Aufdringliche Gedanken

Hier hinein gehören alle Beiträge, die sich spezifisch auf die genannten Symptome einer Zwangsstörung beziehen.
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Koppi
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Aufdringliche Gedanken

Beitragvon Koppi » Sa 17. Dez 2011, 21:04

Hallo zusammen!
Ich leide seit einigen Jahren an sich immer wieder aufzwingenden Gedanken und der Angst, grässliche Dinge zu tun und irgendwie die Kontrolle über mich zu verlieren. Ich bin ein Mensch mit ziemlich klar definierten und hohen moralischen Ansprüchen an mich selbst und meine Mitmenschen. Manchmal geht mir das selber auf den Sack und ich wünschte mir, ich könnte so manche Dinge einfach mal ein bisschen lockerer sehen. Dummerweise plagen mich nun schon seit geraumer Zeit genau solche Gedanken und Ängste, Dinge zu tun, die eben jenen moralischen Grundsätzen total zuwider laufen.
Ich verabscheue Gewalt (physische, sexuelle oder psychische) vor allem gegenüber schwächeren Menschen, insbesondere gegenüber Kindern. Quälenderweise haben sich meine zwanghaften Gedanken ausgerechnet auf Kinder "spezialisiert", nachdem sie zunächst eigentlich alle Menschen miteinbezogen haben. Ich habe ziemlich schnell gemerkt, das ich bei allen anderen Menschen betreffenden Gedanken recht gut darüber hinwegsehen kann, aber wenn es um das Thema Kinder geht, quälen mich diese impulsiven Gedankengänge unheimlich und ich brauche oft tagelang, bis ich mit solch einer Situation abgeschlossen habe und mir selber klargemacht habe, das ich eben kein Schwein bin, sondern genau das Gegenteil. Blöderweise lassen mir die Gedanken keine Ruhe, weil man ja als normal am Leben teilnehmender Mensch ständig in entsprechende Situationen kommt, die wieder neue Zwangsgedanken fördern und hervorrufen. Ich habe oft Angst davor, schlimme Dinge zu sagen oder eine kurze impulsive Handlung auszuführen und sehe in der entsprechenden Situation diese Szene vor meinem inneren Auge. Ich sehe nur diesen Gedanken vor meinem inneren Auge und schaue mich danach oft verunsichert um, um mir selber klar zu machen, das alles nur im meinem Kopf stattgefunden hat. Trotzdem erfüllen mich in so einer Situation Zweifel und starke Schuldgefühle, die ich nie wirklich los werde. Das ist das Schlimmste! Ich bin oft so verwirrt in so einer Sitation, das ich gar keine klaren Gedanken fassen kann.
Ich war schon einmal in psychiatrischer Behandlung mit dieser Sache, ca. 2 Jahre lang, hab täglich 75 mg Venlafaxin genommen und alle 5-6 Wochen sollte ich in der Praxis auftauchen, wo man sich dann einige Minuten "Zeit" nahm. Ich hab in kürzester Zeit das Vertrauen zu meinem Arzt verloren, besser gesagt hat es sich gar nicht wirklich aufgebaut. Das Medikament hat nicht wirklich was gebracht. Bin dann irgendwann gar nicht mehr hingegangen und hab die Pillen nicht mehr genommen. Ich habe zu der Zeit mit meiner Familie und meiner damaligen Freundin über die Sache geredet und die waren sehr verständnisvoll. Sonst rede ich mit niemandem über dieses Leiden, kann mich einfach nicht dazu überwinden, weil ich es selber für so beschämend halte. Meine Familie lasse ich schon seit geraumer Zeit damit in Ruhe und meiner neuen Freundin habe ich auch noch nichts erzählt. Ich fühle mich im Moment ziemlich alleine mit dem Problem. Ich zwinge mich, keiner Situation aus dem Weg zu gehen, die solche Gedanken fördert, begebe mich sogar oft absichtlich in solche, aber das ist sehr anstrengend. Ich hasse dieses ständige Gefühl der Unsicherheit. Ich grüble viel nach und habe immer Angst etwas getan zu haben, was ich in diesem Moment nicht bemerkt haben könnte. Total absurd, aber irgendwie habe ich das Gefühl, das mein eigenes Hirn gegen mich arbeitet und jeden beruhigenden Gedanken durch raffinierte Tricks wieder irgendwie aushebelt, so das man anfängt sich selber nicht mehr zu trauen, obwohl man auf der anderen Seite weiss, das man ein guter Mensch ohne echte bösen Absichten ist. Sehr, sehr kräftezehrend, das alles. Es kotzt mich so an, wie nichts, was ich sonst so erlebt habe!
Ich habe noch nie jemandem etwas schlimmes angetan, fühle mich aber ständig schuldig. Absolut ätzend!!! :sad:

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Re: Aufdringliche Gedanken

Beitragvon Klaus W » Sa 17. Dez 2011, 22:03

Blöde Sache. Du hättest theoretisch keinen Grund Dich zu schämen, Unmengen Leute haben Haß auf Kinder ohne dabei sich auch nur die geringsten Gedanken zu machen. Besonders wenn man älter wird nimmt das zu. Ich würde ja sagen, Dein eigentliches Problem ist daß Du Deine Agressionen schlecht annehmen kannst.
Mit den richtigen Worten kann man alles sagen, mit den falschen Worten nichts.

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Re: Aufdringliche Gedanken

Beitragvon Koppi » Sa 17. Dez 2011, 23:16

Aber ich habe gar keinen Hass auf Kinder. Warum auch?
Ich will niemandem irgendwas Schlechtes.
Ich führe das Ganze eher auf meinen stark ausgeprägten Moral-und Gerechtigkeitssinn zurück, mit dem ich es vielleicht oft übertreibe. Also im Innern, so für mich, ohne anderen Menschen damit auf den Keks zu gehen. Ich bin kein Moralapostel.

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Re: Aufdringliche Gedanken

Beitragvon Klaus W » So 18. Dez 2011, 03:22

Ja, Du schreibst, nicht Gewaltgedanken sondern Angst VOR bestimmten Gedanken. Streich gedanklich einfach meinen letzten Satz.

Allerdings, Wut oder agressive Gedanken/Phantasien sind Massenerscheinung. Im Grunde wäre es ein Alarmsignal, wenn man nirgendswo in sich agressive Gedanken wahrnehmen kann. Man (also, jemand der welche hat) unterdrückt sie natürlich im täglichen Umgang, aber sie sind einem ohne Schuldgefühl bewußt. Das wäre die Norm.

Wie ist das denn mit Deinem Moralempfinden, inwiefern hängt das denn damit zusammen.
Mit den richtigen Worten kann man alles sagen, mit den falschen Worten nichts.

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Re: Aufdringliche Gedanken

Beitragvon Remedias » So 18. Dez 2011, 18:17

Hallo Koppi,
Zwangsgedanken sind einfach ein Kurzschluss im Gehirn und können sich auf alles mögliche beziehen. Deshalb sind deine Zwangsgedanken mit Kindern kein Zeichen dafür, dass du Kinder hasst.
Ich stelle hier eine neue, Gratis- Selbsthilfemethode vor, die dir vielleicht etwas bringen könnte:
viewtopic.php?f=64&t=6042
Vielleicht schaust du mal rein.

liebe Grüße Remedias

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Re: Aufdringliche Gedanken

Beitragvon fluuu » Mi 21. Dez 2011, 10:16

Hallo Koppi,

Du schilderst Deine Situation sehr gut nachvollziehbar, aus bestimmten Gründen legst Du zu viel
Augenmerk auf Kontrolle, Moral und Korrektheit.
Das schlägt genau ins Gegenteil um und der Druck braucht ein Ventil in Form von Zwangsgedanken.
Virtuell ist es nicht möglich, in der Praxis würde ich mit Dir eine Übung der Provokativen Therapie
machen in der Du Dir in der Phantasie alle Gewalt ausmalst die Du dem schwachen Wesen antun
würdest um so auf mentale Weise diesen Druck abzubauen um das Paradoxe dieser Gedanken
anschaulich zu machen.
Wenn Du mal Langeweile hast kannst Du in Dich hinein horchen und schauen woher diese
überzogenen Gefühl der Moral oder Gerechtigkeit kommen.
Edel ist es nicht vor lauter Menschlichkeit bedrohliche Zwangsgedanken der schlimmsten Grausamkeit
zu bekommen aber wirklich schlimm ist es auch nicht.
Vielleicht solltest Du mal aggressiv sein zu einem stärkeren Menschen und feststellen, dass die
Konsequenzen zu überleben sind. Es ist nicht unmoralisch mal aus der Haut zu fahren wenn es
darum geht die eigenen inneren Werte zu schützen.
Die psychische Gewalt in unserer Gesellschaft ist enorm im Alltag was Medien, Werbung und
Konkurrenz auf dem Markt angeht, dagegen sollte sich jeder wappnen und dazu gehört die Fähigkeit
der Aggressivität wenn es die Situation erfordert als Widerstand um ein innere Sicherheit zu empfinden.
Lebensqualität bedeutet jedoch die äußere Aggression mit Gelassenheit verarbeiten zu können.
Praktisch üben sollte man unbedingt am stärkeren Gegenüber und nicht am schwächeren Wesen.
Die ältere Generation ist gut geeignet um Widerstand zu testen und sich auseinander zu setzen.
gruß fluuu

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Re: Aufdringliche Gedanken

Beitragvon Mirjam » Mi 21. Dez 2011, 16:27

Die ältere Generation ist gut geeignet um Widerstand zu testen und sich auseinander zu setzen.
Wo fängt bei dir "ältere Generation" an? und
wie denkst du dir so ein Testen von Widerstand bzw auseinandersetzen?

:?:

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Re: Aufdringliche Gedanken

Beitragvon fluuu » Do 22. Dez 2011, 20:02

Es ist als Metapher gemeint, man vergreift sich nicht an jüngeren (schwächeren) Mitmenschen
sondern geht zu den Älteren wenn man etwas dazulernen möchte und Widerstand braucht.

Egal wie alt, eine Generation sind rund 20 Jahre also gehört jeder der 20 Jahre älter ist
als der Jüngere zur älteren Generation.
Ein 20 Jähriger ist ältere Generation gegenüber einem Neugeborenen.
gruß fluuu

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Re: Aufdringliche Gedanken

Beitragvon Koppi » Di 27. Dez 2011, 14:08

Vielen Dank für Eure Antworten! Es ist sehr schön, zu sehen, das Menschen Verständnis für die eigene bizarre Situation haben.

Ich habe übrigens Anfang Januar einen Termin beim Psychiater. Ich muss die Sache unbedingt wieder angehen. Ich gehe nämlich im Moment echt auf dem Zahnfleisch. Dieses mal suche ich mir auch endlich mal nen Therapieplatz.

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Re: Aufdringliche Gedanken

Beitragvon Koppi » Di 27. Dez 2011, 17:00

Noch was: Kennt jemand so Situationen, in denen sich der unangenehme Gedanke, die fiese Vorstellung so echt anfühlen, das man danach immer noch Angst hat, es könnte wirklich passiert sein. Ist das noch typisch für eine Zwangserkrankung? Das fühlt sich oft so erschreckend real an. Man soll sich ja immer wieder klar machen, das es sich nur um Gedanken handelt. Genau das fällt einem aber in einer solchen Situation verdammt schwer. Hat jemand Erfahrung damit? Wie beruhigt Ihr Euch in so einer Situation?

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Re: Aufdringliche Gedanken

Beitragvon fluuu » Mi 28. Dez 2011, 10:18

Hallo,
vielleicht schaust Du mal wie positiv Du mit Deinem realen Leben umgehen kannst trotz aller Umstände.
Es klingt ein wenig so als ob Du die ZG als Ersatz benutzt um aus der Realität entfliehen zu können.
Dann sind nicht die ZG das Problem sondern die Wahrnehmung der tatsächlichen Gegebenheiten.
Den Dingen so wie sie sind ins Auge schauen und das Beste daraus machen ist Lebensbewältigung.
gruß fluuu

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Re: Aufdringliche Gedanken

Beitragvon Klaus W » Mi 28. Dez 2011, 12:35

Noch was: Kennt jemand so Situationen, in denen sich der unangenehme Gedanke, die fiese Vorstellung so echt anfühlen, das man danach immer noch Angst hat, es könnte wirklich passiert sein. Ist das noch typisch für eine Zwangserkrankung? Das fühlt sich oft so erschreckend real an. Man soll sich ja immer wieder klar machen, das es sich nur um Gedanken handelt. Genau das fällt einem aber in einer solchen Situation verdammt schwer. Hat jemand Erfahrung damit? Wie beruhigt Ihr Euch in so einer Situation?
Direkt diese Gedanken habe ich nicht, vielleicht meldet sich da ja auch noch jemand.

Aber, ich kenne das an anderen Stellen daß ich grundlos Schuldbewußtsein habe zu Dingen die ich nicht tat. Und es ist auch so nachzuvollziehen daß diese Gedanken die Du da hast, auch wenn sie Dich quälen, im Wesentlichen erwartbar sind. Also wenn ich Dich in einem bestärken kann dann darin, das ganz viele Menschen so denken. Das Gehirn hat einfach seine Abläufe.

Ich selbst hab genügend Gedanken die unangenehm sind und immer wiederkehren, aber ich mach mir keine Gedanken darüber, sie sind eben da, ich sehe auch nicht warum ich deswegen in Behandlung sollte. Man denkt was man denkt. Sich den Schock, das Unwohlsein dazu radikal abgewöhnen. Man weiß doch seine eigentliche Absicht, man weiß doch das man ok ist. Warum sich nicht auch zugestehen daß es einen Teil gibt der eben auch anders denkt. Der ist genauso Teil von einem und der ist genauso ok. Gerade zu seinen problematischen Gefühlen und Gedanken soll man besonders liebenswürdig sein, gerade diese Teile von einem selbst soll man besonders annehmen.
Mit den richtigen Worten kann man alles sagen, mit den falschen Worten nichts.

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Re: Aufdringliche Gedanken

Beitragvon Remedias » Mi 28. Dez 2011, 12:43

Kennt jemand so Situationen, in denen sich der unangenehme Gedanke, die fiese Vorstellung so echt anfühlen, das man danach immer noch Angst hat, es könnte wirklich passiert sein. Ist das noch typisch für eine Zwangserkrankung? Das fühlt sich oft so erschreckend real an.
Genau das gehört zum Wesen eines Zwangsgedanken, sonst wäre es keiner, sondern nur ein Gedanke :wink:
Wie gesagt, ich kenne ja nur die harmlose Variante, dass ich ständig gedacht habe, ich hätte meinen Hausschlüssel nicht.
Aber auch das war so real, dass ich 4 Monate lang ohne Begleitung das Haus nicht verlassen konnte.

liebe grüße Remedias


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