BGH Urteil : Keine Zwangsbehandlung mit EKT

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Remedias
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BGH Urteil : Keine Zwangsbehandlung mit EKT

Beitragvon Remedias » Mo 17. Feb 2020, 18:46

Die Bundesrichter begründeten ihre Entscheidung damit, dass die Elektrokrampftherapie (EKT) nicht dem notwendigen "medizinisch-wissenschaftlichen Konsens" entspreche. (Az. XII ZB 381/19)
https://www.t-online.de/gesundheit/id_8 ... renie.html

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Laura
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Re: BGH Urteil : Keine Zwangsbehandlung mit EKT

Beitragvon Laura » Fr 28. Feb 2020, 13:57

Hallo Remedias!

Als ich mir den Artikel gestern durchlas, dachte ich, mein Schwein pfeift! Dass das heutzutage immer noch so locker-vom-Hocker zwangsweise angeordnet werden kann mit der locker-vom-Hocker-Zustimmung eines gesetzlichen Betreuers. Es ist doch eigentlich unter Insidern hinlänglich bekannt, dass sich EKT bei Schizophrenie-Patienten nicht empfiehlt.

Und dann habe ich mir Gedanken gemacht, ob der Roman "Die Glasglocke" von Silvia Plath - allgemein gesprochen - nicht vielleicht auch so seine kontraproduktiven Spuren hinterlassen kann, wenn man ihn gelesen hat, bzw. wenn Psychiater, die als einzige eine EKT überhaupt nur anordnen dürfen, ihn gelesen haben. Dieser Roman gehört sowohl zur Betroffenenliteratur als auch zur Weltliteratur (ähnlich wie "Ich hab dir nie einen Rosengarten versprochen" von Hannah Green). In der "Glasglocke" beschreibt die Protagonistin/Ich-Erzählerin an einer Stelle eine EKT, die während ihrer ersten Psychose an ihr vorgenommen wurde, als hilfreich! Dass der Roman zu der Zeit spielt, kurz bevor NL auf den Markt kamen, muss man dabei nicht unbedingt in Betracht ziehen, da es anscheinend auch heute noch vorkommt, dass EKT bei Psychosen vorgenommen werden und dies noch nicht einmal als Mittel der letzten Wahl. Der Real-Patient ist ja immerhin erst 26 Jahre alt!

Jedenfalls kann einem dieser Roman den Gedanken einflößen, dass eine EKT bei einem Psychose-Patienten eine prima Sache sein könnte, die prima vom Patienten verkraftet wird. Dass der Roman nämlich insgesamt vor kritischem Bewusstsein nur so strotzt, könnte der Stelle mit der EKT nämlich umso mehr Glaubwürdigkeit verleihen.

Immerhin gut, dass der Patient, auf dessen Fall Du oben hingewiesen hast, dann doch noch Recht bekommen hat, wenn auch erst ab dem Moment, als seine Mutter seine Klage unterstützte. Aber wie es für die verantwortlichen Ärzte und den verantwortlichen gesetzlichen Betreuer weitergeht, darüber lässt sich der Artikel leider nicht aus. Ich würde gerne zu lesen bekommen, dass sie aus ihren beruflichen Positionen herausgenommen worden sind, vor allem der gesetzliche Betreuer, der offensichtlich keine Ahnung hat, was es heißt, einem Schizophrenie-Patienten rechtlichen Schutz zu bieten.

LG

Laura
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Re: BGH Urteil : Keine Zwangsbehandlung mit EKT

Beitragvon Lieblingsuli » Sa 29. Feb 2020, 04:40

Das Buch interessiert mich. Wo würdest du es bestellen?
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Remedias
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Re: BGH Urteil : Keine Zwangsbehandlung mit EKT

Beitragvon Remedias » Sa 29. Feb 2020, 18:36

Hallo Laura, ich glaube nicht, dass die Tatsache, dass der Patient den Prozess gewonnen hat, irgendwelche Konsequenzen für Ärzte oder Betreuer hat. das ist dann eher ein : " Oooops... das geht nicht , dann halt auf ein Neues. " Das Unrechtsbewusstsein ist nicht sehr ausgeprägt.
Ich denke daran, welche Angst dieser Patient ausgestanden haben muss. Das kompensiert keiner, und er wird dafür nicht entschädigt.
Obwohl die Drohung mit EKT imho an die Drohung mit Folter grenzt. :(

liebe Grüße Remi

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Re: BGH Urteil : Keine Zwangsbehandlung mit EKT

Beitragvon Lieblingsuli » Mo 2. Mär 2020, 06:30

Mit psychischer Folter kennt sich Deutschland ja bestens aus. Warum reagiert Amnesty International nicht?
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Re: BGH Urteil : Keine Zwangsbehandlung mit EKT

Beitragvon Laura » Mo 2. Mär 2020, 11:41

Hallo allerseits!

Beim Herumgoogeln ist mir klar geworden, dass ich das Wenige, was ich vom o. g. Roman noch in Erinnerung hatte, anscheinend falsch in Erinnerung hatte. Ich kann mich noch daran erinnern, dass so wie die Ich-Erzählerin ihre akute Phase beschrieb, es an eine Psychose erinnerte. Nun ja, ich will möglichst nicht mehr viel zu diesem Roman sagen. Immerhin weiß ich noch, dass ich ihn, als ich ihn vor 22 Jahren las, äußerst deprimierend fand und ihn schon deswegen nicht zu Ende gelesen habe. Was ich an dem Roman aber immerhin gut fand, war, wie Alltagsmonotonie beschrieben wurde. Und so pendelt die Geschichte in meiner Erinnerung zwischen der Beschreibung von Rücksichtslosigkeit (der anderen) und all dem neutralen Kleinkram des Alltags, der vielleicht deswegen grau und fade erscheint, weil er nicht viel Ausgleich bieten kann, wenn das Nervenkostüm sowieso schon geschwächt ist. Und einmal besagt die Ich-Erzählerin, dass sie zum Schönsten, was das Leben zu bieten habe, dass Essen zähle. Diese Stelle hat mir wirklich gut gefallen, weil da immerhin mal nicht von Intellektoptimierung die Rede ist.
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