Bulimie und Angehörige - Wie richtig verhalten?

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PsychoTante
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Bulimie und Angehörige - Wie richtig verhalten?

Beitragvon PsychoTante » Mo 3. Okt 2011, 01:06

Mein bester Freund (dazu muss ich sagen dass ich ihn liebe - das lässt das Ganze nämlich in einem völlig anderen Licht erscheinen) hat Bulimie seit er 13 Jahre alt ist.
Früher hat er über 100 Kilo gewogen und damit "abgenommen". Mittlerweile ist er 23 Jahre alt und es ist eigentlich ein Wunder, dass er noch so gesund ist (also organisch gesehen bezüglich der Folgen).
Er geht offen damit um. Also ihm ist bewusst dass er Bulimie hat und er spricht auch darüber. Zumindest hat er mir gegenüber kein Geheimnis daraus gemacht. Er hat mir damals auch erklärt, dass er massiv fertig gemacht wurde, als er noch über 100 Kilo hatte - daher scheint es wohl zu kommen, wie ich denke (ist ja auch vollkommen verständlich).
So viel mal zur Geschichte.

Jetzt geht es mir einerseits darum, wie ich mich ihm gegenüber am besten verhalten soll - sodass ich ihn nicht nerve, nicht verletzte und er sich angenommen fühlt, wohlfühlt. Kurz gesagt: Wie gehe ich angemessen mit ihm um?
Und ein weiterer wichtiger Punkt ist: Wie kann ich ihm helfen? Mir ist klar dass ich keine Ärztin oder Therapeutin bin, diese auch nicht ersetzen kann und dass er die Hilfe selbst wollen musst - diese Punkte brauchen wir nicht nochmal aufwärmen.
Mir ist es sehr wichtig, dass er gesund wird. Er war schon mal in einer Klinik, hat das Ganze aber abgebrochen. Er meint auch, dass er mehr weiß als die Therapeutin - den Rest dazu kann man sich ja denken.
Ich liebe ihn sehr und wahrscheinlich kommt jetzt als Erstes wieder der Satz, dass ich als Person die ihn liebt nicht objektiv beurteilen und handeln kann. :roll:
Aber ich möchte ihm helfen und für ihn da sein. Mir ist nur nicht so ganz klar, wie ich das machen soll. Es nutzt nichts ihn zu fragen, er würde mir darauf keine richtige Antwort geben. So etwas in der Art hatten wir schon. Er ist es nicht anders gewohnt und denkt deshalb, dass er das alles allein mit sich selbst ausmachen muss. Nur leider ändert auch die Aussage nichts, dass ich für ihn da bin, wann immer er mich braucht usw.

Es wäre mir wichtig Antworten von Betroffenen zu bekommen, die mir sagen was sie sich wünschen würden. Und was eine Chance wäre um ihnen persönlich zu helfen, damit sie davon los kommen.
Und vielleicht gibt es auch ein paar Experten, die mir helfen können?

Liebe Grüße und schon mal danke! :)

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Remedias
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Re: Bulimie und Angehörige - Wie richtig verhalten?

Beitragvon Remedias » Mo 3. Okt 2011, 18:18

Ein Junge, der an Bulimie leidet; ist sehr selten; ich kann nur von der weiblichen Seite ausgehen, weil ich unter Anorexie gelitten habe und meine damalige beste Freundin unter Bulimie ( wir waren keine Teenager, sondern Beide 25 Jahre alt) . Bulimikerinnen sind für mich die perfekten Frauen; sie wollen in allem toll sein; und sie wollen keinesfalls jemandem zur Last fallen. Sie haben Probleme damit, sich was Gutes zu tun; sie verwöhnen sich beispielsweise mit Essen und k..... es hinterher wieder aus. Meine Freundin hat mal ein Bild gemalt mit Kuchen, Eis, Schokolade und sagte mir: "Das sind die Sachen, die ich gerne esse." Ich weiß jetzt nicht, wie weit das auf bulimische Männer zutrifft. Auf jeden Fall ist auch die Grenze zur Anorexie fließend; wenn meine Freundin es schaffte nix oder nur "gesunde" Lebensmittel (Gemüse, Obst) zu essen, fühlte sie sich sauber, rein und selbstbewußt; aß sie andere Dinge, dreckig, unrein und als eine Versagerin. Das Erbrechen war dann wieder ein Weg;
sich erneut rein zu fühlen. Das heißt, Essen wird auch mit einem Kontext aufgeladen, den es eigentlich nicht hat; Essen ist schlicht Essen.
Wie bin ich damit umgegangen? Erstmal konnte mir meine Freundin alles erzählen. Das heißt, ich habe ihr zuerst erzählt, dass ich hungere und mich zusammen nehme und daraufhin hat sie mir das von der Bulimie erzählt. Aber helfen konnte ich ihr nicht. Sie hat erst damit aufgehört, als sie sich in einen Mann verliebt hatte, der sie auch leiden mochte, wenn sie ein paar Kilo mehr wog. Bei deinem Freund kommt ja irgendwie dazu, dass er wegen seines Übergewichts gemobbt (ja, ich weiß, schon wieder dieses Wort) wurde und deshalb panische Angst vorm Zunehmen hat. Die Angst ist nicht unberechtigt, denn bei Anorektikern wie Bulimikern läuft der Stoffwechsel im Hungermodus; wenn normal gegessen wird, nimmt man also tatsächlich zu. Wichtig ist, dass sich dein Freund etwas Gutes gönnen kann. Er lebt im Krieg mit seinem Körper; und da kann der Körper nix dafür; im Gegenteil, man sollte ihn wertschätzen, weil er unsere Seele durchs Leben trägt.
Ich habe mich übrigens selbst geheilt. Mit 38 Kilo Gewicht bei 1,74 cm Größe habe ich mir gesagt: "Ich will nicht sterben, ich will leben. Und ich will essen und will lachen und will den Mann finden, mit dem ich essen und lachen kann." Nach diesem Entschluss hörte ich auf zu hungern.
Ich hatte zugenommen, aber das war nicht das Problem, weil ich immer noch sehr schlank war.
Nur jetzt mit Neuroleptika habe ich 30 kg Übergewicht bekommen, aber das ist eine ganz andere Geschichte.

liebe Grüße Remedias

PsychoTante
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Re: Bulimie und Angehörige - Wie richtig verhalten?

Beitragvon PsychoTante » Mo 3. Okt 2011, 22:43

Vielen dank für deine gefühlvolle Antwort. Sie hat auch mich sehr berührt.
Es tut mir (wirklich - und nicht so wie es immer dahergesagt wird) leid, dass auch du soetwas durchmachen und aushalten musstest. Jeder Einzelne, der sowas durchmachen muss, ist Einer zu viel!
Ich finde es so furchtbar, dass diese Menschen teilweise wirklich denken, diese Krankheit ist ihr Freund und gehört zu ihnen, will ihnen etwas Gutes und nicht die Freunde, die ihnen sagen wie wichtig sie ihnen sind und dass sie sie lieben egal wie viel sie wiegen.
Mein Freund macht zusätzlich noch unglaublich viel Sport - hatte ich das erwähnt? Er joggt zweistellige km-Zahlen, macht beim Marathon mit (mit Loch im Herzen!), fährt hunderte von km (ungelogen!) mit dem Rad, macht immer und immer weiter.
Er hat es sogar geschafft bei der Musterung so zu tricksen, zu lügen und falsche Eindrücke zu schaffen, dass er als tauglich befunden wurde. Niemand hat gesehen dass er totkrank ist! (Wie auch, denen war es nur wichtig noch irgendwo ein paar dumme für ihre "Armee" zusammen zu kriegen...). Ich hatte so grausame Angst um ihn! Angst dass er eines Tages zusammenbricht und auf der Intensivstation nicht mehr zu retten ist - weil er einfach immer weitermacht.

Wenn man ihm das sagt, lacht er einen aus. Darum bin ich ihm nicht mal böse. Vielleicht kann er es sich so nicht eingestehen, dass es eigentlich wahr ist.

Jedenfalls MUSS ich ihm einfach helfen. Immerhin sieht er es ein, dass er die Krankheit hat. Mittlerweile scheint er in die Magersucht abgerutscht zu sein, er ist dürr wie ein Knochengestellt. Es sieht wirklich furchtbar aus. Wenn er so weitermacht, schätze ich wird er bald sterben - das muss man einfach mal so sagen wie es ist.

Ich finde dieses Thema sehr interessant (auch wenn sich das bei einer Krankheit dumm anhört) und habe alles darüber gelesen, was mir in die Finger gekommen ist. Und es ist wahnsinn, wie viel dahinter steckt, obwohl es eigentlich nur eine Kleinigkeit ist, die es auslöst...

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Re: Bulimie und Angehörige - Wie richtig verhalten?

Beitragvon fluuu » Mo 10. Okt 2011, 18:40

Hallo,
habe einiges erlebt im 'Psychobereich' und auch hier gibt es praktische Erfahrungen.
Hatte vor über 10 Jahren eine Freundin die an Bulimie litt.
Es endete für mich als damals noch bipolar Betroffener in der Tagklinik.
Heute weiß ich, man kann als Angehöriger nicht helfen, es ist eine Sucht,
man kann nur versuchen nicht mit in den Strudel gezogen und Co-Abhängig zu werden.
So ernüchternd wie es klingt aber man kann einen Essgestörten weder mit Liebe
noch durch Liebesendzug von der Sucht abhalten, sie ist stärker.
Das einzige was man tun kann ist versuchen selber stabil zu bleiben bei allen
Extremen die man als Partner miterleben muss und den Betroffenen zu Animieren
sich der professionellen Hilfe zu stellen. Nur sie hat den Abstand um Methoden
anzuwenden die den Suchtkranken auf einen anderen Weg weisen.
Sport als Ausgleich für extreme innere Zustände ist eine Möglichkeit um die
Sucht zu kompensieren, sich selbst dabei nicht zu zerstören und Mitmenschen
nicht ins Verderben zu ziehen.
Innerlich loslassen ist für so eine Beziehung ratsam aber das trifft auf alle Beziehungen
zu in denen die Partner am Limit leben müssen um sich zu spüren, das gibt es öfter.
gruß fluuu

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Re: Bulimie und Angehörige - Wie richtig verhalten?

Beitragvon Wotan60 » Di 6. Jan 2015, 21:45

Hallo zusammen

Ich habe vor kurzem erfahren das meine Freundin Bulimie hat.
Das habe ich aber über ihre Schwester erfahren, nicht von ihr selbst.
Sich weis auch nicht das ich es weis, natürlich sind mir Anzeichen aufgefallen da ich sie ja gut kenne.
Um etwas weiter auszuholen ich habe seit etwa 4 Jahren eine Depression, habe von Klinikaufenthalten über Therapeuten alles durch, habe lange Tabletten geschluckt.
Ein Symtom war Essstörung, mir war immer schlecht trotz Hunger.
Zu dieser Zeit war ich mit ihr zusammen und sie war auch immer für mich da auch wenn ich unausstehlich war.
Vor ca 2J hat sie Mich verlassen weil sie keine Kraft mehr, weil es ihr selber nicht besonders gut ging.
Nach einen halben Jahr hat sie sich dann wieder gemeldet das sie mich nicht vergessen kann und wie es mir geht.
Das sie mich verlassen hat war für mich der Anlass endlich aktiv was gegen meine Krankheit zu unternehmen.
Nach einen erneuten Aufenthalt in einer Klinik war ich zwar noch nicht wie neu aber soweit das ich wieder nach vorne schauen konnte und das sie wieder in mein Leben getreten ist war Traumhaft.
Nach einem Jahr hin und her haben wir ( sie ) dazu entschlossen das wir es nochmal versuchen, ohne Druck oder desgleichen. Es hat auch wunderbar funktioniert und ich hab gespürt das es für sie auch das richtige ist.
Seit ein paar Wochen habe ich Veränderungen wahrgenommen.
Sie hat gegenüber mir Ausreden benutzt warum wir uns nicht sehen können usw.
Im Nachhinein und mit meiner eigenen Geschichte im Hintergrund hätte ich was merken müssen.
Sie hat zwar schon ein paar mal erwähnt das ihr schlecht ist und sich schon übergeben hat aber wer denk schon gleich an das.
Sie sagt auch zu mir das es zwischen uns nicht geht aber so offiziell kann sie auch nicht sagen das es aus ist.
Jetzt zu meiner Frage

Wie soll ich mich verhalten?
Es soll keiner mitbekommen das ich es von ihrer Schwester weis
Sie will mich nicht sehen
Soll ich sie darauf ansprechen das ich den Verdacht habe?

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Remedias
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Re: Bulimie und Angehörige - Wie richtig verhalten?

Beitragvon Remedias » Mi 7. Jan 2015, 17:41

Wotan, ja, da du ja selbst von einer psychischen Erkrankung betroffen bist, ist es ziemlich plausibel, dass du dich bei psychischen Erkrankungen wie den Essstörungen auskennst. Ich würde der Freundin sagen, dass du den Verdacht hast durch ihr Verhalten. Vielleicht ist sie ja froh, dass sie dich zum Anvertrauen hat.
Vielleicht reagiert sie abwehrend - aber dann hat sie zumindest im Hinterkopf, das du was bemerkt hast. Bulimiker brauchen immer viel Zeit für sich alleine und Abstand zu anderen, damit sie ihren Ess- Übergeben - Ritualen nachgehen können, sie laufen auch nach dem Essen auf Toilette, haben oft merkwürdige Essgewohnheiten, man riecht es - ich hatte mal eine Bulimikerin in der WG und finde, dass es ziemlich auffällig ist, wenn man sich ein bißchen auskennt.

liebe Grüße Remedias


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