Therapieversuch als Diagnostik-Ersatz

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Glaskugel
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Therapieversuch als Diagnostik-Ersatz

Beitragvon Glaskugel » Do 18. Jan 2018, 15:10

Hallo,

ich hab ein Problem. Es begann mit dem Stalker. Das, was der veranstaltet, ist so verrückt, dass mir niemand glaubt. Was mir eine Zwangseinweisung eingebracht hat. Was natürlich zur Folge hat, dass die Polizei nicht ermittelt. Um mal irgendwie weiterzukommen, hab ich mich in eine psychiatrische Ambulanz getraut.

Zunächst war alles gut. Die Ärztin hatte zweieinhalb Stunden Zeit für mich, was wohl mehr als die Norm ist. Die halbe Zeit hat sie geredet, sie war wohl vor 20 Jahren ebenfalls Opfer eines Stalkers, der vergleichbare Verhaltensweisen gezeigt hatte. Zum Abschluss hat sie klar gesagt, da ist jemand verrückt, aber ich wäre das nicht. Eine klare, eindeutige Aussage. Aber natürlich keine psychiatrische Diagnose, sondern nur, dass sie mir glaubt.

Weil ich ein Gutachten brauche, um aus dem Schlamassel rauszukommen, musste ich vier Wochen später nochmal hin. Diesmal war sie sehr unterkühlt. Rief den Oberarzt dazu, der mir sehr von oben herab das weitere Vorgehen erläuterte. Aus medizinischer Sicht... diesen Satzanfang hat er mehrmals gebracht, ohne den Satz zuende zu sprechen. Ich soll ein Medikament gegen Wahnvorstellungen nehmen, als Therapieversuch. Auf meine Nachfrage, ja, das wäre diagnostischer Natur. Wenn es wirkt, dann hätte man ja die Diagnose. Und wenn es nicht wirkt? Dann gibt es noch andere Medikamente, es kann auch sein, dass die Dosis "angepasst" werden muss. Und falls es dann immer noch nicht wirkt, dann gibt es noch die Möglichkeit, dass es sich bereits in meinem Kopf festgesetzt hat. Aber das würde man dann erst sehen.

Also ein diagnostisches Instrument, das, egal was passiert, immer zur selben Diagnose führt. Als ich sagte, dass ich das verstanden hätte, war der Therapieversuch vom Tisch. Jetzt soll ich in eine psychosomatische Klinik, dort könnte das geklärt werden. Wie, konnte man mir nicht sagen. Auf der Überweisung steht aber der Code F32.9. Und mündlich hab ich die Anweisung bekommen, ich solle erstmal dort hingehen und dann erst "die Katze aus dem Sack lassen".

Meine Frage ist jetzt, ist das ein übliches Vorgehen? Wenn es nicht so existentiell wäre, würde ich mich schlicht verarscht fühlen.

Vielen Dank für Kommentare und Erklärungen!

mamschgerl
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Re: Therapieversuch als Diagnostik-Ersatz

Beitragvon mamschgerl » Do 18. Jan 2018, 15:41

Hallo Glaskugel,
ich verstehe den gesamten Ablauf irgendwie nicht...F 32.9 bedeutet 'Depression sonstige' und ist an sich schon eine sehr, sehr vage Bezeichnung. Wenn du nun aufgrund des Stalkers depressiv geworden wärst, könnte man es ein wenig nachvollziehen, auch eine Therapie, in der man lernt, mit den psychischen Auswirkungen, die diese Situation nach sich zieht, zu beginnen. Wäre ja an sich nicht schlecht, Wege zu finden, sein Nervenkostüm zu stärken, aber irgendwie hat es auf mich den Anschein, als wolle man dir durch die Blume nahebringen, daß du unter Wahnvorstellungen leidest und es den Stalker also nur in deiner Phantasie gibt und du dementsprechend in der Klinik behandelt werden sollst.
Glaubt dir die Ärztin plötzlich nicht mehr, weil irgendetwas vorgefallen ist oder wegen des Gespräches mit dem Chefarzt, der wiederum denkt, daß du paranoid bist?
Hat deine Zwangseinweisung etwas mit der Sinneswandlung zu tun, dich jetzt anders zu behandeln?
Hast du versucht, Beweise zu sammeln oder den Stalker anzuzeigen?
Gibt es niemanden in deinem privaten Umfeld, der deine Version bestätigen könnte?
Sorry, viele Fragen, aber deine Geschichte interessiert mich schon.
L.G.
mamschgerl

Glaskugel
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Re: Therapieversuch als Diagnostik-Ersatz

Beitragvon Glaskugel » Do 18. Jan 2018, 16:17

Hallo,

genau das ist das Problem. Durch die Blume hat man mir klargemacht, dass man den Stalker für meine Wahnvorstellung hält. Aber aufschreiben kann man das offenbar nicht.

Der Therapieversuch legt ja auch nahe, dass die Diagnose bereits gestellt ist. Aber natürlich sind die Kriterien nicht erfüllt, deshalb kann man das wohl nicht direkt sagen.

Die Ärztin glaubt mir nicht mehr, weil sie in der Zwischenzeit mit ihrem Oberarzt gesprochen hat. Der darüber entscheidet, was wahr ist und was nicht. Es kann durchaus sein, dass sie mir immer noch glaubt, das aber nicht sagen darf, wegen der Hierarchie. Aber das ist letzten Endes egal.

Ich hatte den Stalker angezeigt. Aber es wurde nicht ermittelt, weil das, was ich behaupte, zu verrückt ist. Und weil nicht ermittelt wurde, habe ich keine Beweise. Denn das, was ich sage, zählt ja nicht als Beweis. Undsoweiter, immer im Kreis.

Die Zwangseinweisung ist schon länger her. Das war eine Folge der Anzeige, die die Polizei mir nicht geglaubt hatte.

Aber ich wollte eigentlich wissen, ob das ein übliches Vorgehen ist. Der Therapieversuch wurde mir zwar als diagnostisches Instrument vorgestellt, war aber ja keins. Und wurde ja auch nicht angewendet, als klar war, dass ich die Logik verstanden hatte. Man könnte es auch so sagen, ich bin schlicht angelogen worden. Aber warum, mit welchem Ziel?

Und die Überweisung in die Klinik ist ja auch wieder wenn nicht gelogen, so doch irgendwie an der Wahrheit vorbei. Warum soll ich nicht vorher sagen, weshalb ich komme?

mamschgerl
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Re: Therapieversuch als Diagnostik-Ersatz

Beitragvon mamschgerl » Do 18. Jan 2018, 16:59

Meine Erfahrung bei Klinikaufnahme war, daß ein sogenanntes Aufnahmegespräch geführt wird. Sicher hat man auf der Einweisung einen Grund angegeben, doch die Klinikärzte wollen und müssen sich ein eigenes Bild machen. Stände jetzt auf der Einweisung so was wie: Patientin leidet unter Wahnvorstellungen, kämst du nicht in eine psychosomatische Abteilung, sondern in eine andere. Sogesehen ist es vielleicht sogar von Vorteil, wenn du erstmal dahin gelangst, wo man speziell auf dich und deine depressiven Stimmungen eingeht und dann erst nach dem Ursprung dieser Stimmungen forscht.
Ich denke auch, daß der Oberarzt das Sagen hat und dementsprechend glaubt, sich hervortun zu müssen, sicher ist auch, daß sich die jeweiligen Ärzte dem unterordnen ( habe ich selbst auch so erlebt ).
Vorrangig ist jedoch, daß du deine Nervenanspannungen wieder einigermaßen in den Griff bekommst, meiner Erfahrung nach aber mit so wenig Medizin wie möglich, am besten gar keiner, denn sonst kannst du dich von klarem Denken gleich verabschieden. In der Klinik lernst du auch viele Techniken zur Entspannung kennen, wirst Einzelgespräche führen und an Gruppensitzungen teilnehmen, wirst andere Betroffene kennenlernen, irgendetwas davon wird dir helfen, so oder so.
Danach wirst du eventuell in der Lage sein, mit der Situation anders umzugehen, zumindest so, daß sie dich nicht in den Wahnsinn treibt.
Gibt es nicht auch Selbsthilfegruppen für Opfer von Stalking?
Zu deiner eigentlichen Frage kann ich direkt nichts sagen, klingt eher nach einem Test, wie dein Verhalten bei bestimmten Optionen ausfällt, die man dir offeriert. Ziemlich seltsam, das alles...
Grüße
mamschgerl


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