Amtsarzt ohne Diagnose?

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Misha
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Amtsarzt ohne Diagnose?

Beitragvon Misha » Di 15. Dez 2015, 16:00

Hallo zusammen,

Ich bin neu hier und habe auch direkt ein, zwei Fragen an euch.
Erstmal zu mir:
Ich bin weiblich, 24 Jahre alt, habe keine abgeschlossene Ausbildung und lebe mit meinem besten ( gleichzeitig einzigen und Ex) Freund in einer WG. Die Beziehung ging 5 J. ist jetzt allerdings auch schon über 4 Jahre her. Er hat eine andere Freundin, ich hatte einen anderen Freund. Also es gibt keine Probleme wegen der vorrangegangen Patnerschaft.
Er ist der einzige Mensch mit dem ich noch rede.
Ich habe zwar Familie, allerdings ist das Verhältnis nicht gut, bzw gar nicht mehr vorhanden.
Meine Mutter leidet unter einer Borderline Störung, gepaart mit sehr starkem Alkoholismus. Sie hat sich nie in Therapie begeben, ist also unbehandelt. Seit ich sechs Jahre alt war, war ich allein mit ihr, da mein Vater und meine Schwester ausgezogen sind.
Meine Schwester leidet auch unter einer Borderline Störung...
Zu meinem Vater habe ich keinerlei Kontakt, allerdings weiß ich das er starke Depressionen hat.

Nun ja... seit einigen Jahren geht es mir immer schlechter und seit ca einem Jahr geht es wirklich steil bergab mit mir.
Ich fühle mich leer. Da ist keine Freude mehr in mir. Ich kann mich nicht konzentrieren und habe gar kein interesse mehr an iwas. Meinen letzten Partner habe ich vergrault, weil ich wirklich grausam zu ihm war. Ich weiß nicht warum, aber ich rede immer alles kaputt. Es kann noch so toll sein, ich werde es schlecht reden.
Ich habe immer sehr große Angst gehabt das er gehen könnte, mich allein lässt. Tja, das hab ich dann wohl "geschafft".
ich habe das gefühl gar nicht zu wissen wer ich bin.
In meinem Kopf könnte ich alles sein, von Bundeskanzler (iwie größenwahnsinnig) bis KFZ-Mechatronikerin.
Aber in der Realität sieht das alles iwie anders aus.
Seit einem Jahr verlasse ich das Haus nicht mehr. Ich habe selbst Probleme damit Wäsche zu waschen, weil ich dafür in den Hausflur müsste. Lieber hungere ich eine Woche als allein einkaufen zu gehen.

Ich scheine also ein ernsthaftes Problem zu haben. Das gefällt mir gar nicht, ich wollte schließlich nie wie der Rest meiner Familie sein. Ich wollte stärker sein. Nun gut, wenn ich rational denke weiß ich, dass das nichts mit "Schwäche" zutun hat, trotzdem ist das irgendwie schwer...
Aber ich habe erkannt das ich ein Problem habe und möchte etwas daran ändern.

Seit einem Jahr bin ich Arbeitslos. Die JobAgentur schickt mir bald einen Termin für einen Amtsarzt zu... Davor habe ich große Angst, da ich keine Diagnose habe.
Ich kann dem Amtsarzt nicht das geringste vorlegen.
Bei den Therapeuten geht meist nur der Anrufbeantworter ran... Das zerrt an meinen Nerven und ich muss ehrlich sagen das mir mittlerweile die Motivation fehlt, es noch weiter zu versuchen.
Ich habe wahnsinnige Angst das der Amtsarzt mich für einen Heuchler hält.
Das er sagt ich soll mich einfach zusammenreißen :/

Ich weiß nicht was ich tun soll, woher bekomme ich denn jetzt eine Diagnose?
Vllt kann mir hier ja jemand helfen?

Danke schonmal fürs lesen :)

LG Misha

Tom Sawyer
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Re: Amtsarzt ohne Diagnose?

Beitragvon Tom Sawyer » Di 15. Dez 2015, 22:38

Hallo Misha,

um Deine konkrete Frage direkt zu beantworten: Geh zu einem Psychiater und Du bekommst eine Diagnose. 100% sicher. Dein Hausarzt kann das möglicherweise beschleunigen, falls Du keinen Termin so schnell bekommen kannst. Die Diagnose wär allerdings das Ticket in Deine Psychiatrisierung. Deine Probleme, die Du ja offensichtlich hast, löst natürlich kein Psychiater und meist auch kein Psychotherapeut. Der Psychiater wird Dir lediglich eine Diagnose geben und Tabletten verschreiben. Mindestens ein Antidepressivum, dass nur so heißt aber nicht so wirkt, dafür aber Probleme verursachen wird und Dich abhängig macht. Vielleicht auch noch ein Neuroleptikum, zum Beispiel Quetiapin/Seroquel mit Zulassung für Depression. Jede derartige Substanz würde ich aber nicht konsumieren. Ein Blick in den Beipackzettel offenbart zumindest einen Teil der Begründung. Vielleicht wird er Dich auch in eine Psychiatrie einweisen wollen. Das kann man vorher nicht so genau sagen und ist auch davon abhängig, was Du ihm erzählst. Darauf würde ich mich jedenfalls nicht einlassen. Was Du ihm nicht erzählen solltest, ist irgendwas in Richtung Suizidgedanken oder Selbstverletzung. Fragen des Psychiaters in diese Richtung würde ich glaubwürdig verneinen. Jede Aussage, die als Eigen- oder Fremdgefährdung interpretiert werden könnte, kann zu einer Zwangseinweisung mit Zwangsbehandlung und miserablem Verlauf führen. Sich eine psychiatrische Diagnose anzuschaffen, um irgendwie weiter Sozialleistungen beziehen zu können, kann ich Dir nicht empfehlen. Wenn das überhaupt funktioniert. Dein Leben musst Du versuchen, auf die Reihe zu bekommen, möglicherweise unterstützt durch eine geeignete Beratung. Du schreibst, Du möchtest was ändern. Was wären denn Deiner Meinung nach erste Ansätze?

Grüße

Misha
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Re: Amtsarzt ohne Diagnose?

Beitragvon Misha » Mi 16. Dez 2015, 13:13

Hallo nochmal und danke für die Antwort :)

Um Missverständnisse auszuschließen, sag ich mal direkt vorab : Ich brauch die Diagnose nicht, um weiter Sozialleistungen beziehen zu können.
Das wäre ja wirklich dreist.

Mein Problem ist das ich gar nicht weiß wen ich da noch anrufen soll.
Dort geht wie gesagt immer nur der AB dran.
Ich weiß nicht ob man relativ kurzfristig an so einen Termin kommt?
Mir geht es darum dass das endlich in die Gänge kommt. Ich warte jetzt schon ziemlich lang und verzweifel langsam.
Ich bin ja so wie es jetzt ist, nicht wirklich lebensfähig.

Bei Tabletten bin ich eh sehr skeptisch. Ich möcht im Grunde gar nichts verschrieben haben, nur diesen einen Zettel auf dem eine Diagnose steht, damit ich endlich eine Therapie machen kann.
Ich befürchte ohne diesen Zettel als Hypochonder darzustehen und mir so die Chance auf eine Therapie verspiele.
Das wäre dann mein sicheres Ende...

LG

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Laura
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Re: Amtsarzt ohne Diagnose?

Beitragvon Laura » Mi 16. Dez 2015, 13:23

Hallo Misha!

Manche Psychotherapeuten nehmen sich fünf Minuten vor der vollen Stunde Zeit, um selber ans Telefon zu gehen. Aber hast Du es schon damit versucht, eine Nachricht auf dem AB zu lassen und um Rückruf zu bitten? Oftmals können sich Psychotherapeuten keine Sprechstundenhilfe leisten, die den Terminkalender für sie regelt und sind den größten Teil ihrer Arbeitszeit im Gespräch mit ihren Klienten, ergo keine Zeit, um mitten im Therapiegespräch mal ans Telefon zu gehen.

Viele Grüße

Laura
Es ist o. k., wenn nicht alles supertoll ist. Wenn alles supertoll wäre, dann wäre alles nur noch o. k.

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fluuu
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Re: Amtsarzt ohne Diagnose?

Beitragvon fluuu » Mi 16. Dez 2015, 19:10

Bei den Symptomen die Du geschildert hast brauchst Du Hilfe denn wer sich nicht allein versorgen kann, kann auch nicht überleben.
Böse Menschen, Ärzte oder Therapeuten hin oder her, hier geht es nicht um Schmollen sondern um Hilfe damit das Überleben möglich ist.
Dafür ist der erste Anlauf nicht der Psychotherapeut sondern der Arzt oder eine Beratungsstelle wie z.B. der Sozialpsychiatrische Dienst (SpDi).
Die Diagnose ist in diesem Fall ein Schutz um versorgt zu werden und um in Behandlung zu kommen. Da spielt der Aspekt, dass Ärzte
nur Kranke wollen, ihnen irgendetwas verschreiben damit sie wiederkommen müssen usw. nicht die entscheidende Rolle.
Wer psychisch krank ist und Symptome hat mit denen er langfristig nicht überleben kann hat gar keine andere Wahl als zum Arzt zu gehen
und zwar zu einem der von der Kasse zugelassen ist um dort die Unterstützung zu kriegen die nach Modernen wissenschaftlichen
Erkenntnissen die Besten und individuell passenden sind. Da nehmen sich meine Kollegen die Psychiater im Erstgespräch manchmal viel
Zeit und die bestellten bekannten Patienten warten geduldig im Warteraum oder bringen Ihren Frust in Foren zum Ausdruck.
Wenn die Lebensfähigkeit auf Grund von Symptomen so weit eingeschränkt ist, dass ein Leben nicht möglich ist braucht es die
kompetenten Fachleute zur Hilfe die es dafür gibt. Auch ein selbst bezahlter Heilpraktiker kann in diesem Fall keine wirkliche
Hilfestellung geben, denn nette oder böse Reden schwingen hilft nicht weiter, es braucht Obhut und Behandlung.
Bei so starken Ängsten die das Einkaufen oder gar den Gang auf die Straße verhindern hilft lieb sein alleine nicht mehr aus.
Na und, wenn die Einweisung in die Klinik nötig ist, dann kann es die rettende Hilfe sein und wie sich derjenige dann später
in der Psychoszene verhält kann man nicht vorhersagen, es gibt viele die gehen da ganz normal damit um und haben ihr Problem gelöst.
gruß fluuu

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Misha
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Re: Amtsarzt ohne Diagnose?

Beitragvon Misha » Di 22. Dez 2015, 15:01

Vielen Dank für eure Antworten,
das freut mich richtig :)
Und entschuldigt bitte dass ich nicht so schnell reagiert habe.

Der Termin beim Amtsarzt steht jetzt fest, ich muss am 07.01.16 dahin.
Bis dahin werd ich wohl keinen Termin bei jemand anderem bekommen :/
nun ja, das ist ja auch iwie meine eigene Schuld, ich hätte mich wohl mehr dahinter klemmen müssen...
Ich hoffe nur das alles gut ausgeht und der Arzt mich auch ernst nimmt.
Puh, mir geht ganz schön die Pumpe beim Gedanken an dieses Gespräch ^^

@fluuu:
Bei meinem Hausarzt war ich ja schon, der hat mir auch ne Überweisung gegeben. Aber ich hab einfach keinen Termin bekommen.
Und dann hab ich ehrlich gesagt auch iwann die Motivation verloren es noch weiter zu versuchen.
Wenn ein Arzt mir begründet vermitteln kann, dass stationär für mich die beste Lösung ist, würde ich auch das machen.
Also daran liegt es nicht. Das Problem ist, das ich gar nicht dazu komme jemandem zu erklären was mit mir los ist.

War denn jemand von euch schon mal beim Amtsarzt und kann mir vllt ein bisschen aus eigener Erfahrung berichten?
Meint ihr es ist schlimm wenn ich dort ohne irgendwelche Scheine/Zettel/etc. da auftauche?
Kann ich mir, nur wegen nicht vorhandenden Gutachten, die Chance auf Hilfe verspielen?
Da hab ich wirklich Angst vor.

LG Misha

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Su Wang
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Re: Amtsarzt ohne Diagnose?

Beitragvon Su Wang » Di 22. Dez 2015, 23:46

Hallo Misha,

Du mußt Dir da wirklich keine Sorgen machen.
Der Amtsarzt soll lediglich feststellen, ob jemand ggf. simuliert. Und nichteinmal die Leute da beim Arbeitsamt müssen das annehmen, wenn sie Dich nach einer gewissen Zeit halt einfach einem Gutachter (Amtsarzt) vorstellen müssen, nachdem sie eben auch nicht die Qualifikation dafür hätten, es einfach so zu verneinen. Außerdem reisen sicher etliche von deren Klienten auf diese Tour, indem sie nur vorgeben, was Du dann aber tatsächlich gerade durchleidest.

Ja, es wär' schon besser, wenn man paar so Zettels da schon vorlegen könnte, aber Bedingung ist es keine.
Ich denke, seine erste Frage wird sein, nachdem er sich Deine Schilderungen angehört hat, warum Du dann noch nicht in Behandlung bist.

Beantworte ihm einfach nur ehrlich alle gestellten Fragen, und versuch' nicht, ihn zu irgendwas "dirigieren" zu wollen, das er an Deiner Situation Deiner Meinung nach dann erstmal verstehen solle.
Manchmal tut man soetwas unbewußt, deshalb schreib' ich es hier.

Er wird Dir sagen, was Du weiters zu unternehmen hättest, und das solltest Du dann aber auch wirklich tun.

Du darfst nicht erwarten, daß da nicht vielleicht auch ein Vorwurf mit anklingt, wieso Du die ganze Zeit nichts Konkretes unternommen hattest, und in demselben Satz erwähnt wird, daß Du aber die Stütze abzuholen offenbar gerade noch so immer hattest schaffen können.
Bitte, ich weiß ganz gut wie das ist mit so'ner Soziophobie wie Du sie beschreibst. Und auch der Amtsarzt da wird es wissen.

Deine Bereitschaft, erforderlichenfalls auch in eine Klinik zu wollen - eine psychosomatische wäre in Deinem Fall möglichenfalls eine gute Wahl, alternativ vielleicht auch schon Tagesklinik nur - ist ja da. Und dort solltest Du dann nur noch drauf achten, was Tom Sawyer völlig richtig immer wieder predigt: Dir für sowas jedenfalls keine Medikation aufreden zu lassen. Bedenke: Deine "Loyalitätspflicht" gegenüber dem Amt und auch Amtsarzt wär' damit vollstens schon erfüllt, wenn Du Dich einfach nur in Behandlung begibst. Ab da - also dort, und während dieser Zeit - solltest Du wieder stets selbstbestimmt handeln und denken.

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Remedias
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Re: Amtsarzt ohne Diagnose?

Beitragvon Remedias » So 27. Dez 2015, 19:47

Hallo Misha,

ich wollte dir nur noch sagen:

"
Misha hat geschrieben:Ich scheine also ein ernsthaftes Problem zu haben. Das gefällt mir gar nicht, ich wollte schließlich nie wie der Rest meiner Familie sein. Ich wollte stärker sein. Nun gut, wenn ich rational denke weiß ich, dass das nichts mit "Schwäche" zutun hat, trotzdem ist das irgendwie schwer...
wer sein Leben, seine Gesundheit und seine Behandlung in die Hand nehmen will, ist nicht schwach, sondern stark. :)

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Re: Amtsarzt ohne Diagnose?

Beitragvon fluuu » Mi 30. Dez 2015, 09:39

Genau, ein Opfer der Familienstrukturen zu sein die womöglich bis zu den Urahnen zurückreichen kann niemand etwas
aber wer sich dagegen wert und neues ausprobieren möchte der ist stark und mutig auch wenn es mal scheitern sollte.
Nicht aufgeben und immer wieder angehen gegen die destruktiven Mächte und sich nicht gehen lassen ist eine gute Chance.
Die Erfolge sind zunächst nur ganz klein aber wer sie wahrnehmen kann schöpft daraus Kraft für den weiteren Weg.
gruß fluuu

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