Ein Trauma und die Folgen

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Marlen
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Ein Trauma und die Folgen

Beitragvon Marlen » Mi 13. Aug 2008, 14:31

Hallo, ich hoffe, meine Gedanken passen hier rein und vielen Dank an die, die sich die Mühe machen, das zu lesen und vielleicht zu antworten.

Ich habe seit 8 Jahren das Gefühl, zu schwimmen. Immer Schwimmen, damit man nicht untergeht und ab und zu ist da eine Insel, auf der man verschnaufen kann. Bevor man weiter schwimmt.

Um es anders auszudrücken. Vor etwas über 8 Jahren, kamen meine Erinnerungen an mein Trauma hoch. Der Boden unter meinen Füßen verschwand und ich fing an zu “schwimmen”.
Das Meer, in dem ich schwamm, war rau (Depressionen, Selbstverletzendes Verhalten, Suizidgedanken, Essstörungen, Dissoziationen, Einsamkeit, Panikattacken, Verdrängen, Asthma, Reizdarm). Gut, dass ich zwischendurch Inseln fand, auf denen ich aufatmen konnte. So wechselte es immer mal.

In den letzten 3 Jahren habe ich erstmal wieder Momente gehabt, in denen ich lebte und nicht schwimmen musste. Ich habe das rettende Ufer gefunden und konnte anfangen, zu leben.
Doch immer wieder bricht mir der Boden weg und ich verliere den Halt (trotz Therapie). :cry: Ich bin total traurig, dass ich immer wieder die Kraft zum Kämpfen verliere. Wie lang dauert denn dieser Kampf gegen die Vergangenheit? Kommt man irgendwann damit zurecht? Das Trauma gehört zu meinem Leben und hat mich geprägt, ich bin dabei zu akzeptieren, dass es zu mir gehört, aber hören die quälenden Gedanken und Folgekrankheiten je auf - kann man sie besiegen???
Ich weiß, dass sich der Kampf lohnt, doch es ist so schwer.
Hat jemand vielleicht ähnliche Erfahrungen gemacht?
Marlen
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Kekskrümel
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Beitragvon Kekskrümel » Mi 13. Aug 2008, 15:34

Hallo Marlen!

Bei mir ist es ähnlich, nur ich hab nicht das Gefühl zu schwimmen.
Ich hab eher die ganze Zeit das Gefühl, jemand hätte mir mein Herz und damit die Kraft/Seele rausgerissen. Ich fühl mich unendlich schwach und nicht mehr wie ich selbst.
Auch ich habe selten mal Inseln gefunden. Dauerte meist nie länger als 3 Monate, dann war die Insel wieder weg.
Und ich fing wieder von vorn an. Hatte sogar das Gefühl, dass mein Hirn so leer war, dass ich manches neu wieder lernen musste. Ist jedesmal wie ein Tod.

Klar kann man das alles besiegen. Es dauert.
Und bei mir dauert es so ewig, weil mir der entscheidene Schritt, um es zu verarbeiten, zu riskant erscheint ](*,)

Ich weiß ja nicht, wie es bei dir ist.
Aber ich bin mit 15 das erste mal überhaupt aus meiner Dauerdepression aufgewacht und klammere mich an einem Menschen fest, der mich zu sehr einnimmt. Ich habe dem nichts entgegenzusetzen, da ich mich zu einem Individuum mit Wünschen und Bedürfnissen in meiner Kindheit nicht entwickeln konnte. Und nun hab ich Todesangst, dass ich allein sterbe. Ich war als Kind immer allein und stand Todesängste aus.

Alles Gute wünsch ich dir!

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Marlen
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Beitragvon Marlen » Mi 13. Aug 2008, 16:02

Hallo Kekskrümel,
danke für Deine Antwort.
Mit der Verarbeitung habe ich auch so meine Probleme. Ich habe mich erst mit 17 an das Trauma erinnern können, vorher bin ich relativ "normal" aufgewachsen. Alles andere kam bei mir erst mit 17 bzw 18.
Ich wünsche Dir viel Kraft und alles Gute!
Marlen
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moni
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Beitragvon moni » Do 14. Aug 2008, 02:42

Hallo Marlen
Doch immer wieder bricht mir der Boden weg und ich verliere den Halt (trotz Therapie). Ich bin total traurig, dass ich immer wieder die Kraft zum Kämpfen verliere. (...) Wie lang dauert denn dieser Kampf gegen die Vergangenheit? (...) hören die quälenden Gedanken und Folgekrankheiten je auf - kann man sie besiegen???
Ich glaube, dass der Mensch sich in vielen Dingen spiralförmig entwickelt. Dass manche Dinge einfach zu "gross" sind, um sie in einem Mal fassen zu können, und man ihnen deshalb immer wieder begegnet - ob man es will oder nicht. Ja, dann bricht der Boden weg, und man kommt ins Straucheln. Das Einzige, was man dann tun kann, ist - schwimmen ... genau so, wie du es machst. In kleinen, machbaren Zügen. Wie der Frosch im Sahnetopf, der so lange strampelt, bis die Sahne zu Butter wird und er wieder festen Boden unter die Füsse kriegt.
Ich glaube daran, dass jedes Mal, wenn wir wieder am Strampeln sind, wir daran auch wachsen, auch wenn wir das im Moment vielleicht gar nicht unmittelbar merken. So wie auch die Muskeln wachsen, wenn sie trainiert werden. Ich denke, du machst es genau richtig: Indem du, wie du sagst, dabei bist, auch die dunklen Seiten deines Lebens als zu dir gehörig zu akzeptieren, "trainierst" du die Kraft deiner Seele.

Widerstand macht stark - oder: Kraft wächst am Widerstand. Genau deswegen lohnt sich der Kampf.

Akzeptieren, anerkennen braucht viele Umgänge, läuft eben spiralförmig: übers Erinnern, wütend sein und Trauern, Akzeptieren/Anerkennen und schliesslich Aushalten. Manchmal gehen diese Schritte auch durcheinander, in wechselnder Reihenfolge.
Ja, vielleicht könnte man dem letztendlich Besiegen sagen.

Diese (eher trocken-theoretischen :roll:) Gedanken entspringen meinem Erleben der letzten Monate. Für mich war das vollständige Absetzen der Medikamente vor gut vier Monaten noch mal so ein Punkt, der mich tüchtig ins Rudern brachte. Im Grunde genommen war ich einigermassen "durch" mit der Therapie, weshalb ich das Absetzen wagen wollte. Die Welt wurde wieder bunter, die Sinne erwachten zu neuem Leben - und wie ... :-s Der Zugang zu meinem Innersten war nun wieder ganz frei, und dieses bahnte sich jetzt ungestüm seinen Weg hoch. Es kam alles noch mal wieder. Als ob die Therapie unter Medikamenten bloss so eine Art Vorwaschgang gewesen wäre und ich nun alles sozusagen noch mal zu waschen hätte - pur. Ich kam oft genug an meine absoluten Grenzen zum Rückgriff auf meine alten Muster der Konflikt"bewältigung" (vor allem SVV, Rauchen - und unbewusst gehören wohl auch die Depressionen dazu). Doch ich bin bis jetzt, touch wood, weder punkto SVV (seit gut 2 Jahren) noch punkto Rauchen (seit einem Jahr) rückfällig geworden. :) Es würde mich zwar kurzzeitig entlasten und beruhigen, aber ich spüre, dass mir dies auf dem Weg, auf dem ich jetzt bin, im Endeffekt nicht mehr wirklich helfen und vor allem mich nicht weiterbringen würde. Dass das vorbei ist.
Dieses Gefühl oder Bewusstsein gab bisher jeweils den Ausschlag, es zu lassen, doch ich fühlte mich dabei immer auch traurig, einsam und leer - denn da war ja noch nicht wirklich ein funktionierender Ersatz.

Das habe ich vorhin gemeint mit Spirale: Man kommt noch mal daran vorbei, mit allen gefühlsmässigen (und ggf. auch körperlichen) Reaktionen, aber es ist doch irgendwie anders als frühere Male. Der Boden ist zwar weg - aber offenbar nicht mehr ganz so sehr weg ...

Apropos körperliche Symptome, die du ja auch erwähnst: Inwiefern sich mit dem ursprünglichen Trauma zusammenhängende (psychosomatische) Folgekrankheiten wieder zurückbilden oder gar verschwinden, ist wohl sehr individuell. Ganzheitlich denken und handeln lernen ist da sehr hilfreich.

Persönlich bin ich momentan grade ziemlich fasziniert von dem Thema. Meine "Achillesferse" im wahrsten Sinne des Wortes sind die Achillessehnen. Beide sind chronisch entzündet, schon seit Jahren, und vor kurzem bin ich deswegen nun in Behandlung gegangen, da ich manchmal kaum noch laufen kann. Zurzeit mache ich intensiv Physiotherapie, denn bis zum Riss ist es offenbar nicht mehr weit. Und ich staune manchmal Bauklötze, was mir die Physiotherapeutin alles über meinen Körper erzählt, und weswegen dies so sein könnte, ohne auch nur das Geringste über mich zu wissen. Sie behandelt mich nun ganzheitlich, und ich spüre, dass mir das sehr gut tut, auch wenn ich erst am Anfang stehe damit und um den Spezialisten wohl trotzdem nicht herumkommen werde.

Ich habe ja nun keine Ahnung, wie es sich bei Asthma und Reizdarm verhält mit den Behandlungsmöglichkeiten, und was du diesbezüglich bereits unternommen hast. Aber ich kann mir schon vorstellen, dass speziell ganzheitliche Therapien, die den ganzen Körper (nicht nur die betroffene Stelle, wo sich die Symptome direkt zeigen) und die Seele einbeziehen, die besten Chancen haben können.

So paradox es klingt, aber manchmal hilft es auch, das Ziel - besonders, wenn es ein grosses ist wie: mit einer traumatischen Vergangenheit zurechtkommen - ein bisschen aus den Augen zu lassen. Nicht zu verlieren, aber ein wenig aus dem Fokus zu entlassen und sich nähere Ziele zu stecken - nahe genug und so klein, dass sie eben noch bewältigbar sind.

Liebe Grüsse

moni
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Kekskrümel
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Beitragvon Kekskrümel » Do 14. Aug 2008, 12:34

Hey Moni!

Du sprichst mir aus der Seele. Und das :
Ich glaube, dass der Mensch sich in vielen Dingen spiralförmig entwickelt.
kann ich nur bestätigen. Hat mir vor einem Jahr meine Heilpraktikerin erzählt, die hat eine psychotherapeutische Zusatzausbildung.

Ach das hier kenne ich:
Es kam alles noch mal wieder. Als ob die Therapie unter Medikamenten bloss so eine Art Vorwaschgang gewesen wäre und ich nun alles sozusagen noch mal zu waschen hätte - pur.
Irgendwie bastelt sich die Seele alles so zusammen, wie sie es braucht.
Ich habe mich schon so oft gewundert, was das soll. Da denkt man, jetzt isses ok und dann fängt das immer wieder von vorne an. Dabei war man sich so sicher, dass man es nun -endlich- verarbeitet hat...

Danke für deinen schönen Beitrag, und ich hab auch permanent Psychosomatik. Kann man hier im entsprechenden Strang lesen. Is echt unglaublich, was sich der Körper alles haben kann....

:roll:

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Marlen
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Beitragvon Marlen » Do 14. Aug 2008, 13:21

Hallo Moni,

Vielen lieben Dank für Deine Antwort. Sie hat mich sehr gefreut, da Du so anschaulich geschrieben hast und ich glaube, mit vielen Dingen ist es so, wie Du sagst.

“Wie der Frosch im Sahnetopf, der so lange strampelt, bis die Sahne zur Butter wird und er wieder festen Boden unter die Füsse kriegt.”

Als ich das las, musste ich erst mal lachen :) , wonach mir in den letzten Tagen eher nicht war. Dann habe ich nachgedacht und es ist tatsächlich so, dass man verzweifelt strampelt bzw. schwimmt, aber nicht mehr so lang und nicht so aussichtslos wie früher. Man bekommt wirklich schneller Halt unter den Füßen und deshalb lohnt sich der Widerstand wirklich. Und dann ist man wieder ein Stückchen weiter. \:D/

“Man kommt noch mal daran vorbei, mit allen gefühlsmässigen (und ggf. auch körperlichen) Reaktionen, aber es ist doch irgendwie anders als frühere Male..”

Diese Sichtweise der Spirale gefällt mir, es ist mir auch so passiert und passiert noch immer, nur habe ich es vorher nicht so gesehen. Da wird mir klar, dass ich schon ein Stück geschafft habe!

Ich bin schon länger dabei, mich ganzheitlich zu betrachten, da ich fest davon überzeugt bin, dass wir nicht umsonst krank werden. Jede Krankheit hat seinen Sinn. Seit 4 Jahren habe ich “nur” noch Essstörungen, Dissoziationen, einen Reizdarm, Panikattacken und neige zum Verdrängen. Allerdings versuche ich auch hier, dagegen an zu schwimmen, um mich diesen Dingen nicht hilflos auszuliefern. Manchmal braucht es nur seine Zeit. Wenn ich mir überlege, wie lang ich mein Trauma verdrängt habe (ca. 12 Jahre), vielleicht dauert es auch so lange, bis man es einigermaßen aufgearbeitet hat. Vielleicht ist es auch wie bei einer Kuh mit ihrem Fressen,wie oft kaut die was hoch und wieder, bis sie es irgendwann verdauen kann?? :roll:

Sehr hilft mir auch die Liebe meines Mannes, der vor allem an mich glaubt und mich so liebt, wie ich bin.

Was ich mir von Dir noch zu Herzen nehmen werde, ich werde versuchen, kleinere Ziele vor Augen zu haben. Ich möchte viel zu oft mit dem Kopf durch die Wand und konnte feststellen, dass das nicht wirklich hilfreich ist. Da wachsen mir nämlich manchmal Hörner :evil:

Liebe Grüße
Marlen
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moni
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Beitragvon moni » Fr 15. Aug 2008, 10:04

Hallo Marlen
Wenn ich mir überlege, wie lang ich mein Trauma verdrängt habe (ca. 12 Jahre), vielleicht dauert es auch so lange, bis man es einigermaßen aufgearbeitet hat. Vielleicht ist es auch wie bei einer Kuh mit ihrem Fressen,wie oft kaut die was hoch und wieder, bis sie es irgendwann verdauen kann?? (...) Ich möchte viel zu oft mit dem Kopf durch die Wand und konnte feststellen, dass das nicht wirklich hilfreich ist. Da wachsen mir nämlich manchmal Hörner
Na ja ... solange dich die Hörner an eine Kuh und ihr Wiederkäuen erinnern :cool: - vielleicht sind Kühe uns ja wirklich näher verwandt, als wir gemeinhin annehmen ... :roll: ... doch Spass beiseite: Ich kenne diese Art der Ungeduld auch. So als "Motor", Antrieb eben, ist sie ja auch ganz nützlich oder sogar nötig. Aber ja, sie muss kontrolliert, gelenkt und oft genug eben auch gebremst werden. Nur so wird Annehmen, Akzeptieren, Anerkennen möglich.

Und zum Thema Verdrängen: Was viele Jahre als Strategie funktioniert hat, weil es anders nicht möglich war, braucht tatsächlich wiederum viele Jahre, um abgelegt und neu gelernt zu werden - nachdem eine Krise gezeigt hat, dass es nicht mehr funktioniert. Ob es bis dahin wiederum genau gleich viele Jahre sind, weiss ich nicht - aber viele ganz bestimmt.
:-k ... Also wenn ich das für mich mal ausrechnen würde ... dann wär ich bis dahin ja alt und grau ... :shock: ... aber ich glaube gar nicht, dass es einen Endpunkt gibt, an dem man die Erleuchtung erlangt hat und ein für alle Mal "geheilt" ist. Eigentlich bin ich schon ganz zufrieden damit, immer mal wieder ein bisschen besser unterwegs zu sein - samt unvermeidlichen Rückschlägen. Dann muss halt eben das Kuh-Prinzip zum Zug kommen. :wink:

Ich glaube jedoch auch nicht, dass Verdrängen a priori schlecht ist und absolut möglichst vermieden werden muss. Es gibt immer (und individuell) Situationen, wo es berechtigt ist und wohl die einzig sinnvolle Lösung bleibt. Meine Therapeutin hat mir das gerade letztes Mal auch wieder gesagt - und ich finde das beruhigend.

Liebe Grüsse

moni
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Luka
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Beitragvon Luka » Fr 15. Aug 2008, 20:26

Hallo Marlen,

ebenso wie Moni denke ich, dass das Verdrängen seine Berechtigung hat. Es ist bis zu einem gewissen Punkt die einzig wirksame Überlebensstrategie, die Deine Seele hat.
Aber sie kann eben nur verdrängen, nicht aber vergessen. Mein Therapeut vergleicht die Seele mit einer Festplatte: alles ist gespeichert aber die Psyche kennt keine Zeit. Wenn Du auf einer Festplatte ein WORD-Dokument 1998 speicherst und eines gestern, und Du rufst heute beide auf, sind beide sofort da. Die Festplatte sagt nicht: "Du hast mich aber schon vor 10 Jahren gespeichert", sondern schwupps gehen die Dokumente auf. Und genau so geht uns das mit dem, was wir erlebt haben. Die Dinge sind passiert, wie sie passiert sind. Und sie sind auf Deiner Festplatte, Deiner Seele abgespeichert. Die Erinnerungen kommen hoch, unkontrolliert und führen zum Systemabsturz.

Ich glaube nach vielen Jahren Therapie in der Vergangenheit und meiner kürzlichen Wiederaufnahme einer Therapie nicht daran, dass es etwas bringt, durch immer wieder erneutes darüber Reden irgendetwas zu verarbeiten.
Ich kann "es" nicht verarbeiten. Wenn ich immer wieder "darüber" rede, kommt "es" immer wieder hoch: Die erniedrigsten, dreckigsten, entwürdigsten Momente meines Lebens. Wenn ich darüber stundenlang in der Therapie rede geht es mit wieder und immer wieder dreckig.
Also fange ich an, zu akzeptieren, meinen Feind zu umarmen, und lerne "damit" zu leben anstatt "dagegen" zu kämpfen, denn ich kann nicht ungeschehen machen, was geschehen ist.
Aber ich kann mir klar machen, dass der Missbrauch und die Vergewaltigung für mich nicht vermeidbar gewesen ist.
Eine Vergewaltigung, ein Mißbrauch ist nicht vermeidbar. Der Täter hatte den Moment der Entscheidung, aber nicht ich, ich war Opfer und schwächer. Punkt. Ich wollte nicht was passiert ist, konnte das aber nicht gegen den Täter durchsetzen.

Wenn ich jetzt immer wieder in meiner Vergangenheit herumwühle ist es, als würde ich in ein Zimmer kommen, in dem aller Sauerstoff bereits geatmet worden ist. Es heißt ersticken zu müssen. Es modert darinnen, es wabert ist feucht und es hat keine Fenster, um Licht und neuen Sauerstoff hinein zu lassen. Selbst wenn ich die Wände aufreisse, ich werde mich niemals wohl in diesem Raum fühlen, weil dort alles kaputt ist.
Also lasse ich die Vergangenheit so wie sie ist. Ich brauche sie nicht mehr, kein Stück davon. Würde ich es zulassen würde sie nur wieder Macht über mich gewinnen.
Ich mache also die Tür zu und gehe!
Natürlich fällt mir der Raum immer wieder mal ein, gerade wenn ich im hier und jetzt mit den Folgen der Vergangenheit konfrontiert werde. Aber ich fixiere die Vergangenheit nicht mehr - sie ist zwar noch da, und sie wird immer da sein, aber sie ist beendet, Schluß, Aus, finito.
Es ist meine erwachsene Entscheidung heute zu sagen: NEIN! Ich will und ich brauche das nicht mehr! Mein moderndes Verlies bleibt zu. Geschlossen. Für immer.

Das ist, was ich versuche mit therapeutischer Unterstützung zu lernen: Abzuschließen, zu begreifen, dass das, was geschehen ist, geschehen ist.
Ich habe es nicht verhindern können. Ich bin nicht schuld. Es war wie es war. Aber länger und breiter darüber nachdenken?! Wozu? Es zieht mich nur runter in Abgründe die ich nicht abschätzen kann!
Es bringt nichts.
Also mache ich Auszeit: Wenn solche Gedanken kommen, zappe ich weg. Wie beim Fernsehen. Ich schaue mir schönere, bessere Programme an. Aber nicht
den Schrott, der kommt. Den brauche ich nicht!
Ich konzentriere mich auf schöne Dinge. Ich mache aktiv etwas, was mir gut tut. Statt mich in die Gedanken meiner Vergangenheit zu stürzen und darin rumzusuhlen. Das ist vorbei!
Ich weiss, was in der Vergangenheit passiert ist, und ich lasse es dort, hinter mir, ein für alle Male.

Das ist der Weg, den ich engeschlagen habe. Ich weiß, dass es viel Zeit brauchen wird, und es nicht einfach ist, den Weg zu gehen. Ich bin auch noch nicht sehr weit gekommen, aber ich gehe ihn, Schritt für Schritt.

Vielleicht kannst Du aus meinem kleinen Erfahrungsbericht das eine oder andere ziehen. Nimm, was für Dich passt, das andere kannst Du gern liegen lassen.


Herzliche Grüße,

Luka
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moni
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Beitragvon moni » Fr 15. Aug 2008, 21:24

Hallo zusammen

Genau - ich hatte das nicht so präzis formuliert, aber genauso gemeint wie du, Luka: nicht die Dinge "wiederkäuen", sondern den Umgang damit. Insofern ist das Kuh-Prinzip doch etwas ungenau ...

LG moni
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Stille
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Beitragvon Stille » Sa 16. Aug 2008, 08:42

Hallo Luka,

wie funktioniert dieses wegzappen?

Die einzig erfolgreiche Strategie für mich und das erfolgte fast instinktiv ohne therapeutische Hilfe, ist verdrängen, einschließen, ignorieren. Das habe ich lange Zeit mehr oder weniger erfolgreich/erfolglos praktiziert. Nur holt es mich immer wieder ein und hat mir auf Dauer meine ganzen Probleme verschafft. Das "darüber reden" hat mir nicht geholfen, du hast ja auch beschrieben, es bringt einen wieder genau dorthin, mit allen Gefühlen. Bei mir verändert es sogar die Menschen, mit denen ich darüber geredet habe. Deshalb bin ich da sehr vorsichtig. Ich kann das irgendwie nicht ändern.

Liebe Grüße
Stille

Luka
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Beitragvon Luka » Sa 16. Aug 2008, 09:17

Hallo Stille,

ein schwieriges Unterfangen dieses Wegzappen. Es gelingt mir auch nicht immer, aber in solchen Momenten sage ich mir: "Hallo?! Ich weiß, was passiert ist, ich bin mir bewußt, dass "es" da ist, dass ich ein Opfer von körperlicher und seelischer Gewalt war. Aber ich bin nicht mehr Opfer, jetzt nicht mehr! Andere Menschen müssen mit ihren Vergangenheiten leben, ich habe eben meine." Ich lenke meinen Fokus auf die anderen Seiten in meinem Leben, auf meinen Mann, meine Kinder, meine Hobbies, das, was mir Freude bereitet, und stürze mich in diese Positiven Dinge und lebe sie aus.
Ich nutze mein Leben anders, und vertraue auf mich selbst und habe Vertrauen, dass ich nicht alleine bin, und meinen Weg nicht allein gehen muss.
Ich weiß nicht, ob Du meinen Beitrag zum letzten Forentreffen gelesen hast, in dem ich von meinem Großvater schrieb. Ich weiß auch nicht, ob ich folgendes bereits dort gepostet habe, aber er erklärt gut, warum ich einen festen Glauben habe...

Ein paar Monate nach dem Tod meines Großvaters geschah folgendes:
Ich hatte einen Traum, in dem ich meinen Großvater wieder traf. Ich setzte mich zu ihm auf einen großen Ohrensessel und sprach mit ihm über sehr viele Dinge… über Gott und die Welt sozusagen. Er war sehr fest in seinem Glauben an Gott und hat auch mich immer in meinem Glauben bestärkt.
Nach einer ganzen Weile, die ich dort bei ihm saß fiel mir auf, dass diese Situation nicht wirklich sein konnte: „Opa, ich kann doch gar nicht mit Dir reden, Du bist doch tot!“ Darauf hin sagte er nur mit einem sanften Lächeln: „Du siehst doch, dass es geht!“, stand auf und ging fort.

Ich habe nie wieder einen solchen Traum gehabt, aber ich habe ihn auch nicht mehr gebraucht, weil ich wusste, dass ich nicht allein bin, nie.

Der glaube an mich selbst, der Glaube an Gott oder was auch immer, und das Hinterfragen, was ich aus dem, was mir widerfährt zu lernen habe, bringt mich weiter, und läßt mich gelassener mit mir, meiner Vergangenheit und meiner Zukunft umgehen.

Meistens zumindest :roll: :) .

Liebe Grüße,

Luka
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Stille
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Beitragvon Stille » Sa 16. Aug 2008, 14:30

Hallo Luca,

es ist schön, dass du einen Weg gefunden hast, mehr oder weniger gut damit umzugehen.

Liebe Grüße
Stille

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Beitragvon moni » Sa 16. Aug 2008, 14:46

Hallo miteinander

Ich finde Lukas Vergleich mit den Dokumenten auf der Festplatte sehr treffend. Je nachdem fehlt die Distanz zu einem plötzlich sich öffnenden "Dokument" völlig, oder sie ist für einen zumindest verschwommen und nicht mehr richtig einschätzbar. Mir persönlich passiert häufiger Zweiteres.

Vielleicht könnte man statt verdrängen auch wegdrängen sagen. Verdrängen hat etwas Unbewusstes, etwas von Überspielen. Das kann ebenfalls funktionieren, und dann ist es auch in Ordnung - aber wenn es nicht (mehr) funktioniert, ist es wohl Zeit, andere Wege zu suchen. Wegdrängen bedeutet, bewusst wieder auf die richtige Distanz gehen und die Kontrolle übernehmen. Ich weiss selber auch, dass sich das in der Theorie so einfach anhört und in der Praxis oft genug anders aussieht.

Ich finde dann zum Distanzschaffen einen sofortigen Ortswechsel und physischen Kontakt mit der unmittelbaren Umgebung hilfreich. Für mich bedeutet das z.B. aus dem Zimmer gehen und etwas mit den Händen machen. Wie Luka gesagt hat: Es hilft, den Fokus wegzulenken - ans andere Ende einer angemessenen Distanz: zum Hier und Jetzt.

Ich kann von mir nicht behaupten, das zu beherrschen. Aber ich sehe für mich keinen anderen Weg, als mich darin immer wieder zu üben. Immer wieder. Denn die Vergangenheit wird immer wieder anklopfen und mich dazu herausfordern.

Liebe Grüsse

moni
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Beitragvon Marlen » So 17. Aug 2008, 12:30

Hallo Zusammen,

Ich finde es sehr schön, dass hier so ein Austausch möglich ist. :fadein: Da merke ich, dass ich nicht allein bin und das tut gut, wobei es auch traurig ist, wenn man überlegt, wie viele Menschen ein Trauma haben, mit dem sie klar kommen müssen.

Egal ob spiralförmige Entwicklung, Frosch in Sahne, Kuhprinzip oder Datenspeicherung auf der eigenen “Festplatte” und was es da noch so gibt….

Ich merke, wie viele Möglichkeiten man (nicht) hat, um mit einem Trauma umzugehen.
Egal welchen Weg man wählt, er ist steinig und man kommt an seine Grenzen!
Jeder Mensch ist anders und jeder traumatisierte Mensch sollte versuchen, einen geeigneten Weg für sich zu finden. Das Suchen nach diesem Weg ist schwer und ich habe mich schon oft verlaufen. Aber auch diese elendigen Irrwege ](*,) und das Gefühl in einem Labyrinth rumzuirren, bevor man doch einen Ausgang findet- sie haben mich ein Stückchen nach vorn gebracht.
Ich denke, da hilft mir mein Glaube an das Gute und das Alles seinen Sinn hat.

Ich weiß nicht, ob wir unser Leben lang auf der Suche nach dem richtigen Weg sein werden, aber ich glaube fest daran, dass es ihn gibt!

Und Luka hat Recht, wir sind nie allein! Ich habe eine ähnliche Erfahrung mit meinen verstorbenen Großeltern gemacht. Ich bin davon überzeugt, dass sie immer bei mir sind. Und ich habe es in der Hand, wie nah ich sie an mich ranlasse.

Reden über das Trauma, sagen zu können, ich wurde missbraucht - das hat bei mir 8 Jahre gedauert und vor Kurzem habe ich meinen Mut zusammen gekratzt und es meiner besten Freundin erzählt. Es hat mich so befreit, mich und meine Vergangenheit vor ihr nicht mehr verstecken zu müssen. Und gleichzeitig getröstet zu werden und Verständnis zu erfahren. Das war unbeschreiblich. \:D/ Ich kann jetzt bei ihr so sein, wie ich bin und muss nichts mehr verbergen - davon abgesehen, sagte sie mir, dass sie vermutet hat, dass mir so was passiert ist (stand es auf meiner Stirn geschrieben oder kennt sie mich so gut??). Also mir persönlich hat Reden über den Missbrauch schon geholfen, zuerst nur in der Therapie in Form von Briefen, dann über Frage- Antwort- Verfahren, dann erste Versuche ES auszusprechen und zuletzt durch EMDR. Also ich weiß auch, ich war Opfer- aber heute kann ich mich wehren!! Und wohl das Wichtigste mit - Ich bin nicht Schuld daran!! Durch diese Erkenntnisse und die vielen Formen von Reden, habe ich den Scheiß zwar noch mal erlebt (Gang durch die Hölle), aber jetzt ist es blasser geworden, es tut nicht mehr so weh.
Ich kann es als Vergangenheit annehmen und frage nicht mehr nach dem WARUM.
Trotzdem ist es so schwer zu ertragen, wenn der Mist wieder hochkommt. :cry: Aber wenn ich zurückgucke, vor 8 Jahren konnte ich es nicht aushalten und habe mich selbst verletzt, ich wollte nicht mehr leben. Heute tut es auch weh, aber ich habe Möglichkeiten (Reden, Schreiben, Ablenken, Weg- und Verdrängen, …) damit umzugehen. Das tut gut, weil ich das nicht mehr hilflos aushalten muss!

Und um noch mal auf den Frosch in der Sahne zurückzukommen, ich bin tatsächlich trainierter und kann schneller strampeln, so dass die Sahne schneller zu Butter wird und ich eher wieder Boden unter den Füßen bekomme. Ist mir in den letzten Tagen klar geworden. :idea:

Liebe Grüße
Marlen
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