl » Di 22. Okt 2019, 19:25

Hallo Christiane,
zuerst einmal möchte ich dir sagen, daß es mir sehr leid tut, daß du mit Depressionen zu kämpfen hast und daß ich dir als ebenfalls Alleinerziehende mit schweren Depressionen und PTBS nachempfinden kann.
Als mich meine über jahrzehntelange, latente Depression schließlich mit voller Wucht einholte, waren die Symptome vor allem ein völliger Kontrollverlust und ja, auch Schwindelgefühle, Benommenheit und Verlust der Realität. Zur Akutbehandlung bekam ich Medikamente, angefangen mit Citalopram, dann Venlafaxin, währenddessen Mirtazapin und Seroquel, am Ende Elontril.
Mir ging es wie dir, ich hatte das Gefühl, daß sich die Symptome unecht anfühlten, also hervorgerufen durch die Medikamente und nicht durch die Depression.
Auch wenn die Symptome alle den selben Namen tragen, so sind sie dennoch in der "Qualität" verschieden ( sorry, mir fällt da jetzt keine bessere Umschreibung ein ).
Mein Zustand verschlechterte sich und am Ende, nach insgesamt 3 Jahren, nahm ich keine Medikamente mehr.
Ich kann nicht behaupten, daß sich mein Zustand verbessert hat, aber ich kann mit Symptomen, die meinen psychischen Störungen geschuldet sind, besser und bewusster umgehen als mit den falschen, durch Medikamente hervorgerufenen Symptome und Nebenwirkungen.
Auch bei mir sagte man, daß diese Symptome durch die Krankheit entstehen würden, doch ich glaubte das nicht und meine Skepsis hat sich, zumindest bei mir, als richtig erwiesen.
Benommenheit, in Watte verpackt, Depersonalitation, Dissoziationen etc etc etc, all das wurde durch die Einnahme der Medis verstärkt und die Angst, daß ich mich für immer in diesem Dämmerzustand befinden würde, hat mich fast zur Verzweiflung gebracht.
Ich habe hier im Forum schon einige Beiträge über dieses Thema geschrieben und es erging anderen ebenso, wobei ich jedoch betonen möchte, daß jeder das für sich selbst herausfinden muß.
Alles, was die Psyche beeinflusst, kann vorübergehend oder vielleicht auch auf Dauer eine Lösung sein, mit dem Leben besser fertig zu werden, doch mit Psychopharmaka ist nicht zu spaßen, ebensowenig wie mit allen anderen Drogen.
In Wirklichkeit weiß niemand, am allerwenigsten die Pharmaindustrie, wie sich diese Medikamente auswirken und man kann von Glück reden, wenn man eines erwischt, das die Psyche positiv beeinflusst und wenige Nebenwirkungen hervorruft. Es ist fast ein Lotteriespiel und wie man weiß, gewinnt man da höchst selten.
L.G.
mamschgerl

Skygirl77
Beiträge: 9
Registriert: Fr 4. Okt 2019, 09:50

Re: Benommenheit und Schwindel in der Depression

Beitragvon Skygirl77 » Mi 23. Okt 2019, 09:31

Liebe mamschgerl,

Danke für Deinen sehr wertvollen Beitrag! Ich habe sehr lange damit zu kämpfen gehabt, die Diagnose F. 33.2 zu verarbeiten. Verstehen ist nochmal etwas ganz anderes. Wahrscheinlich hat sich auch bei mir durch Dauerbelastung eine latente Depression mit der Zeit zu einer schweren Depressionsepisode entwickelt.

Ich komme ganz schwer mit diesem Gehirnnebel zurecht und möchte endlich wieder aufwachen. Hast du über 3 Jahre Medikamente genommen? Wie lange hast du dich in Kliniken aufgehalten? Wie sieht dein Leben heute aus?

Ich möchte nicht mein Leben lang Pillen schlucken.
Wie hast du es geschafft, Kind und Alltag in der Krankheit phase zu schaffen?
Wo kann ich mehr über deine Geschichte lesen?

Liebe Grüße
Christiane

mamschgerl
Beiträge: 1108
Registriert: Mi 27. Apr 2016, 06:53

Re: Benommenheit und Schwindel in der Depression

Beitragvon mamschgerl » Mi 23. Okt 2019, 16:05

Beitrag aus persönlichen Gründen gelöscht
Zuletzt geändert von mamschgerl am Sa 26. Okt 2019, 07:31, insgesamt 1-mal geändert.

Skygirl77
Beiträge: 9
Registriert: Fr 4. Okt 2019, 09:50

Re: Benommenheit und Schwindel in der Depression

Beitragvon Skygirl77 » Do 24. Okt 2019, 10:19

Hallo Du Liebe,
Ich danke Dir ganz sehr für Dein Vertrauen! Was hat Dich das Leben durchgewurbelt und Dir alles an Kraft abverlangt. Dass sich das auch immens auf Deine Persönlichkeit ausgewirkt hat, verstehe ich sehr gut. Konntest Du einiges davon therapeutisch aufarbeiten? Was hat Dir Halt gegeben?

Bei mir ist auch eine Kette von Traumafolgestörung, Angststörung und Depression im Gang. Auf der Akutstation gibt es außer mit den Pflegerin keine therapeutische Intervention. Und eigentlich muss ich davor auch erst stabil genug werden. Ich bin auch misstrauisch, was die Medikamente angeht. Ich weiß nicht, was die Medis langfristig machen und ob der Hirnstoffwechsel dadurch positiv reguliert wird.

Ich weine oft, weil ich nicht weiß wie es weitergeht. Ich f<hle mich auch einfach körperlich so schlecht. Ich habe Angst, nicht mehr für mein Kind da sein zu können.

Haben sich bei Dir mit der Zeit die Benommenheit und Unwirklichkeitsgefühle gebessert bzw gelegt? Wie sieht Dein Leben heute aus?

Liebe Grüße
Christiane

mamschgerl
Beiträge: 1108
Registriert: Mi 27. Apr 2016, 06:53

Re: Benommenheit und Schwindel in der Depression

Beitragvon mamschgerl » Do 24. Okt 2019, 14:42

....tja, in der Momentaufnahme fühle ich mich anwesend und auch am Leben, also in der Realität. Ich fühle mich besser als mit Drogen, egal welcher Art und möchte nie wieder mein Innerstes verdrängen oder unterdrücken.
Ich habe weiterhin Flashbacks, Panikattacken, Depressionen, Dissoziationen etc etc, aber ich muß mich aufgrund meiner dauerhaften Berentung zum Glück nicht mehr zusammenreißen oder irgendwem etwas vorspielen ( was ich ohnehin nicht mehr schaffe ) und fühle daher diesen Druck nicht mehr, diese unwürdige Fassade aufrechtzuerhalten...
Ich kann auf keinen Fall Tipps geben oder Ratschläge, ich weiß nicht, was anderen oder dir dabei helfen könnte, mit den eigenen Störungen umzugehen, denn wie ich schon sagte, jeder hat sein Päckchen zu tragen und abnehmen kann es niemand.
Aber eines weiß ich mit Sicherheit: wenn eine gewisse Zeit vergangen ist, findet man sich mehr oder weniger damit ab, krank zu sein. Die Symptome werden nie ganz vergehen, vielleicht werden sie seltener oder es schleicht sich sogar hier eine Routine ein ( ...ah ja, 12:00 Uhr, da kommt dann gleich meine übliche Panikattacke...), ich versuche, es mit meinem schwarzen Humor zu nehmen, denn darüber verzweifeln möchte ich nicht, obwohl mir zum Verzweifeln zumute ist...
Es hat schon, glaube ich, gut zwei Jahre gedauert, bis ich begriffen habe, daß ich nicht mehr auf die Füße kommen werde. Die Gespräche mit meiner Psychotherapeutin haben mir insoweit geholfen, als daß ich etwas an der Oberfläche kratzen konnte und viele meiner verqueren Gedankenknäuel aussprechen konnte, ohne daß jemand die Hände über dem Kopf zusammenschlägt und schreiend das Weite sucht.
Weiter gebracht hat mich das am Ende zwar nicht, aber ich habe mich wenigstens zum ersten Mal nicht so gefühlt, als würde man mich ob meiner Eigenarten schräg von der Seite ansehen.
Die Benommenheit oder das Gefühl der Unwirklichkeit, von denen du schreibst, sind neben der Leere und der Sinnlosigkeit und anderen, typischen Begleiterscheinungen Dinge, die mich schon immer begleiten, daher nehme ich das gar nicht mehr bewusst war. Wenn es gerade mal so ist, merke ich es eben, wenn es wieder vorbei ist, aber es ängstigt mich nicht mehr so wie am Anfang, also nach meinem Nervenzusammenbruch und der ersten Diagnose.
Ich weiß durch die Therapie, den Klinikaufenthalt und vielen, vielen Gesprächen mit anderen Betroffenen in der Klinik, daß es nun mal so ist und weder Medikamente noch sonstige Behandlungen diese Symptome verschwinden lassen, also muß man lernen, damit klarzukommen und sich davon nicht einschüchtern zu lassen.
Mir hilft nur, daß ich darüber lache und dem Ganzen das Gewicht und die Ernsthaftigkeit nehme, ich versuche, die Symptome ins Lächerliche zu ziehen, mich darüber lustig zu machen und ihnen ihre Bedeutsamkeit abzusprechen...sicher, das gelingt nicht immer, aber immer öfter.
Mein Mann und der Vater meines Sohnes starb, als mein Sohn 2 1/2 Jahre alt war. Ich habe immer gearbeitet, nur nach der Geburt bzw dann nach dem Tod meines Mannes am Anfang Teilzeit, ziemlich schnell aber Vollzeit. Irgendwie funktioniert man, irgendwie kriegt man das alles organisiert, dann findet sich wieder ein Partner, alles wird wieder schlimmer, man trennt sich, lebt wieder allein mit dem Sohn, der ist mittlerweile 23 Jahre alt und ich muß mich nicht mehr darum sorgen, ob er etwas Warmes auf den Tisch bekommt oder etwas zum Anziehen hat. Ich sorge mich nur um seine Depression, die ihn dazu brachte, zwei Lehrstellen abzubrechen und nicht aus seinem Zimmer herauszukommen. Aber auch das vergeht langsam, weil ich keine Kraft mehr habe, mich um irgendetwas zu sorgen...er ist alt genug und muß sich langsam selbst helfen lernen, schließlich lebt er ja nicht auf der Straße und irgendwie geht's auch mit meiner mickrigen Rente und der Hilfe meiner einzigen Freundin.

Es ist alles nichts, woraus du für dich Schlüsse ziehen könntest, wie es bei dir weitergehen könnte. Ich weiß nicht, wie alt dein Kind ist oder ob du Familie hast, die dich unterstützt...aber ich denke auch, daß du, sofern möglich, jetzt nicht daran denken solltest, sondern nur daran, daß du schnell akzeptierst, daß es dich gerade heftig aus der Bahn geworfen hat und je eher man sich damit arrangiert, desto eher kann man sich daran machen, damit leben zu lernen.
Ich habe mich innerlich viel zu lange geweigert, zu akzeptieren, daß ich eben nicht mehr die beruflich erfolgreiche Powerfrau und das Stehaufmännchen spielen kann, weil die Batterien so was von leer sind und der Akku kaputt und nicht mehr aufladbar...
Es gibt ein Leben vor und ein Leben nach dem Zusammenbruch, man kann sie nicht miteinander vergleichen, aber man kann weiterleben.
L.G. mamschgerl

Skygirl77
Beiträge: 9
Registriert: Fr 4. Okt 2019, 09:50

Re: Benommenheit und Schwindel in der Depression

Beitragvon Skygirl77 » Fr 25. Okt 2019, 15:33

Liebe mamschgerl,

Danke für Deinen offenen und ausführlichen Beitrag. Mir geht es bei dem Austausch nicht um den ultimativen Ratschlag oder illusionistische Ziele. Mir hilft es, zu sehen, dass Menschen aus eigener Kraft einen Umgang damit gefunden haben und das Monster bändigen.

2 Jahre sind eine lange Zeit, aber bei so einem gravierenden Lebenseinschnitt, sind sie es wiederum auch nicht. Ich kann deine Einstellung zu Medikamenten sehr gut nachvollziehen. Ich habe auch immer wieder das Gefühl, dass sie verzerren und verstärkten. Bzw. hatte ich ja diese ganzen Symptome vor Medikamenteneinnahme gar nicht, nur ganz latent. Da mir hier nicht richtig zugehört wird, beabsichtige ich einen Klinikwechsel. Ich möchte einfach wieder für mein Kind da sein. Ich bin mir so fremd geworden und damit meine ich nicht, dass ich nicht mehr so viel schaffe, sondern dass ich mich gar nicht fühlen kann. Wonach mir ist, was mir Freude bereitet... Das einzige was ich kontinuierlich gern mache, ist, daß Schreiben eines Kinderbuchs.

Das ganze letzte halbe Jahr ist für mich durch die Krankheit so vorbei geflogen in einer unerträglichen Tristesse. Ich möchte wieder ein kleines Lebenslicht in mir spüren.

Alles steht und fällt mit der Akzeptanz.. Und die fällt mir so ungemein schwer.

Lg
Christiane

mamschgerl
Beiträge: 1108
Registriert: Mi 27. Apr 2016, 06:53

Re: Benommenheit und Schwindel in der Depression

Beitragvon mamschgerl » Fr 25. Okt 2019, 21:08

Liebe Christiane,
du schreibst an einem Kinderbuch, das ist so viel mehr, als manch anderer in deiner Situation tun könnte...das allein ist schon etwas Kontinuierliches, an dem man sich festhalten kann, etwas, für das man seine Sinne und Konzentration bündeln und zusammenhalten muß...ich finde diese Art der Fokussierung auf etwas Bestimmtes und kreativem sehr hilfreich, um die Gehirnaktivitäten in Gang zu halten.
Ich glaubte wirklich zu Anfang, daß ich nicht damit umgehen könnte, mit diesen Diagnosen, mit diesem Zusammenbruch und den Aussagen der Ärzte, daß ich mich damit abzufinden habe, nicht mehr hochzukommen und bis zum Lebensende mit Medikamenteneinnahme rechnen müsse.
Das Fatale an diesen Gesprächen ist jedoch, daß keiner von den ganzen Weißkitteln irgendetwas Konstruktives beitragen konnte und ich mehr und mehr bemerkte, daß von mir erwartet wurde, mich vollkommen dem Urteil der Ärzte unterzuordnen. Fremdbestimmung ist nun mal verständlicherweise gerade für mich ein absolutes rotes Tuch und das Hinnehmen irgendwelcher Behandlungsmethoden ohne Hinterfragen geht schon mal gar nicht.
Daß Ärzte dann auch vehement dagegen reden, wenn man von den Nebenwirkungen der Medikamente spricht und dann auch noch verlangen, daß man sich über Wochen und Monate an ein Medi gewöhnen soll, um dann zusätzlich Medikamente zu verschreiben, damit man mit den Nebenwirkungen zurechtkommt, halte ich schlicht und ergreifend für illegitim.
Nein, es ist nicht normal, daß das ach so tolle Antidepressiva Ängste und Benommenheit, Verwirrung und Schlafprobleme und all die anderen Symptome verstärkt oder sogar erstmalig hervorruft, während der Sinn des Medikamentes, nämlich die Depression zu mildern, überhaupt nicht erfüllt wird.
Und nein, es ist schlicht und ergreifend gelogen, daß ADs nicht abhängig machen würden. Klar, natürlich machen sie nicht abhängig, man muß nur seltsamerweise unter Aufsicht ein Medikament ausschleichen, weil sich Absetzsymptome bemerkbar machen könnten??????
Sogesehen haben sich meine Symptome verringert bzw sind wieder zu ihrem vorherigen Stand zurückgekehrt. Diffuse Ängste überfallen mich nicht mehr so häufig und daß ich alles bewusster wahrnehme, ist auch dem Umstand geschuldet, daß ich meine Alkohol- und Drogenkarriere vor Jahren beendet habe ( ...wobei ich bemerken muß, daß diese Mittel besser geeignet waren, meine Symptome zu unterdrücken, womit ich hier aber in keinster Weise den Gebrauch schönreden oder gutheißen möchte. )
Ich hatte während meines ersten Klinikaufenthaltes eine kurze Phase, in der ich in mir nicht das geringste Gefühl oder Empfinden für meinen Sohn spüren konnte und war nur noch entsetzt, denn das war bis dahin das einzige, was in mir an Gefühlen vorhanden war. Ich könnte nicht fühlen, daß ich ein Kind habe, daß ich eine Mutter bin, ich war mir fremd und mein Sohn ein fremder Mensch, ja, ich konnte mich nicht daran erinnern, jemals etwas gefühlt zu haben, alles war weg.
Das verging wieder und ich muß zu meiner Schande gestehen, daß ich aus meiner Drogenzeit wusste, daß Panikattacken aufgrund nicht einzuschätzender psychischen Reaktionen immer wieder vorbeigehen, ich musste mir das nur immer und immer wieder vorbeten.
So war es dann auch hier und die einzigen wirklichen Gefühle ( die zwar nicht mit den üblichen Muttergefühlen zu vergleichen sind ) in meinem Leben kamen wieder.
Das gab mir schon zu denken und ich fing an, mir ernsthaft Gedanken über die Medis zu machen...als ich das letzte Mittel abrupt absetzte, erzählte ich niemandem davon und auch den Ärzten teilte ich es erst mit, als schon Wochen vergangen waren und sich kein Entzug einstellte, was ich aber auf meine übergroße Ablehnung den Medis gegenüber zuschreibe.
Für mich stellt sich die Frage nicht, ob und was mir Freude bereiten könnte, ich suche auch nicht nach dem Glück, was aber alles mit meinem Leben bisher zu tun hat und damit, daß ich diese Empfindungen so nicht kenne. Ich nehme das, was mir begegnet, manchmal fühlt es sich gut an, meistens ist mir alles einerlei, aber so ist das nun mal, ich denke, daß ich damit leben kann.
Ich empfinde es als großen Luxus, nicht mehr arbeiten und keine Rolle mehr spielen zu müssen. Ich habe die anfängliche Ablehnung über die Tatsache, daß ich dauerhaft berentet bin, umgewandelt und das für mich positive entdeckt. Ich kann nichts dafür, daß ich nicht mehr arbeiten kann und muß mich dessen nicht schämen oder auf mich selbst wütend sein, ich sehe es nun so, daß ich mich wirklich glücklich schätzen müsste, daß ich mich von allem zurückziehen kann. Ich habe jetzt eine schöne Wohnung und endlich meine Ruhe, meine zwei Katzen zum Kuscheln und finde zwischen den auftretenden Symptomen immer wieder Frieden.
Das ist für mich mehr, als ich jemals zu hoffen wagte...

Skygirl77
Beiträge: 9
Registriert: Fr 4. Okt 2019, 09:50

Re: Benommenheit und Schwindel in der Depression

Beitragvon Skygirl77 » Sa 26. Okt 2019, 16:38

Liebe mamschgerl,

Heute ist kein guter Tag. Das sind Samstage und Sonntage in der Akutstation wohl nie. Muss die ganze Zeit weinen und fühle mich furchtbar. Bin wütend, dass die Krankheit mich aus meinem Leben gerissen hat. Ich werde wohl nie eine von den "was ich aus meiner Depression gelernt habe" Menschen. Das hat schon immer in mir geschlummerrt, ich war kein glückliches Kind. Aber es traf mich jetzt mit voller Wucht als ich mir ein gutes Leben und Lebensgefühl aufgebaut hatte. Eine Wohnung mit Garten, zwischen zwei Parks, im Kurgarten und Kind geht in direkter Nähe zur Schule. Und dann haute es mich um.

Ich komme an vielen Tagen nicht damit klar. Aber ich muss ja. Ich kann das Leben nach der Klinik zurzeit nicht sehen. Ich plane trotzdem die Verlegung in eine psychosomatische Klinik und Reha. Ich möchte mich wieder ein Stück weit wohler in meiner Haut fühlen, und weiß nicht, wie das gehen soll, wenn man sich verloren hat. Ich möchte nicht auf die Nacht warten, damit ich endlich schlafen kann. Ich möchte nicht kaputt gehen.

Was Du schreibst, klingt für mich aufbauend. Ein Leben nach dem Zusammenbruch. Meine Protagonistin im Kinderbuch ist auch mutig, ein Flüchtlingsmädchen. Nur ich bin im Jammertal der Erkrankung wie eine Gefangene. Schlucke jetzt seit 8 Tagen irgendein Zeug für die Serotonin Produktion. Habe Nebenwirkungen und frage mich auch wie es ganz ohne Medis wäre. Ich bin so unendlich traurig.

Danke dass Du mir von Deinem Leben erzählst.

Lg
Christiane

mamschgerl
Beiträge: 1108
Registriert: Mi 27. Apr 2016, 06:53

Re: Benommenheit und Schwindel in der Depression

Beitragvon mamschgerl » So 27. Okt 2019, 12:37

Liebe Christiane,
ich weiß, daß es für viele Menschen ein Trost ist, wenn man sie ganz einfach nur in den Arm nimmt ( bei mir funktioniert das leider nicht, da ich Körperkontakt nicht ertragen kann ), also versuche ich es einfach mal damit, dir zu sagen, daß ich dich gerne einfach nur drücken würde...
Es tut mir so leid, daß es dich so hart getroffen hat und ich wünschte, du könntest mir glauben, wenn ich dir schreibe, daß das wieder einigermaßen vorübergeht. Du nimmst wahrscheinlich die typischen SSRI, die dir einen zusätzlichen Watteeffekt bereiten und im Grunde ist dagegen anfangs nichts einzuwenden, doch sollten diese Dinger wirklich nicht lange eingenommen werden. Bei mir halfen sie über den ersten Schrecken hinweg und über die Panik, den Rest meines Lebens eben nicht mehr so funktionieren zu können, wie ich es bis dahin gewohnt war, doch dann nützen diese Medis nichts mehr, das ist zumindest meine Meinung.
Wie schon gesagt, die Nebenwirkungen und die destruktive Umnebelung helfen nicht, sich bewusst den Symptomen zu stellen und diese so in den Griff zu bekommen, daß ein echtes und nicht durch Medis vorgegaukeltes Weiterleben möglich wird.
Außerdem gibt es bei Betroffenen ( me too ) mit rezidivierenden schweren Depressionen kein Leben mit dem Gedanken, was man daraus lernen kann.
Vielleicht gelingt es bei Burnout oder bei einer durch ein einmaliges Schicksal hervorgerufene Depression, für sich herauszufinden, was man künftig dafür tun kann, nicht wieder in diesen Ausnahmezustand zu geraten, aber bei der Diagnose 33.2 wird's schwierig...
Ich habe mir oft die Frage gestellt, warum ich den Zusammenbruch genau zu dem Zeitpunkt hatte, denn objektiv betrachtet passierte nichts, was schlimmer gewesen wäre als das, was mir in meinem ganzen Leben schon passiert ist. Ich denke, daß das mit zu den Tücken der dauerhaften Depression gehört, man merkt nicht, daß da plötzlich ein Tröpfchen fällt, welches das Faß zum Überlaufen bringen könnte und dann ist es schon zu spät.
Wenn man das ganze Bisher einigermaßen gut überstanden hat und sich endlich einem gewissen Lebensstandard, für den man viel getan hat, widmen möchte, geht's plötzlich nicht mehr? Woran liegt das? Wieso ist die Kraft plötzlich weg und wieso kann man nicht mehr aufstehen, so wie die vielen Male zuvor, bei denen man auch Schweres hinter sich gebracht und weitergemacht hat?
Tja, irgendwann geht's halt nicht mehr...wenn alle Ressourcen aufgebraucht und jeder Widerstand gebrochen ist, klappt man einfach zusammen und vielleicht ist bei dir diese Zeit nun einfach überfällig gewesen, genau jetzt, als du dachtest, daß nun alles passen würde.
Aber eventuell ist es gerade das, weswegen deine Psyche glaubt, sich nun endlich ihr Recht auf Auszeit nehmen zu können, weil du eben nun äußerliche Ordnung geschaffen hast, muß auch dein Inneres beachtet werden...
Könnte alles sein oder auch nicht, ich habe bei mir auch noch nicht wirklich die Gründe für den Zeitpunkt rekonstruieren können, aber wahrscheinlich ist es einfach nur vollkommen profan: psychischer Kollaps und der nimmt keine Rücksicht auf Lebensumstände, er passiert...
Ich denke aber, daß du ebenfalls wieder leben kannst - schließlich lebst du schon dein ganzes Leben mit der Depression - und damit umzugehen lernst, daß sich die Symptome nicht mehr wie bisher unterdrücken lassen.
Tatsache ist, daß bei mir durch den Zusammenbruch vieles endgültig kaputt gegangen ist, aber es grämt mich nicht mehr allzusehr und die Wut darüber ist auch schon sehr abgeklungen.
Ich hoffe, du findest eine schöne Klinik und auch, daß du dich mit den anderen Betroffenen außerhalb der Therapiegruppen gut austauschen kannst...ich denke auch, daß es müßig ist, sich über das Leben nach dem Aufenthalt Gedanken zu machen, zum einen, weil du dich in der Zeit bis dahin verändern wirst und zum zweiten, weil eh alles anders kommt, als man denkt.
Ich vergleiche die Phasen nach dem Zusammenbruch auch gerne mit den Phasen der Trauerverarbeitung...es gibt da meiner Meinung nach nicht unerhebliche Parallelen. Wenn man das weiß, geht's vielleicht leichter mit der Verarbeitung des ersten Schocks, da man die Gewißheit haben kann, daß alle Phasen durchlaufen werden müssen, aber auch, daß alle Phasen vorübergehen. Die nötige Geduld aufzubringen, halte ich für das schwierigste...
L.G. mamschgerl

Skygirl77
Beiträge: 9
Registriert: Fr 4. Okt 2019, 09:50

Re: Benommenheit und Schwindel in der Depression

Beitragvon Skygirl77 » Do 31. Okt 2019, 07:29

Liebe mamschgerl,

ich befinde mich leider immer noch auf der Akutstation, was sehr an den Nerven zehrt. Ich versuche so schnell wie möglich auf eine psychosomatische Station bzw in eine Fachklinik zu kommen.

Was bei mir jetzt auch noch mal überprüft werden soll, sind Schilddrüse, MRT und Hormone.
Ich wäre sehr beruhigt, bzw. hätte einen Anhaltspunkt, wenn das abgeklärt ist.

Was mir hier auch total fehlt, ist Psychotherapie. Hast Du damit positive Erfahrungen?
Das AD nehme ich jetzt knapp 2 Wochen, ohne spürbare Wirkung.

Ich fühle mich weiter ziemlich elend mit dem Wattegefühl im Kopf. Habe Angst, nicht mehr "klar" zu werden. Ich weiß auch nicht, welche Rolle dabei die Traumafolgestörung spielt.
Kann denn so ein dauerhaftes diffuses Gefühl wirklich nur davon kommen, von der Depression?!?

Liebe Grüße
Christiane

mamschgerl
Beiträge: 1108
Registriert: Mi 27. Apr 2016, 06:53

Re: Benommenheit und Schwindel in der Depression

Beitragvon mamschgerl » Do 31. Okt 2019, 17:24

Liebe Christiane,
es kann zumindest nicht schaden, alles andere durchchecken zu lassen...
Die ADs wirken erst richtig nach mehreren Wochen, bis dahin kommen erstmal die Nebenwirkungen durch, die man überstehen muß. Ob dann allerdings die erwünschte Wirkung einsetzt, bleibt abzuwarten.
Außerdem hast du vorab geschrieben, daß du bereits das vierte Medikament einnimmst, so ganz kann ich dir hier jetzt also nicht folgen...denn im Grunde müsstest du dich also schon auskennen mit Wirkung und Nebenwirkung.
Was du dir in jedem Fall nicht so zu Herzen nehmen solltest, ist die Angst davor, daß dieser Zustand so bleibt.
Du befindest dich nicht umsonst in der Akutpsychiatrie, wo du zuerst mal etwas zur Ruhe kommen musst, erst dann kann man mit Therapien und Behandlungen beginnen, vorher bringt das ja nicht wirklich was.
Wenn du einigermaßen Ruhe gefunden hast, kannst du dich auch der Frage stellen, ob und wie lange du ADs benötigst.
Die Depression äußert sich unter anderem in den Symptomen, die du beschrieben hast und die ADs verstärken oft diese Empfindungen und eben auch die Angst, daß das nie ein Ende findet und man sich für immer ferngesteuert durch die Watte kämpfen muss...
Ich kann da nur von mir sprechen, daß mir das Absetzen geholfen hat, da die Nebenwirkungen der ADs endlich weg waren und ich mich auf die wirklichen Symptome der Krankheiten konzentrieren kann.
Aber nochmal, das muß jeder für sich selbst herausfinden und entscheiden, denn jeder reagiert anders auf das selbe Medikament, daher gibt's keine pauschale Aussage, dem einen hilft's, dem anderen überhaupt nicht...
L.G. mamschgerl

Skygirl77
Beiträge: 9
Registriert: Fr 4. Okt 2019, 09:50

Re: Benommenheit und Schwindel in der Depression

Beitragvon Skygirl77 » Fr 1. Nov 2019, 10:35

Liebe mamschgerl,

Danke für Deine liebe Nachricht! Ich komme leider hier gar nicht zur Ruhe. Ständig kreisen meine Gedanken nur um diese Benommenheit. Und so große Angst.

Ich hatte in diesem Jahr einen Busunfall und Angst, dass damit auch diese Benommenheit zusammen hängen könnte. Meine Nase wurde dabei gebrochen.
Ein MRT steht noch aus.

Tavor und Dipiperon habe ich jetzt endgültig abgesetzt. Ich habe keine Lust mehr auf noch mehr Watte. Ich muss runter auf eine offene Station und fühle mich so ängstlich.

Liebe Grüße
Christiane

mamschgerl
Beiträge: 1108
Registriert: Mi 27. Apr 2016, 06:53

Re: Benommenheit und Schwindel in der Depression

Beitragvon mamschgerl » Sa 2. Nov 2019, 08:40

Hallo Christiane,
ich selbst habe Tavor nie genommen, obwohl es mir von Ärzten bei meinem ersten Klinikaufenthalt angeboten wurde, gerade wegen den Panik- und Angstattacken, doch nachdem ich eine andere Mitpatientin gesehen habe, wie stoned und breit die nach Einnahme dieses Medikamentes war, wollte ich das um keinen Preis ausprobieren.
Sicher kann man es nie vorausplanen, wann einen eine solche Welle überrollt, doch ich habe für mich herausgefunden, es hilft am besten, wenn man im Unterbewusstsein behält, daß das vorbeigeht und kein bleibender Zustand ist.
Es ist tatsächlich so leicht, wie es sich anhört und die stetige Wiederholung im Kopf oder auch laut ausgesprochen, da nehme ich keine Rücksicht auf eventuell Anwesende, erleichtert auch die Fokussierung auf diese eine Beschwörung: Es geht vorbei!
Diese Konzentration auf Beruhigungsmöglichkeiten jeder Art funktionierte nicht bei Einnahme von ADs, denn die bewirkten bei mir, daß ich meine Gedanken noch weniger greifen und halten konnte, was natürlich die Ängste verstärkte und die Furcht davor, nie wieder aus diesem Zustand wieder rauszukommen.
Ich denke, du wirst vielleicht Anfangsschwierigkeiten haben, aber auf längere Sicht ist das Absetzen von ADs bestimmt die beste Lösung.
Gespräche mit Psychotherapeuten helfen, den Druck abzubauen und sich diese diffusen Gedanken von der Seele zu reden, vor allem ist es wichtig, die Symptome klar anzugehen und mit ihnen umzugehen lernen.
Medikamente unterdrücken und verschleiern und die Psyche verändert sich, das ist nicht nur meine Meinung und meine Empfindung, sondern wird auch immer öfter von Ärzten bestätigt.
Alle Drogen, egal welcher Art, beeinflussen die Psyche am Ende derart, daß sich das berühmte "...ist mir alles scheißegal - Gefühl" einstellt, das kann und darf nicht Sinn der Sache sein...
Ich hoffe, du überwindest deine Ängste und kommst gut an in der offenen...
L.G. mamschgerl

Skygirl77
Beiträge: 9
Registriert: Fr 4. Okt 2019, 09:50

Re: Benommenheit und Schwindel in der Depression

Beitragvon Skygirl77 » So 3. Nov 2019, 09:07

Liebe mamschgerl,

Danke für Deinen lieben Beitrag. Ich schätze Deine Beiträge und Gedanken wirklich sehr und kann auch Kraft daraus schöpfen. Die Ängste besiegen und einzudämmen ist für mich sehr schwer. Da spielt viel an Urangst aus der Kindheit mit rein. Ich kann denÄrzten hier auch nicht richtig vertrauen.

Ich leide sehr unter dem Zustand und dem verschwommenen Sehen, was wohl auch wieder eine Nebenwirkung des AD ist. Gestern habe ich mein Kind gesehen, er gibt mir Kraft. Ich möchte wieder ganz für ihn da sein können. Ich weiß nicht ob ich hier auf dem richtigen Weg bin. Es ist furchtbar quälend.

Ich würde gerne ganz ohne Medikamente auskommen. Ich brauche dringend Therapie.

Ich weiß nicht was ich tun kann, um Sicherheit zu bekommen, dass ich den richtigen Weg gehe und das Elendsgefühl loszuwerden.

Liebe Grüße
Christiane


Zurück zu „Depression, Manie, bipolare Störungen und andere affektive Störungen (ICD-10:F3)“

Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder und 2 Gäste