sekundärer Krankheitsgewinn ? Krise als Chance

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mikesch
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sekundärer Krankheitsgewinn ? Krise als Chance

Beitragvon mikesch » So 25. Mai 2008, 18:28

Gibt es ihn ?

Meine Meinung dazu ist, ja es gibt ihn, aber der Betroffene muss ihn sich hart erarbeiten. Ein paar Stichwörter zu dem, was ich unter Krankheitsgewinn verstehe...

Toleranz, Bescheidenheit, die Fähigkeit sich in andere einzufühlen, Empfindsamkeit/Sensibilität (die aber oftmals auch ein Klotz am Bein sein kann), Grenzen anerkennen, wer lernt, sich trotz seiner (krankheitsbedingten) Unzulänglichkeiten zu mögen und zu lieben ist ein Riesenschritt weiter in seiner persönlichen Entwicklung, Geduld..usw., Unabhängigkeit in dem Sinn, dass viele Betroffene lernen (sollten) nach eigenen Maßstäben zu leben, Erfolg und Zufriedenheit selbst zu definieren --> dadurch eine größere Unabhängigkeit von der Meinung anderer, von aktuell "gültigen Maßstäben, Idealen"....

Was seht ihr als sekundären Krankheitsgewinn ?

Habt ihr davon schon einiges erreicht ?

Ich persönlich habe leider noch nichts zur Perfektion gebracht, aber ich bin auf dem Weg, versuche mich an den genannten Stichwörtern zu orientieren, weil ich der Meinung bin, es sind wichtige Bausteine für ein zufriedeneres Leben.

gruß mikesch
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Lydia
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Beitragvon Lydia » So 25. Mai 2008, 19:23

Hallo mikesch,

unter sekundärem Krankheitsgewinn verstehe ich eher äußere Vorteile, die eine Betroffener aus einer Krankheit zieht.
Die klassischen Beispiele sind erhaltene Zuwendung, Rücksichtnahme, Aufmerksamtkeit etc, durch die es sich für den Kranken „lohnt“, an der Krankheit festzuhalten.

Wenn der Krankheitsgewinn dazu führt, dass ein Kranker keine wirkliche Geneseung/Veränderung anstrebt, bzw. diese (unbewusst) vermeidet, um diese Vorteile weiter zu genießen, sehe ich ihn nicht als einen Vorteil oder als etwas Positives.

Gruß
Lydia

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moni
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Beitragvon moni » So 25. Mai 2008, 20:02

Hallo mikesch

Was der Begriff <Krankheitsgewinn> meint, wird z.B. bei wiki erklärt: http://de.wikipedia.org/wiki/Krankheitsgewinn

Ich verstehe das so, dass darunter Abläufe/psychische Reaktionsmuster zu verstehen sind, die weitgehend unbewusst geschehen und auch nur scheinbare Gewinne sind, weil sie nicht der Lösung eines Konflikts dienen, sondern der Vermeidung desselben.

Was du beschreibst, geht wohl eher in die Richtung dessen, was du mit <Krise als Chance> bezeichnest. Perfektion darin sehe ich allerdings nicht als erstrebenswert an.

LG moni
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Remedias
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Beitragvon Remedias » So 25. Mai 2008, 21:03

Hallo Mikesch, ich finde den Begriff "Krankheitsgewinn" nicht ganz richtig verwendet.
Für mich wäre es das mehr so etwas, wie wenn ich vor einer Prüfung krank werden würde, damit ich die Prüfung nicht machen muss, und das geschieht völlig unbewusst, damit meine ich nicht die Simulation.
Aber auch als die Krise als Chance könnte ich verzichten. Ich glaube nicht, dass man die von dir angesprochenen positiven Dinge nur durch Krankheit lernen kann, aber man kann sie auch durch Krankheit lernen. Gesundheit bleibt jedoch das erstrebenswertere Ziel...
liebe Grüße Remedias

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mikesch
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Beitragvon mikesch » So 25. Mai 2008, 21:05

Hi,

danke für den Wikilink, das was dort beschrieben wird habe ich absolut nicht gemeint. Vielleicht kann ich den Threadtitel noch ändern, ich meinte schon eher die Krise als Chance zu nutzen um an sich selbst zu arbeiten und auch mit der Diagnose ein glückliches Leben führen zu können.

Perfektion darin sehe ich allerdings nicht als erstrebenswert an.
Warum ?

gruß mikesch
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moni
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Beitragvon moni » So 25. Mai 2008, 22:18

Perfektion darin sehe ich allerdings nicht als erstrebenswert an.
Warum ?

gruß mikesch
Weil ich glaube, dass man als Mensch von Natur aus unperfekt ist und deshalb das Anstreben von Perfektion von vornherein zum Scheitern verurteilt (weil eine Überforderung) wäre. Das, was meine Therapeutin das Integrieren der eigenen Schattenseiten nennt, finde ich von daher erstrebenswerter - und ist mir eh schon anspruchsvoll genug ... :wink:

Zum Stichwort "Krise als Chance": Ich sehe es auch als ein Ziel an, aus Krisen zu lernen - im Sinne von: sich weiterzuentwickeln. Manchmal bedeutet das auch einfach "nur": durchzuhalten.

LG moni
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mikesch
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Beitragvon mikesch » So 25. Mai 2008, 23:37

Hey,

@moni ja, perfekt war ein bisschen unglücklich gewählt, sekundärer Krankheitsgewinn auch :).

Wer zu hohe Maßstäbe anlegt, wird nur unglücklich, genauso ist es ja auch mit Erwartungen.

Das, was meine Therapeutin das Integrieren der eigenen Schattenseiten nennt, finde ich von daher erstrebenswerter - und ist mir eh schon anspruchsvoll genug ... Wink
Ja auf jedenfall !


@remedias

Stimmt, es geht auch ohne Krankheit, aber ich finde sie wirkt ein bisschen wie ein Katalysator.Man stellt plötzlich viele Dinge in Frage, eine gute Gelegenheit zur Veränderung.

Gesundheit ist natürlich immer ein wichtiges Ziel, aber nicht für jeden erreichbar. Aber zufrieden mit seinem Leben zu sein, das kann jeder erreichen. Für mich persönlich waren auch einige Punkte dabei, die beiden Zielen zugleich dienen, also Gesundheit und ein zufriedenes Leben.

gruß mikesch
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Beitragvon Molly » Mo 26. Mai 2008, 23:01

Grade bei psychischen Erkrankungen spielt die Möglichkeit einer Gesundung oder Besserung der Symptome durch Veränderungen im Leben eine große Rolle. Erkennt man durch die Erkrankung, was besser für einen wäre, ist das sicher ein Gewinn.

Ich hatte zB. noch nie viele Gemeinsamkeiten mit meinem Ex. Heute weiß ich, das mich das sehr belastet hat. Wegen der Kinder hätte ich mich aber nie von ihm getrennt. Nun ist es durch die Krankheit von ihm aus so gekommen und es geht mir eigentlich viel besser als vorher (Aber nur, weil ich weiß, dass es meinen Kindern jetzt trotzdem gut geht.)

Außerdem habe ich durch das Hören der Stimmen Hoffnung darauf bekommen, dass es vielleicht doch irgendwie mehr gibt, als das streng wissenschaftliche Menschenbild.

LG,

Molly

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Beitragvon Laura » Di 27. Mai 2008, 02:33

Die Krankheit bringt mich schrittweise dazu, mit dem Herzen zu verstehen. Das Denken ist unergründlich und kann auch auf Abwege führen. Man muss so einiges nicht so wichtig nehmen, Gefühle schon.

Laura
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Beitragvon Love » Do 29. Mai 2008, 03:05

Mich hat die Krankheit komplett zu einem besseren
Menschen gemacht. Besser im Sinne von sozialer, und
das vom aller tiefsten heraus. Ich stelle jetzt die
Leute um mich in den Mittelpunkt meines Lebens.

Früher war ich Einzelgänger und meine ganzes
Leben drehte sich um erfolgreich sein.

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Remedias
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Beitragvon Remedias » Do 29. Mai 2008, 16:01

Ich bin immer noch Einzelgängerin.
Und die Krankheit hat mir ein ganz tiefes Mißtrauen gegenüber meiner Wahrnehmung eingebracht; ich traue mir selbst nicht mehr.
liebe Grüße Remedias

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Beitragvon Remedias » Fr 30. Mai 2008, 17:32

Hallo @Lina, in vielem was du schreibst, finde ich mich wieder. Ich bin jedoch dagegen die Krankheit zu "romantisieren", zu beschreiben, dass ich ein besserer Mensch gewesen wäre. Für mich bleibt sie überflüssig wie ein Geschwür oder ein Kropf.

liebe Grüße Remedias

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Laura
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Beitragvon Laura » Sa 31. Mai 2008, 09:10

Hi!

Ich kann mich in einigen von Linas Äußerungen wiederfinden. Und um das Pferd mal von der anderen Seite aufzuzäumen: Mein Leben war nie schön. Somit konnte mich die Krankheit nicht noch zusätzlich allzu tief sinken lassen. Ich habe durch die Krankheit so viel nun gar nicht verloren, außer einem "normalen" Alltag. Schlecht gefühlt habe ich mich vorher aber weitaus eher.

Viele Grüße

Laura
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moni
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Beitragvon moni » Sa 31. Mai 2008, 10:31

Hallo zusammen

Was ist denn ein "normales" Leben, eine "normale" Ehe, ein "normaler" Alltag? @Laura und Lina: Je nachdem, was ihr da drunter eben versteht - aber könnte es sein, dass ihr diese Normalität auch ein wenig überhöht?
Ich kenne es jedenfalls von mir, dass die Versuchung manchmal gross ist, eigene (geplatzte) Träume in das Wort "normal" hineinzuprojizieren - und es dadurch im Grunde genommen ungerechtfertigt aufzublasen.

LG moni
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Laura
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Beitragvon Laura » Sa 31. Mai 2008, 11:28

Hallo moni!

Ich habe das Wörtchen "normal" bewusst in Anführungszeichen gesetzt. Anführungszeichen sind dazu da, um sich von einem Inhalt zu distanzieren. Also, ob man will oder nicht und so undefinierbar die "Normalität" auch ist, sie schwebt doch trotzdem nebulös über den Köpfen der Gesellschaft oder bilde ich mir das nur ein? Von Stütze leben und mehr oder weniger in den Tag hinein leben hat sich bei mir erst in der letzten Zeit ergeben. Vorher war ich sozusagen immer irgendwo eingespannt. Und wenn es Dinge gibt, die zum Glücklichsein dazugehören und DIES die Normalität etwas definieren könnte, so habe ich die auch kaum. Keinen Partner, keine Kinder, keinen Job, kein Haustier, meine leidige Sinnestrübung hab ich aber, jedoch nicht einmal viele Verabredungen. Und meine ganze Ursprungsfamilie ist sonstwo.

Ich würde meine frühere "Normalität" heute als höchst stressig und psychosefördernd empfinden. Nein, ich komme nicht mehr an meine frühere Stärke heran. So wie jetzt lebe ich auch verhältnismäßig gut, aber es ist dennoch nicht das Leben, wie ich es mir eigentlich gewünscht hatte.

Viele Grüße

Laura
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