ständiger Gedanke daran, dass etwas NIE MEHR weggeht.

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Hannibal1974
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ständiger Gedanke daran, dass etwas NIE MEHR weggeht.

Beitragvon Hannibal1974 » Sa 20. Nov 2010, 02:56

Hallo zusammen,
Ich möchte euch meine Krankheitsgeschichte erzählen – sie erst ziemlich lang – und hoffe, dass mir jemand von Euch helfen oder wenigstens mein Leiden nachvollziehen kann.

Prinzipiell lässt sich meine psychische Störung wie folgt zusammenfassen: Ich habe Angst, dass ich irgendetwas Negatives bekomme, was NIE MEHR weggeht bzw. Ich habe Angst davor, dass ich mir negative Körperliche Symptome oder Gedanken einbilde, und dadurch, dass ich ständig an sie denke, sie sich wie eine SPIRALE immer weiter drehen und NIE WIEDER weggehen. An diesen Gedanken und den damit assoziierten körperlichen Symptomen leide ich seit fast 9 Jahren und es ist die Hölle !!!

Als ich ungefähr 5 Jahre alt war, lief im Fernsehen ein Zeichentrickfilm: Krabat (gab es zuletzt auch als deutschen Spielfilm). Der Film war ziemlich düster und für einen fünfjährigen recht harter Tobak.
Ich habe den Film gesehen und mir nichts weiter gedacht. Bis es mir dann am gleichen Abend (also etliche Stunden später) wie ein negativer Geistesblitz ins Hirn schoss: „Was ist, wenn ich IMMER an diesen schrecklichen Film denken muss?“
Die nächsten Tage lief ich ängstlich rum und dachte: „Wenn diese Gedanken an den negativen Film nicht vorbeigehen, dann wird mein Leben immer schlecht sein…“
Ich beruhigte mich dann wieder, weil die Erinnerung an den Film wieder verblasste und irgendwann war dann wieder alles ok. Ich war als kleines Kind natürlich auch noch sehr optimistisch und dachte: Die Angst kann dir auch ein Arzt ganz sicher wegmachen.

Es gab in meiner Kinderzeit noch so ein paar negative Erfahrungen, wo ich befürchtet habe, dass sie nie wieder weggehen, wo dann aber die Erinnerung sehr schnell verblasste, z.B.:
War ich mal im Schwarzwald und habe mir da so ein Horn (von einem Rind oder so) gekauft, wo man reinblasen kann. Dann habe ich daran gerochen und festgestellt, dass es richtig übel gestunken hat. Dieser Gestank blieb in meiner Nase, auch wenn ich nicht mehr daran gerochen habe und ich dachte: Was ist, wenn ich diesen üblen Gestank nie mehr aus meiner Nase rausbekomme?

Diese kleineren, schnell verfliegenden Ängste hatte ich bis zum Alter von 10 oder 11, aber nur ganz selten und sehr flüchtig.

Dann hatte ich im Prinzip viele Jahre Ruhe, wobei ich beispielsweise auch folgende Angst in meiner Gymnasialzeit entwickelt habe:
Ich konnte vor Klassenarbeiten oft nicht schlafen. DER GRUND DAFÜR WAR ABER NICHT, dass ich Angst vor der Klassenarbeit an sich hatte, sondern folgender Gedanke: „Wenn ich nicht einschlafen kann, dann bin ich in der Arbeit schlecht.“ Die Folge davon war, dass ich natürlich schlecht schlafen konnte und sich dadurch meine Panik, nicht einschlafen zu können, verstärkte.

Das war aber alles nichts so Dramatisches.

Im Alter von 23 (im Jahr 1998) hatten ich und mein Zwillingsbruder in unserem Studium sehr wichtige Prüfungen. Die wollten wir zusammen bewältigen und lernten daraufhin ca. 7 Monate sehr intensiv miteinander.
Ich muss dazu sagen, dass ich und mein Zwillingsbruder immer zusammen gelernt haben, sehr hohe Ansprüche beim Lernen hatten und auch sehr gute Schüler waren (Abi beide mit 1,0 – das schreibe ich definitiv NICHT um anzugeben und ich bilde mir auch nichts darauf ein. Ich will nur klar machen, dass wir uns beide immer bei Prüfungen unter sehr hohen Druck gesetzt haben).
Ich war schon immer nervöser als mein Zwillingsbruder und auch –jedenfalls gegenüber meinem Zwillingsbruder - deutlich aggressiver wie er gegenüber mir. Das hat mein Bruder insbesondere beim gemeinsamen Lernen, bei dem ich aus Nervosität manchmal sehr aggressiv gegenüber ihm war, zu spüren bekommen.

Als wir also damals (1998) unter Stress miteinander lernten, ich nervös war und er beispielsweise an einer Aufgabe, die wir zusammen lösten, zu lange hing, wurde ich nervös und habe ihn deswegen ziemlich fertig gemacht. Das Klima unserer gemeinsamen Lernsessions war sehr aggressiv, wobei die durch Stress und Prüfungsangst bedingte Aggression von mir ausging.

Mein Bruder fühlte sich bei unseren gemeinsamen Lernsessisons total unwohl, zog infolge der von mir verschuldeten aggressiven Spannung gegen ihn immer mehr die Schultern hoch und bekam dadurch chronische Verspannungen, die bis heute anhalten !!! Er hat bis heute (d.h. seit 12 Jahren) 24 Stunden am Tag das Gefühl, dass ihm ein Schraubstock im Kopf sitzt, der seinen Kopf zusammendrückt (starke Verspannungen und daraus resultierender Druckkopfschmerz).

Ich muss dazu sagen, dass mir diese Sache unendlich leid tut. Ich tat das nicht, um meinem Bruder zu schaden – im Gegenteil: Ich hoffte auch bei ihm auf sehr gute Noten und würde mein Leben für ihn geben. Mein Bruder machte mir ab und zu deswegen Vorwürfe, dass ich seine Dauer-Kopfschmerzen/Verspannungen verursacht habe, aber das kann ich voll verstehen.

Auf jeden Fall weckte dieser ständige Schmerz meines Bruders, der damals mit einem leichten Kribbeln im Hals anfing, in mir die alte Befürchtung: ES GIBT ETWAS WAS NICHT MEHR WEGGEHT UND DAS IST JETZT MEINEM ZWILLINGSBRUDER PASSIERT !!!

Daher konzentrierte ich mich immer mehr auf meinen Hals, wo die Verspannungen meines Bruders mit einem leichten Kribbeln im Kehlkopfbereich auch angefangen hatten. Doch über 3 Jahre war alles ok.

Dann war meine Einbildung und Konzentration auf den Hals („da ist doch nichts, so wie bei meinem Bruder, oder?“) so stark, dass ich, bedingt durch ein negatives Ereignis, nämlich die Trennung von meiner damaligen Freundin, wirklich ein Druckgefühl im Hals kraft meiner Gedanken aufbauen konnte.

Also: Aufgrund der Erkrankung meines Zwillingsbruders und der damit verbundenen Sorge, das gleiche zu bekommen, geparrt mit meiner Urangst, mir ständig andauernde negative Dinge einzuhandeln, hatte ich also ein elendes Gefühl im Hals (so als wenn dir ständig jemand die Kehle zudrückt).

Ich hatte dieses Gefühl ständig, es sei denn ich war abgelenkt, aber sobald die Ablenkung weg war, fiel ich wieder in dieses alte Denkmuster (mir dreht es die Kehle zu) zurück. Dass dieses Gefühl nur durch meine Gedanken, nämlich der Angst vor der Krankheit meines Bruder, ausgelöst war, bemerkte ich erst, als ich mir später Dinge einbildete, die meine eingebildeten Halssymptome durch die Ablenkung auf einen Schlag beendeten. Da merkte ich: Ich habe mir alles nur eingebildet, meine Gedanken waren Schuld an den Symptomen.

Im Laufe der Jahre wurden die Dinge immer konfuser. Ich bildete mir z.B. folgendes ein:
Ständige Übelkeit, wenn ich daran dachte, dass es mir schlecht geht
Ständiges Jucken, wenn ich daran dachte, dass es mich juckt.
Ständige Angst vor Geräuschen, wenn ich daran dachte, das Geräusche doch eigentlich auch negativ interpretiert werden könnten.
Ständiger, übermäßiger Speichel im Mund und damit verbundenes ständiges Schlucken, wenn ich mich auf meinen Speichelfluss konzentrierte. Wenn man Angst davor hat, kann das als unangenehm empfunden werden.
Angst NIE MEHR einschlafen zu können und damit verbundene Schlafstörungen, was die Angst natürlich noch verstärkte.
Zur Zeit habe ich wieder dieses Engegefühl im Hals, sprich ich fühle mich genauso, wie es damals aus Angst vor der Krankheit meines Bruders begann.

Zwischen dem Beginn meiner eingebildeten Symptome 2002 und 2007/2008 wurde es eigentlich jedes Jahr ein Stück besser, weil ich mir auch sagte: „Du hast gedacht, dass dieses Jucken/Engegefühl im Hals/Übelkeit usw. NIE MEHR weggeht, aber es ist doch weggegangen.“
Seit 2009 wird es wieder schlimmer, weil ich mir sage: „Ok, es ist einmal weggegangen, aber es könnte doch auch wiederkommen und dann nicht mehr weggehen.“

Gerade ist es eben ganz schlimm und ich achte total zwanghaft und die ganze Zeit auf das Gefühl in meinem Hals.

Es hört sich alles vielleicht total bescheuert an. Hätte man mir vor 10 Jahren so etwas erzählt, hätte ich auch mit dem Kopf geschüttelt. Aber es ist so eingetreten und meine Lebensqualität hat sich um 80-90 Prozent reduziert.

Mein Leben ist der totale Horror:
Ich bin 36, wohne noch bei meinen Eltern, studiere seit 15 Jahren, habe wenig Freunde, keine Beziehung und keinen Job. SCHLIMMER GEHT’S NICHT.

Ich bin ein sehr ängstlicher Mensch und traue mir sehr wenig zu.

Ich wäre Euch wirklich für jeden Hilfe bzw. für jeden Tipp sehr dankbar.

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