Eigene Erfahrung

"Mobbing" selber ist natürlich keine psychische Krankheit ist, verursacht aber häufig psychische Folgeschäden bis hin zu manifesten psychischen Krankheiten. Hier ist Platz für Ihre persönlichen Erfahrungen sowie Hinweise auf Hilfsangebote.
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PsychoTante
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Eigene Erfahrung

Beitragvon PsychoTante » Do 29. Sep 2011, 02:31

Hallo ihr Lieben,

mir war nicht ganz klar, ob derartige Text und Berichte hier erwünscht sind und ich habe auch lange überlegt, ob ich das hier schreiben soll. Aber ich habe beschlossen diese Erfahrungen und meine Geschichte mit euch zu teilen - um denjenigen Mut zu machen, die dies selbst durchleben müssen oder erlebt haben, um denjenigen ins Gewissen zu reden, die dies bei Anderen selbst tun oder getan haben, damit sie einsehen was sie den Menschen damit antun, und um alle anderen nachdenklich zu stimmen. Natürlich steckt darin auch ein Stück "Selbsttherapie", denn ich bin jemand der normaler Weise gerne über die Probleme und die schlimmen Erlebnisse spricht und sie mit anderen teilt, wenn ich merke der/die Andere ist daran interessiert.
Aber schluss mit dem Gebrabbel...

Ich selbst wurde mehr als 7 1/2 Jahre schwerst gemobbt und ausgegrenzt. Ein normales Leben fand für mich gar nicht mehr statt.
Täglich ging ich mit Übelkeit und starken Bauchschmerzen in die Schule. Schon vor dem Unterricht war ich kurz vor dem Weinen und nach der Schule weinte ich daheim in mein Kissen - meine Eltern als Unterstützung? Fehlanzeige.

Angefangen hat es in der 3. bzw. 4. Klasse. Ich war niemand der ständig im Mittelpunkt stehen wollte oder Andere unterworfen hat, um Anführerin einer Gruppe zu sein. Mein Fehler. Denn genau diese Mädchen gab es in meiner Klasse. Und was sie sagten, war Gesetz. Jeder, der zu ihnen gehörte, machte lieber mit als eines Tages selbst das Opfer zu sein. Das Opfer, das ich wurde. Ein ruhiges, friedliches Mädchen. Viel Selbstbewusstsein hatte ich nicht, eigentlich gar keines. Zum einen wegen des Alters und zum anderen, weil ich seit meiner Kindheit bereits von meinem Erzeuger psychisch fertig gemacht wurde (das wiederum ist ein ganz anderes Thema).
So fand ich also nicht den richtigen Ton, um mich gegen dumme Sprüche und Aktionen zu wehren - so wiederum merkten sie: mit der kann man es ja machen.
Das war mein erster Auftritt als Opfer. Doch dass das "nicht wehren" der Fehler war, der alles ins Rollen brachte, verstand ich damals nicht.
Ab jetzt wurde mit mir gemacht was man wollte. Man schubste mich, man lachte über mich, verbreitete fiese Gerüchte, machte mich bei anderen, fremden Schülern unbeliebt (wie sie das geschafft haben, weiß ich heute noch nicht!), ein mal wurde ich nach dem Sportunterricht abgepasst, der in den letzten beiden Stunden stattgefunden hatte. Ich war die Letzte außer ihnen. Zu sechst wurde auf mich eingeschlagen, geschubst, getreten und gekratzt. Und gelacht. Der seelische Schmerz war unglaublich.
Ich verstand nicht, warum man mir das antat. Niemandem hatte ich etwas getan, wollte nur meinen Frieden und ein paar Freunde. Aber trotzdem suchte ich die Schuld ständig bei mir. Ich zermarterte mir das Hirn was ich falsch machen würde, warum ich nicht würdig war von ihnen normal behandelt, gemocht zu werden.
Aber es ging immer weiter. Man sagte mir wie hässlich meine Kleider waren (schöne selbstgestrickte Pullover von meiner Mutter, hübsche Röcke usw. - ich verstand nicht dass es mit meinen eigentlich guten, hübschen Kleidern nichts zu tun hatte), wie dumm ich wäre, wie hässlich ich wäre. Mir wurden Ohrfeigen verpasst. Und ich konnte nichts tun.
Als die Klassenlehrerin darauf angesprochen wurde, meinte sie zu handeln. Doch weil es sich - wie sich herausstellte - um einige ihrer Lieblingsschüler handelte, war eigentlich von Anfang an klar, dass das nicht funktionieren würde. Wir machten einen Sitzkreis wie jeden Morgen und sie meinte wer das wäre der mich ärgern würde und warum - keine große Beteiligung, Thema abgehakt. Es ging weiter, unverändert. Meine Eltern schwiegen nun auch.

Man muss dazu sagen, dass wir 9 Mal umgezogen sind - was nichts mit mir zu tun hatte. Ständig wechselnde Schulen, wechselnde Wohnungen, wechselnde Nachbarn, Freunde. Mit nach Hause bringen durfte ich von meinem Erzeuger her sowieso kaum jemanden - er wollte seine Ruhe und ich sollte doch zu den Anderen gehen. Das gefiel den "neuen Freunden" natürlich auch nicht. Ich kam nicht gut an.
Und nach jedem Umzug waren die alten Freunde wieder weg - zu große Entfernung.
Irgendwann habe ich es einfach aufgegeben, neue Freunde zu finden. Denn die ständigen Umzüge und Schulwechsel waren einfach nur noch schrecklich für mich. Aber das interessierte niemanden. Lachte man nur ein einziges Mal, hieß es so unglücklich könne man ja nicht sein. Der Terror zuhause beeinflusste mich schon zu einem großen Teil. Und dass es in der Schule Psychoterror gab, zuhause auch noch weiterging anstatt dass man Unterstützung bekam, half natürlich nicht wirklich weiter.

Mittlerweile war ich von der Grundschule in die 5. Klasse Hauptschule gekommen. Aufs Gymnasium durfte ich nach der 4. Klasse noch nicht, da meine Mutter meinte ich wäre noch zu kindlich und kindisch...
Wider erwarten war dieses eine Schuljahr mal ganz gut. Ich hatte einige Freunde, fühlte mich gut, wurde in Ruhe gelassen. Dazu noch nette Lehrer. Es war perfekt.

Nach der 5. Klasse Hauptschule durfte ich dann endlich aufs Gymnasium. Doch wie es der Zufall so wollte (wir zogen meistens irgendwo im Landkreis um), waren dort Leute in meiner Klasse und den Parallelklassen, die ich aus meiner früheren Klasse kannte. Und damit ging alles wieder von vorne los.
Erst war noch alles normal und ich wurde gut angenomen. Freute mich auf eine neue Zeit in meinem Leben. Aber da wusste ich noch nicht, dass der allergrößte Teil noch vor mir lag.
Plötzlich schien sich aber die Geschichte von früher herum zu sprechen, was ich dadurch bemerkte, dass ich einerseits diese neuen Klassenkameraden mit den Leuten aus der damaligen Zeit sah und zum anderen dadurch, dass wildfremde Menschen in der Schule tuschelten "Das ist doch die xyz *Name* du weißt schon die, die keiner leiden kann".

Das Ganze steigerte sich immer mehr. Schließlich war es 3 Jahre vor meinem Abschluss (mittlerweile musste ich auf die Realschule wechseln) so weit, dass morgens wenn ich das Klassenzimmer betrat alle links und rechts an die Wände sprangen, "iiiiiiiih die xyz *Nachname* kommt" schrien, angeekelt von mir weg sprangen. Einige von ihnen hielten sich noch irgendwas vors Gesicht oder den Körper um sich "zu schützen".
Dazu gab es mittem im Unterricht laute und sehr demütigende Sprüche, quer durch das Klassenzimmer gebrüllt, die die Lehrer auf jeden Fall hörten - aber sie ignorierten. Es hieß "Nur weil du deine Hose hoch ziehst bis zu den Titten brauchst du nicht meinen dass du keinen BH brauchst" - vor der gesamten Klasse und den Lehrern. Es war so unglaublich demütigend, so verletzend, ich hätte am liebsten losgeheult und wäre nie wieder dorthin gegangen. Ich wollte nur noch nach Hause. Aber ich blieb stark. Ich blieb immer stark. Weil ich musste. Immer schaffte ich es bis nach Hause, bevor ich anfing zu weinen. Niemals ließ ich mir etwas anmerken und immer tat ich, als ob es mich nicht interessierte, was abging. In Wirklichkeit war ich innerlich kaputt, ich konnte nicht mehr. Ständig wünschte ich mir zu sterben, einfach nicht mehr hier zu sein. Weil mich in der Schule niemand leiden konnte, weil ich außerhalb der Schule nur wenige Freunde hatte und weil meine eigenen Eltern mich nicht unterstützten. Mein Erzeuger mich sogar selbst noch psychisch terrorisierte.

Als ich endlich meinen Abschluss in der Tasche hatte und wusste in 1 Woche wäre ich hier raus und würde nie wieder an diesen Ort zurückkehren müssen, war ich so überglücklich. Plötzlich trat eine Art Selbstbewusstsein in mir auf, diese "Personen" zu ignorieren.
Eine Rolle als akzeptierte Person, Freundin habe ich trotzdem seitdem niemals gefunden.

Klaus W
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Re: Eigene Erfahrung

Beitragvon Klaus W » Do 29. Sep 2011, 11:57

Hallo Psychotante, und herzlich willkommen hier im Forum. Dein Text ist mehr als willkommen und erwünscht, das ist der richtige Ort. Ich finde ihn niederdrückend, traurig und gut.

Hast Du denn für Dich zu einer befriedigenden Erklärung finden können warum Du so ausgegrenzt und herabgesetzt wurdest, oder beschäftigt Dich das noch.

LG

Klaus
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Re: Eigene Erfahrung

Beitragvon Achtsamkeit » Do 29. Sep 2011, 16:07

Hallo,
deine Erlebnisse sind sehr verletzend gewesen. Es ist unverständlich, dass kein Lehrer eingeschritten ist.
Konntest du dich keinem Vertauenslehrer oder Schulpsychologen aufsuchen und um Hilfe bitten?
Alle Achtung, dass du das bis zum Abschluss ausgestanden hast.

LG Achtsamkeit
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Re: Eigene Erfahrung

Beitragvon Mirjam » Do 29. Sep 2011, 16:30

wenn das in der 3./4. Klasse angefangen hat hätte sie Beistand der Eltern gebraucht.
Schuldigung, wenn ich vorweg nehm.

Hallo PsychoTante !

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LG
Mirjam

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Re: Eigene Erfahrung

Beitragvon Achtsamkeit » Do 29. Sep 2011, 16:40

Das hast du recht. An erster Stelle natürlich die Eltern , aber auch der/die Klassenlehrer/in.
Das ist absolut inakzeptabel, dass da keiner reagiert hat!
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Re: Eigene Erfahrung

Beitragvon Remedias » Do 29. Sep 2011, 18:43

Hallo Psychotante,
mir stehen gerade die Tränen in den Augen; ich kann es so gut nachfühlen. Ich wurde von der 7. - bis zur 11. Klasse fürchterlich gemobbt, dann mussten die Rädelsführer wegen schlechter Schulnoten vom Gymnasium und dann wurde es schlagartig besser. Mir ging es auch so, dass mir keiner geholfen hat - meinen Eltern gegenüber habe ich freilich auch nicht viel erzählt, ich schämte mich viel zu sehr, dass ausgerechnet mir so etwas Schlimmes passierte.
Deshalb reagiere ich heutzutage sehr aggressiv, wenn jemand dem Opfer noch die Schuld gibt. In so einer Besch......Situation und dann noch selber schuld sein, das geht garnicht. Die Opfer sind oft besonders nette, besonders soziale Menschen und ganz oft sind sie auch intelligenter als die Mobber.
Es ist schrecklich, dass dir keiner zur Hilfe kam. Ich war vor meiner psychischen Erkrankung auch Grundschullehrerin und Mobber haben von mir jedesmal soviel Ärger bekommen, dass sie sich zweimal überlegt haben, ob sie in der Schule jemanden fertig machen. Aber auf dem Schulweg und in der Freizeit konnte ich nicht dabei sein. Und dabei musste ich auch lernen: Ich konnte erzwingen, dass ein Kind in Frieden gelassen wurde, doch ich konnte nicht erzwingen, dass die Anderen seine Freunde wurden. Deshalb war das Selbstbewußtsein des betroffenen Kindes trotz meiner Hilfe im Keller. Denn nichts ist so wichtig in der Schulzeit wie Freunde haben.

liebe Grüße Remedias

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Re: Eigene Erfahrung

Beitragvon PsychoTante » Fr 30. Sep 2011, 20:49

Ich danke euch für eure vielen Antworten. Es hat wohl gut getan darüber so ausführlich zu sprechen - es möchte leider nie jemand hören. Und niemand von denen, denen es nicht so ging, hat das Mitgefühl, das einem gebührt, wenn man soetwas durchleiden musste.
Zwar hat das Mobbing schon vor 3 Jahren aufgehört, als ich die Schule verlassen habe. Aber es ist alles in mir drin. Wann immer jemand auf der Straße lacht, wenn er sich mit jemandem unterhält, denke ich dass er/sie über mich lacht. Wann immer ich jemanden tuscheln sehe, denke ich die Person lästert über mich. Und jeden Tag werde ich durch irgendetwas daran erinnert. Wenn ich die Leute von früher treffe, weiß ich nicht wie ich mich verhalten soll und schlagartig ist wieder alles in meinem Kopf.
Täglich werde ich in meinem Verhalten und Empfinden durch das was passiert ist beeinflusst. Est tut so weh...

Klaus: Nein, ich habe nie herausgefunden warum ich so fertig gemacht wurde. Ich habe es mir so oft überlegt, ich hätte es so gerne gewusst. Wahrscheinlich war ich einfach ein leichtes Opfer, weil ich mich nicht gewehrt habe, da ich ja schon von daheim aus kein Selbstbewusstsein hatte.
Immer habe ich den Fehler bei mir gesucht, habe geweint weil ich nicht erfahren durfte was ich falsch mache. Und es hat mich so geprägt, dass ich heute bei allem das schief geht denke, dass es mein Fehler war.

Achtsamkeit: Der Vertrauenslehrer wurde vom Klassenlehrer vorgeschlagen. Eigentlich waren es gute Voraussetzungen: er war relativ jung, sehr beliebt und nicht streng aber konsequent. Er war wirklich jemand, der sich dafür eingesetzt hat - hat aber nichts gebracht, also hat er die Schulleitung vorgeschlagen und sich zurückgezogen.
Die Schulpsychologin wurde einfach ohne Aufforderung vom Klassenlehrer informiert. Zu dieser wurde ich dann gerufen, ob ich wollte oder nicht und jeder wusste davon. Sie hat mich dann behandelt als wäre ICH das Problem und hätte nicht alle am Christbaum. Außerdem hat sie mit mir gesprochen als wäre ich unterbelichtet. Sie war wohl (obwohl ich nichts gegen Therapeuten habe normal) genau solch eine Person, als die Psychologen von manchen Leuten abgestempelt werden. Und zu diesem Treffen, das hinter meinem Rücken und gegen meinen Willen festgesetzt wurde, hat sie einfach die Jugendarbeiterin des Dorfes in dem ich damals gewohnt habe, dazu gebeten. Natürlich auch ohne meine Bitte und gegen meinen Willen! Ich wurde einfach nicht gefragt.
DAS GANZE wurde einfach über meinen Kopf hinweg entschieden! Zuerst gab es ein Gespräch zwischen uns Dreien, bei dem ich wie gesagt behandelt wurde, als wäre ich ein Problemkind um das man sich Sorgen machen muss - also die Anderen haben natürlich keine Schuld...
Dann wurden alle beteiligten mit dazu gebeten, wir haben uns alle in einen Kreis gesetzt und ich musste es über mehrere Stunden allein mit diesen beiden "Psychologen" die gegen mich waren und mit allen diesen Personen die mich fertig machten allein ertragen. Schon allein deswegen hätte ich heulen können.
Die wurden halbherzig gefragt warum sie das machen und was ICH machen könnte damit sie aufhören und mich mögen... - so viel mal dazu. Aufgehört hat das Ganze natürlich trotzdem nicht! Es wurde ein "Vertrag" geschrieben, den alle unterschreiben mussten, was sie auch taten. Alle taten total freundlich als wenn sie mir nie wieder etwas tun würden und mich ja eigentlich mögen würden - und draußen ging alles weiter...

Mirjam: Hallo Mirjam, danke für deine Liebe Begrüßung. Stimmt, ich habe mich noch gar nicht vorgestellt. Aber eigentlich wollte ich in dieser Nacht nur mal ins Forum schauen und etwas lesen - und plötzlich hatte ich dieses Gefühl, dass ich es unbedingt schreiben muss! Da habe ich gar nicht dran gedacht, mich vorzustellen. Das werde ich natürlich noch nachholen!
Und ja, du hast so Recht. Ich hätte meine Eltern so sehr gebraucht!

Achtsamkeit & Mirjam: Das Beste war ja noch, dass der Klassenlehrer, als es richtig heftig los ging, mit an die Wand werfen usw., dass eben dieser Klassenlehrer früher mal Polizist war!!! Und was meinte er, als meine Eltern mit ihm gesprochen haben, ich unter Tränen daneben? "TJA ES GIBT JA KEINE BEWEISE!" - und direkt hinter diesem A..., wann immer er den Gang entlang kam, haben sie mich angeschrien...aber es gibt natürlich keine Beweise...

Remedias: Es freut mich, dass ich mal einen "Gleichgesinnten" entdeckt habe - auch wenn ich soetwas niemandem wünschen würde! Nur denen, die mir das angetan haben, denen wünsche ich, dass es ihnen im Leben auch mal nur halb so schlecht geht, wie es mir damals ging...und sie sollen sich dabei an mich erinnern. Diese %^!"?***...
Du hattest noch das "Glück", dass sie die Schule verlassen mussten, genau wie es so jemandem gehört (auch bei mir war es ein Gymnasium!!!!!) - auch wenn es aus einem anderen Grund war. Die, die mir das angetan haben, haben heute alle Abitur, während ich die Schule verlassen musste, weil ich zu schlecht wurde - das ist gerecht...
Das, was du in deinem letzten Absatz schreibst, ist so wahr. Und es hat so wehgetan, zu sehen, dass selbst die paar, die irgendwann aufgehört haben (sehr wenige!) mich nie gemocht haben - ich habe so furchtbar an mir gezweifelt. Ich fühlte mich wirklich so, wie sie mich beschimpft haben: hässlich, fett (ich hatte damals fast mein Idealgewicht!), gehasst und vollkommen überflüssig.
Der schlimmste Spruch für mich, der mal gefallen ist, war: "Wie viele seid ihr denn?" (Frage eines neuen Lehrers wegen den Arbeitsblättern) - wir waren 30, als Anmerkung. Die Klasse "Wir sind 29"...

Klaus W
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Re: Eigene Erfahrung

Beitragvon Klaus W » Sa 1. Okt 2011, 01:02

Klaus: Nein, ich habe nie herausgefunden warum ich so fertig gemacht wurde. Ich habe es mir so oft überlegt, ich hätte es so gerne gewusst. Wahrscheinlich war ich einfach ein leichtes Opfer, weil ich mich nicht gewehrt habe, da ich ja schon von daheim aus kein Selbstbewusstsein hatte.
Immer habe ich den Fehler bei mir gesucht, habe geweint weil ich nicht erfahren durfte was ich falsch mache. Und es hat mich so geprägt, dass ich heute bei allem das schief geht denke, dass es mein Fehler war.
Hallo Psychotante,

Dann, finde es heraus, unbedingt. Finde heraus, wie Dein Mobbing in Deiner Vergangenheit begründet liegt. Therapieaufgabe.

Die Täterschuld zu sehen hilft nicht weiter, sich selbst die Schuld zu geben (sich verdammen) auch nicht.

Meine Meinung zu dem Thema habe ich hier: viewtopic.php?f=84&t=5969&start=8 einmal zusammengefasst (und in den anderen Posts in dem gleichen Thema).

Klaus
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PsychoTante
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Re: Eigene Erfahrung

Beitragvon PsychoTante » Sa 1. Okt 2011, 13:10

Hallo Klaus,

ich habe mir deinen Beitrag hinter dem Link durchgelesen. Und das im Zusammenhang mit deiner Aufforderung, heraus zu finden an was es gelegen hat, zeigt mir, dass ich schon längst geschrieben habe, was das Problem war:

Mein eigener Vater hat mich, seitdem ich 7 Jahre alt war (das ist so das Alter in dem man anfängt eine richtige eigene Meinung zu haben, sprich auch mal "Nein das Kleid will ich nicht anziehen!" und auch dahinter steht, mit zwar unreifen aber immerhin überhaupt mit Aktionen die diese Meinung unterstützen), psychisch fertig gemacht und mich immer klein gehalten.
Um das noch etwas näher zu definieren, damit man hier mal weiß welche Ausmaße das angenommen hat, einige Beispiele:

- er hat mir immer gesagt und gezeigt, dass ich sowieso nichts alleine schaffe
- er nannte mich "sowieso zu dumm für..."
- ständig war er sauer auf mich - und darunter versteht er etwas ganz anderes, als normale Menschen, die "mal sauer" sind: manchmal war es wegen Kleinigkeiten (was können KLEINE Kinder schon so furchtbares anstellen, dass die folgenden Aktionen gerechtfertig sind:?), manchmal hatte es nicht einmal einen Grund (und das ist wirklich so! ich behaupte nicht, dass ich als Kind immer ein Engel war, aber oft genug habe ich wirklich nichts getan! außerdem hatte ich das "große Geschwister-Phänomen" ganz alleine: wann immer im Haus etwas kaputt war, falsch gelaufen ist oder verschwunden war - ES WAR IMMER MEINE SCHULD! - und das, ohne dass ich mit Geschwistern aufgewachsen wäre). Das sauer sein, sah dann so aus, dass er über Wochen oder Monate kein Wort mit mir sprach, mich komplett ignorierte, d.h. habe ich mich mit meiner Mutter unterhalten, ist er mir einfach in Wort gefallen und hat angefangen mit ihr zu sprechen "weil ich ja gar nicht da bin" - sie ist voll drauf eingegangen. Er hat mich, wann immer er an mir vobrei gegangen ist, mich so dermaßen angerempelt, dass ich bis zu anderen Seite des Zimmer geflogen bin "weil ich ja gar nicht da bin". Die seltenen Sätze meiner Mutter, in denen ich mal vorkam, ignorierte er und fing mit etwas anderem an "weil ich ja gar nicht da bin". Und er sprach bei der Familie dann immer nur von "uns beiden", also ihm und meiner Mutter "weil ich ja gar nicht da bin" - Das war sein ignorieren. Natürlich nahm er mich auch nicht im Auto mit, wodurch ich alleine zuhause bleiben musste, wodurch ich Panik bekam.
Und ich wusste was ich zu tun hatte (das ließ er mir durch meine Mutter mitteilen): Ich hatte mich zu entschuldigen. Wie gesagt wusste ich sehr sehr oft nicht einmal für was. Oder es waren wirklich Kleinigkeiten. Dann musste ich mich x-Mal entschuldigen, immer und immer wieder. Und er ignorierte mich einfach. So musste ich wieder und wieder ankommen. Unter Tränen stand ich vor ihm - und er hat es noch genossen. Es gab keine Erwiderung darauf. Ich musste nur nochmal und nochmal ankommen.
Wenn ich weinte, schrie er mich an - das war seine einzige Reaktion auf mich.

Als ich 10 war, kam er in mein Zimmer und meinte, ich solle eine Liste schreiben, was ich alles mitnehmen möchte. In einer halben Stunde würde er wieder kommen, dann hätte diese Liste fertig zu sein und er würde meine Sachen packen und mich ins Heim bringen. In mir drin hat es einen unglaublichen Stich gegeben, vor Verletzung und Panik. Ich kann das Gefühl heute noch spüren, wenn ich davon erzähle. Damit ist er abgerauscht und ich saß über dem Blatt, das er mir hingeworfen hatte (ich hatte einen Stift in die Hand genommen, nachdem er mich angeschrien hatte, weil ich mich geweigert hatte) und weinte das ganze Blatt nass. Ich hatte Angst was passieren würde und schrieb alles auf. Ganz oben stand "Jonathan", mein Dalmatiner-Kuscheltier, das "immer da war".
Ich fange hier jetzt schon wieder zu heulen an, wenn ich das schreibe. Das ist etwas, was mir so unbeschreiblich weh getan hat - ich könnte niemals Worte dafür finden. Und ich werde es ihm niemals verzeihen. Er ist doch mein eigener Vater!
Eine Stunde später kam er wieder, ich hatte die ganze Zeit schon gezittert. Weil ich auf der Galerie oben mein Zimmer hatte, hatte ich heraus gefunden, dass er am Computer unten wirklich nach Heimen gesucht hatte.
Jedenfalls war er zwischendurch immer wieder hoch gekommen und hatte mich angeschrien weil ich geweint hatte und ich hatte schreckliche Angst. Ich hatte immer Angst vor ihm.
Wie gesagt, nach einer Stunde kam er dann, packte meine Sachen und zwang mich mit runter zu gehen. Meine Mutter hatte nicht 1x nach mir gesehen. Meine Mutter war nicht da und hat mich getröstet. Ich hatte Panik, meine Mutter war nicht da.
Sie sah zu wie er mich bis zur Tür brachte und unter Tränen hab ich sie angefleht, dass sie mir doch helfen soll. Und was sagt meine Mutter? "Tja was soll ich denn machen?" Die ganze Zeit war sie immer auf seiner Seite gewesen, egal was er mir angetan hatte. Wenn ich es wagte zu ihr zu sagen wie es mir geht, zählte sie mir nur auf, was ich alles falsch gemacht hätte. Dass die Schuld bei mir liegen würde. Dass ich ihn verstehen müsste!
Und jetzt, wo er mich wegbringen wollte, tat sie einfach NICHTS! Sie hätte einfach eiskalt zugesehen, wie ihr Mann ihre eigene Tochter wegbringt!
Und hat SICH SELBST auch noch in die Opferrolle gesteckt! Eine Rolle die sie im Verhältnis mit ihm wirklich nicht hatte! Wenn mein Mann sowas auch nur gewagt hätte, das auch nur ein einziges Mal erwähnt hätte, wäre er bei mir sofort vor der Tür gesessen. Niemand hätte es gewagt soetwas mit meinem Kind zu tun! Und sie...sie tat einfach nichts!
Das hat mir nochmal einen Stich versetzt.
Und dann hab ich getan, was ich wusste dass meine einzige Chance war (von der ich sowieso glaubte keine mehr zu haben): ich ließ mich wieder demütigen, indem ich mich wieder und wieder und wieder entschuldigte. Diese Tatsache kratzte ihn überhaupt nicht, er genoss es nur wieder, wie ich mich erniedrigte, wie ich mich klein machte, wie ich mich bei ihm entschuldigte, wie ich Angst vor ihm hatte...
Irgendwann, ich kann nicht sagen wann es war, ließ er mich dann "gnädiger Weise" zuhause bleiben.
Er ging mit mir rauf zu meinem Zimmer und schrie mich an: "Die Liste lässt du hier draußen an deiner Tür hängen, damit du weißt was passiert wenn du dich aufführst! Und damit jeder weiß was für ein schlechtes Kind du bist!"
Ich weiß noch jedes einzelne Wort.

Und jetzt soll es noch jemand wagen, jemand der keine einzige Träne geweint hat, während dieser Geschichte, mir zu erzählen dass ein Kind sich in diesem Alter hätte wehren können, dass ein Kind in diesem Alter Schuld daran hatte was passiert ist - und dass ein Mensch bei dieser Situation und Erziehung hätte Selbstbewusstsein aufbauen können. Selbstbewusstsein, das mich das Mobbing in der Schule hätte verhindern lassen können oder beenden lassen können.
Diese "Erziehung" hat mich erst zu diesem Mobbing gebracht, weil ich "nichts" war, ich war niemand als ich das Haus verlassen habe, wann immer ich es verlassen habe. Das war alles was er mir beigebracht hat.

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Re: Eigene Erfahrung

Beitragvon Angelita » Sa 1. Okt 2011, 14:40

Salü PsychoTante

Ihre Geschichte bewegt mich zu tiefst. Es ist unbegreiflich, dass Eltern so mit ihrem Kind umgehen u. dass dieser Terror bis in die Schule weiter gegangen ist.

Manchmal frage ich mich schon, haben Erwachsene kein Herz. Ist dort wo das Herz ist ein Stein? Es ist die Pflicht und die Menschenwürde gebiete es, dass Erziehungsberechtigte Schutz- u. Hilfebefohlenen beistehen, sie schützen u. verteidigen.

Ich bin geschockt - es ist unbegreiflich, was Sie alles aushalten mussten.
Gruss Angelita

“Man muss im Ganzen an jemanden glauben, um ihm im Einzelnen wahrhaft Zutrauen zu schenken.” H. v. Hofmannsthal

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Re: Eigene Erfahrung

Beitragvon Remedias » Sa 1. Okt 2011, 17:17

Hallo Psychotante,
ich glaube, du musst wirklich akzeptieren, dass dein Vater ein Sadist war und deine Mutter ein Schwächling. Du hattest keine Chance und bist nicht schuld. Ich hatte sehr liebe Eltern, bei mir war allerdings die Mutter strenger als mein Stiefvater; und bin trotzdem gemobbt worden und meine ein Jahr jüngere Schwester nicht; im Gegenteil, sie war noch mit einigen der Mobber befreundet.

liebe Grüße Remedias

Klaus W
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Re: Eigene Erfahrung

Beitragvon Klaus W » Sa 1. Okt 2011, 19:48

Psychotante,

was Du erzählst ist grausam, gruselig, herzzerreißend, zutiefst empörend. Ein Vater der die Tochter als Konkurrentin in Bezug auf mütterliche Aufmerksamkeit sieht und drakonisch für nichts bestraft, seinen Haß gewohnheitsmäßig an der Tocher ausläßt. Eine Mutter, wahrscheinlich in der Opferrolle, oder deren Rolle im Dunkeln bleibt. Was ist da, daß eine Frau einfach so tatenlos zusieht daß ihr Mann die eigene Tochter schwer mißhandelt. Das wäre ebenfalls ein hochwichtiges Thema. Da ist es aber insgesamt vollkommen verständlich daß man kein Selbstbewußtsein erringen kann. Die Mitschüler haben die Behandlung der Eltern praktisch weitergeführt. Besonders berührt mich der Teil mit den selbstgestrickten Pullovern von Deiner Mutter. Fehlendes Selbstbewußtsein ist also die Ursache für all Deine Probleme, das weist Du schon. Sehr gut.

Und es kann übrigens nicht darum gehen daß Du damals bei Deinen Eltern Schuld hattest. Es geht auch nicht darum Dir das fehlende Selbstbewußtsein vorzuwerfen. Oder daß Du Dich hättest wehren müssen. Das wäre ganz falsch. Du hattest keine Möglichkeit Dich zu wehren. Das war unmöglich. Du hattest keine Chance. Du weißt wo es herkommt, das ist gut, da hast Du schon viel, manche wissen es nicht.

Übrigens denke ich Du gibst Dir insgeheim doch noch die Schuld, was nicht verwunderlich wäre. Das mache ich an dem "Mein Fehler" im ersten Absatz Deines ersten langen Textes fest, wo Du darüber redest daß Du nicht ständig im Mittelpunkt stehen wolltest.

Du hast keine Frage gestellt sondern willst vermutlich einen Erfahrungsaustausch. Mir sticht allerdings der erste Endsatz ins Auge, daß Du Deine Rolle als akzeptierte Person nie gefunden hast.

Und da komme ich zum eigenem Anteil. Der eigene Anteil ist nicht das fehlende Selbstbewußtsein, eigener Anteil meint auch nicht Schuld. Eigener Anteil meint die konkreten Verhaltensweisen die man nicht gut hinbekam, die man auch nicht besser hätte inbekommen können. Das hinterläßt einen vielleicht erstmal ratlos. Die Ursache ist also fehlendes Selbstbewußtsein, ok. Was sind dann die Verhaltensweisen die man hätte vielleicht unterlassen müssen, oder tun müssen, je nach dem. Das kann eine ganz triviale Antwort sein, unter Umständen auch nicht. Und diesen eigenen Anteil, dieses Unvermögen, den schleppt man nach wie vor mit sich herum, und der hindert einen JETZT.

Beispiel: Ich habe es vielleicht aufgrund meines mangelnden Selbstbewußtseins nicht hinbekommen mich angemessen zu wehren. Oder bin überhaupt Opfer geworden. Oder: Ich habe mich zu stark gewehrt und die Situation verschlimmert. Oder: ich habe die Umwelt verachtet und so Haß auf mich gezogen. Oder: Ich habe zu sehr getrauert, damit Abstand geschaffen. Oder: Ich habe mich, oder wurde, mit Kleidung häßlich und zum Außenseiter gemacht. Oder: Ich wurde mit der Auswahl einer häßlichen Brille zum Außenseiter gemacht. Oder: Ich bin zu schnell zornig geworden. Oder: Ich habe mich durch peinliche Fehltritte verächtlich gemacht. Und so weiter.

Und diese Deine Gründe, egal welche das sind, sind nur interessant, falls sie heute noch zutreffen. Vielleicht ist so verständlicher in welche Richtung "Eigenanteil" weist. Der meint nicht Schuld in der Vergangenheit sondern Verantwortung im Jetzt.

Zur Wut will ich noch eine Anmerkung machen. Die Wut ist gut und schlecht zugleich. Es ist notwendig die Rolle der Eltern zu erkennen und die Emotionen wenn sie kommen angemessen herauszulassen. Holz hacken, Sport, Im Auto brüllen wenn einen niemand hört, usw. Sich die eigene Situation bewußt machen, in die Richtung. Andererseits bringt es nichts sich selbst zu bemitleiden. Es war eben so, man muß das Beste draus machen. Wenn man sich bemitleidet, ich selbst habe mich oft genug bemitleidet, ist das auch nicht schlimm. Es bringt einem nur auf Dauer nichts und kann sogar abstoßend wirken. Zum Beispiel Leute die sich dauerhaft in der Opferrolle einrichten.

So. Nun wäre ich auf Fluuu gespannt, ob der das möglicherweise als Fachmann nicht noch stringenter hinbekommt.

Stoff für eine Therapie, gegebenenfalls eine Verhaltenstherapie, wäre es trotz Deiner Einsicht immer noch, gerade in Hinsicht darauf daß Du ja offensichtlich es noch nicht bewältigt hast.

Achso, wenn Du Dich mißverstanden oder ungerecht behandelt fühlst sag es an, sonst hab ich keine Chance darauf einzugehen.

LG

Klaus
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PsychoTante
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Re: Eigene Erfahrung

Beitragvon PsychoTante » Sa 1. Okt 2011, 20:38

Mal ein kurzen "Zwischenhallo" an alle. Ich danke euch wieder für eure Antworten.
Ich werde mich später nochmal hinsetzen und ordentlich auf alle Antworten eingehen (besonders auch auf den langen Text von Klaus über den ich mich sehr freue :D ).
Ist nur gerade ein blöder Moment, ich melde mich später nochmal.

Mir ist nur gerade bei dir, Klaus, etwas eingefallen, zu dem was du geschrieben hast. Zu dem, als du die Verbindung zwischen damals und heute und meinem "nocht nicht bewältigt" schaffst: Also einen großen Anteil an dem HEUTE, hat die Tatsache, dass ich *nur als Feststellung, ohne jemandem die Schuld zu geben* durch das, was mein Vater damals mit mir veranstaltet hat, immer eine sehr falsche Beziehung zu Männern hatte. In dem Sinne, dass ich mich FRÜHER nicht getraut habe, ihnen überhaupt ins Gesicht zu sehen - das musste ich mir hart erarbeiten (was ich auch geschafft habe, wie ich ganz stolz sagen möchte). Und befreundet konnte ich mit gar keinem Jungen/Mann sein, weil ich niemals die Gelegenheit gehabt hätte, mit ihnen überhaupt in Kontakt zu kommen - denn wann immer es nur die kleinste Gelegenheit gegeben hätte, bin ich dieser aus dem Weg gegangen: im Supermarkt keinesfalls an eine Kasse an der ein Mann sitzt, keinem Jungen/Mann ins Gesicht sehen, nicht weg gegangen... Ich konnte damals nicht anders, aber ich wollte das jetzt mal erklären. Durch ihn habe ich eine komplett falsche Beziehung zu Männern gehabt und war unfähig, mit ihnen in Kontakt zu treten. Ich fühlte mich einfach hässlich und unwürdig das zu tun. Für mich war nach allem klar: die finden mich alle hässlich und abstoßend, genau wie es mir von den Mobbern in der Schule "beigebracht" wurde (und das "beibringen", diese Beeinflussung, die ist so passiv passiert. Ich wusste zwar wie weh mir das alles tut, aber ich habe nicht gemerkt, wie es sich in meinem Kopf immer mehr festgesetzt hat).
Eine große Veränderung, war meine neue Frisur, die meinen Typ und mein Innenleben absolut unterstrichen hat, und die neue Haarfarbe. Danach habe ich beim Friseur in den Spiegel gesehen und wusste: DAS bin ich! Ich war glücklich. Habe mich gut gefühlt. Wohl gefühlt. BEGEHRENSWERT gefühlt! Das war das Beste das ich tun konnte. Es hat mich irgendwie (wie auch immer eine Frisur das kann) zu einem Selbstbewusstsein gebracht. Ich bin mit erhobenem Kopf durch die Welt gelaufen. "Erhoben" hat mich erst auf die normale Ebene gebracht. Und plötzlich hatte ich auch mit den Menschen keine Probleme mehr.

Und Klaus, wieso hat dich das mit den Strickpullis berührt? :mrgreen:

Mirjam
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Re: Eigene Erfahrung

Beitragvon Mirjam » Sa 1. Okt 2011, 21:16

Hallo PsychoTante !

Das ist total beklemmend, wenn ich das les.
So wie ich das aber richtig gelesen hab, hattest du noch nie eine richtige Therapie, oder? Du schreibst ganz am Anfang mal von "einer gewissen Selbsttherapie", aber ich find, da wäre was Handfestes schon mal angesagt.
LG
Mirjam

Klaus W
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Re: Eigene Erfahrung

Beitragvon Klaus W » So 2. Okt 2011, 22:39

Psychotante, wie Mirjam sagt, das läßt sich im Grunde so nicht in Texten abschließen, dazu braucht man therapeutischen Raum. Insofern werden wir trotz aller Erörterungen immer an der Oberfläche bleiben. Im Grunde sind die Kindheitsnöte alles beklemmende, tieftraurige, herzzerreißende Dinge, mit denen man alleine überfordert ist, und wo auch Foren nicht adäquat helfen können.

Und ich will eine allgemeine Sache sagen. Die Gefahr bei Zwistigkeiten mit dem Vater ist immer, daß das von der Rolle der Mutter ablenkt. Die Rolle der Mutter als der Person die den meisten Einfluß im Alter bis 2, maximal 3 Jahre auf einen hatte ist allgemein unterschätzt, aber genau das ist die entscheidende Lebensphase, in der der Grundcharakter eines Menschen geformt wird. Alles andere setzt darauf auf. Jemand mit schwerwiegenden Vaterproblemen ist in Gefahr, auf der Ebene zu bleiben und nie zu den Mutterproblemen vorzustoßen. In der allermeisten Fällen ist die Mutter die eigentlich Hauptschuldige, deren Rolle bleibt jedoch zumeist verkannt. Der Vater bekommt dann meist die Dresche ab. Und das um so mehr, wenn er auch wie in Deinem Fall real große Schuld auf sich geladen hat. Dann ist der Weg zur Erkenntniss über die Mutter zusätzlich versperrt, manche erreichen den Punkt nie. Das ist auch nichts was man mit dem Lesen eines Textes ändern kann, ich gebe das mal einfach noch so mit. Wer weis ob oder wann es relevant wird.

Die Strickpullis, das setzt bei der Mutter an. Wer schickt seine Kinder schon mit Stricksachen in die Schule, das finden zwangsläufig alle häßlich, egal wie schön die Sachen an sich sind. Wer will in der Schule schon das bestrickte Nesthäkchen sein. Man will cool vor den anderen Sein, Stricksachen sind uncool. Deine Mutter hat Dich so vor den anderen häßlich gemacht und damit den Spott befördert. Es ist vielleicht besser das jetzt nicht weiter zu vertiefen, das greift höchstwahrscheinlich zu weit, wird vermutlich Deinen energischen Protest hervorrufen. So oder so, wie auch immer diese konkrete Situation real gewesen sein mag, die Rolle der Mutter gälte es, wenn nicht sofort, so doch zumindest später einmal aufzudecken.


Was Du zu Deinen Männerbeziehungen schreibst, wie Du die Kasse wechseln musstest, sie nicht einmal anschauen konntest, das ist mir aus Deinen Erzählungen heraus mehr als verständlich. Du stellst den Zusammenhang ja auch selbst her. Eine Frage scheint mir da noch offen, WARUM er so zu Dir war. Wieso hat er Dich so mißhandelt, wie kam er zu seinem Verhalten. Vermutlich nichts was Du ihn fragen solltest, da wäre wohl eher abzuraten. Das läßt sich auch hier nicht abhandeln, das wäre ein Therapiethema. Genauso wie die Mutterprobleme Therapiethema sein könnten, angesichts dessen, wie gut Du bei Deinem Vater Bescheid weist. Was auch wichtig wäre, gab es vielleicht auch schöne Erlebnisse mit Deinem Vater. Vielleicht waren sie nicht oft, aber wenn es sie gäbe wäre es wichtig sich auch daran zu erinnern.

Und sehr gut, daß Du schon einige Schritte über die Veränderung Deines Äußeren gegangen bist, das ist ein sehr guter Anfang.
Mit den richtigen Worten kann man alles sagen, mit den falschen Worten nichts.


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