burnout - krankheit oder gesellschaftssymptom?

Die Begriffe "Burnout" bzw. das "Burnout-Syndrom" sind in aller Munde und polarisieren Betroffene und Gesellschaft. Ernstes psychisches Leiden mit zweifelhafter Prognose oder überwindbare Wohlstandsneurose?
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windfrau
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burnout - krankheit oder gesellschaftssymptom?

Beitragvon windfrau » Do 28. Okt 2010, 19:59

anhand eigener erfahrungen im persönlichen umfeld und vieler im beruflichen kontext beobachteter burn-out-verläufe formt sich in mir immer mehr die frage, ob das burnout-syndrom nun denn überhaupt eine "psychische" "krankheit" ist oder eher
  • :arrow: eine massive körperlich-seelische (schutz?)reaktion auf extremausbeutung - meistens in verbindung mit arbeits- und gesellschaftsbedingungen von sehr zerstörerischem ausmaß
    :arrow: bei gleichzeitiger empfundener oder tatsächlicher existenzieller bedrohung und
    :arrow: gleichzeitig bestehender gefühlter oder auch realer ohnmacht ("sachzwänge"), adäquate handlungen zu setzen, die die situation verändern würden.
,

eine hochstreß-reaktion also auf reale "ausbeuterische", destruierende und lebens/lebendigkeits-zerstörende umstände, die erst der allgemeinen körperlich-seelische zusammenbruch des individuums beenden / verändern kann.

sollte/könnte man burnout also als eine von außen induzierte erkrankung sehen? als "berufskrankheit" betrachten analog zu anderen berufserkrakungen? immerhin betrifft sie oft menschen, die in der vorgeschichte keine spezifische "psychische vorerkrankung" oder besondere vulnerabilität aufweisen, sondern eher im gegenteil starke stabile und autonome persönlichkeiten waren. (analog wie industriearbeiter am beginn ihrer arbeit keine staublunge hatten oder straßenarbeiter erst durch massive belastungen kaputtgearbeitet sind - dies als beispiele auf der rein körperlichen ebene)

oder ist burnout die endstation von arbeitssüchtigem verhalten? (und diese sucht ist unserer derzeitigen gesellschaftsform ja vorerst einmal hoch willkommen, wird ja erst dann als suchterkrankung gesehen, wenn das spätstadium erreicht ist und die damit verbundenen schädigungen offenbar werden)

mir stellt sich diese frage, weil ich
  • :arrow: über die jahre hin beobachte, daß das auftreten von burnoutdiagnosen (bzw. deren früheren synonyme wie erschöpfungssyndrom etc) immer mit bestimmten ähnlichen gesellschaftlich-wirtschaftlichen bedingungen einhergehen

    :arrow: und eine burnout-diagnose eine wunderbare methode ist, die folgen von gesellschaftlichen und wirtschaflichen schädigungen sozusagen den klientInnen oder patientInnen "zurück-zu-individualisieren" als deren "krankheit", die eben aufgrund ihrer schwäche, aber sicher nicht aufgrund destruktiver und schlechter arbeits-/ gesellschaftsbedingungen entstanden ist...
wie seht ihr das eigentlich? ich würd da wirklich gern drüber diskutieren

so sinniert sie dahin, die windfrau
peace is a word of the sea and the wind (crimson king)

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Remedias
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Re: burnout - krankheit oder gesellschaftssymptom?

Beitragvon Remedias » So 31. Okt 2010, 17:36

Hallo, ich war von burn-out betroffen und DANACH psychisch krank geworden.
Für mich eine Krankheit , die mit Überforderung zu tun hat; nicht nur mengenmäßig sondern auch in den Strukturen. Am schlimmsten ist es, wenn man in Strukturen festhängt, auf die man keinen Einfluss hat und die krankmachend sind.
Wer ausbrennt, muss vorher mal gebrannt haben. Es sind also gerade die Menschen mit einem hohen Arbeitsethos und hohen Ansprüchen an sich selbst, die burnoutanfällig sind. Wenn dann kein Ausgleich aus dem Privatleben kommt, ist es geschehen.
Ich war überfordert, weil ich eine Menge Dinge machen musste bzw. aufgedrückt bekam, für die ich nicht ausgebildet war und auch sonst keine Ahnung hatte, wie ich Hilfe bekommen konnte.
Ich konnte nicht mehr schlafen.
Ich weinte nur noch.
Ich begann den Zusammenhang zu verlieren, hatte black-outs am Arbeitsplatz.
Dazu kam Mobbing.
Meine Hausärztin sah nur ein Mittel: mich herauszunehmen aus der belastenden Situation und mich krankzuschreiben. Als sich nach einem Monat mein Zustand noch nicht gebessert hatte, überwies sie mich in eine psychiatrische Tagesklinik.
liebe Grüße Remedias

struppi
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Re: burnout - krankheit oder gesellschaftssymptom?

Beitragvon struppi » Mo 1. Nov 2010, 15:50

Also, ich fand die Stressbewältigungsseminare in meiner Klinik nicht sehr hilfreich. Es liegt alles an uns und nichts an den Strukturen. Die franz. Telekom-Mitarbeiter (da, wo die vielen Suizide vorgekommen sind), meinten auch: "Wir brauchen humane Arbeitsbedingungen und nicht das xte Entspannungsseminar."
Humane Strukturen wären z.B. die Grenzen des behinderten Schülers zu akzeptieren und nicht: "Du bist Schuld, wenn du nichts in seinen Schädel kriegst." Human wäre eine Arbeitswelt, die "das Böse", Leid als zum Leben und zur Welt gehörig akzeptiert und nicht irgendwelche gnostsiche Selbsterlösungsphantasien a la "Du bist für alles selbst verantwortlich, musst nur mehr Erfolgswillen, Behandlungswillen... haben."
Hang zum "in die Arbeit vergraben" habe ich auch, aber das macht mir nichts aus, solange meine Selbstwirksamleit erhalten bleibt.

retchira
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Re: burnout - krankheit oder gesellschaftssymptom?

Beitragvon retchira » Di 22. Mär 2011, 11:33

Meiner Meinung nach ist es beides - sowohl eine Krankheit als auch ein Gesellschaftssyndrom. Ich glaube, dass die Menschen durch die Gesellschaft geprägt Krankheiten entwickeln.

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kellyroughe
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Re: burnout - krankheit oder gesellschaftssymptom?

Beitragvon kellyroughe » Do 17. Jul 2014, 10:53

Burnout äußert sich ja in verschiedenen Auswirkungen. Daher denke ich auch, dass es ein Signal des Körpers ist, der mit momentanen Stress und Druck nicht zurecht kommt.
Morgen ist auch noch ein Tag

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HarleyQuinn
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Re: burnout - krankheit oder gesellschaftssymptom?

Beitragvon HarleyQuinn » Mi 28. Jan 2015, 15:13

Es wird davon ausgegangen,dass Burnout ein Symptom der Depression ist. Also eigentlich keine eigenständige Krankheit wie viele denken. Depressionen gab es schon immer, dass sie sich so zeigt ist neu und somit zeitbedingt.
Ich denke das Problem ist,dass unsere kulturelle Evolution die natürliche in manchen Punkten einfach überrannt hat. Für viele Anforderung sind wir noch gar nicht ausgelegt. Wenn man die Komplexität des Gehirns berücksichtigt und wie lange es gedauert hat dass zB Weisheitszähne bei manchen nicht mehr angelegt sind ist das nicht verwunderlich.
Doch Natur bahnt sich ihren Weg, auf Selbsterhaltung ausgelegt hat das Gehirn Mechanismen sich selbst vor dem totalen Zusammenbrechen zu bewahren. Arbeit sollte als Teil des Lebens immer auch Befriedigung enthalten.Hat man das Gefühl man arbeitet und arbeitet ohne dass man wirklich Ergebnisse hat, erscheint es nur noch anstrengend und sinnlos. Und da liegt eine Depression nahe. Etwas das soviel Energie nimmt sollte nicht so wenig zurückgeben.
Arbeit ist für den Menschen da,nicht umgekehrt.
“If we don't have each other, we go crazy with loneliness. When we do, we go crazy with togetherness.”
The Stand von Stephen King

"Fast überall wo es Glück gibt, gibt es Freude am Unsinn."
Friedrich Nietzsche


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