B(G)efangen durch Trauma

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Marlen
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B(G)efangen durch Trauma

Beitragvon Marlen » Do 23. Okt 2008, 20:35

Hallo Ihr Lieben,
ich weiß einfach nicht so genau weiter. Ich arbeite beruflich mit Kindern und nehme meinen Beruf sehr ernst. Ich betreue seit längerem ein Kind, welches sehr leidet und sich mit 7 Jahren selbst umbringen möchte. Dieses Kind hat mich als Bezugsperson ausgewählt und durch die viele Zeit, die sie bei uns in der Einrichtung ist, ist sie mir irgendwie ans Herz gewachsen.
Da es dem Kind sehr schlecht geht, haben wir die notwendigen Schritte veranlasst und hoffen auf schnelle Hilfe.

Mein Problem ist, dass mich zum Einen dieses Kind an meine eigene Vergangenheit (auch an mein Trauma) erinnert und zum Anderen merke ich, dass ich an meine Grenzen stoße- weil ich das Gefühl habe, dem Kind nicht wirklich helfen zu können. Hinzu kommt, dass sich in mir mein „eigenes Kind“ (kennt jemand die Arbeit mit dem“ inneren Kind“?) meldet und ich eine große Traurigkeit und Hilflosigkeit spüre. Ich habe das Gefühl, dass ich momentan Berufliches und Privates nicht gut trennen kann und habe Angst, dass ich nicht kompetent handeln kann.Obwohl ich mir Hilfe von Außen (Beratungsstellen, Jugendamt)geholt habe.
Mein Trauma hat mich wieder eingeholt, es ist wie ein Schlag ins Gesicht. Es lässt mich nicht los oder lasse ich es nicht los?

Meine Kollegin sagt, ich soll dieses Kind als „Akte“ ansehen- aber es ist ein Kind und ich kann es nicht. Mir geht es total schlecht in meiner beruflichen Rolle, ständig habe ich Sorge, dieses Kind könnte sich tatsächlich etwas antun.
Ich bin momentan ziemlich fertig, ich habe das Gefühl, ich muss auf der Arbeit für dieses Kind da sein und kann mir nicht erlauben, mal zu fehlen. Als ich vor Kurzem nicht auf der Arbeit war, wollte dieses Kind sich und alle anderen umbringen.

Dazu kam die Angst vor dem Vater des Kindes, er könnte "durchdrehen" und uns etwas antun, wenn er erfährt, dass wir das Jugendamt eingeschaltet haben.

Ich bin ziemlich verzweifelt. Hat jemand ähnliche Erfahrungen oder Tipps, wie man etwas Abstand gewinnen kann? Oder was ich sonst tun könnte?
Viele Grüße
Marlen
Umgebe Dich nur mit Menschen, die Dir gut tun.

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Marlen
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Beitragvon Marlen » Fr 24. Okt 2008, 15:36

Hallo Roter Baron,

danke für Deine Antwort.

Ich weiß, dass ich nur ein kleines Stück dazu beitragen kann, wie sich der Lebensweg dieses Kindes gestaltet.

Ich muss wohl lernen, meine Grenzen eher wahrzunehmen und schneller reagieren, wenn ich merke, dass sich mein "inneres Kind" meldet.

Und dennoch bleibt diese große Sorge, dass dieses Kind sich etwas antut, während es sich bei uns befindet.

Viele Grüße
Marlen
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Lydia
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Beitragvon Lydia » Sa 25. Okt 2008, 17:51

Hallo Marlen,

dass du Privates und Berufliches nicht mehr unterscheiden kannst und Gefahr läufst, dich in deinen Gefühlen und deiner Vergangenheit zu
verstricken bzw. mit Problemen der KInder zu vermischen, hört sich wirklich nicht gut an und ist ein Zeichen, dass du dir dringend Unterstützung
suchen solltest. Der Hinweis, dass die Verbindung zu deiner eigenen Vergangenheit eine Chance sein kann, kann ich nicht teilen. Zumindestens
nicht, so lange du selber mit deinen Gefühlen nicht im Reinen bist und dadurch deine eigene Vergangenheit und Ängste auf das Kind projizierst.

Das Naheliegenste wäre natürlich, dass du das Problem in deiner eigenen Therapie ansprichst, sofern du es nicht schon getan hast. Vielleicht
hast du auch die Möglichkeit Einzelsupervision in Anspruch zu nehmen? Dort hättest du die Chance, in regelmäßigen Abständen oder je nach
Bedarf einzelne "Fälle" aus dem Berufsalltag vorzutragen, deine Beziehung zu den Kindern und deine Gedanken/Gefühle sowie dein Handeln
gemeinsam mit dem Supervisor zu reflektieren und zu bearbeiten und so die notwendige professionelle Distanz zu erlangen bzw. zu bewahren.

Viele Grüße
Lydia

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Marlen
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Beitragvon Marlen » So 26. Okt 2008, 11:15

Hey Lydia,
danke für Deine Antwort.

Ich musste mein Gefühlschaos erst mal ordnen. Ich habe mit einem guten Bekannten meine Situation reflektiert und ich denke, dass ich Berufliches und Privates trennen kann. Es ist schwierig für mich geworden, weil mich dieses Mädchen teilweise an meine Vergangenheit erinnert. Mich hat es gefühlsmässig ziemlich aus der Bahn geworfen und mitgenommen. Und trotzdem meine Vergangenheit ist ganz anders gelaufen und kein Grund für mich, zu verzweifeln bzw. an mir zu zweifeln (das ist mir nun klar geworden).

Die Trennung von Beruflichen und Privaten ist mir deutlich geworden, durch mein „inneres Kind“, welches sich durch Ängste und das Gefühl von Hilflosigkeit gemeldet hat. Es spiegelt meine private Seite wieder. Und es ist schlimm, als „Erwachsene“ ein Kind so leiden zu sehen, mit dem Wissen, dass das eigene Handeln begrenzt ist.

Während sich meine berufliche Seite durch mein kompetentes Handeln zeigt. Denn ich habe mich mit Kollegen ausgetauscht, ich war bei 2 Beratungsstellen und zu guter Letzt haben wir das Jugendamt eingeschaltet. Doch das Wichtigste, ich bin beruflich nicht hilflos, sondern ich habe gehandelt und ich bin für das Kind da und versuche, so gut wie möglich, auf das Kind einzugehen. Was das Kind draus macht, bzw. was die Eltern mit dem Kind machen, liegt nicht in meiner Hand und das habe ich mir nochmal deutlich gemacht. Wichtig ist,d ass ich mir meine Grenzen klar mache und ernst nehme- das ist mir schwer gefallen.
Und was mir sehr geholfen hat, es mir von der Seele zu schreiben. Da ich unter Schweigepflicht stehe, konnte ich in meinem privaten Umfeld kaum bzw. nur sehr eingeschränkt darüber reden. Aber das Schreiben war wie eine Befreiung.
Viele Grüße
Marlen
Umgebe Dich nur mit Menschen, die Dir gut tun.

Ylenia
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Beitragvon Ylenia » Mo 27. Okt 2008, 09:33

Hallo Marlen,

vermutlich ist es für dich schon "durch", dennoch ein paar Worte dazu. Wenns nicht passt, dann haks einfach ab.

Bei deinem Beitrag fallen mir spontan verschiedene Dinge ein.

Erst mal die professionelle Ebene:
Dass sich ein siebenjähriges Kind das Leben nehmen möchte, ist ungewöhnlich. Also ungewöhnlich in der Form, ob es wirklich Suizid meint oder aber einfach "weg sein möchte".
Du wirst sicher nicht die einzige sein, die in diesen "Fall" (oh, ich mag dieses Wort gar nicht) involviert ist. Deshlab halte ich es für sinnvoll, eng mit den anderen involvierten Personen zu kooperiern. So kann dies dir auch etwas Last und Verantwortung abnehmen.
Dann halte ich die Situation für eine typische "Supervisionssituation". Wird dies bei euch angeboten? Falls nicht, würde ich dies für mich selbst tun um den notwendigen professionellen Abstand wieer zu bekommen. denn es nutzt dem Kind nichts, wenn du dich emotional mit hineinziehen lässt.

Nun die persönliche Ebene, dein Inneres Kind:
Mir hilft es in solchen oder ähnlichen Situationen, wenn ich mit meinem entsprechenden Inneren Kind eine Zeit vereinbare, in der ich ganz für dieses da bin. Es wits wichtig, dass es weiß, dass du es nicht vergisst, aber dass du ihm auch erklärst, dass du nun erwachsen bist und sich die Erwachsene um das andere Kind kümmern muss, sich das andere Kind aber in einer ganz anderen Situation befindet, als du es damals warst. Dieses Kind an deiner Arbeitsstelle bekommt Unterstützung und Hilfe. Aber dabei vergisst du deines nicht ;-).
Bei meinem pubertären Inneren Kindern muss ich manchmal auch ein "Machtwort" sprechen, Grenzen setzen...

LG, Ylenia

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Marlen
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Beitragvon Marlen » Mo 27. Okt 2008, 17:48

Hallo Ylenia,
vielen Dank für Deine Antwort- nein das Thema ist noch nicht wirklich durch.

Ich konnte etwas Abstand gewinnen, der ja wirklich notwendig ist, das ist schon mal positiv. :)

Supervision gibts bei uns so nicht :sad: meine Chefin hat auch kaum Zeit zu reden und bei der Dienstbesprechung durften wir diesen Fall bisher nicht vortragen. Das verärgert mich sehr, da die Möglichkeiten sich auszutauschen sich so minimieren. Ich werde wohl mit einem Mitarbeiter vom Jugendamt nochmal sprechen, der hatte das angeboten. Aber auf der Arbeit läuft so vieles falsch, z.b. ist meine Kollegin schon wieder krank und ich habe keine Vertretung bekommen. 19 Kinder, darunter dieses eine Kind (wo der Suizid laut Fachkräften ernst zu nehmen ist)und ich habe allein die Verantwortung- das darf und kann nicht sein- ist aber so-.

Ich weiß nicht, wie lang ich das mitmachen will und kann.

Liebe Grüße
Marlen
Umgebe Dich nur mit Menschen, die Dir gut tun.

Ylenia
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Beitragvon Ylenia » Mo 27. Okt 2008, 18:18

Hallo Marlen,

Glückwunsch, dass du den Abstand bekommen hast!

Eines ist mir wichtig herauszustellen. Ich meinte nicht, dass das mit dem Suizid nicht ernst genommen werden muss. Ich selbst hatte meiner ersten Suizdiversuch als Neunjährige, was absolut "untypisch" ist. Wenn ein siebjähriges Kind so etwas äußert, ist etwas ganz und gar nicht in Ordnung und das Kind ist verzweifelt. Mir war es jedoch wichtig herauszustellen, dass es durchaus sein kann, dass ein siebenjähriges Kind mit diesen Äußerungen etwas ausdrücken möchte ohne sich wirklich das Leben zu nehmen. Ahm,s cwierig zu erklären :???:

Und ja, es kann und darf nicht sein, dass du die alleinige Verantwortung hast. Und bei diesem einen Kind hast du sie letztendlich auch nicht, denn das JA und auch deine Chefin wissen Bescheid. Du tust das, was in deiner Macht liegt.

Bei euch scheint grundsätzlich einiges in Schieflage zu sein ... ist es eventuell möglich, dass du ausnahmsweise Einzelsupervision bekommst. Ansonsten fällt mir noch Beratungsstelle ein, da es ja auch sehr viel mit dir und deiner Geschichte zu tun hat.

LG, Ylenia


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