Burnout - Modelle der Selbsttherapie

Die Begriffe "Burnout" bzw. das "Burnout-Syndrom" sind in aller Munde und polarisieren Betroffene und Gesellschaft. Ernstes psychisches Leiden mit zweifelhafter Prognose oder überwindbare Wohlstandsneurose?
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Liberanthropus
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Burnout - Modelle der Selbsttherapie

Beitragvon Liberanthropus » Mi 9. Apr 2014, 12:14

Obwohl sich die Arbeitsbedingungen in den letzten Jahrzehnten deutlich verbessert haben und die körperliche Beanspruchung vieler Tätigkeiten geringer geworden ist, erleben wir eine offensichtliche Zunahme von psychischen und psychosomatischen Störungen: Burnout, die Erschöpfungsdepression, scheint eine der größten individuellen Herausforderungen unserer Zeit zu sein.
Unsere globalisierte Gesellschaft fordert von manchen Menschen, über ihre Grenzen zu gehen: Mobilität, Flexibilität und permanente Erreichbarkeit verursachen einen inneren Daueralarm, der langfristig zur Überbelastung führt. Herbert J. Freudenberger prägte Anfang der 1970er Jahre den Begriff „Burnout“, definiert als „einen Zustand erschöpfter physischer und mentaler Ressourcen“, der in einem ursächlichem Zusammenhang mit dem Arbeitsleben steht. Der amerikanische Psychoanalytiker verstand den Zustand explizit nicht als psychische Erkrankung, sondern als Folge einer lebensweltlichen Überlastungssituation. Auch das DSM-V klassifiziert Burnout nicht als psychische Erkrankung.

Gewöhnlich nimmt Burnout einen spiralförmigen Verlauf. Am Anfang steht ein Gefühl von Erschöpfung. Man fühlt sich überfordert, unausgeschlafen und kann nach der Arbeit schlecht abschalten. Zudem ist man unzufrieden mit den Arbeitsergebnissen und der Arbeitssituation. Die eigenen Erwartungen werden nicht annähernd erfüllt, was zu hoher Frustration und Desillusionierung führt. Die Betroffenen haben keine Freude mehr an ihrer Arbeit, erledigen nur noch das Nötigste und distanzieren sich von Klienten und Kollegen. Häufig haben sie das Gefühl, ausgenutzt und nicht anerkannt zu werden. Im Kontakt mit ihren Mitmenschen sind die Betroffenen dann launisch, vorwurfsvoll, ungeduldig und gereizt, was zu weiteren Konflikten führt. Der eigene Anteil an den Auseinandersetzungen wird nicht gesehen. Wer sich aber selbst die Schuld an der Misere gibt, reagiert eher depressiv. Die Betroffenen fühlen sich hilflos, sind ängstlich und nervös. Angesichts der fehlenden Ressourcen, der eigenen Unfähigkeit, etwas an ihrer krisenhaft zugespitzten Situation zu ändern, schwindet ihre Selbstachtung immer mehr.

Die Folge dieser Entwicklung ist ein Abbau der kognitiven Leistungsfähigkeit, Motivation und Kreativität. Die permanente Anspannung und die daraus resultierende Erschöpfung führen zu Konzentrations- und Gedächtnisschwächen. Komplexe Aufgaben zu lösen und klare Entscheidungen zu treffen, fällt Betroffenen sehr schwer. Es kommt zu einer Verflachung des emotionalen, sozialen und geistigen Lebens. Die Menschen ziehen sich emotional zurück bis hin zur Gleichgültigkeit. Sie vernachlässigen ihre Hobbys, ihre Freunde und ihre Familie, und werden langsam einsam. Psychosomatische Reaktionen und Somatisierungsstörungen treten nun gehäuft auf. Ebenso werden auch mehr Alkohol, Kaffee, Tabak oder andere Drogen konsumiert. Schließlich dominiert das Gefühl der Verzweiflung. Hilflosigkeit und Ohnmacht gipfeln in einer allgemeinen Hoffnungslosigkeit. Das Leben erscheint sinn- und bedeutungslos. Es kommt zu Suizidvorstellungen.

Erschöpfungsdepression hat sehr viel mit Selbstfürsorge und Selbstachtsamkeit zu tun. Nur wenn wir die Signale des Körpers und unsere inneren Befindlichkeiten wahrnehmen können, sind wir in der Lage, rechtzeitig gegenzusteuern. Viele Menschen gehen über ihre Grenzen, weil sie diese nicht bemerken oder aber ignorieren. Am Beginn der Spirale ist es möglich und notwendig, diese krankmachende Entwicklung zu stoppen. Das setzt voraus, dass wir uns selbst mit unseren Gefühlen ernst nehmen und uns Menschen suchen, die uns schätzen und uns bei der Suche nach Lösungen und Alternativen unterstützen. Zu schnell fallen wir in krisenhaft zugespitzten Situationen in alte, oft nicht mehr adäquate Denk- und Verhaltensstrukturen zurück, die uns selbst nicht bewusst sind. Das Wissen um die eigenen Bedürfnisse, Ressourcen und Grenzen ist die Voraussetzung für eine bewusste Gestaltung des eigenen Lebens und fördert die Fähigkeit zur gesunden Selbstfürsorge. Wir müssen lernen, uns zu fordern, ohne uns zu überfordern, zur inneren Ruhe und Gelassenheit zu finden, unsere Grenzen zu erkennen und zu respektieren und ein Bewusstsein für die eigenen Fähigkeiten und Fertigkeiten zu entwickeln.


Unsere nachfolgend skizzierten Modelle der Selbsttherapie von Formen der Erschöpfungsdepression orientieren sich an folgenden Prämissen:
1. Stressabbau – die Menschen müssen zur Ruhe kommen.
2. Selbstfindung – Sich-Bewusstmachen der eigenen Leistungsstärken und –schwächen.
3. Reorganisation der Arbeitstätigkeit. Die Arbeit soll fordern, nicht überfordern. Der Arbeitsprozess darf nicht entfremdet sein. Arbeitsergebnisse müssen (be)greifbar sein. Soziale Einbindung ist zentral. Menschen müssen ein Verantwortungsgefühl für ihre Arbeitstätigkeit entwickeln. Sie müssen über Freiheitsspielräume verfügen, in denen sich Kreativität und Schöpfertum generieren lässt.

Es muss betont werden, dass die folgenden Ansätze zur Selbsttherapie von Erschöpfungsdepression professionelle Therapie, insbesondere medikamentöser Art nicht ersetzen können. Sie verstehen sich als zusätzliches, begleitendes Angebot!
Einige der folgenden Ansätze sind bereits umgesetzt, andere befinden sich noch in Planung:

Modell „Wellnessoase“:
Klienten verbringen sehr viel Zeit an Orten, an denen sie zur Ruhe kommen und sich wohlfühlen. Intensiver Kontakt zu Tieren, die sie hautnah erleben können: Katzencafe in der Kölner Innenstadt: Klienten können sich unterhalten, Kaffee genießen und ausgiebig Katzen streicheln.
Großer Landschaftsgarten in Windeck/ Westerwald mit Teichen, Arboretum: Die Klienten werden zu Spaziergängen und Naturbeobachtungen ermuntert. In Gewächshäusern die Möglichkeit, Familien von Krallenaffen (Callithrix jacchus und Saguinus oedipus) zu erleben. Die Klienten werden angewiesen, sich während stundenlanger Sitzungen allein auf das Sozialverhalten der Primaten zu konzentrieren.

Modell“Ponyhof“:
Bauernhof bei Gmunden/Traunsee(Oberösterreich): Klienten helfen bei der Pferdepflege und bei anderen landwirtschaftlichen Tätigkeiten. Sie lernen landwirtschaftliche und kreative Verfahren kennen. Viele Gelegenheiten zum Ausreiten, Wandern etc. Stärker als bei der „Wellnessoase“ liegt hier der Fokus auf aktiver Tätigkeit und Einbindung in gemeinschaftliche Arbeitsprozesse.

Modell“Park der Gärten“:
Große Ackerfläche bei Kappeln/Schlei (Südschleswig). Die Ackerfläche ist in Parzellen aufgeteilt, die Klienten zur dauerhaften Verfügung gestellt werden. Sie sollen nach eigenen Planungen kleine Gärten entwerfen, anlegen und pflegen. In einem Gemeinschaftshof finden diverse soziale Aktivitäten statt. Hier sind komplexe Arbeitsprozesse intendiert, die Ergebnisse zeigen und ein dauerhaftes Verantwortungsgefühl generieren sollen. Zentral ist die Ermunterung zu Kreativität.

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Gibt es weitere Vorschläge oder Anregungen, Ideen oder Kritik?

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Remedias
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Re: Burnout - Modelle der Selbsttherapie

Beitragvon Remedias » Mi 9. Apr 2014, 17:35

Hallo,
wie ich das verstanden habe und leider auch am eigenen Leib erfahren, ist die heutige Arbeitswelt mithin "schuld" an der Erschöpfungsdepression "Burn out"
Die vorgestellten Modelle zielen auf einen Reparaturbetrieb ab : Der Mensch soll wieder fit gemacht werden für eine lebensfeindliche Umwelt.
Wäre es nicht sinnvoller , die Rahmenbedingungen der Arbeit zu ändern? Ist es - ich gehe jetzt von unseren Erstwelt- Problemen aus, in der dritten Welt läuft es anders - wirklich unmöglich, eine menschengerechte Ökonomie zu gestalten anstatt den Menschen an unerträgliche ökonomische Verhältnisse anzupassen?
wenn die Arbeitswelt viele krank macht, ist doch hier der Änderungsbedarf, nicht im Menschen selbst.
Alles andere ist zwar gut gemeintes, aber letztendlich nicht ursächlich und daher meiner Meinung nach ursächliches Flickwert.
Anstatt Psychiater sind für mich die Politiker gefragt! Die sind aber auch nur tätig, wenn dieses Thema als dringlich auf der Agenda steht.
Mobilität, Flexibilität und permanente Erreichbarkeit verursachen einen inneren Daueralarm, der langfristig zur Überbelastung führt.
Es gibt schon Firmen, die wieder das freie Wochenende eingeführt haben, wie VW. Jeder Mitarbeiter erhält ein Diensthandy, das sich eine halbe Stunde vor Arbeitsbeginn und eine halbe Stunde nach Arbeirsende automatisch abschaltet ;)
http://www.zeit.de/karriere/beruf/2011- ... mailsperre
Zudem ist man unzufrieden mit den Arbeitsergebnissen und der Arbeitssituation. Die eigenen Erwartungen werden nicht annähernd erfüllt, was zu hoher Frustration und Desillusionierung führt. Die Betroffenen haben keine Freude mehr an ihrer Arbeit, erledigen nur noch das Nötigste und distanzieren sich von Klienten und Kollegen. Häufig haben sie das Gefühl, ausgenutzt und nicht anerkannt zu werden. Im Kontakt mit ihren Mitmenschen sind die Betroffenen dann launisch, vorwurfsvoll, ungeduldig und gereizt, was zu weiteren Konflikten führt. Der eigene Anteil an den Auseinandersetzungen wird nicht gesehen. Wer sich aber selbst die Schuld an der Misere gibt, reagiert eher depressiv. Die Betroffenen fühlen sich hilflos, sind ängstlich und nervös. Angesichts der fehlenden Ressourcen, der eigenen Unfähigkeit, etwas an ihrer krisenhaft zugespitzten Situation zu ändern, schwindet ihre Selbstachtung immer mehr.

Die Folge dieser Entwicklung ist ein Abbau der kognitiven Leistungsfähigkeit, Motivation und Kreativität. Die permanente Anspannung und die daraus resultierende Erschöpfung führen zu Konzentrations- und Gedächtnisschwächen.
Hier wäre doch Menschenführung, Mitbestimmung gefragt. Wer hat eigentlich das Menschenbild entworfen, dass der Mensch nur arbeitet, wenn man ihm "kräftig in den Hintern tritt"? Die gesetzgewordnene Essenz dieser Weltanschauung ist die HartzIV- Gesetzgebung. Wieso sollte man seine Mitarbeiter nicht besser freundlich behandeln, sie verwöhnen? Wenn sie sich mit der Firma und ihrer Arbeit identifizieren, arbeiten sie besser. Außer einem angemessenen Gehalt braucht der Mensch auch Anerkennung.
Das ist nicht nur das Finanzielle. Eine Frau sagte bei mir: "Ich arbeite bei L....; die Arbeitsatmosphäre ist sch....; ich bleibe nur dort, weil sie gut bezahlen."
Dein wichtigster Punkt ist meiner Meinung nach 3:
3. Reorganisation der Arbeitstätigkeit. Die Arbeit soll fordern, nicht überfordern. Der Arbeitsprozess darf nicht entfremdet sein. Arbeitsergebnisse müssen (be)greifbar sein. Soziale Einbindung ist zentral. Menschen müssen ein Verantwortungsgefühl für ihre Arbeitstätigkeit entwickeln. Sie müssen über Freiheitsspielräume verfügen, in denen sich Kreativität und Schöpfertum generieren lässt.
YES!
Es muss betont werden, dass die folgenden Ansätze zur Selbsttherapie von Erschöpfungsdepression professionelle Therapie, insbesondere medikamentöser Art nicht ersetzen können. Sie verstehen sich als zusätzliches, begleitendes Angebot!
Bleib mir mit den Medikamenten weg! Sie taugen höchstens als vorläufige, vorrübergehende "Krücke", die einen solange "abschießen", bis man wieder zur Ruhe gekommen ist. Ab da sollten sie wieder ausgeschlichen werden. Stattdessen werden sie zur "Vorbeugung" verordnet, mit Neurotransmitterhypothesen begründet und hindern Menschen daran, aktiv zu werden, ihre Situation zu erkennen und sich gegebenenfalls mit anderen zusammen zu schließen, um etwas zu ändern. Oder anders ausgedrückt: Wenn ich gesagt bekomme, mein Seretoninspiegel oder Dopaminspiegel sei in Unordnung ( was unbewiesen ist, da gewöhnlich ein Spiegel gar nicht gemessen wird) bekomme ich nicht nur eine Krankheitserklärung, sondern auch die alleinige Verantwortung dafür, dass ICH nicht in Ordnung bin. damit verhindere ich jeden sozialen Kampf und jegliche Veränderung. Leute, die hohe Psychopharmakadosen nehmen, sind gewöhnlich in Erwerbsminderungsrente ( könnte man statistisch überprüfen) und damit aus dem Arbeitsprozess ausgeschlossen.

Mit freundlichen Grüßen Remedias

Liberanthropus
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Re: Burnout - Modelle der Selbsttherapie

Beitragvon Liberanthropus » Do 10. Apr 2014, 09:53

Hallo Remedias,

Du hast völlig Recht! Da gibt es die eine Ebene der Veränderung der Arbeitswelt durch die Politik bzw. Arbeitgeber und Arbeitnehmer im Betrieb selbst. Ich glaube, viele Arbeitgeber haben erkannt, dass sie auch ein Eigeninteresse an gesunden, motivierten Mitarbeitern haben und bieten so einiges an, was der psychischen Gesundheit und Hygiene dienlich ist. (Zumindest bei leitenden Angestellten. Ich kenne hingegen einen Discounter, dem sind seine Kassiererinnen völlig egal. Wenn die "kaputt" sind, werden sie eben entlassen und es gibt neue. Wegwerfmentalität..)

Mir ging es aber in dem Text um eine ganz andere Ebene, die der Selbsttherapie. Also die Frage, was betroffene Menschen für sich selbst und ihre eigene Gesundheit tun können. Da geht es um Selbsthilfe, nicht um die Frage, ob man gesellschaftlich etwas repariert, was man vielleicht nicht reparieren sollte.

Ich schreib mal was von mir: Bis vor sieben Jahren war ich Berufsschullehrer - ziemlich große Schule, stressig und belastend. Alle möglichen körperlichen Symptome traten bei mir auf. Schmerzen hier und da, durch Hypochondrie und Angst vor schlimmen Krankheiten noch verstärkt. Diverse Untersuchungen wurden gemacht - alle ohne körperlichen Befund. Diagnostiziert wurde dann einmal eine Somatisierungsstörung, und einmal eine "larvierte Depression mit Somatisierungstendenz".
Ich habe dann die Reißleine gezogen und bin (ohne Versorgungsansprüche) aus dem Schuldienst ausgeschieden und habe mit (damals) fast 50 ein Psychologiestudium begonnen. Seitdem bin ich glücklich und es geht mir körperlich gut.

Das ist die Ebene, die ich meine. Dass man Dinge verändert, wenn man das Gefühl hat, die Arbeit tut einem nicht mehr gut. Sicher gibt es oft ökonomische Zwänge und andere können nicht so leicht "hinschmeißen", wie ich es konnte. Aber oft kann man es eben versuchen, wenn man weiß, was man will.
Übrigens, bei mir ist es auch völlig ohne Medikamente gegangen. (Allerdings war es ein eher leichter Fall)...

Liebe Grüße!

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Remedias
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Re: Burnout - Modelle der Selbsttherapie

Beitragvon Remedias » Do 10. Apr 2014, 14:07

hallo Liberanthropus,
wir können uns die Hand reichen; ich war auch im Schuldienst, nur dass meine Geschichte einen üblen Ausgang nahm: Nervenzusammenbruch - Psychiatrisierung - "Abschießen" mit Medikamenten- Berentung . Daher halte ich von den üblichen Therapien nicht viel.
Das ist die Ebene, die ich meine. Dass man Dinge verändert, wenn man das Gefühl hat, die Arbeit tut einem nicht mehr gut. Sicher gibt es oft ökonomische Zwänge und andere können nicht so leicht "hinschmeißen", wie ich es konnte. Aber oft kann man es eben versuchen, wenn man weiß, was man will.
Übrigens, bei mir ist es auch völlig ohne Medikamente gegangen. (Allerdings war es ein eher leichter Fall)...
Daher führte ich auch an, dass wir immer noch privilegiert sind im Gegensatz zu Menschen der dritten Welt etwa:
Immer noch können wir entscheiden, für wen und wie wir arbeiten - mit ziemlich finanziellen Einbußen sogar, ob wir überhaupt arbeiten.
Oft glaubt man nicht, dass die Gesundheit durch schlechte Arbeit massiv beeinträchtigt werden kann. Der Körper schickt und schickt Warnsignale, die man missachtet. Bis er dann endgültig "den Stecker zieht" = schwerere körperliche oder psychische Erkrankung.
Arbeitest du als Psychologe? Berätst du Menschen, die unter Burn- Out ( hat ja keinen Eingang gefunden ins ICD) leiden?
Wo ziehst du die Grenze zwischen "einen Ausgleich finden" - worunter meiner Meinung nach die von Dir genannten Aktivitäten fallen,
und " Schleunigst den Absprung wagen"?

Mit freundlichen Grüßen Remedias

Liberanthropus
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Re: Burnout - Modelle der Selbsttherapie

Beitragvon Liberanthropus » Do 10. Apr 2014, 15:13

Wo ziehst du die Grenze zwischen "einen Ausgleich finden" - worunter meiner Meinung nach die von Dir genannten Aktivitäten fallen,
und " Schleunigst den Absprung wagen"?
Wo die Grenze liegt, kann wohl nur jeder für sich entscheiden. Bei mir haben wohl irgendwann die Ausgleichsaktivitäten nicht mehr ausgereicht und es musste ein radikaler Schnitt her. Man sollte vielleicht seinem Bauchgefühl vertrauen...

Ich bin immer noch als Student eingeschrieben, arbeite also nicht als Psychologe und berate nicht. (Wohne 110km entfernt vom Studienort und fahre deshalb nicht so regelmäßig hin... - in meinem Alter sieht man die Dinge gelassener - ist auch gesünder).
Mich interessiert das Thema eher persönlich. Vielleicht wird ja mal ein Text daraus, den man veröffentlichen kann. Im Moment sammle ich aber nur.

algharb
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Re: Burnout - Modelle der Selbsttherapie

Beitragvon algharb » Sa 19. Apr 2014, 23:16

Bournout ist sicherlich ein medizinisches Phänomen der heutigen Zeit. Zum einen Arbeitsbedingungen und Anforderungen, die unter hohem Druck Höchstleistungen verlangen. Arbeitnehmer, die unbedingt so schnell wie möglich Karriere machen wollen. so hoch und schnell wie möglich. Es macht auch nur Spaß, wenn eine Tätigkeit schnell von der Hand geht.

Und in der Freizeit ist es nicht anders. Wenn es nicht ordentlich knallt, war es kein Erlebnis, kein Leben, kein Selbstwert in der sozialen Gemeinschaft.

Das Leben insbesondere in den Ballungszentren ist in einem hohen Maße nicht mehr gemäß unserer Natur. Wir sind ja sehr anpassungsfähig und wandelbar. Aber da gibt es Grenzen. Und dann geht es los mit den körperlichen Erkrankungen, Müdigkeit, Erschöpfung, man kann sich nicht mehr erholen (schläft ja sowieso zu wenig weil vertane Zeit), wird depressiv. Bis dann die Dekompensation kommt und man redet vom Bournout.

Wellnessoasen usw. sind die modernen Antworten und weniger Arbeitszeit bei gleichem Leistungsdruck, ist wohl auch nicht die Lösung.
Aber neue Generationen werden für sich wahrscheinlich auch wieder andere Lebensmodelle entdecken, weil sie das Knall- und Leistungsmodell ihrer Eltern für bescheuert halten.

Jochen52
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Re: Burnout - Modelle der Selbsttherapie

Beitragvon Jochen52 » So 22. Jun 2014, 21:46

Hallo Liberanthropus,

das ist ein sehr interessanter Thread, den Du da geöffnet hast. Allerdings würde ich gerne noch einen Schritt weiter gehen: Ich habe selbst vor einigen Jahren einen Zusammenbruch erlitten, und bin bis heute nicht wiederhergestellt.
Ich habe die Erfahrung gemacht, daß die meisten "offiziellen" Therapien nicht ausreichend sind. Viele Ärzte oder Therapeuten meines es ja ganz gut, tappen aber meiner Ansicht nach teilweise im Dunkeln. Es existieren zwar Ideen zu "Burnout" aber so richtig greifen können das Thema nur wenige. Daß man einfache Stadien mit etwas VT (noch) ganz gut behandeln kann, mag OK sein, aber bei fortgeschrittenen Stadien wird es schwer. Deshalb meine ich, es wäre gut wenn man sogar Selbsttherapien hätte, die wirklich helfen, und eine Alternative zu den normalen sind.
Mir hat folgendes sehr gut geholfen:
a) Meditation
b) Wirkliche Auseinandersetzung mit mir selber und Überlegungen warum ich bestimmte Verhaltensmuster habe bzw. lebe, die mich nachweislich kaputt machen
c) Stressquellen systematisch aus meinem Leben entfernen.

LG
Jochen

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Re: Burnout - Modelle der Selbsttherapie

Beitragvon fluuu » Di 24. Jun 2014, 10:58

Natürlich, die Selbstheilung kann jeder unabhängig anwenden und ist oft effektiver als vorgegebene Muster.
Auch das Erhellen schwerer depressiver Verstimmungen kann der Therapeut nicht ohne Klient ermöglichen,
der Therapeut kann motivieren, animieren, aufmuntern und unterstützen aber umsetzen kann es der
Burnout-Betroffene letztlich für sich nur selbst.
Meditation ist wunderbar, das kann einem nicht der Therapeut abnehmen.
Auch die Auseinandersetzung mit inneren Strukturen ist gut, man kann in der Therapie darüber berichten,
es sind oft alte Glaubenssätze die aktuell verhindernd wirken und so zu Stress führen.
Was für einen negativer Stress ist kann jeder selbst definieren und ihn vermeiden oder die Resilienz (Widerstandsfähigkeit) trainieren.
Selbstheilung bedeutet ja nichts anderes als im sozialen Netzwerk der eigene Therapeut für sich zu sein.
Dann kann es zu einem Ausbrennen auf Grund einseitig verlagerter Verhaltensweisen nicht kommen denn der
innere Therapeut sorgt für Ausgleich bevor es zu spät ist, am besten vorbeugend die seelische Verfassung im Blick haben.
Arbeitssucht ist dann nicht die Lösung für eventuelle seelische Unstimmigkeiten, sondern die Sorge für ausgleichende Emotionen.
gruß fluuu

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Re: Burnout - Modelle der Selbsttherapie

Beitragvon Jochen52 » Do 17. Jul 2014, 09:34

Ich kann mich der Meinung von fluuu nur anschließen...

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Re: Burnout - Modelle der Selbsttherapie

Beitragvon Jochen52 » Sa 20. Sep 2014, 12:35

Ich würde zu der interessanten Diskussion gerne etwas interessantes hinzufügen, was ich gerade ausprobiert habe. Es heißt NMT und ist eine Art Training. Etwas komplex, aber klingt sehr fundiert, und bei mir zeigt es Wirkung.
Hier mal ein Link:
http://www.psychotherapie-golling.de/gl ... -muenchen/
bzw.
http://www.psychotherapie-golling.de/nmt/

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Re: Burnout - Modelle der Selbsttherapie

Beitragvon Remedias » Sa 20. Sep 2014, 13:36

was ist der Unterschied zu Biofeedback?

Mit freundlichen grüßen Remedias

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Re: Burnout - Modelle der Selbsttherapie

Beitragvon fluuu » Mo 22. Sep 2014, 10:52

Warum nicht, jeder soll das anwenden was ihm hilft.
Methoden gibt es fast so viele wie selbstständige kreative Heiler und sie laufen bei Depressionen wegen Überlastung
alle auf eins hinaus: Entspannung
Wenn jemand ein Messverfahren braucht und Zahlen um sich daran zu orientieren und so die Entspannung ablesen kann,
dann ist es wohl so, schöner wäre ein inneres Empfinden das Anspannung und Entspannung steuert ohne technische Hilfsmittel.
Biofeedback ist ein andere Begriff und läuft auf das Selbe hinaus, technische Messmethoden zur Beeinflussung des
menschlichen Bewusstseins.
Ich persönlich trainiere mein Gefühl so, dass ich für Ausgleich sorge wenn die Belastung zu groß wird und automatisch
die Entspannung suche. Das klappt meistens sehr gut, nur wenige Ausnahmen gibt es wo ich mal über meine Kräfte
hinaus gearbeitet habe und mit den entsprechenden Symptomen fertig werden musste. Spätestens dann heißt es,
halt Stopp, alle Termine absagen und für die pure Entspannung sorgen und ein alles-scheiß-egal-Gefühl auflegen
um nicht in das Burnout-Syndrom zu schlittern. Wie gesagt, wer so ein Gefühl nur bekommt wenn ihm das Zahlen
von technischen Geräten erlauben, muss diese Trainingseinheiten durchmachen und sich daran orientieren.
Lieber eine Abhängigkeit von einem Messverfahren und stabil bleiben als auf die Nase fallen und alleine nicht mehr hoch kommen.
gruß fluuu

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Re: Burnout - Modelle der Selbsttherapie

Beitragvon Remedias » Mo 22. Sep 2014, 19:10

Hi,

Biofeedback kenne ich aus der Schmerztherapie.
Man hat nur wenige Sitzungen und es geht besonders darum, erstmal ein Gefühl für Anspannung und Entspannung zu bekommen.
Das Ziel ist aber, im Alltag ohne technische Hilfsmittel entspannen zu können.
Viele Burn-Out- Menschen sind so verkrampft und so verspannt, dass sie ihre Körpersignale nicht mehr wahrnehmen - das gleiche passiert Schmerzpatienten.
Aber es ist natürlich nur eine Krücke für den Anfang.
Ich persönlich trainiere mein Gefühl so, dass ich für Ausgleich sorge wenn die Belastung zu groß wird und automatisch
die Entspannung suche.
Das ist das Endziel!!!

Ein ähnliches Beispiel passiert bei anorektischen Frauen. Sie haben ja quasi verlernt, wie man richtig isst und es hilft ihnen anfangs sehr, wenn ihnen in der Klinik "normale" Portionen auf den Teller gegeben werden. Das Ziel ist jedoch, dass sie selbsständig essen.

Mit freundlichen Grüßen Remedias

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Re: Burnout - Modelle der Selbsttherapie

Beitragvon fluuu » Di 23. Sep 2014, 10:51

Das Endziel war bei allen Machthabern immer die Weltherrschaft, hat nie funktioniert.
Bei der Heilung seelischer Empfindungen geht es um kleine Schritte auf dem richtigen Weg
und ein Empfinden für die eigenen Gefühle entwickeln ist so ein kleiner Schritt in diese Richtung.
So lange man es technischen Apparaturen überlässt lernt der Organismus dieses Empfinden nicht,
für die Ärzte ist es gut, ihre Apparaturen armotisieren sich. Wer ein Gefühl für sich empfinden will
lässt alle Hilfsmittel die davon ablenken weg und trainiert das eigene persönliche System.
Die Funktionalität der Seele, das Geistes und des Körpers beinhalten alles was der Organismus
zum gesunden und ausgeglichenen Leben braucht, alle technischen Dinge sind eine Ergänzung
oder Erweiterung aber nicht die Grundlage. Man kann mit einem Computer das Bewusstsein
erweitern aber man kann es nicht ersetzen, genauso kann man mit technischen Zahlen das
eigene Empfinden ergänzen aber man kann es nicht stellvertretend als Ersatz anwenden.
Wer sein eigenes Empfinden nicht entwickelt, ausbaut und trainiert ist selbstständig nicht
lebensfähig und bleibt auf Hilfe angewiesen, auch in Form techn. Apparate (Handy).
Es wird ja gerade modern in Europa, aus Amerika kommend, sich per Handy zu verkabeln und
so viele Biofeedback Daten zu sammeln wie möglich um Kontrolle und Sicherheit zu haben.
Daraus wird sich eine neue psychische Störung entwickeln, wenn der Apparat nicht funktioniert
fängt der Organismus, insbesondere die Psyche, an die Funktion zu verweigern und durchzudrehen.
Das wäre eine 100% Abhängigkeit von techn. Daten um den Stoffwechsel in Gehirn und Körper
aufrecht zu erhalten, ein Stück näher dem Maschinenmenschen, dem Cyborg.
gruß fluuu

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Re: Burnout - Modelle der Selbsttherapie

Beitragvon Remedias » Di 23. Sep 2014, 12:36

Es wird ja gerade modern in Europa, aus Amerika kommend, sich per Handy zu verkabeln und
so viele Biofeedback Daten zu sammeln wie möglich um Kontrolle und Sicherheit zu haben.
Daraus wird sich eine neue psychische Störung entwickeln, wenn der Apparat nicht funktioniert
fängt der Organismus, insbesondere die Psyche, an die Funktion zu verweigern und durchzudrehen
ich glaube gelesen zu haben, solch eine Störung gibt es schon.

Mir hat es geholfen, zu "sehen" beim Biofeedback "Aha, jetzt bin ich entspannt", ich habe mir das Gefühl "gemerkt" und kann es jetzt auch ohne Hilfsmittel erreichen.

Mit freundlichen Grüßen Remedias


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