Raum für J - sein wie Gott

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Jonas
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Raum für J - sein wie Gott

Beitragvon Jonas » Di 6. Jun 2006, 05:56

Joel Hanson, 31 Jahre alt, ist seit elf Jahren davon überzeugt, er sei Gott. Diagnose: chronische Schizophrenie. 2004 brachte der Vater, Dan Hanson, ein Buch heraus, in dem er die Erfahrungen der Familie in diesen zehn Jahren schildert: "Room For J: A Family Struggles With Schizophrenia" ('Raum für J - Eine Familie im Kampf mit Schizophrenie'). In einem Rundfunkinterview berichteten die Eltern des jungen Mannes 2005 von ihren Erfahrungen, und dabei vor allem darüber, wie der "Wahn" ihres Sohns sowohl ihren eigenen Glauben verändert habe wie auch ihre Sicht der menschlichen Existenz: "Durch die Krankheit meines Sohnes", erzählt Sue Hanson, "hat sich meine eigene Vorstellung von Gott gewandelt. Joel zwang mich dazu, Gott in ihm zu sehen, ob ich nun wollte oder nicht, und dadurch, dass mir nichts anderes übrig blieb, als Gott in ihm zu sehen, sah ich Gott schließlich genauso klar in anderen Menschen."

Das 53 Minuten lange Interview kann man auf folgender Webseite nachlesen bzw. anhören:

http://speakingoffaith.publicradio.org/ ... ript.shtml

(oder: http://tinyurl.com/nchpy )

Dan Hanson schildert den Tag, an dem sein Sohn nach Hause kam und sagte, er sei Gott, im Rückblick als den Tag, an dem er begonnen habe, Joel als eigenständige Persönlichkeit wahrzunehmen: "Für uns war das alles [was er berichtete] nur ein Rätsel, doch ihm erschien es vollkommen logisch und vernünftig. Alles war ihm offenbart worden. Und dieses interessante Kind, das wir hatten und das in vielen Dingen immer so naiv gewesen war, hatte auf einmal seine Berufung gefunden. Es war, als kenne er nun den Sinn seines Lebens."

Wie meist in solchen Fällen hatten Dan und Sue Hanson zu Beginn mit Selbstzweifeln und Schuldgefühlen zu kämpfen, mit der quälenden Frage, warum ihr Sohn so geworden war, ob es vielleicht ihre Schuld sei. Im Lauf der Jahre jedoch lernten sie, die psychische Erkrankung "wirklich zu schätzen".

Der Sohn selbst verfasste ein Manuskript mit dem Titel: "A Guide to the Universe" ('Ein Führer zum Universum'), das mit den Worten beginnt: "Beim Schreiben eines Buchs über das höchste Wesen, Gott, ich selbst, der wiedergeborene Jesus, Josua, Jehova, Joel Steven Hanson, unendliche 99,999 Prozent des Universums, das größte Einzelwesen, das es gibt, bin ich sehr darum bemüht, die Wahrheit zu sagen."

Wie viele Betroffene wird auch Joel mit Psychopharmaka behandelt. Dan Hanson erwähnt die schweren Nebenwirkungen dieser Medikamente und weist dann auf einen anderen problematischen Punkt hin: "Wie jeder andere Mensch auch möchte Joel respektvoll behandelt werden. Er möchte als besondere Persönlichkeit anerkannt werden. Er möchte, dass die anderen an ihn glauben. Wenn man ihn jedoch behandelt, als brauche er erst Medikamente, um ein richtiger Mensch zu werden, ist das für ihn sehr, sehr schwer, denn er fühlt sich behandelt wie ein Kind ... Er wird gezwungen, etwas zu tun, das er gar nicht will."

Bis heute glaube ihr Sohn nicht, dass er krank sei, erzählt Sue Hanson, weshalb er die Medikamente immer wieder absetze. Er habe in diesen zehn Jahren praktisch alle Neuroleptika bekommen, die es gebe, "doch keines hat seinen Wahn beseitigt. Wir nennen es 'Wahn', er nennt es 'Wirklichkeit' ... Für ihn ist dies genauso wahr wie für mich meine Existenz als Ehefrau und Mutter ...

... Schließlich haben wir gelernt, Joel mitsamt seinem Glauben zu akzeptieren. Wir versuchen nicht mehr, diesen Glauben zu ändern, wir akzeptieren Joel als jemanden, der sich für Gott hält. Wenn ich mit ihm spazieren gehe, erzählt er mir, was in ihm vorgeht – und vieles von dem, was er denkt und wie er die Dinge sieht, ist überaus tiefgründig ... Er hat manchmal wirklich erstaunliche Einsichten und Erkenntnisse, und indem wir dies wahrnehmen, sind wir für ihn die Brücke zur Realität geworden. Er weiß es zu würdigen, dass wir ihn so, wie er ist, akzeptieren ... Es bedeutet ihm sehr viel, dass wir dies tun, er hat dadurch das Gefühl: 'Jemand hört mir zu.' "

Dan Hanson erzählt, er sei immer fasziniert gewesen von der Philosophie Martin Bubers, der zufolge Gott sich dann in einer Beziehung zu einem anderen Menschen zu erkennen gebe, wenn man aufhöre, den anderen zu instrumentalisieren, als Mittel zur Verfolgung eigener Ziele zu missbrauchen. "Bei Joel ist man auf eine ganz besondere Weise präsent. Wenn er spricht, beendet man im Geist seine Sätze nicht schon im Voraus. Man geht nicht mehr mit Logik und Vernunft an seine Aussagen heran, man versucht nicht mehr, rational zu sein, man hört ganz einfach auf, zu - - - es lässt sich nicht erklären. Dies ist das Geschenk, das wir von Joel erhalten haben, und dies ist der Grund, warum wir ihn weiterhin lieben und für ihn sorgen und die Tür für ihn immer offen lassen: damit er solche Augenblicke mit uns erleben kann, oder vielmehr, ganz egoistisch, damit wir solche Augenblicke mit ihm erleben können."

"Erst als wir nicht mehr versuchten, ihn davon zu überzeugen, dass er sich irrte, haben wir begonnen, ihn wirklich zu akzeptieren", setzt Sue Hanson den Bericht fort. Dies sei ein sehr langer Weg gewesen. "Erst seit einigen Jahren sind wir überhaupt dazu fähig, ihn als das zu schätzen, was aus ihm geworden ist und was in keiner Weise dem entspricht, was wir uns vorgestellt hatten ... Ich habe gelernt, ihn als den, der er ist, aus ganzem Herzen zu lieben und zu schätzen, als Mensch mit jener Sanftheit, Freundlichkeit und Liebenswürdigkeit, die seinem Geist entspricht. Ich sehe wirklich Gott in ihm."

Sie liest aus seinem Manuskript "Führer zum Universum" vor: "Die Vergangenheit hier auf Erden ist nicht wirklich gut. Warum befasst ihr euch dann so viel damit und vernachlässigt die Geschenke von Gegenwart und Zukunft, indem ihr weder eure eigene Sprache erschafft, noch die meine wirklich achtet, respektiert und versteht? Ihr habt alle so große Angst und versteht nicht, dass die Angst das größte Übel ist ... Ich weiß, und es ist gesagt worden, dass das Gegenteil von Liebe Unwissenheit ist. In der Unwissenheit gibt es keine Liebe. Dies ist mein Glaube! Wenn man etwas nicht versteht, dann stößt man das oft von sich, was für eine Veränderung des Leben zum Guten hin notwendig ist."

"Über solche Dinge spricht er mit uns", erzählt Dan Hanson. "Wenn wir ihm die Tür für ein Gespräch öffnen und nicht versuchen, ihn zu beeinflussen oder zu verändern, dann offenbart er uns diese Art von Weisheit und spricht buchstäblich stundenlang mit uns ...

... Für ihn hat der Gedanke große Bedeutung, dass alle Menschen miteinander verbunden sind. Irgendwie gibt es etwas, das jeden Menschen mit allen anderen verbindet. Das klingt jetzt sehr nach Esoterik, doch das ist genau das, aus dem heraus er handelt ... Er hat höchste Achtung vor dem Leben, dem Leben anderer Menschen."

Die Interviewerin erwähnt, dass Dan Hanson in seinem Buch zu dem Schluss komme, Schizophrenie bzw. die Art, wie Joel sei, wozu auch seine Schizophrenie zähle, sei auch einfach ein Aspekt der menschlichen Vielfalt. Ja, meint Dan Hanson, doch falle es ihm und seiner Frau inzwischen zwar leicht, dies so zu sehen, doch sei es für die übrige Welt viel schwieriger, Joel als den zu akzeptieren, der er ist. "Ich weiß, dass er es ohne uns sehr schwer hätte im Leben, denn es gibt nicht viele Menschen, die bereit sind, ihm zuzuhören oder so mit ihm zu sprechen, wie wir es tun ... Ich denke, die Gesellschaft sollte psychische Krankheit in einem ganz anderen Licht sehen und sagen: 'Dies könnte mein Sohn sein. Dies könnte mein Ehemann sein. Dies könnte mein Kind sein.' Joel hat nämlich sehr viel zu geben. Er ist intelligent, er ist freundlich, er ist liebenswürdig und sanft und kann wunderbar mit Kindern umgehen. Ich glaube, seine besonderen Wahrnehmungen könnten ein Geschenk für die Gesellschaft sein."

Immer, wenn man versucht habe, ihn von der Notwendigkeit der Medikamente zu überzeugen, berichtet Sue Hanson, habe ihr Sohn entgegnet: "Warum versucht ihr, mich einzuschränken, mich zum Schweigen zu bringen? Ihr wollt doch nur, dass ich genauso bin wie alle anderen!"

Die Interviewerin erkundigt sich nach Joels Prognose. Er lebe jetzt ja in einer eigenen Wohnung und das funktioniere offenbar richtig gut. Den Fachleuten zufolge habe Joel aufgrund seiner fehlenden Krankheitseinsicht keine gute Prognose, meint Dan Hanson. "Auch wenn Joel nicht glaubt, zu unserer Realität zu gehören, so denke ich doch, dass er, je länger er in dieser Realität lebt, desto besser begreift er, dass er in unserer Welt existieren und seinen Glauben dennoch beibehalten und mit anderen darüber sprechen kann, und desto zuversichtlicher werden wir, dass er eines Tages vielleicht doch einen Weg finden wird, in dieser Welt zu leben." ...

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Ein hervorragendes Buch zum Thema Schizophrenie und religiöses Erleben ist im Paranus-Verlag, Neumünster, erschienen.

http://www.paranus.de/goeswissen/goeswi ... _gott.html

Ronald Mundhenk

Sein wie Gott

Aspekte des Religösen im schizophrenen Erleben und Denken
http://www.eigener-planet.de/

Blonde Biene
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Beitragvon Blonde Biene » Mi 16. Aug 2006, 13:13

Ich sage dazu nur,

die Vergangenheit hat gezeigt und die Gegenwart, dass Schizophrene immer Genies waren :lol:

orson
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Beitragvon orson » Mo 9. Okt 2006, 10:54

Danke, Jonas

für diesen schönen Beitrag,
da kommen viele Erinnerungen an meine
persönlichen "Episoden" hoch.
Im Grunde kann ich dazu nur sagen: ich bin
zwar im Sinne der Psychiatrie mehr oder
weniger von solchen Gedanken geheilt, aber
ich fühle mich nicht mehr heil. Solche Erfahrungen
zu haben gehört zu den schönsten Dingen die ein
Mensch erfahren kann. Und es stimmt, die meisten
Menschen und NL wollen nur zum schweigen bringen.
Die Frage ist aber warum fühlt man sich in solchen
Momenten so ganz und in Einklang spaeter aber nach
einer Behandlung so klein und armseelig...
Das was die Eltern hier erlebt haben ist endlich
mal eine Einsicht, das hier mit einem Menschen
etwas ganz Grosses geschieht, dass viele Einsichten
für sich stehen können ohne sie im Sinne geistiger
Gesundheit zu hinterfragen.
Eigentlich fangen die Eltern nun an sich selbst als Mensch zu hinterfragen und an einem Verbundensein
und einem Einsein mit Gott.


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