Thema Job: Ich nerve alle und mich am meisten!

Hier hinein gehören alle Informationen und Fragen zum Thema beruflicher und sozialer Wiedereingliederung nach und bei psychischer Erkrankung
Lebenistmehr
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Thema Job: Ich nerve alle und mich am meisten!

Beitragvon Lebenistmehr » Di 1. Dez 2009, 08:57

Hallo Forum,
Ich habe seit 1988 die Diagnose Bipolare Störung, war immer eher manisch, selten depressiv. Bin gelernte Einzelhandelskauffrau, was aber nur ne Notlösung war und mich nie zufriedenstellte. Dazu kommen orthopädische Probleme und die Tatsache, dass ich Schwierigkeiten habe, mich an bestimmte Systeme anzupassen, vor allen Dingen dann, wenn diese mir unlogisch erscheinen. Habe bis 31.12. ne kleine Teilzeitstelle in einem Gartencenter, bin aber froh, dass sie nicht verlängert wird, da die Schlepperei dort über meine Grenzen geht. Nebenbei bin ich ehrenamtlich bei der Caritas und ich weiß auch, dass meine Stärken im sozialen Bereich liegen. Selbst mein Chef meint, ich sei für den Verkauf zu sozial. Ich mag den Umgang mit Menschen, hasse aber den Verkaufsdruck.Vor ca. fünf Monaten stolperte ich über die Homepage der SOS-Kinderdörfer. Dort kann man ein Praxisjahr machen, danach die Erzieherausbildung und somit SOS-Kinderdorfmutter werden.Ist mir noch nie passiert, dass ich mich so sehr in einer Sache wiedergefunden habe.Fast gleichzeitig lernte ich meinen jetzigen Freund kennen. SOS würde bedeuten, dass wir uns kaum noch sehen, wobei er trotzdem sagt, dass ich es probieren soll. Er selbst ist zugezogen und kommt aus einem anderen Bundesland und ich denke, dass er dorthin auch irgendwann zurückgeht.In mir herrscht absolutes Chaos. Das Schlimme ist, dass ich nicht weiß, was ich mir selbst zutrauen kann. Meine Psychiaterin unterstützt die SOS-Geschichte, findet es gut, hat mir aber vor ca. einem halben Jahr noch zur Rente geraten. Würde die durchgehen, könnte man sie mir nicht wegnehmen, wenn ich z.B. mit meinem Partner zusammen ziehen möchte. Jetzt bin ich bald wieder komplett im ALG II Bezug, wovor ich auch Angst habe, weil ich finanziell tagtäglich kämpfen muss. An SOS reizt mich, dass ich mir die Arbeit in der Familie freier einteilen kann und dass ich nicht ständig diesselbe Körperhaltung habe, was orthopädisch wichtig ist. Gleichzeitig kann ich eine zusätzliche Ausbildung machen, die sehr gut vergütet wird und ich habe eine rundum soziale Aufgabe.Doch meinen Freund will ich auch nicht vor den Kopf stoßen. Aber wenn ich jetzt mein Leben für seines in den Schatten stelle, könnte ich es bereuen. Spätestens dann, wenn er hier seine Zelte abbricht und in den Ruhrpott zurückkehrt, den ich niemals gegen dieses herrliche Fleckchen Erde hier tauschen würde. Nichts gegen den Ruhrpott, aber dauerhaft ist das nicht meine Welt.Sorry, ist bißchen viel geworden auch ein bißchen wirr das Ganze, aber ich bin grade ziemlich durcheinander und hoffe einfach nur, dass jemand Lust hat, mir zu schreiben.

Grüßle Lebenistmehr

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moni
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Beitragvon moni » Di 1. Dez 2009, 10:29

Hallo Lebenistmehr
Das Schlimme ist, dass ich nicht weiß, was ich mir selbst zutrauen kann.
Diese Angst kann ich sehr gut nachvollziehen - auch ich stolpere immer mal wieder da drüber. Ich habe öfters mit meiner Therapeutin auch darüber gesprochen, und sie meinte, dass dies nie wirklich voraussehbar sei, auch für Fachleute nicht; dass es aber zumeist einiges mehr sei, als man im Voraus eben oft denke bzw. befürchte. Bleibt, das Risiko abzuwägen, eventuell unterwegs Anpassungen und/oder Richtungsänderungen vornehmen zu müssen - und dabei zu berücksichtigen, wer allenfalls mitbetroffen sein könnte; besonders wenn Kinder im Spiel sind. Wie stabil bist du? Wie gehst du mit Stress um? Welche Strategien und Hilfen kannst du mobilisieren, wenn dich Belastungen in eine Krise bringen?

Dann ist da noch deine Beziehung.
Doch meinen Freund will ich auch nicht vor den Kopf stoßen. (...) SOS würde bedeuten, dass wir uns kaum noch sehen, wobei er trotzdem sagt, dass ich es probieren soll.
Offenbar sieht er selber deine Befürchtung, ihn mit deinen Berufswünschen vor den Kopf zu stossen, als unbegründet an. :wink: Vielleicht auch dies ein Hinweis, erst mal darauf zu vertrauen, die Belastungen, denen eine Fernbeziehung durchaus ausgesetzt ist, zu wagen?
Aber wenn ich jetzt mein Leben für seines in den Schatten stelle, könnte ich es bereuen.
Genau. Eure Beziehung ist erst fünf Monate alt - du hingegen bist schon mehr als dreissig Jahre mit dir selber zusammen und wirst aller Wahrscheinlichkeit nach noch mindestens mal so lange mit dir selber leben ... :wink:

Der Wegweiser für deine Marschrichtung liegt hier:
Ist mir noch nie passiert, dass ich mich so sehr in einer Sache wiedergefunden habe.
Versuche, abzuschätzen, was auf dem Spiel steht. Vor- und Nachteile gegeneinander abzuwägen. Und dann - Mut zusammennehmen, einen Entscheid fällen, die Verantwortung dafür übernehmen und los! :) Man kann nur herausfinden, was in einem steckt, indem man sich selber immer besser kennen lernt, und dies wiederum passiert nur, wenn man was tut und sich dabei erfahren kann.

Liebe Grüsse

moni
Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden.
Hermann Hesse

Lebenistmehr
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Beitragvon Lebenistmehr » Mi 2. Dez 2009, 21:33

Liebe Moni,

vielen Dank für Deine Zeilen. SOS wird immer wahrscheinlicher, zumal es sonst eine Absage nach der andern hagelt, vielleicht spüren die, dass ich ihre Jobs eigentlich gar nicht will. Weißt Du, den einen Moment will ich Vollpower zu SOS, den anderen Moment will ich Rente (nur ca. 450.-€)+ Minijob. Aber würde mich das zufriedenstellen? Habe jetzt erfahren, dass es auch in NRW ein SOS-Kinderdorf gibt und oftmals werden Dinge denkbar, die man vorher für unmöglich hielt. Schön wie Du mein Problem differenziert hast, werde Deinen Rat beherzigen.

Es dankt Dir

Lebenistmehr


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