Sorgerechtsentzug

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deepnight
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Sorgerechtsentzug

Beitragvon deepnight » So 18. Dez 2005, 23:09

Hallo,

eben rief mich die Mutter eines 11-järigen Sohnes an, der die Diagnose Schizophrenie hat, aber auch schizoide Störung. Offensichtlich tut man sich schwer bei der Diagnose, das haben wir bei unserem Sohn damals auch erlebt.

Das Kind ist sehr schwer krank und wird erfolglos neuroleptisch behandelt. Zur Zeit ist es in S. in der Tagesklinik der Kinder- und Jugendpsychiatrie. Es wünscht sich nur eines, nämlich wieder nach Hause zu dürfen. Die Mutter ist bereit, voll und ganz die Betreuung und Pflege des Kindes zu übernehmen, sie ist Ärztin und somit auch durchaus nicht ungeeignet. Nun sieht man das aber in der Kinder- und Jugendpsychiatrie in S. noch genauso wie damals bei uns. Wenn ein Kind psychisch krank wird, gehört es aus der Familie entfernt und in einem Heim untergebracht. Vorgeschoben wird der Grund, daß dort mehr therapeutische Möglichkeiten für das Kind seien. Wie traumatisch für ein Kind (man bedenke, es ist 11 (!!!) Jahre alt und über weite Strecken des Tages entgleitet ihm die Realität völlig) so eine Heimunterbringung ist, wird überhaupt nicht bedacht. Weder das Kind noch die Mutter wünschen die Heimunterbringung, daher wird der Mutter mit Sorgerechtsentzug gedroht - wie damals bei uns. Für so schwer kranke Kinder gibt es keine geeigneten Heime, die hilfreich sein könnten, die gibt es auch nicht für junge Erwachsene und auch nicht für ältere.

Ich sehe jeden Tag bei meinem Sohn, wie wichtig die vertrauten Beziehungen für ihn sind, in den 3 Jahren, wo wir ihn wieder bei uns haben, hat er größere Fortschritte gemacht, als in all den Jahren, die er in mehr oder weniger therapeutischen Heimen war. Wir haben nämlich damals der Drohung nachgegeben und somit zusätzliches Leid über unseren Sohn gebracht.

Prof. Eggers, der eine Kapazität für kindliche Schizophrenie ist, bezeichnet dieses Vorgehen in der Kinder- und Jugendpsychiatrie als skandalös und einen Kunstfehler. Nur, was nützt das der Mutter. Prof. XY, der Leiter der Kinderpsychiatrie in S. gilt bei den hiesigen Richtern als unumstrittener Fachmann und wenn der vor Gericht sagt, das Kind könne nur in einer Einrichtung ausreichend gefördert werden, wird sich dem jeder Richter in S. anschließen.

Ich bin so entsetzt.

Gruß, Helene
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Annashe
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Beitragvon Annashe » Do 29. Dez 2005, 23:59

Hallo Helene,
Ich arbeite in der Kinder und Jugendpsychiatrie und kann daher sagen, dass es bei uns nicht die Praxis ist, dass Eltern damit gedroht wird ihnen das Sorgerecht zu entziehen, wenn sie sich um ihr Kind Kümmern wollen und Können. Um zu prüfen, was für das Kind das beste ist, müsssen die Eltern von vornherein mit einbezogen werden. Die Eltern müssen offenlegen, wie sie den Alltag mit dem Kind gestalten wollen und können. Ob eine außerhäusliche Unterbringung wirklich notwendig ist, kann man in einem Hilfeplangespräch erörtern. Manchmal ist es für die Entwicklung eines Kindes wirklich besser, wenn es nicht in der Familie verbleibt. Um das zu entscheiden, braucht man aber viele Informationen und Fakten. Ich denke, die Eltern sollten auf jedenfall darauf bestehen, dass Kind in einer anderen Klinik vorstellen zu können. Natürlich müssen die Eltern auch darüber nachdenken, wie ihr Kind gefördert werden kann. Gibt es zum Beispiel eine Schule in ihrer Umgebung, die psychisch kranke Kinder betreut.Hat das Kind die Möglichkeit mit anderen Kindern in Kontakt zu kommen. Müsste die Familie beispielsweise umziehen, um das gewährleisten zu können. Müsste jemand zuhause bleiben um das Kind zu betreuen? All das und noch viel mehr müsste in einem offenen Gespräch geklärt werden. Wenn für alles ausreichend gesorgt werden kann, dürfte es keine Veranlassung geben, den Eltern das Sorgerecht zu entziehen. Leider weiß ich ja nichts über die näheren Umstände, sonst könnte ich vielleicht besser weiterhelfen. Ich hoffe, dass sich für die Familie alles zum Besten entwickelt.Falls es noch konkrete Fragen gibt, werde ich mich bemühen sie zu beantworten.
Liebe Grüße
Annashe
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deepnight
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Beitragvon deepnight » Fr 30. Dez 2005, 11:01

Hallo Annashe,

danke für deine Antwort. Die Mutter hat sich inzwischen auf Rat von Prof. Eggers, der hier auch sehr deutlich Stellung bezogen hat, an eine andere Klinik gewandt. Auch dort hat man ihr gesagt, daß ihr das Sorgerecht keineswegs einfach so entzogen werden darf. Leider schüchtert man aber in dieser genannten Kinderpsychiatrie sowohl Eltern als auch Patienten massiv ein. Nicht alle vermögen es, sich dagegen zu wehren. Wir haben damals wirklich geglaubt, wir seien schuld an der beginnenden Schizophrenie unseres Sohnes, die zudem einmal als schizoide Störung und zum anderen mal als emotionale Krise fehldiagnostiziert wurde. Meinem Mann wurde empfohlen, sich von der Familie zu trennen, er wurde im Beisein des kranken Kindes als emotionaler Analphabet beschimpft. In einer anderen Klinik hatte ich dann den schwarzen Peter, man meine, ich sei eine kalte, distanzierte Mutter. Dr. Jungmann von der Weinsberger Kinderpsychiatrie, der schließlich unseren Sohn erstmalig richtig behandelte, war fassungslos über die Vorgehensweise seiner Kollegen und entschuldigte sich dafür. Wir haben unglaublich schlimme Erfahrungen mit der Kinder- und Jugendpsychiatrie gemacht, aber auch Kliniken kennengelernt, in denen gut gearbeitet wurde.

Liebe Grüße, Helene
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Annashe
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Beitragvon Annashe » Sa 7. Jan 2006, 15:42

Hallo deepnight,
wenn ich das so lese, dann bin ich einfach nur froh, dass ich das Glück habe in einer guten Kinder und Jugendpsychiatrie zu arbeiten. Mir tut es auch leid, dass Ihr so negative Erfahrungen gemacht habt, freue mich aber auch zu hören, dass man das nicht verallgemeinern kann. Ich hoffe, Euch geht es gut und habt ein schönes neues Jahr
Liebe Grüße
Annashe
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