gefühle oder was?

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mamschgerl
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gefühle oder was?

Beitragvon mamschgerl » Sa 20. Aug 2016, 17:55

das problem bei der komplexen ptbs ist einfach, daß sich während der frühkindlichen und kindlichen erlebnisse lebensnotwendige abspaltungen der eigenen person ergeben haben.
in der folge ist das nicht wieder in ordnung zu bringen, da positive und haltgebende empfindungen noch vor dem entstehen im keim erstickt wurden. wie also jetzt, nach jahrzehnten, gefühle zulassen bzw. aufspüren, die man nicht kennt?
diese abspaltung hatte den zweck, psychische und physische schmerzen nicht spüren zu müssen, auszublenden.
das bedeutet in der folge, daß man mit sich selbst nie in kontakt getreten ist, sondern nur eine fassade aufgebaut hat, damit die umwelt einen anscheinend "normalen" menschen sehen kann, der so funktioniert, wie man sich das allgemein vorstellt.
ich spiele, seit ich denken kann, in einem film und sehe mich als schauspielerisch minderbemittelte aktrice, die mittlerweile zu oft ihren einsatz verpasste und in der konsequenz rausgeworfen wurde.
ich weiß nicht, ob menschen, die diese derealisation und depersonalisation und dissoziationen und die allgegenwärtige leere nicht so kennen, überhaupt verstehen können, was es heißt, keine gefühle zu haben?
meinen sohn zu lieben, bedeutet für mich, uns objektiv zu betrachten und mir als mutter zu sagen, was getan werden muss, damit sich ein kind wohlfühlt. ich könnte meinem sohn nie wehtun, denn ich weiß, wie schlimm das ist. aber ich kann das nur so sehen, weil ich uns von außen betrachte und demzufolge beurteile. ich kenne schmerzen und will sie daher niemandem zufügen. ich kann mitleiden und haß und zorn empfinden, recht von unrecht unterscheiden, ich sehe auch, wenn andere überfordert sind und biete hilfe an, doch das gelingt mir nicht bei mir selbst.
weder kann ich um hilfe bitten noch sie annehmen. auch das habe ich nie gelernt, wie so vieles, was gesund gewesen wäre und mich vor diesem absturz hätte bewahren können.
ich kenne meine grenzen nicht, ich hatte nie welche, ich musste mir zusehen und mich als irgendeine person betrachten, zu der ich dann sagen würde, daß sie sich so nicht behandeln lassen muß, dann erst kann ich für mich selbst reagieren.
das hört sich fast an, als ob ich aus zwei persönlichkeiten bestehen würde, aber ich versuche damit nur, "hohl" mit "reaktion" zu füllen und beides ergibt dann eins.
was mir nicht gelingt, mitleid mit mir selbst zu haben. ich kann nicht verstehen, was ich besonderes an mir sehen sollte oder an dem, was ich bisher "geleistet" habe. ich habe halt funktioniert und das getan, was getan werden musste. ( Scheiße, klingt das doooof!!!! )
aber das verstehen auch die therapeuten nicht, leider, denn das sind ja die hauptgründe, weswegen die gängigen therapieverfahren bei mir so sinnlos sind. gewisse gefühle zuzulassen sind voraussetzungen, aber was, wenn man sie nicht hat?
ich verstehe überhaupt nicht, was die ärzte von mir wollen, weil ich nur höre, daß sie von mir etwas erwarten, was ich nicht habe und wenn ich das sage, wird mir mangelnde kooperation unterstellt.
ich denke nicht, daß ich ein guter mensch bin, weil ich mitleid empfinden oder sehen und spüren kann, wenn jemand hilfe braucht oder er am ende ist. das ist das, womit ich mich auskenne und da gebe ich alles, um dieses leid zu lindern, vielleicht, um mir selbst auch etwas linderung zu verschaffen, um mir zu beweisen, daß es auch anders geht, daß man leiden auch beenden kann, wenigstens bei anderen.
ich habe soviel mist gebaut, soviel erlebt und gesehen, zugelassen oder vernichtet, abgeschmettert, vor den kopf gestossen, habe selbstzerstörerisch gelebt und habe nie stillgestanden.
ich habe nichts gesehen, was mich an etwas gutes glauben lässt und ich denke, das liegt daran, daß ich gutes nicht erkennen kann.
es beruhigt mich, daß mein sohn viele gute dinge in erinnerung behalten hat. vorlesen, ausflüge in den wald unternehmen, fahrradtouren, picknicke, gemeinsames lernen des unterrichtstoffes, viele gespräche und vor allem, viel knuddeln.
ich erinnere mich nicht daran...ich erinnere mich an so vieles nicht, was vergangen ist und kann mir nicht vorstellen, was morgen ist und das war schon immer so...
ich könnte fast sagen "e.t. will nachhause telefonieren" um endlich jemanden zu finden, der das versteht und mich kurz mal anhält und sagt, daß der punkt erreicht ist, an dem mich das nicht mehr beunruhigen muss und das verstellen ein ende hat.
ich würde mich gerne freuen können, das muss toll sein... :|

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Laura
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Re: gefühle oder was?

Beitragvon Laura » Mo 22. Aug 2016, 16:23

Hallo mamschgerl!

Eigentlich könnte man schon die Aufforderung "Du musst Geduld mit Dir selbst haben!" als aberwitzigen Widerspruch verstehen. Müssen? Schon wieder müssen? Müssen ist unangenehm konnotiert. Gut zu sich sein, aber im müssen-Modus, also wenn man denn da die Worte auf die Goldwaage legen wollte: Gut zu sich sein, das aber hau-ruck, gut zu sich sein, aber nur indem man gleichzeitig schon wieder schlecht zu sich ist!

Neuerdings kursieren ja schon die geflügelten Worte "Einen Scheißdreck muss ich!". Man kann ja immer nur das, was man kann. Und was man nicht kann, kann man auch nicht müssen.

Aber was mir nun in der Folge all Deiner Postings in diesem Forum auffällt, bzw. bei welchen "Ohren" das bei mir ankommt, ist, dass Du Dich anscheinend dauernd verkannt und missverstanden fühlst, unterschätzt, zu Unrecht in die Strafecke abgestellt, kurz und gut, als würdest Du jetzt, da Du Deinen Peinigern schon längst entkommen bist, bei anderen Menschen auch die Befürchtung hegen, sie könnten Dir dasselbe oder Ähnliches antun wollen wie Dein Vater und Deine Mutter in dessen Fahrwasser. Und dass Du deswegen schon mal vorausschicken willst, dass Du durchaus was durchschauen und entlarven und Dich dann zudem wehren kannst.

Hm, psychologisch kann man immer viel analysieren und bei der nächsten schwierigen Situation ist dann lange Zeit trotzdem alles so schwierig wie eh und je. Hinzu kommt, dass andere Menschen hinter ihren starken Fassaden ja auch ihre Verletzlichkeiten haben und schnell gekränkt sein können, wenn ihnen schnell misstraut wird. Das weiß man ja selber oft auch erstmal nicht so genau, ob man jemandem zu Recht oder zu Unrecht misstraut. Klüger ist man immer nur hinterher.

Ich finde es aber schon einen starken Charakterzug von Dir, dass Du in diesem Forum recht schnell im Nachhinein von Dir aus die Klärung und die Versöhnung suchst unter Preisgabe Deiner Schwäche. Du riskierst damit immerhin etwas, nämlich einerseits, dass Dein Versöhnungsangebot abgelehnt werden könnte, andererseits, dass Du Deine "Lindenblattstelle" wieder ganz deutlich zeigst. (Hui, welch grausiger Vergleich mit der Siegfriedssage, ich neige so zu einer drastischen Ausdrucksweise) Solche "Übungen" gehören sicherlich auf dem Weg dazu, zu entdecken, dass die anderen (und bekanntlich sind die anderen ja die Hölle!) gar nicht so grausam sind, dass sie einfach nur doch nicht exakt so sind wie man selber. Der Vergleich mit der Lindenblattstelle ist nach meinem Geschmack durchaus krass, aber für mich dennoch ein guter Ausdruck dafür, wodurch Misstrauen (ein ums andere Mal) bedingt werden kann. Nämlich durch die Angst davor, mit dem Zeigen seiner Wunden alles andere als Schutz dieser zu erfahren. Dennoch verläuft ja im realen Leben alles meist nicht nur platter, sondern dafür auch unböser ab als in spektakulären Sagen.

Und übrigens entdecke ich in Deinen Postings durchaus einiges von mir selber wieder, dann aber auch Dinge, wo ich merke, dass ich da doch ein bisschen anders bin. Insofern muss ich zugeben, dass ich mich bei Dir, wenn ich Dir eine Antwort schreibe, auch immer in der "Gefahr" sehe, von Dir missverstanden zu werden und ratzfatz in einen Streit mit Dir geraten zu können. Und verletzlich bin ich durchaus selber und kann dann gelegentlich auch überreagieren! Vielleicht wären wir uns in manchen Punkten sogar zu ähnlich, um uns gegenseitig wirklich stützen zu können. Zu wenig privat-professionelle Distanz zwischen Betroffenen also.

Dann gibt es aber auch Themen wie "Diese doofen Therapeuten", wo ich Dir nicht noch Auftrieb darin geben möchte, und zwar gerade deswegen, weil ich für mich selber mit diesem Thema noch nicht ganz damit abgeschlossen habe, aber doch gerne so langsam damit abschließen möchte. Und verbunden damit möchte ich Dir wiederum nicht den Weg verbauen, dass Du doch noch (mehr) kompetente professionelle Hilfe bekommen kannst. Will heißen, ich möchte Dich in Deinem Misstrauen gegenüber Therapeuten möglichst nicht bestärken, auch wenn ich aus meiner Erfahrung heraus genauso gut behaupten könnte, dass dort Misstrauen schon seine Berechtigung hätte. Aber so pauschal-negativ will ich mir das selber nicht einmal vorstellen. Schließlich und endlich habe ich mit dem, was sich offiziell Psychotherapie nennt, selber nur zweimal als Patientin Erfahrungen gemacht, einmal eine mittelmäßige und ein anderes Mal eine "unglaubliche". Mit anderen Berufsgruppen in diesem Bereich habe ich aber durchaus viele Erfahrungen gesammelt und halt auch nicht nur gute. Da hatte ich auch schon oft das Gefühl, ich sei (grad mal wieder) vom Regen in die Traufe geraten. Andererseits sind all die guten Erfahrungen, die ich mit Helfern gemacht habe, umso wunderbarer für mich, weil ich halt auch jemand bin, der von Zweifeln/Misstrauen/Ängsten eigentlich nur so zerfressen ist, sich aber dennoch weiterhin nach einem glücklichen Leben sehnt und nicht einfach nur den GAU abwenden möchte.

Liebe Grüße

Laura

P. S. Hab meinen Text nachträglich etwas editiert, nicht, um Inhaltliches gänzlich abzuändern, sondern in der Hoffnung, durch eine nachkorrigierte Ausdruckweise Missverständnissen vorzubeugen.
Es ist o. k., wenn nicht alles supertoll ist. Wenn alles supertoll wäre, dann wäre alles nur noch o. k.

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Re: gefühle oder was?

Beitragvon mamschgerl » Mi 24. Aug 2016, 07:02

hallo laura,
ich habe schon mal vor einiger zeit geschrieben, daß du mir unbekannterweise sehr symphatisch bist.
dein beitrag bestätigt mir dieses gefühl.
schade ist nur, daß ich anscheinend dazu verleite, vorsichtig bei mir sein zu müssen, wei ich oft so heftig reagiere bzw. durch meine art oft manches in den falschen hals bekomme.
das tut mir leid, auch deshalb, da du und vielleicht auch andere durch mein geschreibsel ziemlich runtergezogen werden und daher auch die lust verlieren, auf irgendetwas von mir einzugehen.
ich denke, ich komme sehr, sehr negativ und hoffnungslos rüber, was in vielen dingen begründet liegen mag, aber mir noch lange nicht das recht gibt, zu denken, daß es ausnahmslos so ist.
ich möchte auch niemanden von meinen empfindungen und schlüssen daraus überzeugen, daß die welt von grund auf schlecht ist.
nur, weil ich nichts positives entdecken kann, heißt das schließlich nicht zwangsläufig, daß es nichts positives gibt.
das kann auch nur für mich gelten, nie für andere und es liegt mir nichts ferner, als jemanden die hoffnung auf ein gutes leben zu schmälern oder schlecht zu reden.
ich entschuldige mich dafür, so viel negative empfindungen hervorgerufen zu haben, ich bin auch nicht besser, ich rede zuerst, dann denke ich. meine impulsivität steht mir oft im weg, ich kann zwar vorausschauend am straßenverkehr teilnehmen, aber im zwischenmenschlichen bereich fehlt mir diese voraussicht.
wenn ich meine beiträge im nachhinein durchlese, hätte ich mir schon öfters den kopf gewaschen.
nur, leider, es nützt nichts. aber es nützt dir und feuerchen z.b. auch nichts, so etwas von mir zu lesen und bei reaktionen darauf antworten zu bekommen, die durch die blume besagen, daß ihr keine ahnung habt, was natürlich absolut falsch ist.
im grunde genommen weine ich darüber, daß ich bestimmte positive gefühle nie haben werde.
ob ich aus wut darüber weine oder einfach um diese gefühle trauere, kann ich nicht mit bestimmtheit sagen.
was ich sagen kann, ich finde es gut, wenn es menschen gibt, denen es gelingt, positives zu sehen, wenn es ihnen begegnet, das hast du vollkommen richtig erkannt, ich erkenne es nicht mehr oder will es auch gar nicht sehen, weil mir scheinbar positives immer gepaart mit ausnutzung, hinterlist und bosheit begegnet.
ob ich letzteres immer unterbewusst selbst forciere, ist eine theorie, der ich aber viel raum gebe.
ich habe sehr viel wut in mir, die sich dann natürlich bahn bricht und sich ihr recht nimmt. ich kann dann also verbal um mich schlagen, alles mies machen, so lange, bis ich für mich behaupten kann, daß ich das schlechte wieder erfolgreich abgewehrt habe. daß ich damit auch das positive bekämpft habe, fällt mir erst hinterher auf.
das wiederholt sich in allen erdenklichen lebenslagen und wird sich leider nicht ändern, das gehört zum großen teil zu den folgeerscheinungen, die sich ergeben haben.
vernunft hilft da nicht, erkenntnis leider auch nicht, wie du weißt.
aber, und das möchte ich betonen, ich denke nicht mehr so wie vor jahren, daß die komplette menschheit verlogen und bösartig ist. ich habe zwischenzeitlich anderen personen die möglichkeit gegeben, etwas näher an mich heranzukommen und mir ist nichts passiert!!
sicher, auch diese menschen werden nie ganz an mich treten dürfen, aber immerhin habe ich sie nicht sofort weggestoßen. das ist nämlich sonst meine art, sowie jemand einfach nur mal nett sein möchte, ohne irgendwelche hintergedanken, dann suche ich nach den haken. sind diese nicht da, suche ich weiter, bis der besagte mensch mit diesem mißtrauen so überfordert ist, daß er sich wehrt und geht. und ich, tja, ich denke dann, daß ich doch wieder recht hatte mit meiner vermutung. wenn das nicht total bescheuert ist, was dann?
ich neide niemandem gute gefühle, erlebnisse, hoffnungen, zuversicht, liebe etc und möchte diese empfindungen niemandem absprechen, nur weil ich so etwas nicht kenne.
gäbe es so etwas nicht, dann würde wahrscheinlich kein mensch mit mir sprechen, ich hätte keinen sohn und wahrscheinlich hätte ich mich schon längst mit alkohol und drogen ins jenseits befördert.
abe hey, es ist früh am morgen, der himmel strahlt in herrlichem blau, es wird warm heute und ein wunderbarer tag.
meinen katzen geht es gut, sie lieben sich und ich fühle mich gut, wenn sie mich morgens begrüßen und mir zeigen, daß sie nicht nur ihr fressen von mir wollen.
meinen kaffee und mein cigarillo kann ich genießen, obwohl ich gleichzeitig wieder ein paar tränen wegdrücken muss, aber damit kann ich so langsam leben.
und ich weiß, daß ich in ein, spätestens zwei jahren an irgendeinem see leben, meine ruhe und meinen frieden finden werde, daß ich lerne, mit dem gedanken zu leben, daß kein druck mehr auf mich ausgeübt wird und ich mein leben gestalten kann, wie ich es will und dann nicht nur den gedanken habe, sondern es auch wirklich mache.
das ist das erste mal, daß der einzige wunsch, den ich jemals hatte, tatsächlich in erfüllung gehen könnte. ich muss es nur zulassen können...
also will ich eigentlich nicht mehr negativ denken und bin wirklich dankbar, daß es menschen wie dich und feuerchen gibt, die mir "zuhören", aber auch ehrliche antworten gebt. ( und ich finde es toll, dramatische szenen aus sagen als metapher zu benutzen und überhaupt nicht schwülstig )
ist die sprache nicht ein wunderbares instrument? zwar schwierig, zu beherrschen, aber es lohnt sich, immer wieder dazu zu lernen.

l.g. mamschgerl

...und übrigens, ich lege nicht immer alles auf die goldwaage [-( :wink:

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Re: gefühle oder was?

Beitragvon mamschgerl » So 25. Dez 2016, 08:09

schreiben befreit.
meine therapeutin meinte auch einmal, warum ich nicht täglich schreibe, was mich bewegt und tage danach durchlese, um mir einen überblick zu verschaffen. es ist ein gängiges hilfsmittel bei gewissen behandlungsmethoden. ich dachte, daß ich das nicht hinbekommen würde, doch irgendwie klappt es wohl in dieser art und weise, mit dem durchlesen meiner beiträge in diesem forum.
ich habe geschrieben, daß ich an einem see leben möchte, das aber muss aus finanziellen gründen weiter ein traum bleiben. was kein traum bleiben wird, ist meine eigene wohnung. hier habe ich bereits alles machbare in erfahrung gebracht und ich hoffe, daß es nicht zu lange dauern wird, bis ich meine tür zu meiner wohnung hinter mir schließen kann.
ich werde zurück in das stadtviertel ziehen, in dem ich mit meinem mann, dem vater unseres sohnes, lebte, wo er gestorben ist, meinen sohn aufzog, wo er zur schule gegangen ist, seine freunde hat, wo ich meine eigene wohnung hatte, wo ich wieder leben möchte, denn ich habe mich dort, um dieses wort zu gebrauchen, zuhause gefühlt, unbedrängt, relativ sicher.
es ist machbar und kein unerfüllbarer traum, es ist real.
ein wichtiger und nicht zu unterschätzender aspekt ist das gefühl, frei zu sein.
ich muss mir nur immer wieder sagen, wie wichtig das für mich ist, um nicht wieder die selben fehler zu begehen.
da ich aber nicht mehr trinke, keine medis und sonstigen drogen mehr nehme, rechne ich mir gute chancen aus, da es mir so leichter fällt, ehrlich zu mir selbst zu sein.
es ist ein neuer lebensabschnitt in vertrauter umgebung, das ist spannend und zugleich auch ein wenig beängstigend, aber hierbei in positivem sinne.
ich spüre eine energie in mir, ähnlich wie auf einer wasserrutsche, kurz bevor man in die röhre springt.
vielleicht geht es bungee-springern auch so oder bergsteigern.
es ist eine erwartungsvolle anspannung auf das gefühl, von dem man weiß, daß es eintreffen wird, wenn man den ersten schritt getan hat.
wie auch immer, ich bewege etwas und entscheide es ganz allein und diesmal mit dem wissen, daß es richtig ist und nicht aus einer sehnsucht heraus nach etwas, was ich nie haben kann.
das ist neu für mich und ich bin sehr gespannt.

ich werde mir genau diesen beitrag , wenn es soweit ist, wieder durchlesen und hoffe, daß alles positiv verlaufen sein wird.

grüße an alle
mamschgerl

N-wie-Name
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Re: gefühle oder was?

Beitragvon N-wie-Name » Fr 6. Jan 2017, 22:19

Liebe Mamschgerl,

nachdem du mir so freundliche und tiefsinnige Antworten geschrieben hast, bin ich neugierig geworden, und habe mir ein paar Themen angeguckt, die du geschrieben hast. Zuletzt bin ich auf dieses hier gestoßen, und es hat mich sehr gefreut, zu lesen, dass sich die Perspektive mit der eigenen Wohnung für dich aufgetan hat!

Möchte dir einfach nur mitteilen, dass ich dankbar für deine Posts bin und ich drücke dir dolle die Daumen, für dein neues Wohnen! :D :wink:

N.

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Re: gefühle oder was?

Beitragvon mamschgerl » Mi 11. Jan 2017, 19:52

...tja, und es zeigt sich wieder einmal, wie unberechenbar die depressionen sind, 'himmelhoch jauchzend' und 'zu tode betrübt' geben sich einander im fröhlichen wechsel die stäbe in die hand ohne vorwarnung, daß sie wieder wechseln wollen. ich kann mich nicht darauf einstellen und falle jedesmal wider besseren wissens darauf rein, denke jedesmal, daß ich jetzt wieder eine phase habe, die länger anhält, die mich aufstehen und angelegenheiten regeln lässt, sogar optimismus rieselt in kleinen prisen durch diese dicke außenmauer, in der sich zwischen den quadern aus granit licht hereinstiehlt, nur um dann unter all den zukunftsgedanken, die mir so im kopf herumschwirren, feststellen zu müssen, daß ich schon eine ganze zeit lang heule...ich habe es noch nicht mal selbst bemerkt...mein sohn stand neben mir und fragte wiederholt, bis ich endlich mal registrierte, daß er da war, ob ich was brauche, was los sei oder so ähnlich und am ende, ob es 'nur' mein übliches geheule wär, also daher nichts außergewöhnliches in diesem sinne oder ob er sich sorgen machen müsse.
wie weit kann selbstlüge gehen oder selbsttäuschung, daß ich noch nicht einmal bemerke, daß ich heule?
oder ist es schon so selbstverständlich, daß ich es schon nicht mehr wahrnehme?
das macht mir angst, daß ein solcher zustand zur normalität wird, daß ich rumrenne und das nicht mehr mitbekomme und mich am ende wundere, warum mich andere so irritiert anschauen...
es ist mir egal, was andere denken, wenn ich mir in dem moment meines zustandes bewusst bin, aber wenn ich das gar nicht merke?
im moment schaut es so aus, daß ich bezweifle, schritte, die mich meinem eigenen zuhause näher bringen, unternehmen kann, ich habe nichts, aber rein gar nichts im griff...
wie es wohl weitergehen wird?

N-wie-Name
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Re: gefühle oder was?

Beitragvon N-wie-Name » So 15. Jan 2017, 21:52

Es wird weitergehen, und du wirst weiterkommen.
Zumindest glaube ich das, und ich glaube an dich, auch wenn ich dich nur aus ein paar Nachrichten kenne. Woher der ganze Glaube? Weil du über dich schreibst, und dich damit selbst reflektierst. Es klappt vielleicht nicht immer in jedem Augenblick, sich seiner selbst bewusst zu sein - na und? Dann schreibst du es halt auf, und bist es dann. Du bist ok.
Außerdem glaub ich an dich, und dass du zu deiner Wohnung kommst, weil du schon Schritte in die Richtung gemacht hast. Das blöde an Plänen ist, dass sie so unglaublich schnell gedacht werden können - diese Gedankengeschwindigkeit steht in absolut keinem Verhältnis zu der nötigen Realisationszeit. In gedachten Plänen kommt nichts dazwischen, vor allem nicht das eigene Befinden. Die Realisierung dann zu machen, fühlt sich ganz anders an, als den Plan zu denken. Dann scheint der Plan vielleicht mal unrealistisch - aber es liegt gar nicht am Plan oder den eigenen Fähigkeiten, nur an den blöden Gefühlen, die so verwirrend sein können. Der Plan hat Schritte, und meist steht als einziges fest, dass alle Schritte gegangen sein müssen, um am Ziel zu sein. Ein paar Schritte hast du schon gemacht. Den nächsten schaffst du auch. Und dann kannst du wieder heulen, dich wieder schlecht oder gut oder gar nicht fühlen, ausgiebig, so lange wie du es halt brauchst. Und dann wieder einen Schritt.
Vielleicht hast du den Kram schon 1000 mal gehört, und jetzt hast du ihn schon wieder hier vor dir. Ich drücke jedenfalls weiter die Daumen! :wink:

mamschgerl
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Re: gefühle oder was?

Beitragvon mamschgerl » Do 23. Mär 2017, 14:37

...es ist schon ende märz und immer noch habe ich nichts konkretes in der hand.
ämter reagieren ewig nicht und wenn, fehlt eben mal wieder was, das man nachreichen muss und wieder vergehen wochen um wochen und keine chance in sicht, um das zu beschleunigen.
es ist so mühselig, wenn man von irgendwem egal in welcher form abhängig ist, ich hatte früher nie probleme in dieser art, entscheidungen wurden gefällt und dann alles nötige veranlasst.
in einer situation zu stecken, aus der man nicht rauskommt, weil man nicht so kann, wie man will, ist eine der beängstigenden erfahrungen, die ich in meinem leben machen konnte und nun erlebe ich genau das wieder.
andere haben die macht darüber, ob es weitergeht und ich etwas freiheit finde oder nicht.
hätte ich nicht schon depressionen, bekäme ich sie spätestens jetzt.
man liest von solchen problemen, aber daß ich mich damit selbst mal herumärgern müsste, kam mir nie in den sinn, manche vorgänge erinnern mich an bücher von ephrahim kishon, nur lachen kann ich leider nicht darüber.
dadurch rücken die vorhaben immer wieder in weite ferne, obwohl sie manchmal schon recht nah schienen und irgendwie verliert alles an realität, so als könnte sich durch eine unsichtbare macht all das gar nicht verwirklichen und ich sehe mich als hamster im laufrad, irgendwann falle ich einfach tot um.
nur, weil ich zwischendurch mal anrufe, weiß ich, daß die anträge bearbeitet werden, es dauere zwar seine zeit, aber es sei am laufen...zumindest kann ich dann wieder einige zeit beruhigt sein, ich weiß, es liegt nicht an mir und ich habe alles in meiner macht stehende getan.
und trotzdem wirkt alles so unecht, die zeit tröpfelt nur so dahin, aber ein blick auf den kalender zeigt mir, wieviel zeit schon verstrichen ist und ich kann nur hier sitzen und warten...wie gesagt, wäre ich nicht schon völlig durch den wind, dann wäre jetzt der passende moment, durchzudrehen.
ich weiß, die bescheide werden kommen und die nächsten schritte können getan werden, aber wenn es jedesmal so lange dauert, bin ich in zwei jahren immer noch hier und kann von meinem eigenen heim weiterhin nur träumen.
das einzug positive daran ist zweifellos, daß ich einem roten faden folge hin zu einem ziel, das ich wirklich erreichen muss und dann kann ich weitersehen. es lenkt mich ab von der sinnlosigkeit und leere.
aber trotzdem, könnte es bitte nicht etwas schneller gehen?

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Re: gefühle oder was?

Beitragvon mamschgerl » Mo 24. Apr 2017, 09:45

...ich habe versucht, meiner therapeutin zu verdeutlichen, in welchem zustand ich mich befinde und seit ich denken kann, befunden habe.
sie fragte mich, was denn da helfen würde?
ich war versucht, alles mögliche zu antworten, doch das wäre vielleicht ungerecht ihr gegenüber gewesen, letztlich will sie ja auch nur helfen.
was da hilft, ist dröhnung in jeder form, doch was, wenn ich genau das nicht mehr ertragen kann?
ich befinde mich in einem zwiespalt: zum einen spüre ich ständige angst, bedrohung, gefahr, die sich aber auf nichts konkretes, greifbares bezieht, es ist einfach ein ständiger gefühlszustand. zum anderen rät mir meine therapeutin dazu, wieder medikamente zu nehmen, damit das wieder gedämpft wird und ich mich um andere dinge kümmern kann.
aber mein horror vor mitteln, die meine psyche beeinflussen und ich dadurch nie sicher wissen kann, ob jetzt ich selbst agiere oder der unter einfluss stehende teil von mir, lässt mich davor zurückschrecken.
ich würde gerne mal wissen, wie es ist, sich sicher in seiner haut und überhaupt zu fühlen, ich kenne das nicht.
ich weiß nur, daß es schön sein soll, daß man, wenn man unbeeinflusst von ängsten und bedrohungsgefühlen ist, offen für so viele andere dinge im leben sein kann, die freude, genuss, lust auf leben bedeuten.
um was geht es also?
die wahrnehmung ist in beiden fällen falsch, welche ist falscher oder anders, welche ist erträglicher?
ist es besser, unter ständiger anspannung und vollem erleben aller attacken zu bleiben, dafür aber in dem wissen, daß es irgendwie realer ist, weil nur man selbst, oder ist es sinnvoller, das alles ( zwar nur teilweise, aber immerhin...) mit medis zu dämpfen, dafür aber nicht zu wissen, welche reaktionen von einem selbst oder von den medis herrühren, was wiederrum zu erheblichen selbstzweifeln führt?
ich wollte, ich fände eine antwort...

mamschgerl
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Re: gefühle oder was?

Beitragvon mamschgerl » So 7. Apr 2019, 07:48

...ca 3 Jahre später...was ist in der Zwischenzeit alles passiert?
Eine Trennung von einem Partner, der keiner war, gute Sache.
Eine eigene Wohnung genau in dem Viertel, in das ich ziehen wollte, gute Sache.
Die Sicherheit, ohne Medis, ohne Alkohol, ohne Drogen leben zu können, gute Sache.
Alle guten Dinge sind drei, aus diesen Dingen ergeben sich weitere kleine und gute Dinge ( einige habe ich sogar selbst erkennen können, es musste mich also niemand mit der Nase draufstupsen, damit ich es sehe ).
Was sich nicht geändert hat: es gelingt mir nicht, meine unkontrollierten Emotionen wie plötzliches Heulen ohne Grund oder die fürchterlichen Stimmungsschwankungen unter Kontrolle zu bringen, meine Freßattacken kann ich immer noch nicht eindämmen, die heftigen Reaktionen auf Nachrichtenmeldungen über Kindesmissbrauch in den Griff zu bekommen, ist ein unmögliches Unterfangen...ich leide immer noch unter Schlafstörungen, Alpträumen, Dissoziationen, Angstzuständen, schweren Depressionen etc etc, aber das alles mal weggedacht, geht's mir soweit gut.
Denn, wie gesagt, ich erkenne mittlerweile auch wieder Positives, obwohl es meistens nicht mich oder meine direkte Umgebung betrifft. Ich kann wieder lächeln, wenn ich Verliebte sehe, Kinder im Innenhof spielen und lachen höre, wenn alle Vögel im Morgengrauen den Tag begrüßen...ich sehe den wunderschönen Himmel mit all den Farben und phantastischen Wolkengebilden und all den flüchtigen Gestalten, die aus ihnen geformt werden...ich mag es, wenn der Regen aufs Dach trommelt...
So gesehen betrifft einiges schon doch mich selbst, denn zuzulassen, daß ich Positives sehe und erkenne, bedeutet auch, es an mich heranzulassen, auch wenn sich immer ein subtiler, bitterer Beigeschmack bemerkbar macht, doch so langsam lerne ich auch, daß dieser Beigeschmack nichts mit dem zu tun hat, was in Echtzeit geschieht. Seit ich mich erinnern kann, konnte ich nur in den Genuss von etwas Positivem kommen, wenn ich das unverhältnismäßige Negative, das immer mit einherging, ertragen habe. Es kommt eben nicht von ungefähr, daß sich für mich Positives von Negativem nicht unterscheidet, weil beides nur als Ganzes zu bekommen war.
Es ist wie bei Drops: süß-sauer.
Man gewöhnt sich an den Geschmack und irgendwann kennt man es nur so und wahrscheinlich mag man es auch, denn es ist eine Gewohnheit, die sich einschleicht und Gewohntes bringt Sicherheit. Keine Sicherheit, daß einem nichts geschehen kann, sondern diese Sicherheit, die einem Vertrautheit vermittelt und einem vorgaukelt, daß einem hier nichts Unerwartetes widerfahren kann. Es ist eine grausame und verstörende Sicherheit, in die man sich trotz der Schmerzen, Tränen und Wut, die sie mit sich bringt, flüchtet, eben weil es vertraut ist, man kennt es so, man ist so aufgewachsen, andere Lebensformen bringen nur Ungewißheit und das Infragestellen der eigenen Wahrnehmung.
Ich habe leider nicht die Gabe, mich selbst neu zu erfinden, neu zu erschaffen, bei 0 anzufangen.
Aber immerhin habe ich einen Platz gefunden, an dem ich etwas Ruhe und Frieden finden kann, hier aber auch im positiven wie im negativen Sinne.
Fazit: mein Leben ist ein Drops.
Diese Erkenntnis bringt mich zu einer weiteren Erkenntnis: ich steh' damit nicht alleine.
Der Unterschied zu all den anderen, denen es genauso geht, ist, wie ich damit umgehe.
Jeder hat seine eigene Methode, damit klarzukommen, man ist nichts Besonderes und Jammern hilft am wenigsten ( obwohl, manchmal muß man auch das mal zulassen, wie sonst könnte man erkennen, daß man sich eben nicht dem Selbstmitleid hingibt? ).
Es ist schon starker Tobak, was einem Psychotherapeuten während der Behandlung abverlangen, ob denen das in diesem Ausmaß eigentlich bewusst ist?
Wäre ich mir darüber im Klaren, würde ich eventuell wieder eine Therapie beginnen, aber ich bin eher der Meinung, daß die Therapeuten, mit denen ich es bis dahin zu tun hatte, eben nicht begreifen können, daß der Vorschlag, Sport zu treiben, um negative Gedanken zu vertreiben, vielleicht nicht ganz so das Mittel der Wahl darstellt, um der Komplexität der erkrankten Psyche beizukommen.
Diese Vorschläge sind vergleichbar mit der Ameise auf dem Rücken des Elefanten, die erfolglos versucht, ihn zu würgen und zu Fall zu bringen.
So, nun ist's aber genug, heute ist wieder ein schöner Frühlingstag, meine Wohnung ist sauber und aufgeräumt, der Kaffee und der Cigarillo schmecken gut und ich glaube, daß ich mich auch mit meiner neuen Jahreszahl, der 54, anfreunden kann :mrgreen:
L.G. mamschgerl


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