Weiß nicht weiter

Hier hinein gehören alle Informationen und Fragen zum Thema beruflicher und sozialer Wiedereingliederung nach und bei psychischer Erkrankung
Sie-hört-Gott
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Weiß nicht weiter

Beitragvon Sie-hört-Gott » Do 18. Nov 2010, 20:03

Ich habe letztes Jahr im September eine Ausbildung mit Anwartschaft als Beamtin begonnen. Im November bekam ich jedoch so starke Depressionen , dass ich mich in die Psychiatrie einwiesen ließ. Dort verbrachte ich einen Tag auf der geschlossenen Station und konnte gleich am nächsten eine stationäre Therapie beginnen. Gegen Ende dieser Therapie meinte meine Therapeutin in unseren Gesprächen eine unterschwellige Suizid Absicht erkennen zu können. Also ging es zurück auf die Geschlossene. Dort brach irgendwie alles aus mir raus und ich hatte endlich den Mut den dortigen Ärzten Alles was mich schon so lange quälte zu erzählen.
Ich habe schon seit Jahren diverse Zwänge die mich nicht wirklich in Ruhe lassen. Als junger Teenager war es am schlimmsten , ich musste immer wieder Dinge zählen, durfte bestimmte Dinge / Plätze nicht berühren , weil sie die falsche Zahl/Farbe hatten. Außerdem mussten Dinge in einer gewissen Reihenfolge stehen/liegen und ich habe das Gefühl das Gott mir diese Dinge eingibt. Falls ich mich nicht daran halte wird etwas Schlimmes passieren. Mittlerweile hat sich diese Symptomatik gebessert, sie beeinträchtigt aber immer noch mein Leben. Wenn z.B. der Joghurtbecher die falsche Farbe hat kann ich ihn nicht kaufen. Ebenso gibt es bestimmte Wörter/Buchstaben , die ich nicht ohne Furcht schreiben kann, da Sie nicht gott gefällig sind. Auch so banale Dinge wie die Nagellackfarbe sind irgendwie fremdbestimmt. Ebenso muss ich mehrmals am Tag das Vater Unser beten und das in einer ganz bestimmten Fingerkonstellation. Das hört sich lächerlich an , aber irgendwie kann ich diese Dinge nicht wirklich lassen :sad:

Früher war ich ein Mensch dem soziale Anerkennung über alles ging, ich tat alles um meinen Freunden zu gefallen. Im Alter von ungefähr vierzehn Jahren änderte sich auch dies schlagartig. Auf einmal konnte ich die Nähe von Menschen nicht mehr wirklich ertragen alles kam mir lächerlich und unnütz vor. Ich ging in die Schule, kam nachhaus und lag ab dann nur im Bett. Was die anderen über mich dachten, war mir ab diesem Zeitpunkt nicht mehr wichtig und ich zog mich immer mehr zurück. Heute sehen mich die Leute oft als verschroben an, als arrogant und teilnahmslos. In Situationen die mir unwichtig sind oder ich nicht weiß wie ich mich benehmen soll drifte ich irgendwie total weg. Eigentlich sehne ich mich nach sozialen Kontakten , kann dies aber nicht umsetzen. Wenn sich menschliche Nähe aufbaut erschreckt mich dies irgendwie zu tiefst. Ein wirklich enges Verhältnis habe ich eigentlich nur zu meinem engen Familienkreis. Da verhält sich das schon alles wieder anders, ich versuche es Ihnen Recht zu machen wo es nur geht. Ich kann nicht Nein sagen, manchmal nehme ich mir Dinge ganz fest vor und wenn dann meine Mutter nur einen Satz dagegen sagt bin ich sofort zu tiefst verletzt und bezweifle alles. Aber auch bei meinen Geschwistern kann ich mich einfach nicht durchsetzen. Zu groß ist die Angst vor Ablehnung.

In der Klinik wurde dann eine schizoaffektive Störung mit stark depressivem Inhalt diagnostiziert. Ich habe Risperidon bekommen und litt nach ein paar Tagen unter schwersten Nebenwirkungen, dies wurde in der Klinik jedoch nicht für voll genommen und ich entließ mich schließlich selbst. Ich ließ mich wieder krank schreiben und versuchte mit meiner Psychiaterin das richtige Medikament zu finden. Dies gestaltete sich jedoch als sehr schwierig, da ich immer wieder starke Nebenwirkungen wie Harnverhalt, ein absolut gestörtes Schlafverhalten u.ä. hatte. Mit Ablauf von April lief meine Krankschreibung aus und ich hatte im Mai meinen ersten Arbeitstag. Geplant war das ich bis zum neuerlichen Beginn des Ausbildungsjahres in meinem alten Jahrgang bleibe, sozusagen als Praktikumszeit. Die ersten Tage liefen doch mein ganzer Rhytmus war irgendwie durcheinander und ich schaffte neben der Arbeit nichts mehr. Der Kontakt zum Ausbilder war mir abermals zu nah ( man sitzt direkt neben dran) und ich begann irgendwie wieder in eine psychotische Phase abzugleiten. Gegen Ende Mai war es dann soweit, es ging garnichts mehr und ich ließ mich voller Zuversicht wieder in die Klinik einweisen. Absoluter Trugschluß , ich wählte diesesmal eine andere Klinik in der Hoffnung das mir dort mehr zugehört und auf meine Aussage vertraut wird . Das Gegenteil geschah , in dieser Klinik ging es ausschließlich um medikamentöse Behandlung und die ärztliche Versorgung gestaltete sich katastrophal.
Ich hielt Kontakt zu meinem Arbeitgeber, der sehr verständnisvoll war und wieder erklärte mich ab September neu mit ausbilden zu wollen.Mein Aufenthalt war jedoch langwidriger und ich wurde erst am 8. entlassen. Soweit so gut, ich wurde zu einem Gespräch mit meinem Vorgesetzten geladen und ich sah mich irgendwie gezwungen die Aussage Depression zur Psychose hin zu revidieren.Schön blöd, zwei Tage später hat ich die Einladung zum Amtsarzt im Briefkasten. Der erklärte mich zu lediglich 4-maximal 6 Stunden arbeitsfähig, keine Frontarbeit usw. Da war der Job natürlich gelaufen. Ich hätte gerne ambulante psychologische Hilfe in Anspruch genommen, da diese aber nicht wirklich von meiner privaten Krankenkasse gefördert wird und ich erst ab Januar mit Beginn meiner Arbeitslosigkeit in die gesetzliche Kasse wechseln werde ist mir dieser Weg erstmal verwehrt.
Nun habe ich mich im Internet über die Möglichkeiten einer Ausbildung auch mit Krankheit erkundigt und bin schließlich auf eine Umschulung in einem Berufsförderungswerk gestoßen. Voller Tatendrang nahm ich die Unterlagen mit zu meiner Beraterin im Arbeitsamt, die mir nach einem Blick darauf sofort erklärte, dass ich mir dies gleich mal wieder abschminken könne, da es dafür sowieso keine Förderung gäbe. Dieser Bereich ( Verwaltung) wäre sowieso schon überlaufen und da es eine rein schulische Ausbildung sei ,könne man sowieso nichts damit anfangen. Eine Friseur oder Altenpflege Schulung würde natürlich problemlos gefördert, diese Leute kriege man ja immer unter. Sie könne jetzt also nichts mit mir anfangen und würde mich als Bürohilfe in den PC eintragen. Nach mehrmaligen Erklärungen, dass ich ohne Ausbildung nicht durchs Berufsleben gehen will, vor allem in meinem Alter (23) , erklärte sie mir ,dass das Arbeitsamt eh nicht für den Bereich Ausbildung zuständig wäre und dass ich ja mal einen Antrag auf berufliche Rehabilitation stellen könnte, Sie da aber nicht sehr viel Potential sehe. Mir fiel die Kinnlade natürlich auf den Boden und nach diesen Aussagen seh ich echt rabenschwarz für meine Zukunft. Für immer ein Hartz- Fall, oder was ?
Hat irgendwer von euch ähnliche Erfahrungen oder kennt sich irgendwie in diesem Bereich aus. Im Moment bin ich echt überfragt und ich hab das Gefühl , dass niemand dafür zuständig ist. Beim Sozialpsychiatrischen Dienst hab ich auch schon angefragt, wo der Herr einfach nur absolut keine Ahnung hatte, wovon ich spreche. Junge Erkrante , so wie mich kenne er nicht.
Eine betriebliche Ausbildung bietet sich als Alternative nicht wirklich an, da ich einfach nicht über diese soziale Phobie hinwegkomme, zu Small Talk u.ä. nicht in der Lage bin und ich vor lauter Angst irgendwelche Fehler zu machen Nachts keinen Schlaf finde. Ich will eine Lösung finden und mich nicht wieder übergehen lassen um im nachhinein festzustellen , dass es doch einen Weg gegeben hätte. Von dem Großteil meiner mir so wichtigen Verwandschaft hör ich nur , dass alles nicht so schlimm sei, ich mich nicht so anstellen soll und ich bestimmt nur keine Lust auf eine Arbeit habe. Wie mir der Mist aus den Ohren hängt. :|

cake
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Re: Weiß nicht weiter

Beitragvon cake » Do 18. Nov 2010, 22:26

Von dem Großteil meiner mir so wichtigen Verwandschaft hör ich nur , dass alles nicht so schlimm sei, ich mich nicht so anstellen soll und ich bestimmt nur keine Lust auf eine Arbeit habe. Wie mir der Mist aus den Ohren hängt
Das ist natürlich sehr unschön, und ich glaube auch bezeichnend.
Willst Du doch vermutlich "ZWANGHAFT" doch funktionieren.
Und vor allem den Anforderungen, die an Dich latent von anderen gestellt werden, total genügen.
Was willst Du für Dich selbst denn? :wink:
Ein Kompromiß, das ist die Kunst, einen Kuchen so zu teilen, daß jeder meint, er habe das größte Stück bekommen. (Ludwig Erhard)

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Re: Weiß nicht weiter

Beitragvon Remedias » Fr 19. Nov 2010, 16:02

Hallo, Sie-hört-Gott,
erstmal musst du ja sehr gut gewesen sein, diese Beamten-Ausbildungsstelle zu kriegen, denn sie nehmen nur die Besten.
Hast du einen schwerbehindertenausweis?
Bei deinem Krankheitsbild (das ich auch habe) gibt es mindestens 50 %.
Dann wendest du dich an den Schwerbehindertenbeauftragten deines Ausbildungsamtes und schaust, ob du die Ausbildung vielleicht wirklich machen kannst.
liebe Grüße Remedias

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Laura
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Re: Weiß nicht weiter

Beitragvon Laura » Mo 22. Nov 2010, 06:32

Hallo Sie-hört-Gott!

Ich weiß nicht, ob das ein Beruf für Dich wäre, aber ich habe eine schulische Ausbildung zur Fremdsprachensekretärin auf einer staatlichen Berufsfachschule gemacht. Die dauert normalerweise zwei Jahre und es ist ein Beruf, den man nur selten in einem Betrieb erlernen kann, also meistens auf einer Schule (staatlich oder privat). Die Schule selbst kostet nichts, wenn sie staatlich ist, bis auf einiges an Unterrichtsmaterial, und damals sind meine Eltern für meinen Lebensunterhalt aufgekommen. Ich konnte mir da sogar krankheitsbedingte Fehlzeiten erlauben (ich litt damals auch schon längst unter Psychosen), die nicht im Abschlusszeugnis erschienen sind. Wir mussten nur einmal ein vierwöchiges Praktikum in einer selbstgewählten Firma machen. Ich kam in dieser Zeit bei einer Zeitarbeitsfirma unter und verdiente sogar ein Berufsanfängergehalt während dieses kurzen Praktikums. Außer, dass ich mir Fehlzeiten erlauben konnte, dann aber den Stoff nachholen musste, hatte die Schule den Vorteil, dass wir Schulferien hatten wie an den Regelschulen, also weit mehr als die betrieblich festgelegte Anzahl von Urlaubstagen.

Ich war 26, als ich diese Ausbildung begann. Nach den ersten paar Monaten im zweiten Ausbildungsjahr musste ich mir eine lange Auszeit nehmen (etwa ein halbes Jahr) und wiederholte dann das zweite Ausbildungsjahr freiwillig und machte schließlich einen ganz guten Abschluss. Außer Fremdsprachensekretärin gab es auf meiner Schule noch den Ausbildungsgang Rechtsanwalts- und Notariatsgehilfin als rein schulischen Ausbildungsgang. Bei Fremdsprachensekretärin hat man außer Englisch noch entweder Französisch oder Spanisch. Für Spanisch braucht man keine Vorkenntnisse. Als Zugangsvoraussetzung reicht der Realschulabschluss, eventuell wird da auf die ein oder andere Note geguckt. Die Ausbildung selbst ist, wenn sie auch rein schulisch ist, schon ganz schön happig mit sehr vielen verschiedenen Fächern und viel Drill auf Genauigkeit, also nicht einfach nur Maschineschreiben und Computer, aber zu schaffen.

Für diese Ausbildungswege kann man, wenn die Eltern für den Lebensunterhalt nicht aufkommen können, Schüler-BAFöG beantragen. Eine Mitschülerin von mir zog die Ausbildung mittels Sozialhilfe durch, da ihre Eltern zwar das Geld gehabt hätten, sie zu unterstützen, aber unüberbrückbare Schwierigkeiten zwischen Eltern und Tochter bestanden. Sie lebte also nicht mehr bei den Eltern.

Viele Grüße

Laura
Es ist o. k., wenn nicht alles supertoll ist. Wenn alles supertoll wäre, dann wäre alles nur noch o. k.


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