Anhedonie (Freudlosigkeit) und Depressionen wegen NL

Dieses Forum beschäftigt sich speziell mit Nebenwirkungen bzw. unerwünschten Wirkungen von Medikamenten und nicht-medikamentösen Therapieverfahren (Einzel- und Gruppentherapie, körperorientierte Verfahren etc.), die in der Psychiatrie und Psychotherapie eingesetzt werden. Es sollen hier nur persönliche Erfahrungen wiedergegeben werden. Nutzen Sie den Raum für anschauliche Beschreibungen, denn das Thema Nebenwirkungen ist von besonderer Bedeutung.
5D-Cube
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Anhedonie (Freudlosigkeit) und Depressionen wegen NL

Beitragvon 5D-Cube » So 22. Sep 2013, 02:28

http://link.springer.com/article/10.100 ... 8-y#page-1
Ich würde gerne den ganzen Artikel lesen, mal gucken ob ich in der Uni-Bücherei den ganzen Text bekomme.
EDIT vom 6.Oktober 2013: Ich habe jetzt den Artikel. Wer ihn lesen will, e-mail an vorlagen.patientenverfuegung@gmail.com

http://schizophreniabulletin.oxfordjour ... 7.full.pdf (Diesen Artikel gibts als Volltext frei im Internet, einfach auf den Link klicken)

Vorbemerkung: Ich hatte mal psychotische Symptome. Zum Glück hatte ich zu der Zeit keinen Kontakt zu einem Psychiater. Denn ich hätte genommen was er mir verschrieben hätte, und die Antipsychotika hätten mich von der heißen Hölle in die kalte Hölle geschickt. Die psychotischen Symptome waren nach 4 Wochen vorbei. Aber ich hätte sicher für mindestens 8 Wochen oder so Neuroleptika verschrieben bekommen.

Später habe ich dann atypische Antipsychotika verschrieben bekommen, gegen Konzentrationsprobleme.
Von daher kenne ich die Wirkung von Antipsychotika und würde auch im Fall der Wiederkehr einer Psychose keine nehmen wollen, weil ich Neuroleptika dermassen schlimm finde, da suche ich mir lieber eine ruhige Umgebung und stehe die Psychose durch. Genau so habe ich es ja gemacht, wie die offizielle Diagnose Depression war, aber im Rückblick weiß ich jetzt, dass es eine schizoaffektive Psychose war. Ich habe das einfach für eine schwere Depression gehalten und Medikamente habe ich zu der Zeit nicht genommen. Und stundenweise war ich garnicht depressiv und habe mich erleuchtet und befreit und visionär gefühlt.

Außerdem war die Psychose zwar wirklich quälend, aber eine Grenzerfahrung die ich in meinem Leben nicht missen möchte. Neuroleptika hätten mir das weggenommen. Gut, dass ich das einfach in Ruhe zu Hause durchgestanden habe.

Hier ist mein Erfahrungsbericht über zwei atypische Neuroleptika
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Antipsychotika (erst Seroquel, später Abilify) waren die scheußlichste Drogenerfahrung meines Lebens.

Scheußlich... Unter Seroquel hatte ich KEINE Einfälle mehr. Ich habe mich gefühlt, wie wenn mein Gehirn und mein Geist in Ketten liegt, ich habe mich gehemmt gefühlt und das Denken war verlangsamt, es war schrecklich. Die Bezeichnung "chemische Zwangsjacke" trifft es sehr gut.

Und Abilify hat mir eine fürchterliche Freudlosigkeit verursacht (wird auch Anhedonie genannt). Egal was ich gemacht habe, ich hatte absolut KEINE Freude daran. In meinen schwerst depressiven Zeiten war es nicht so schlimm. Ich habe mir geschworen, nie wieder NL anzurühren. Ich finde es erschreckend, wie ein Medikament einem so sehr Kreativität und Individualität, Lebendigkeit und Initiative wegnehmen kann und das ohne müde zu machen. Ich war nämlich nicht müde davon. aber ansonsten waren die "Antipsychotika" lähmend in jeder Hinsicht

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Seroquel zur Behandlung von Konzentrationsproblemen


Weil es gegen Konzentrationsprobleme helfen kann, habe ich 7 Wochen 600 mg Seroquel Prolong genommen. Ich hatte KEINE Einfälle mehr und unter diesem Zustand habe ich sehr gelitten. Die Müdigkeit ist nach 10 Tagen weggegangen, der Mangel an Einfällen nicht. Das Absetzen war eine Befreiung.

Klaus Windgassen im Deutschen Ärzteblatt, Heft 48/2004: „Unter klassischen Neuroleptika können sich sogar im Gegenteil psychische Veränderungen einstellen, die hiervon [von der Negativsymptomatik] oft kaum zu unterscheiden sind und deshalb auch als sekundäre Negativsymptomatik bezeichnet werden. Die Patienten können unter einer durch Neuroleptika induzierten affektiven Verarmung leiden, häufiger noch stellt sich eine VERLANGSAMUNG KOGNITIVER PROZESSE oder ein VERLUST VON SPONTANITÄT UND EINFALLSREICHTUM ein. Diese Begleiteffekte neuroleptischer Therapie sind zwar (ebenso wie in der Regel die körperlichen Nebenwirkungen) vollständig reversibel, können aber den Patienten erheblich belasten. “

Ganzer Artikel unter http://www.aerzteblatt.de/v4/archiv/art ... p?id=44493

Ich weiß nicht, ob Seroquel zu den klassischen Neuroleptika gehört. Auf jeden Fall beschreibt das GROSSGESCHRIEBENE genau, wie Seroquel bei mir gewirkt hat.

Ob mir Seroquel bei der Konzentration geholfen hat, kann ich nicht sagen. Ich habe nach dem Absetzen keine Konzentrationsprobleme bekommen, bis heute (4 Jahre später) nicht.

Ich habe herausgefunden, was die Ursache für meine Konzentrationsprobleme war. Nämlich dass zu viele Sorgen mitgelaufen sind.
Sorgen bewusst machen ---> Sorgen bewusst zur Seite schieben, weil ich diese Tätigkeit jetzt machen will ---> ich kann mich einwandfrei konzentrieren.

Das Seroquel war einfach scheußlich, ich hatte KEINE Einfälle mehr. Wie viele Einfälle man ständig hat, das fällt einem erst auf, wenn das weg ist. Ganz abgesehen davon, dass ich in der Diplomarbeit in einem Arbeitskreis mitarbeiten will, der neue Geräte für die Analytik in der Chemie entwickelt, da muß ich doch eigene Ideen einbringen. Zu dem Zeitpunkt habe ich auch immer wieder mal an einem Chorsatz für zwei Gospel-Lieder geschrieben, für meinen Kirchenchor. Das ging unter Seroquel nicht mehr, ich hatte keine Melodien mehr im Kopf. Ein scheußlicher Zustand, sowas. Nie mehr Seroquel

Ich konnte unter dem Einfluss von Seroquel auch nicht mehr lachen. Die Runde hat gelacht und ich wusste genau, normalerweise würde ich mitlachen, aber es ging nicht. Es geht bei mir nicht unter dem Einfluss von Seroquel.
Ich habe wegen Seroquel unter Freudlosigkeit gelitten. Musik hat mir nichts mehr gegeben, Sex hat mir nichts mehr gegeben. Es war unter dem Einfluss von Seroquel allgemein schwierig oder unmöglich, positive Gefühle zu entwickeln. Schwieriger als in depressiven Phasen, die ich von Natur aus habe, da geht das immer noch besser und häufiger als unter dem Einfluss von Seroquel. Ich leide auch in depressiven Phasen unter Freudlosigkeit, aber nicht lückenlos. Es gibt immer wieder Lichtblicke, wo ich mich einwandfrei freuen kann. Die Freudlosigkeit, die mir Seroquel verursacht, ist lückenlos und deswegen schlimmer. Unter dem Zustand, den Seroquel mir verursacht, leide ich mehr als unter den depressiven Phasen.

Wegen der Freudlosigkeit habe ich noch 30 mg Citalopram dazu verschrieben bekommen. Aber das hat nichts genützt. Erst Seroquel absetzen hat genützt.

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Abilify zur Behandlung von Depressionen und Konzentrationsproblemen

Ich habe 7 Wochen lang 10 mg Abilify/Tag genommen. Ich habe es nicht vertragen. Erst habe ich nur beim Joggen schlapp gemacht, 3 Wochen später konnte ich nicht mehr schwimmen, noch 1 Woche später war schon Treppe steigen anstrengend.

Ich habe mich deprimiert gefühlt, die Erhöhung der Citalopram-Dosis von 30 mg auf 40 mg hat nichts geholfen. (Citalopram ist ein SSRI-Antidepressivum) Ich habe an Interessensverlust gelitten und egal was ich gemacht habe, ich hatte keine Freude daran. Abilify® hat mir eine komplette Anhedonie verursacht, was zu völliger Antriebslosigkeit geführt hat. Es hat mich nicht müde gemacht, aber ansonsten war es lähmend in jeder Hinsicht.

Innerhalb von 3 Wochen nach dem Absetzen habe ich wieder Kraft und Kondition gekriegt, und Studieninhalte und Hobbys haben mich wieder interessiert und die deprimierte Stimmung ist weggegangen.

Ich bin mir sicher, dass der oben beschriebene Zustand durch Abilify® verursacht war, die Beschwerden sind mit dem Abilify® gekommen und nach dem Absetzen wieder gegangen. Ob mir Abilify bei der Konzentration geholfen hat, kann ich nicht sagen. Ich habe nach dem Absetzen keine Konzentrationsprobleme bekommen, bis heute (4 Jahre später) nicht.

Wie aus dem oberen Bericht zu ersehen, hat Abilify bei mir keinerlei antidepressive Wirkung, im Gegenteil.

Ciao Anna

P.S: die genannten Beschwerden sind schon beim Einschleichen des Medikaments aufgetreten. Schon ab 2 mg. Fälschlicherweise habe ich gedacht, das wäre die Depression und es wäre noch nicht genug Abilify.
Zuletzt geändert von 5D-Cube am So 6. Okt 2013, 21:35, insgesamt 1-mal geändert.
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Re: Anhedonie (Freudlosigkeit) und Depressionen wegen NL

Beitragvon fluuu » Di 24. Sep 2013, 11:55

Was Du bisher hier alles über Drogen geschrieben hast glaube ich Dir was das Überstehen einer Psychose ohne Hilfsmittel angeht kein Wort.
Ein Rausch und eine Psychose sind was die Wahrnehmungsbeeinflussung angeht sehr ähnlich, nur besteht bei Realitätsverlust immer
die Gefahr, dass Körperfunktionen wie Atmung oder Kreislauf als gestört betroffen sind und dann ist es aus.
Die Psychose Behandlung in der Soteria ohne Medikamentengabe ist eine gute Sache aber realistisch gesehen nicht überall anzubieten
und so wird der "normale" Psychotiker mit Neuroleptika behandelt um die Psychose zum Abklingen zu bringen und fähig für die Therapie
zu werden um sein eigentliches Problem ins Visier zu nehmen.
Die Psychose ist nur die Flucht vor etwas ins Irreale aber was hat dazu getrieben?
gruß fluuu

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Re: Anhedonie (Freudlosigkeit) und Depressionen wegen NL

Beitragvon 5D-Cube » Di 24. Sep 2013, 16:00

zu dem Zeitpunkt hatte ich nur Marihuana und und Weinflaschen zur Verfügung.

Das Marihuana habe ich nicht angerührt, weil das ein Stimmungsverstärker ist. Das wäre der größte denkbare Masochismus, sich in einer Psychose auch noch Horrortripverstärkung durch Marihuana anzutun. (Ich würde auch nie in depressiver Stimmung kiffen. Die Droge ist zum Verdrängen einfach NICHT geeignet.)

Die Versuchung, die Weinflaschen runterzukippen war sehr groß. Deswegen habe ich ziemlich bald den Inhalt in die Spüle gekippt. (Zum Glück war der Wein nur Mittelklasse, um einen edlen Tropfen wäre es echt schade gewesen....)

Zum Glück gibt es andere Hilfsmittel: Ins Kissen beißen, auf die Matratze schlagen, nachts um 3 den Bruder anrufen und mit wirrem Zeug volllabern :wink:, (der hat sich wahrscheinlich gedacht, ich hätte so einiges intus),
kalte Dusche, Joggingschuhe anziehen und losrennen wie ein Beserker, in Schreibwut die Tapete mit Edding vollkritzeln

(Sprung vom 5-Meter-Brett ins Wasser hat mich mal von einem Kiffer-Horrortrip befreit. Das empfehle ich aber ausdrücklich nicht zur Nachahmung, weil es nicht sicher ist ob man im bekifften Zustand schwimmen kann.)

Ich habe mir schon immer wieder gedacht, es wäre jetzt erleichternd etwas Heroin zum Rauchen zu haben, aber ich kannte keinen Heroin-Dealer persönlich und ich habe mir gedacht wenn ich mich per Zugfahrt nach Frankfurt quäle und einen Straßendealer auftreibe, dann verarscht der mich mit Stärkemehl, also habe ich das bleibenlassen.

einerseits ist eine Psychose eine Flucht aus der Realität. Andererseits schlägt etwas aus dem Unterbewusstsein zu, was man die ganze Zeit verdrängt hat, sich nicht eingestanden hat, nicht wahrhaben wollte.... so gesehen ist eine Psychose auch ein gewaltsames in-die-Realität gedrückt werden. Allerdings in symbolisierter Form, was wiederum eine Flucht vor dieser Realität ist.

wenn ich es voll und ganz verstanden hätte was mich da rein getrieben hat, wäre ich meine Probleme wahrscheinlich los, aber das ist nicht der Fall.

Übrigens bin ich nicht der erste, der eine Psychose oder was ähnliches ohne medikamentöse Hilfsmittel oder Alkohol/Opium durchgestanden hat. Manche beten die ganze Zeit und flehen die Heiligen um Hilfe an, andere laufen im Wald rum

auch Heroin-Entzug ist eine physische und psychische Quälerei, und auch da gibt es das öfters, dass sich jemand in seiner Bude einschließt und das durchzieht. (was allerdings körperlich gefährlich sein kann, je nachdem wie schwer abhängig jemand ist.)

Atemstillstand oder Kreislaufkollaps wegen einer Psychose?????

Wegen Drogenkonsum oder Drogenentzug kann das vorkommen. Aber aufgrund einer Psychose ?

Längere katatone Starre ist lebensgefährlich. Da braucht es lebensnotwendigerweise Tavor und wenn das nichts nützt sogar EKT.
Es gibt auch Blutdruckabfall aufgrund von Entsetzen (Ohnmachtsanfall), aber da wachen die Leute wieder auf. Auch extreme Maniker die garnicht mehr schlafen, können Ohnmachtsanfälle kriegen, da wacht man aber wieder auf.
Bei einem Ohnmachtsanfall ist da Gefährliche hauptsächlich, dass man da die Treppe runter oder auf den Kopf fällt, aber den meisten Leuten wird vorher schwindelig und sie legen sich hin.

Aber dass ein Psychotiker aufgrund von Atemstillstand oder Kreislaufkollaps einfach aufgrund seiner Psychose gestorben wäre, habe ich noch nie gehört. (außer in katatoner Starre, aber das ist sehr selten.)
Es sei denn, er rennt im Wahn von Marathon nach Athen ohne Trinken
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