AD(H)S + Anpassungsdruck

Hier posten Sie bitte spezifische Beiträge zum Thema ADHS, POS sowie Störungen der Emotionen, des Sozialverhaltens und der Bindungsfähigkeit mit Beginn in Kindheit und Jugend, z. B. auch Bettnässen (Enuresis), Trennungsangst, Stottern, Tics,
Jonas
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AD(H)S + Anpassungsdruck

Beitragvon Jonas » Mi 16. Aug 2006, 06:13

Auf der Webseite der ZEIT fand ich einen hochinteressanten Buchtipp und Artikel zum Thema AD(H)S und Ritalin:

"Eine Krankheit. Keine Krankheit

Aufklärung wider die Unsicherheit: Ein Buch für alle Erwachsenen, die sich fragen, ob der Auffälligkeit vieler Kinder mit Ritalin abzuhelfen ist ...

... Der Band 'ADHS – Frühprävention statt Medikalisierung', herausgegeben von einer Psychoanalytikerin, einer Psychologin am Max-Planck-Institut für Hirnforschung und einem Neurobiologen, erteilt den verschiedenen Experten das Wort: Ärzten, Soziologen und Hirnforschern, Lehrern und Pädagogen, Psychiatern, Analytikern und Psychotherapeuten, und eine interdisziplinäre Gruppe von Mitarbeitern des Frankfurter Sigmund-Freud-Instituts ist dabei, die eine langjährige Präventionsstudie verantwortet. Zu den Autoren zählen namhafte Professoren, erfahrene Praktiker und Studenten. Das Buch gehört, auch wenn es auf die Stimmen der betroffenen Eltern und Kinder weitgehend verzichtet und einen historischen Beitrag zur Sozialgeschichte der Kindheit hätte vertragen können, zum Besten, was man zu ADHS heute lesen kann. Auch, weil es den naheliegenden Vereinfachungen entgeht und stattdessen dem Leser zutraut, den Forschungsstand verstehen zu wollen.

Gleich eingangs hält Leuzinger-Bohleber fest: »Es gibt bislang kein einziges Verfahren, mit dem eine objektive Unterscheidung mittels naturwissenschaftlicher Methoden zwischen einem hirnstoffwechselgestörten ADHS-Kind und einem nicht hirnstoffwechselgestörten normalen Kind möglich wäre.« Gestört, normal: An diesen Begriffen führt ärztlicherseits meistens kein Weg vorbei. Die Lage wird nicht leichter dadurch, dass alle Eltern gern ein besonderes Kind haben, nur eben lieber kein auffälliges. Und Normalität, betont Hartmut Amft, ist historisch: Wenn Psychopharmaka wie Ritalin längst üblich, längst normal geworden sind, kann ein ärztlicher Verzicht, das Medikament zu verschreiben, auf Eltern auch so wirken, als werde ihrem Kind Normalität nicht gestattet ...

... Der Sozialpädagoge Dieter Mattner führt in seinem Beitrag die Wissenschaftsgeschichte der Diagnose vor Augen, in der er die »Biologisierung abweichenden Verhaltens« erkennt. Er erinnert daran, wie vor gut hundert Jahren die Aufmerksamkeit als prekäre Voraussetzung dafür erkannt wurde, sich an die Normen der modernen Arbeitswelt anpassen zu können. Und gibt also zu bedenken, dass die Zunahme von wahrgenommenen kindlichen Auffälligkeiten nichts anderes sein könne als ein Seismograf kindlicher Nöte unter postmodernen Lebensbedingungen. Hartmut Amft geht mit seiner These noch einen Schritt weiter, dass nämlich die Gesellschaft heute Ritalin samt der biologischen Deutung von Auffälligkeit benötige, weil sie anders mit den Problemen der Anpassung nicht mehr umgehen könne ..."

Marianne Leuzinger-Bohleber/Yvonne Brandl/Gerald Hüther (Hrsg.): ADHS – Frühprävention statt Medikalisierung

Theorie, Forschung, Kontroversen; Verlag Vandenhoeck & Ruprecht, 2006; 306 S., 34,90 €

http://www.zeit.de/2006/33/st-Unruhige-Kinder?page=all
http://www.eigener-planet.de/

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