Die Psychiatrie - Wo der Faschismus noch lebendig ist...

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Miss Mudderkomplex
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Re: Die Psychiatrie - Wo der Faschismus noch lebendig ist...

Beitragvon Miss Mudderkomplex » Do 11. Mär 2010, 02:25

@Stef205:
Ich kann dir da nur beipflichten.
Allerdings würde ich es nicht ganz so drastisch ausdrücken. Die Metapher mit dem Spinnennetz ist zwar gut, aber etwas zu eindringlich. Worauf sie anspielt, ist jedoch vollkommen richtig: das, was viele Leute als die sogenannte "Drehtürpsychiatrie" bezeichnen.
Einmal in der Psychiatrie gewesen, finden Ex-Patienten -freiwillig oder unfreiwillig- ständig den Weg hinter die Klinikmauern zurück. So habe ich es in einigen Fällen erlebt, dass Leute, die nur eine bis zwei Psychosen hatten, in der Klinik dermaßen unselbständig gemacht wurden, dass sie sich wegen jeder Kleinigkeit immer wieder selbst eingewiesen haben. Von Erholung kann gar keine Rede sein, und die angebliche "Wiederherstellung der Leistungsfähigkeit", die in der Psychiatrie erzeugt werden soll, bewirkt in Wahrheit das Gegenteil. Ein Mensch, der Neuroleptika in hohen und selbst in mittleren Dosen zu sich nimmt, KANN nie wieder ein normales Leben führen (mit normal meine ich jetzt Job auf dem ersten Arbeitsmarkt, Partnerschaft etc.). Zumal auch die meisten Patienten nach der Psychiatrie nicht ins "normale" Leben, sondern erstmal in Einrichtungen wie Tageskliniken, betreutes Wohnen o.ä. entlassen werden; wo ihnen dann weiterhin eingetrichtert wird, dass sie schwer krank seien und ohne Medikamente einen Rückfall bekämen und dass es besser wäre, sie suchten sich einen Ausbildungsplatz auf dem zweiten Arbeitsmarkt. Unter (hoch- und mitteldosierten) Medikamenten ist und bleibt jedoch jeder Mensch ein energieloses, körperlich und geistig stillgelegtes Wrack, welches nie wieder so etwas wie Eigeninitiative oder Persönlichkeit haben wird. Außerdem wird den Ex-Patienten vermittelt, dass sie sich wie gesagt bei jeder Kleinigkeit oder emotionalen Schwierigkeit sofort wieder "Hilfe holen" müssten, d.h. sich freiwillig auf eine offene Station einweisen. Du hast also absolut recht, man wird als Pflegefall entlassen.

Auch sind die Methoden der Psychiatrie, zumindest auf der geschlossenen, absolut menschenrechtsverachtend. Leuten, die weder eine Straftat begangen haben noch sonstiges verbrochen haben; wird ohne Rechtsgrundlage, nur aufgrund der Einschätzung eines Arztes, die Freiheit entzogen. Anschließend sind sie der Willkür der Pfleger, Ärzte u.a. ausgesetzt und bekommen gegen ihren Willen Medikamente mit hohen Nebenwirkungen verabreicht, meist sogar per Zwangsinjektion. Absolut kriminell, und erinnert eher an totalitäre Regime denn an Demokratie.

Gruß

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Re: Die Psychiatrie - Wo der Faschismus noch lebendig ist...

Beitragvon fluuu » Sa 13. Mär 2010, 00:27

Hallo Stef205,

im besten Fall bleiben durch Deinen Text ein paar Betten frei von Scheinkranken die nur mal Aufmerksamkeit
und Zuwendung wollen für Menschen die wirklich eine psychische Störung haben und klinische Behandlung brauchen.
Wie jedes Krankenhaus, so ist auch die Psychiatrie für schwer kranke Menschen gedacht bei denen medizinische Hilfe
notwendig ist und nicht für Menschen die keine Lust haben sich ein warmes Essen zu kochen.
gruß fluuu

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Re: Die Psychiatrie - Wo der Faschismus noch lebendig ist...

Beitragvon Franz Engels » Sa 13. Mär 2010, 12:31

Hallo zusammen
Einmal in der Psychiatrie gewesen, finden Ex-Patienten -freiwillig oder unfreiwillig- ständig den Weg hinter die Klinikmauern zurück.
Ich würde das Wort "manche" ergänzen, andernfalls ist Ihr Satz unrichtig. Ich kenne viele Menschen, die nur einmal oder wenige Male stationäre Hilfe benötigten und seither nie wieder, einige, die nur sehr selten für wenige Tage Hilfe nehmen und natürlich auch einige, aber deutlich weniger, die in regelmässigen Abständen oder auch dauerhaft stationäre Hilfe benötigen, damit sie zu Hause wieder zurechtkommen.

Ist die Frage, warum manche Patienten es nicht schaffen, wieder so gesund zu werden, dass sie dauerhaft keine stationäre Hilfe mehr benötigen, nicht von Mensch zu Mensch und Situation zu Situation verschieden zu beantworten?

Freundliche Grüsse
Franz Engels
Das Gegenteil ist nur die Rückseite derselben Medaille.

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Re: Die Psychiatrie - Wo der Faschismus noch lebendig ist...

Beitragvon Molly » Sa 13. Mär 2010, 15:02

Sehr geehrter Herr Engels!

Vielleicht weil in erster Linie immer nur an den Symptomen und nicht an den Ursachen der Erkrankung herumgedoktert wird? Man muss den Patienten auch das Handwerkszeug dazu geben, über sich und ihr Leben nachzudenken und etwas daran zu ändern (wenn schon eine entspechende Verletzlichkeit besteht) und nicht nur alles mit Medikamenten zuschütten und dann immer weiter so wie vorher!

LG,

Molly
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Re: Die Psychiatrie - Wo der Faschismus noch lebendig ist...

Beitragvon fluuu » Sa 13. Mär 2010, 18:02

...das Angebot von außen für psychisch kranke Menschen ist die eine Seite, es ist umfassend vorhanden,
die andere Seite jedoch ist wie bei jeder anderen Krankheit auch der eigene Wille von innen heraus die
Situation zu Ändern und etwas Neues auszuprobieren.
Die meisten Menschen tun das, viele ganz selbstverständlich, einigen wird kurz dabei geholfen und sie
können es selbst und nur ganz wenige wollen es selbst nicht und brauchen immer wieder Unterstützung.
So findet in der Psychiatrie die Behandlung der akuten Krankheit statt mit Medikamenten und anderen
medizinischen Methoden, dann ist die Stabilität wieder so weit hergestellt, dass selbst Entscheidungen
getroffen werden können welche Behandlungen und Therapien dann die Richtigen sind.
Da gibt es eine Vielfalt an Möglichkeiten z.B. Psychotherapie auf der Station, ambulant oder bei einem
niedergelassenen Psychologen. Verschiedene Therapiemethoden bei unterschiedlichen Leuten z.B.
auch beim Heilpraktiker für Psychotherapie. Die Palette psychische Störungen zu Behandeln ist groß,
es ist für den Kranken Hilfe möglich um zu erkennen welche Methode die passende ist.
Jedoch um die gesunden Anteile der Psyche zu stärken müssen letztendlich die Selbstheilungskräfte
aktiviert werden, sonst geht es nicht, niemand kann von außen die gesunde Persönlichkeit im
innersten Formen, das kann nur jeder selbst.
Das Angebot ist von außen da um beim Aktivieren der Selbstheilungskräfte im Innern behilflich zu sein.
gruß fluuu

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Re: Die Psychiatrie - Wo der Faschismus noch lebendig ist...

Beitragvon Molly » So 14. Mär 2010, 21:53

Hallo Fluuu!

Unabhängig vom Begriff Faschismus, der den Titel dieses Threads leider prägt, weiß ich doch aus eigener Erfahrung, dass ich recht habe.

Psychologen und Psychiater haben mir nie sehr weitergeholfen. Die Theorie ist zwar so, wie Du es beschreibst, aber in Wirklichkeit hilft Dir kein Psychiater oder Therapeut aus der Sch... heraus! Die einzigen die wirklich halfen waren Sozialarbeiter und an die kommt man nur wenn alles schon ziemlich den Bach runter gegangen ist. Von selbst geht man ja nie dort hin und die Psychiater weisen nie auf eine mögliche (wirkliche)Hilfe von dieser Seite hin. Die Medikamente schränken durch die Nebenwirkungen (jedenfalls bei denen, die ich früher bekam) den Handlungsfreiraum des Betroffenen eher noch ein. Man wird ja durch die Nebenwirkungen noch abhängiger vom sozialen Umfeld.

Molly
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Re: Die Psychiatrie - Wo der Faschismus noch lebendig ist...

Beitragvon fluuu » Mo 15. Mär 2010, 15:39

Hallo Molly,

dass Du mit Deinen Erfahrungen Recht hast und Dir ein Arzt/Therapeut nicht helfen konnte
ist Dir unbenommen aber daraus den Schluss ziehen für alle Menschen Hilfen abzuschaffen
kann doch nicht die allgemeine realistische Sicht sein.
Wie gesagt, es geht immer um die Hilfe zur Selbsthilfe, von Ausnahmen abgesehen, es gibt
über solche und solche auch bei den Profis. Jedoch es ist bei jeder Erkrankung so, nur die
Selbstheilungskräfte können letztlich wirklich Helfen und dazu gehört die passende Einstellung,
sie heißt nicht, aua, aua es tut so weh, habe Schmerzen, Arzt mach sie weg halte so lange still.
Wer Schmerzen hat hält nicht still sondern sorgt aktiv für einen Ausgleich, das kann eine
Therapie sein aber es kann auch etwas ganz anderes sein um die Selbstheilungskräfte anzustoßen
damit sie wirken können.
Das Ideal ist, jeder findet selbst heraus was ihm hilft, das tut er dann und was ihm nicht hilft das lässt er...
gruß fluuu

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Re: Die Psychiatrie - Wo der Faschismus noch lebendig ist...

Beitragvon Telephium » Sa 27. Mär 2010, 17:35

Jedoch es ist bei jeder Erkrankung so, nur die
Selbstheilungskräfte können letztlich wirklich Helfen und dazu gehört die passende Einstellung,
sie heißt nicht, aua, aua es tut so weh, habe Schmerzen, Arzt mach sie weg halte so lange still.

Wer Schmerzen hat hält nicht still sondern sorgt aktiv für einen Ausgleich, das kann eine
Therapie sein aber es kann auch etwas ganz anderes sein um die Selbstheilungskräfte anzustoßen
Wer Schmerzen hat (körperliche) geht in eine Schmerzambulanz und sollte dann still halten und den Ärzten vertrauen (abhängig von denen sein).

Die Frage ist dabei ist dieser Gang in die Schmerzambulanz (also der Schritt einen Schmerztherapeuten zu suchen) ein "aktiv sorgen"?

Immerhin besser als Diclonfinac vom Hausarzt zu bekommen, dass man nicht verträgt und nicht hilft.

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Re: Die Psychiatrie - Wo der Faschismus noch lebendig ist...

Beitragvon hotspot1932 » Mi 1. Feb 2012, 05:00

Lieber Fluuu,

hier mal meine Signatur.... Die Erklärung folgt...

Liebste Grüße

hotspot


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