Chronische Schizophrenie

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hotspot1932
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Chronische Schizophrenie

Beitragvon hotspot1932 » Di 31. Jan 2012, 21:11

Hallo Forum,

nun bin fast seit 30 Jahren erkrankt und hoffe noch immer auf Besserung...

Früher wollte ich die Psychose unbedingt ganz los haben, heute versuche ich die Schwankungen gering zu halten. Letztes Jahr habe ich ein Krise vom Feinsten hingelegt aus dem altbekannten Grund die Medis abgesetzt zu haben.

Der Grund für dieses Verhalten liegt in dem Wille die Psychose los haben zu wollen; mit der einfachen Gleichung "Gesund = keine Medis mehr". Das habe ich nun hoffentlich aufgegeben...

30 Jahre lang solch ein Verhalten; da kann man mich schon als stur bezeichnen, aber die schlechten Erfahrungen mit der Psychiatrie und der Stigmatisierung haben mich immer wieder dazu verleitet oft viel zu Mutig zu sein. Vor 30 Jahren war so eine Männer-Geschlossene kein Zuckerschlecken und ich war sehr jung.

Was habt ihr für Erfahrungen mit Chronifizierung, sofern eine vorliegt....? Kann sich da etwas Nachhaltiges bessern, auch wenn man lange und schwer krank war....?

Ich wünsche mir hauptsächlich Ruhe von der Psychose, denn ich bin sehr erschöpft von den 30 Jahren, die dann doch sehr wild und kampfesreich waren...

liebste Grüße

hotspot

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Remedias
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Re: Chronische Schizophrenie

Beitragvon Remedias » Di 31. Jan 2012, 21:39

Hallo hotspot,
bin erst seit 7 Jahren krank, aber Medikamentenabsetzen kommt bei mir nicht aus Jux und Dollerei, sondern weil die Nebenwirkungen fast unerträglich sind: 30 kg zugenommen, lethargisch, gefühlsarm, antriebsschwach, dumm im Kopf;
das ist doch ganz klar, dass jeder nach einer Weile denkt, er lebt ohne NL besser als mit....
und riskiert lieber ab und zu eine Psychose;
also ich kann dich voll verstehen
und habe auch mal gelesen, dass man im Alter seltener psychotisch oder garnicht mehr wird - ein Grund, sich aufs Alter zu FREUEN;
und ich denke, dass es auch nach vielen Jahren eine Heilung gibt.

liebe Grüße Remedias

hotspot1932
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Re: Chronische Schizophrenie

Beitragvon hotspot1932 » Mi 1. Feb 2012, 01:23

Nochmal hallo Alle & hallo Remedias,

Na ja... Aus Jux und Dollerei setzt niemand die Medis ab. Mich hat mal ein Pfleger gefragt, warum die Psychose-Kranken denn im Akutzustand die Medis nicht nehmen wollen (bzw. immer wieder absetzen...). Da ist mir nur eine Antwort eingefallen: Die Medis blockieren auch jene seelischen Eigenschaften, die einem erlauben gegen die Psychose zu kämpfen. So dachte ich und fühlte früher. Heute möchte ich nicht mehr kämpfen und ich hoffe, dass mir so etwas, wie letztes Jahr nicht mehr passiert, denn ich war sehr krank und das ganze hat mich viel Kraft gekostet.

Ich hatte die ersten 7 Jahre der Erkrankung Haldol (decanoat) und kann Deine Meinung, Remedias, gut verstehen: Ich habe damals gesagt, dass mir das Medikament die Lebensflamme ausgepustet hat. Na ja, ich lebe immer noch, aber viel ist nicht mehr übrig von mir, oder so ähnlich empfinde ich das.

Mir ist alles Sch.... Egal. Ich möchte nur nicht mehr leiden...und werde das Zeug nehmen... Denn die Rechnung ist ganz einfach: Entweder Medis oder immer wieder Mühle.... Ich hoffe halt, dass es mir gelingt die Dosen zu reduzieren, mit der Zeit.

Ein Bekannter aus meiner Stadt sagte mal: Ich nehme die Medikamente, damit ich Ruhe habe und den Rest muss ich selbst machen...

Manchmal fühle ich mich wie Winston Smith aus Georg Orwells "1984": Ich habe versucht mich gegen die Diktatur der Psychose aufzulehnen, bis sie mir eine Ratte in den Hintern gesteckt hat, bzw. mir das gedroht hat und jetzt löse ich Schachrätsel und kümmere mich um nichts mehr....

So ganz als der Verlierer fühle ich mich nicht. Ich hoffe halt, dass mein Leben Ruhiger wird, das brauche ich auch dringend, denn ich habe nicht mehr so viel Kraft...

Ich wollte es halt aus eigener Kraft schaffen und vorallem nicht kleinbeigeben. Nun habe ich es scheinbar getan und sitze vor 30 Jahren Lebenszeit, die in einem Fegefeuer des Wahnsinns verschwunden ist.

Na ja. Ganz so dramatisch ist es hoffentlich nicht. Aber ich habe sehr viele Medikamente und genieße die Ruhe in meinem Kopf und meiner Brust, denn früher war ich ständig in Wallung und aufgepeitscht.

Das mit der möglichen Heilung im Alter (bzw. der Reduzierung der Symptomatik), habe ich auch schon gehört. Leider habe ich meinen 47. Geburtstag auf der Geschlossenen gefeiert und ich war gar nicht gut drauf. Auch dieser Bekannte hat zwar ein ganz gutes Leben, aber ist gelegentlich in der Mühle und gibt kräftig Zunder...

Vielleicht klinge ein wenig wie ein alter Mann am Kamin, der vom Krieg erzählt; na ja.. So fühle ich mich auch ein wenig, denn am liebsten würde ich nur noch von Psychose erzählen, aber keine mehr bekommen. Das ist viel zu streßig der ganze Zinober.

Wenn ich so denke, warum frage ich dann wie es denn mit der chronischen Schizo ausschaut...? Na ja, es würde mich beruhigen, wenn mir jemand sagen würde: "ja, ja... so ähnlich erlebe ich das auch..." Denn ich habe gründlich die Faxen dicke, von dem ganze Psychosekram mit diesem hochgradigen Streß; und der Psychiatrie, die mir ständig sagt, wie ich es machen soll.

Ja, Remedias.... hoffentlich wird das alter ganz ok, aber wenn es Dir gelingt, stopfe ein paar Jahre schönes Leben zwischen "jetzt" und dem Alter... Irgendwie kann ich mir den Spruch nicht verkneifen, dass die ganze Psychosesch... keinen Sinn macht und nur Lebenszeit klaut...

Nun wer weiß... Vielleicht habe ich ja Glück und habe Ruhe von dem Wahnsinn. Auch Dir Remedias, wünsche ich, dass Du mit der Balance zwischen Psychose und NL Deinen Weg findest... Meine Option steht im Moment fest... ich optiere für die Ruhe und traktiere meinen Körper mit Chemie.

Liebste Grüße

hotspot

katie
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Re: Chronische Schizophrenie

Beitragvon katie » Fr 10. Feb 2012, 07:33

ich finde du solltest den medikamenten eine chance geben. nciht alle medikamente sind schlecht, halodol war das aelteste antipsychotikum und hat sehr viele nebenwirkungen. heutzutage gibt es wirklich gute antipsychotikums wie risperdal oder fluonxol.
bekomme selbst ein antipsychotikum und das macht mir gar keine nebenwirkungen.
einen versuch waere es wer, kannst sie ja auch wieder absetzen....

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Remedias
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Re: Chronische Schizophrenie

Beitragvon Remedias » Fr 10. Feb 2012, 11:44

Da hast du Glück gehabt, Katie;
ich habe schon alle Neuroleptika durch außer Leponex ; alle machen mir Nebenwirkungen;
und ich habe auch angst vor Spätdyskinesien,
schau dir mal dieses erschütternde video an:

http://www.youtube.com/watch?v=W_3bbpFjI68

liebe grüße Remedias

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Re: Chronische Schizophrenie

Beitragvon hotspot1932 » Fr 10. Feb 2012, 17:34

Hallo Remedias, Hallo Katie,

hier noch 2 Videos, die man sofort findet, wenn man Deinem Link folgt, Remedias.

http://www.youtube.com/watch?v=UbBpt9uCXqc

http://www.youtube.com/user/LindaKay1948

Dennoch habe ich beschlossen die Medikamente bis zum Schluss zu nehmen. An Deinem Video, Remedias, konnte ich erkennen, dass ich bereits Spätdyskinesien habe. Die Ärzte sagen mir natürlich nichts.

Meine Frage ist, was tue ich mit dem angebrochenem Stück Leben, das ich habe... Es ist einfach schon einiges an Leben ins Land gegangen und viele, viele Züge sind abgefahren. Ich bin Rentner und beziehe Sozialhilfe. Ich habe zwar Familie mit 2 Kindern, kann ihr aber nicht gerecht werden. Meine Frage ist eher, wie kann ich die paar Jahre, die ich habe, noch so gestalten, dass sie ganz ok sind. Schließlich steht zu erwarten, dass ich (rein statistisch) vorzeitig sterbe. Es sind ca. 10 Jahre vorher, die solch ein Mensch wie ich vorzeitig stirbt.

Na ja... ich suche ein bißchen Menschen, die in meiner Lage sind. Ich habe nicht die Hoffnung aufgegeben, sondern eher beschlossen nicht mehr gegen alles und jedes anzukämpfen. Allerdings, wie gesagt, möchte ich eine Krise wie letztes Jahr vermeiden, wenn es geht. Ich habe beschlossen, die paar Dinge, die ich habe, so zu pflegen, dass ich sie möglichst lange habe und kleine Dinge genießen kann.

Tja, liebste Grüße

Hotspot

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Re: Chronische Schizophrenie

Beitragvon Remedias » Fr 10. Feb 2012, 18:47

Hallo hotspot,

nochmals zu den NL. Versuche deine minimale Erhaltungsdosis zu finden, also die Dosis, die dich gerade nicht psychotisch werden lässt. da gibt es echt Unterschiede. Mein alter Psychiater hat mir 800mg Seroquel plus 6mg Risperdal verordnet. Mein neuer findet 200mg eine gute Erhaltungs - Dosis.

Ich bin auch Rentnerin mit einer Mini- Rente; gerade so hoch, dass ich keine Sozialhilfe mehr kriege. Ich finde das nicht schlimm. Man sollte seinen Wert nicht nur nach Arbeitsfähigkeit bemessen. Wir haben uns diese merkwürdige Krankheit nicht ausgesucht.

Wie ist dein Verhältnis zu deiner Familie? Zumindest hier im Forum kommst du für mich klar, strukturiert und klug hinüber. ich bin mir sicher, dass du deinen Kindern viel geben kannst. Wie alt sind sie?

Ich weiß nicht, ob du das auch kennst, aber ein sehr gleichförmiges, langweiliges Leben begünstigt bei mir die Psychose. Dann gibt es plötzlich Action - und im Guten wie im Bösen steht man selber im Mittelpunkt - etwas, das das normale Leben doch garnicht bieten kann. Vor dieser dunklen Anziehung muss ich mich höllisch in Acht nehmen.

liebe grüße Remedias

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Re: Chronische Schizophrenie

Beitragvon hotspot1932 » Fr 10. Feb 2012, 19:49

Hallo Remedias,

Meine Kinder sind 10 und 5 Jahre alt. Ja... klingt alles vernüftig was ich so erzähle. Na ja... aber das Leben in der Familie ist zu schnell für mich. Ich komme nicht hinterher. Meine Freundin nimmt sehr viel mehr wahr als ich und ist mir ständig überlegen. Somit bestimmt sie den Alltag, bei dem ich kaum mitschwimmen kann.

Dann habe ich noch eine kleine Wohnung am Stadtrand in der ich jetzt bin. Weil ich alles auf die Karte "Familie" gesetzt habe, vereinsame ich hier eher.

Zu den NL, war ich auch immer der Meinung, die geringst mögliche Dosis zu nehmen. Im Moment, aber, bin ich eher für die Holzhammermethode, die besagt, dass ich oberhalb der "Schlechte-Gefühle-Schwelle" bleiben möchte. Ich nehme eher ein wenig mehr und bin dumpfer und leide aber nicht.

Mein Problem ist eher: In welche Richtung soll es gehen? Bei der Familie komme ich nicht mit und bin ständig überfordert, alleine ist es zu ruhig, weil ich nichts Eigenes habe. Letztes Jahr ist mir alles zerbröselt und die Familie ist mir als einziges geblieben. Ohne Paranoid zu sein und mal freundlich ausgedrückt, sichert meine Schwäche meiner Freundin ihre Freiheit, denn ich bekomme nicht mit was sie tut und des weiteren ist sie schnell genug mit Fakten schaffen, dass ich keinen Einfluss nehmen kann, da mir alles zu schnell geht.

Die Kinder.... habe mich seit Ende 2010 kaum gesehen, da ich ganz 2011 krank war, dh entweder in der Klinik oder in meiner Wohnung. Auch dort hat meine Freundin komplett das Ruder übernommen. Ich bin quasi raus.

Ich bin nicht böse über all das, da das eine Folge der Erkrankung ist. Aber ich bin ein wenig Ratlos, was mit dieser Situation anzufangen ist. Fest steht, dass ich der Familie in der letzten Psychose eine vor den Latz geknallt habe und keiner auf mich gut zu sprechen ist. Es ist so eine Na-ja-der-ist-auch-noch-da-Duldung und eigentlich war das niemals etwas anderes.

Wie gesagt, ich bin nicht böse, nur ratlos...

Lg

Hotspot

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Re: Chronische Schizophrenie

Beitragvon hotspot1932 » Fr 10. Feb 2012, 20:00

Noch mal hallo Remedias,

Wie sieht Dein Alltag aus...?

Und... Ich wollte Dich auf einen Widerspruch aufmerksam machen: Einerseits sagst Du: Wenns zu ruhig und Gleichförmig ist, wirst Du Krank und dann sprichst Du von Aktion, bei der Du im Mittelpunkt stehst; einer dunklen Anziehung vor der Du Dich höllisch hüten musst.

Na ja... ich kenne sie diese dunkle Anziehung und ich war mein Leben lang damit beschäftigt selbstausgelöste (oder Krankheitsbedingte) Notfälle zu händeln. Mein Wunsch ist, dass es eher gleichförmig und ruhig wird und bloß keine Notfälle entstehen. Irgendwie hoffe ich, dass es ein wenig die Kunst des wegguckens ist, die da geübt werden muss.

Auch wenn nur tote Fische mit dem Strom schwimmen, muss man sich bei unruhiger See eher treiben lassen. Denn wer zu viel stampelt geht unter. Ich bin nachhaltig untergegangen und hoffe ein wenig leichter als Wasser zu sein und bei ruhigem Verhalten wieder an die Oberfläche zu treiben...

ich weiß nicht, ob das richtig verständlich ist. Besser kann ich es nicht beschreiben. Es ist nur ein Gefühl, das mir besagt, ich habe zu oft überreagiert.

Liebste Grüße

Hotspot

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Re: Chronische Schizophrenie

Beitragvon Remedias » Sa 11. Feb 2012, 19:50

Hallo hotspot,

ich lebe mit meiner familie (Mann, Tochter). Ich könnte mir nicht vorstellen, alleine zu wohnen. Ich habe keine Freunde und auch nur wenige Bekannte, durch mein sprunghaftes und über Monate zurückgezogenes Verhalten habe ich alle Kontakte verloren.
Also dass du ziemlich allein in deiner Wohnung bist, kann ich mir gut vorstellen.
ich habe es eine weile mit einer Behindertenwerkstätte versucht, alle waren recht freundlich zu mir, aber zu tieferen Kontakten außerhalb des Arbeitsplatzes, Kaffee trinken gehen oder so, ist es nicht gekommen. War auch zu der Zeit ziemlich instabil, alle halbe Jahr psychotisch.
Mir geht es jetzt besser, wo ich nicht mehr arbeite; war seit 14 Monaten nicht mehr in der Klinik .
ist deine Freundin auch die Mutter deiner Kinder oder habe ich das missverstanden?
Die sache ist so, die Zeit läuft. Deine kinder wachsen heran; kein Alter bleibt ewig oder lässt sich später nachholen. ich erinnere mich gut daran, als meine Maus 2,5,10, 15 jahre alt war; jedes Alter ist speziell. ich wollte keine Erfahrung missen.
ich denke mal, dass deine kids dich brauchen.

liebe grüße remedias


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