Menschen mit SVV-Syndrom (selbstverletzendem Verhalten)

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Wolfskind
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Beitragvon Wolfskind » Mo 2. Okt 2006, 18:10

Obwohl ich auf der einen seite, tierisch angst habe, überhaupt noch was zu schreiben (was aber nicht nur was mit dem thread hier zu tun hat)... möchte ich zu der aktuellen diskussion doch was loswerden.

ich denke, das das thema svv in der öffentlichkeit und den medien viel zu einseitig bekannt bzw. behandelt wird. nicht jeder der svv "braucht" ist ein bordi, wird aber in den medien meist als solcher bezeichnet.

wie schon gesagt, wissen die meisten betroffenen, das svv nicht DIE lösung ist, aber es ist für sie im augenblick DIE lösung, weil sie keine andere sehen oder auch keine andere kennen. und ja, so schlimm es ist, es ist für die betroffenen - will mich da gar nicht rausnehmen - erstmal positiv ! ja wirklich ! aber nur im ersten moment, denn bei vielen folgen direkt schuldgefühle, warum - wieso - weshalb man das wieder gemacht hat. und ja es ist ein verhalten, was bei den meisten auf unverständnis stösst. und ich finde es gut, das betroffene - gerade hier in dem forum - nicht hinter verschlossener tür darüber diskutieren MÜSSEN ! mich würde es traurig machen, wenn die betroffenen wieder hinter eine mauer verbannt würden, denn viele betroffene die ich kenne, haben u.a. wegen svv bereits eine mauer um sich aufgebaut.

nur wer die hintergründe kennt, der kann evtl. verstehen warum man das macht.

ein buch, das mir einiges diesbezüglich erklärt hat und ich daher weiterempfehlen kann ist: der schmerz sitzt tiefer von steve levenkron.

Wolfskind
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Beitragvon Wolfskind » Mo 2. Okt 2006, 18:34

ich hab einen link gefunden, mit einem auszug aus dem buch von steve levenkron:

http://www.mondstein-web.de/INDEX04.htm

hier noch interesannte diplomarbeiten zu dem thema - die sich u.a. auch mit dem thema piercings etc. befassen und einer über das thema svv im internet:

http://www.geocities.com/dorisneppert/Dipl.html

http://www.rotelinien.de/internet.html

hoffe es ist o.k. die hier zu posten.

ach ja, TRIGGERN, können einen sämtliche sachen ! ich z.b. empfinde es als triggernd, wenn sich andere menschen in meinem umfeld umarmen oder gar küssen. das mag ich nicht sehe, aber da es in der öffentlichkeit oder im tv immer wieder zu so situationen kommt, kann ich es doch niemandem verbieten ? oder wenn andere über psychischen oder körperlichen missbrauch reden oder schreiben, wird mich das sehr wahrscheinlich triggern, aber ich kann ihnen doch nicht verbieten darüber zu reden ?!

Letztendlich muß da jeder auf sich selber aufpassen.

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moni
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Beitragvon moni » Mi 4. Okt 2006, 19:53

Hallo zusammen
Gill hat geschrieben:Das klingt alles positiv. Für mich ist SVV in erster Linie eine positive Erfahrung. Schlimm wird es erst durch die Schuldgefühle, die Scham und die Blicke anderer, dass man das Gefühl hat, Geschichten erfinden zu müssen, weil die Wahrheit niemand verstehen würde.
Freunde sagen, es sei ein falscher Trost, der nur oberflächlich hilft. Aber manchmal kann ich alles nicht mehr ertragen und es ist alles, was mir übrig bleibt.
Ich verstehe Gill (und auch mich selber) so: Positiv bedeutet hier nicht das Erleben eines schönen Wohlgefühls, sondern einfach das Öffnen eines Ventils, das einem noch als das einzig mögliche erscheint, um übergrossen Druck abzubauen. Wie Gill es beschrieben hat, bleiben keine angenehmen Gefühle zurück, sondern nur Leere und Erschöpfung ...
danny hat geschrieben:Die letzten Beiträge klingen so, als sei es etwas tolles für Euch - positive Erfahrung?
... und das ist alles andere als toll. Es ist nicht schön, das Gefühl zu haben, es bleibe einem keine andere Wahl. Das ist Zwang, der zur Sucht wird. Sucht - Verlust der Freiheit über sich selber.

Ich frage mich oft, woraus dieser übergrosse Druck eigentlich besteht, und wie er zustande kommt.
Ich empfinde ihn vor allem als Sprachlosigkeit. Dem, was in einem vorgeht, keine Sprache geben können, um sich mitteilen zu können - sich selber oder auch anderen. Weil man die Sprache der eigenen Gefühle, des eigenen Körpers nie gelernt hat. Und sich deshalb auch nie wirklich verstehen oder auch nur wahrnehmen gelernt hat. So lebt man in ständiger Unsicherheit über sich selbst, die noch verstärkt wird dadurch, dass man auch die andern Menschen um einen herum nicht wirklich einschätzen kann. Es fehlt eine Art ruhender Pol oder Kern in einem, der einem emotionale Sicherheit und Orientierung, emotionale Strukturen geben könnte. Das gibt einem ein Gefühl der grenzenlosen Einsamkeit und des Isoliertseins - von einem Ich und der Welt. Deshalb wirken Situationen, in denen man auch real alleine ist, u.U. sehr bedrohlich und können irrationale Ängste wecken - davor, sich selbst in dieser Grenzenlosigkeit ganz zu verlieren, gar nicht mehr zu spüren.

Nur wenn man es schafft, sich in sich selbst ein Zuhause zu bauen, ein Zentrum der Wahrnehmung von Körper und Seele, wird sich der "Ballon der Einsamkeit" (in Anlehnung an Gills Bild) nicht mehr so grenzenlos ausdehnen können, dass man keinen anderen Ausweg mehr sieht, als reinzustechen. Darum ist Körperarbeit für Selbstverletzer so wichtig. Das habe ich jetzt begriffen. Es ist noch ein weiter Weg. Aber ich will ihn gehen.

Liebe Grüsse

moni

P.S.
Schneewittchen hat geschrieben:Die Leute schnippeln
Wir schnippeln nicht, wir verletzen uns selbst. Auch das habe ich unter <Sorgfalt beim Schreiben> in meinem letzten Post verstanden: eine respektvolle Wortwahl.
Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden.
Hermann Hesse

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Lydia
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Beitragvon Lydia » Do 5. Okt 2006, 13:50

Es geht nicht um die Frage, ob "schnippeln" eine Subform von irgendwas ist, Schneewittchen, sondern, dass die Wortwahl in diesem Zusammenhang unpassend bzw. respektlos war. Und da geht´s dann nicht um die Grenzen der Phantasie, sondern um die Grenzen anderer Menschen. Wann diese Grenze überschritten wird, ist sicherlich bei jedem Menschen unterschiedlich und ich finde auch, dass im Zweifel die betreffende Person sich halt entsprechend äußern muss. Genau das hat moni gemacht. Was gibt´s denn da noch groß pathetisch rumzuseiern?

Du hast vor einigen Tagen in einem anderen Thread jemandem dieses hier geantwortet:
Schneewittchen (im anderen Thread) hat geschrieben:Du bist echt arm, dass du deine Sprechblasen dadurch aufwerten musst, auf anderen Erfahrungen herumzutrampeln.
Ich tausche mal das Wort "Erfahrungen" durch "Empfindungen" und lege dir ansonsten deine eigenen Worte ans Herz.

Gruß
Lydia

gill
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Beitragvon gill » Do 5. Okt 2006, 17:05

Hallo,

es tut mir leid, dass ich nicht eher antworte, aber ich möchte gerne noch einmal Stellung nehmen.

Ich war in keinster Weise meine Absicht, SVV zu verherrlichen. Ich weiß, dass das keine Lösung ist und dass es eine ernste und schlimme Sache ist. Ich wollte auch niemanden durch meinen Beitrag dazu bringen, damit anzufangen. Falls das bei jemanden so angekommen ist, tut mir das sehr leid.

Ich war lediglich sehr froh, ein Forum zu finden, indem ich mich mit jemanden austauschen kann, der mich verstehen kann. Wo ich keine Schuldgefühle haben oder mich schämen muss, offen über solche Dinge zu reden.

Wenn ich schreibe, dass SVV für mich etwas Positives bedeutet, meine ich nicht, dass ich damit glücklich bin oder dass ich mich danach gut fühle. Es ist nur einfach besser, als dieser unerträgliche Spannungszustand davor. Es ist eine Befreiung, wenn man keinen anderen Ausweg mehr weiß, ich bin nicht stolz darauf. Ich merke, wie es mir hilft und es ist verdammt einfach. Aber irgendwann häufen sich die Momente, in denen man sich nicht anders zu helfen weiß. Manchmal hasse ich mich dafür, dass mir kein anderer Weg einfällt. Ich schneide mich nie aus einem Selbsthassgefühl heraus, sondern um Ruhe zu finden. Dadurch, dass ich mir Vorwürfe mache, weil ich nichts Besseres weiß, wird aber alles noch schlimmer. Es zieht mich runter, lässt mir keine Ruhe, bis sich wieder dieses unerträgliche Gefühl aufbaut und so schließt sich dieser Teufelskreis.
Nein, SVV ist durchaus nichts Positives. Aber es wird alles nur schlimmer, wenn ich mich dafür selbst verachte.

Ich habe nicht mit vielen Leuten darüber gesprochen. Mit Dreien, um genau zu sein. Ich konnte es nicht mehr ertragen, dieses ganze Chaos alleine in meinem Kopf zu haben. Ich hatte das Gefühl, nie mehr alleine da heraus zu finden. Aber ich konnte nicht zu jemanden gehen und mit jemanden sprechen. Eine Freundin hat mich mit sehr sehr viel Geduld dazu gebracht, mit ihr zu sprechen. Ich habe nur wenig gesagt und es hatte mich unglaublich viel Mühe gekostet. Aber ich hatte das Gefühl, wenn ich jetzt nicht rede, wird mir niemand mehr helfen, dann muss ich ganz alleine zugrunde gehen.
Es ging mir nicht besser, als ich es ausgesprochen hatte. Die Reaktionen waren Entsetzen, Sorge und auch Vorwürfe. Ich hatte das Gefühl, etwas ganz Schlimmes verbrochen zu haben und dass ich furchtbar dumm sein müsste, weil ich es nicht besser weiß. Natürlich habe ich versucht, das zu erklären. Aber ich merkte, dass meine Erklärungen nicht verstanden wurden, ich hatte eher das Gefühl in eine Selbstverteidigungshaltung hineinzurutschen. Ich wollte mich rechtfertigen, aber das war es ja nicht, was ich erreichen wollte. Ich wollte Hilfe und mich nicht verteidigen müssen. Meine Freundin hat mir schließlich geholfen, indem sie mich zu einem Therapeuten gebracht hat. Ich bin ihr sehr dankbar dafür. Ich hätte alleine nie den Mut dafür aufgebracht.
Es ist mir unglaublich schwergefallen, mit meinem Therapeuten darüber zu sprechen. Ich habe auch sofort an seinen Blicken gemerkt, dass es etwas Negatives ist. Damit fühlte ich mich in eine Ecke gedrängt. Als würde man an mich auch die Erwartung stellen, dass ich mich hinstelle und sage: ja, ich tue etwas Schlimmes und es ist ganz schlecht von mir. Es setzt mich unter Druck und nimmt mir die Möglichkeit, frei darüber zu reden, was es für mich bedeutet und was mit mir passiert. Wie kann ich zu jemanden sagen, dass mir etwas hilft, wenn der andere sofort das Gegenteil behauptet. Ich fühle mich dann unverstanden. SVV wird als das Problem betrachtet. Aber das ist es nicht, es ist nur die Auswirkung. Und wie kann mir jemand helfen die Ursachen zu finden, der noch nicht einmal die Symptome begreifen kann?

Es hatte mich viel Überwindung gekostet, hier im Forum etwas zu schreiben. Aber durch die anderen Beiträge hatte ich das Gefühl, dass hier jemand ist, der mich verstehen kann. Wo ich reden kann, ohne mich zu schämen. Es hat mir sehr gut getan, offen sprechen zu können ohne Angst und Schuldgefühle und das ganze Hoffen und Bangen, wie mein Gegenüber das jetzt auffasst, weil ich wusste, irgendjemand kann mich hier verstehen und ich bin nicht alleine auf der Welt.

Es tut mir leid, dass es so lange geworden ist. Ich wollte Euch nicht zutexten, aber ich hatte das Gefühl, meinen Standpunkt erklären zu müssen.

Alles Liebe
Gill

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Beitragvon moni » Do 5. Okt 2006, 18:45

Hallo Schneewittchen

Nein, ich konzediere nicht - und es ist auch nicht nötig, französisch zu parlieren, oder wenn, dann wenigstens richtig.

Obwohl es ja weder um Besserwisserei noch um Wortklauberei geht, aber da du schon mal auf diese Schiene abgebogen bist, bitte schön: In einschlägigen Nachschlagewerken findet man zum Wort <schnippeln> u.a. Folgendes: meist verächtlich gebraucht: unnütz schneiden, schnitzeln, in Stückchen schneiden. Jeder weitere Kommentar dazu im Zusammenhang mit SVV erübrigt sich.

Sport ist eine Form von Körperarbeit, ja. Und es gibt tausend andere, von Atemübungen bis Zen.

Aber viel wichtiger als das, was gescheite Bücher zu Definition und Gebrauch von Wörtern und Sprache hergeben, ist das, worauf Lydia hinweist:
Lydia hat geschrieben:Schneewittchen (im anderen Thread) hat folgendes geschrieben::
Du bist echt arm, dass du deine Sprechblasen dadurch aufwerten musst, auf anderen Erfahrungen herumzutrampeln.
Ich tausche mal das Wort "Erfahrungen" durch "Empfindungen" und lege dir ansonsten deine eigenen Worte ans Herz.
Gruss

moni
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Beitragvon moni » Do 5. Okt 2006, 23:01

Hallo Gill

Du schreibst über die Reaktion deiner Freundin:
Es ging mir nicht besser, als ich es ausgesprochen hatte. Die Reaktionen waren Entsetzen, Sorge und auch Vorwürfe. Ich hatte das Gefühl, etwas ganz Schlimmes verbrochen zu haben und dass ich furchtbar dumm sein müsste, weil ich es nicht besser weiß. Natürlich habe ich versucht, das zu erklären. Aber ich merkte, dass meine Erklärungen nicht verstanden wurden, ich hatte eher das Gefühl in eine Selbstverteidigungshaltung hineinzurutschen. Ich wollte mich rechtfertigen, aber das war es ja nicht, was ich erreichen wollte. Ich wollte Hilfe und mich nicht verteidigen müssen. Meine Freundin hat mir schließlich geholfen, indem sie mich zu einem Therapeuten gebracht hat. Ich bin ihr sehr dankbar dafür. Ich hätte alleine nie den Mut dafür aufgebracht.
Ich denke, du hast hier sehr differenziert beschrieben, was so oder ähnlich wohl die meisten in ihrem persönlichen Umfeld erleben, wenn sie versuchen, etwas zu erklären. Je näher einem jemand steht, umso schwieriger wird es, sich irgendwie verständlich zu machen. SVV und Sympathie oder Liebe widersprechen sich, und das muss Entsetzen, Sorge und Unverständnis hervorrufen. Ich weiss auch nicht wirklich, wie der Graben, der dadurch zwischen Betroffenen und Nichtbetroffenen entsteht, überbrückt oder sogar geschlossen werden könnte, und bin daher einfach lieber vorsichtig und bleibe lieber einmal zu viel stumm. Und dann eben allein damit ...

Das Einzige, was bleibt, ist Therapie. Gut, dass auch du den Schritt gewagt hast :D! Du schreibst darüber:
Es ist mir unglaublich schwergefallen, mit meinem Therapeuten darüber zu sprechen. Ich habe auch sofort an seinen Blicken gemerkt, dass es etwas Negatives ist. Damit fühlte ich mich in eine Ecke gedrängt. Als würde man an mich auch die Erwartung stellen, dass ich mich hinstelle und sage: ja, ich tue etwas Schlimmes und es ist ganz schlecht von mir. Es setzt mich unter Druck und nimmt mir die Möglichkeit, frei darüber zu reden, was es für mich bedeutet und was mit mir passiert. Wie kann ich zu jemanden sagen, dass mir etwas hilft, wenn der andere sofort das Gegenteil behauptet. Ich fühle mich dann unverstanden. SVV wird als das Problem betrachtet. Aber das ist es nicht, es ist nur die Auswirkung. Und wie kann mir jemand helfen die Ursachen zu finden, der noch nicht einmal die Symptome begreifen kann?
Hast du ihm diese Eindrücke - oder einzelne davon - schon mal mitgeteilt? Ich fände es wichtig, dass er deine Wahrnehmung kennt; dass er weiss, wann du dich worin unverstanden fühlst - es könnte ja sein, dass dies aus seiner Perspektive anders aussieht. Das könnte dir Druck wegnehmen und dir wieder mehr Raum in der Therapie lassen - raus aus der Ecke, in die du dich gedrängt fühlst.
Wie lange machst du schon Therapie? Ist die Erfahrung, die du hier beschreibst, einmalig gewesen, oder erlebst du deine Therapie generell so?

Ich würd mich freuen, noch mehr von dir zu lesen. Ob, wann und was du hier schreiben möchtest, bleibt aber immer dir überlassen! :wink:

Liebe Grüsse

moni
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Thuja
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Beitragvon Thuja » Do 5. Okt 2006, 23:51

Hallo Ihr,

grad' erinnerte ich mich dran, daß in der "Süddeutschen Zeitung" vor Jahren mal in der Jugendausgabe "Extra" (als es die noch gab) ein sehr guter Artikel einer Betroffenen über SVV stand... leider kann ich ihn nicht mehr finden... etwas anderes dazu hab' ich aber noch gefunden - wen's interessiert:
http://www.sueddeutsche.de/panorama/artikel/611/36575/

Viele Grüße
Thuja
Man muß die Menschen nehmen, wie sie sind. Es gibt keine anderen!

lavida
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Hallo __________ Änderung / Ergänzung Text

Beitragvon lavida » Mo 6. Nov 2006, 06:24

Ich bin noch hier und habe mir jetzt nicht die ganzen vorhergehenden threads durchgelesen. Ich kann nur sagen, dass mir selbst in meiner 28-jährigen "SVV-Karriere" nicht ein einziger "Fall" wie ich selbst untergekommen ist. Darauf bin ich sicher in keinster Weise stolz. Ich frage mich inzwischen, ob ich überhaupt heilbar bin oder ob es absehbar ist, wann ich mit meinem "Spiel" unter der Erde lande.
Ich bin 38 J. alt und habe etwa mit 10 J. angefangen, mich selbst zu verletzen. Natürlich heimlich. Ab dem 18. Lebensjahr wurden die Verletzungen behandlungsbedürftig und mussten immer chirurgisch versorgt werden. In den folgenden Jahren wurde es immer schlimmer und immer häufiger riskierte ich dabei mein Leben. Immer öfter wurde ich auch auf Brückengeländern angetroffen oder stellte mich direkt vor einen heranrasenden Zug. Mein Auto habe ich bei einer Verfolgungsfahrt mit der Polizei absichtlich vor einen Baum gesetzt (ohne Fremdgefährdung natürlich). Vielleicht half mir oft mein gutes Aussehen, dass ich vor der Psychiatrie bewahrt wurde. Nicht immer, aber meistens. Hätte es etwas geändert, wenn ich jedes Mal eingewiesen worden wäre? NEIN. Nur einen schnellen sozialen Abstieg, denn meine Arbeit habe ich immer versucht, mir zu bewahren. Mit Anfang 20 begann ich eine ambulante Therapie, die bis heute andauert. Zwischendurch machte ich 4 stationäre Therapien, wenn mal wieder etwas besonders lebensgefährliches passiert war und meine Ärztin nun gar keinen anderen Rat mehr wusste. In diesen stationären Therapien wurde mein SVV nur noch schlimmer und zwar jedes Mal. Mein einziger echter Suizidversuch erfolgte auf der geschlossenen Psychiatrie, als ich fixiert im Bett lag. Nicht zu glauben, aber wahr. Mit Ende 20 hatte ich eine Phase, in der ich mich 6 J. wirklich nicht mehr verletzt habe. Ich dachte, ich wäre geheilt. Falsch gedacht. In der Zeit lernte ich meinen Mann kennen und wir haben geheiratet. Alles war soweit ganz schön. Er hatte zwar 2 Kinder aus 1. Ehe, aber ich dachte, wenn wir ein gemeinsames Kind haben, fällt mir das auch leichter. Wieder falsch gedacht. Mein größter Wunsch, ein eigenes Kind, ging nicht in Erfüllung. Ich kam ins Stolpern und nach einer mehrjährigen Kinderwunschbehandlung war ich so am Ende, dass ich mich wieder verletzt habe. Sofort war ich wieder voll drin in dem Teufelskreis. Hinzu kamen körperliche Erkrankungen, die u. a. eine Herzoperation erforderlich machten. Weitere chronische Krankheiten stellten sich leider ein, was mich immer mehr verzweifeln ließ. Der Kinderwunsch rückte in immer weitere Ferne. Mein SVV wurde extrem. Es passierte nicht so häufig, alle paar Monate. Dafür betrieb ich es lebensgefährlich und ich weiss nicht, wie oft ich nur ganz knapp überlebt habe. Seit der Herzoperation muss ich auch noch Blutgerinnungshemmer nehmen, was mir beim SVV natürlich traurigerweise auch noch in die Hände spielt. Vor wenigen Monaten wäre ich an inneren Blutungen fast elend gestorben. Nur eine große Notoperation am Bauch rettete mir das Leben. Danach war es plötzlich erheblich besser, leider werde ich meine Arbeit verlieren und nun habe ich jegliche Hoffnung aufgegeben. Meine Arbeit war immer alles, was ich hatte. Über sie habe ich mich definiert. Ich sehe jetzt überhaupt keine Zukunft mehr. Vier Monate bin ich halbwegs optimistisch geblieben, aber jetzt geht es mir täglich schlechter und es ist nur eine Frage der Zeit, wann die nächste richtige große Katastrophe ins Haus steht. Wie zerschunden mein Körper inzwischen aussieht, brauche ich wohl nicht zu beschreiben. Mein SVV erkennt jeder Mensch aus 10 m Entfernung. Dass ich mich schäme, unter die Menschen zu gehen, ist wohl auch klar. Will ich überhaupt noch leben? Ich weiss es nicht. So jedenfalls nicht. Ich fühle mich schuldig. An allem.
lavida

Luka
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Narben lesen

Beitragvon Luka » Do 8. Mär 2007, 15:11

…oder: Wenn die Gedanken zu viel Spiel haben





Ich habe nicht sehr viele Narben, die für andere offensichtlich sind, und die meisten von ihnen werden es auch erst dann, wenn sich im Sommer die Haut langsam bräunt.

Die Offensichtlichen, die man dann sieht, sind keine Narben, die ich mir selbst zugefügt habe, sondern die, die mir von außen beigebracht wurden.

Es ist doch eigentlich merkwürdig, dass gerade diese Narben es sind, für die ich mich schäme. Nicht für die, die ich mir selbst zuzuschreiben habe, auch nicht für frische Wunden (In der Regel verstecke ich sie nicht vor anderen - mit Ausnahme meiner Familie, wenn sie zu selbst verursacht aussehen. Meine Eltern wissen zwar seit ein paar Jahren vom SVV, verdrängen es aber gerne, nach dem Motto: „Das war mal so, aber jetzt hat sie das ja nicht mehr nötig“).

Wenn mich jemand im Bekanntenkreis, oder so, anspricht: „Was hast Du denn da gemacht?“ reagiere ich grundsätzlich mit der Wahrheit – und das ungewollt beiläufig: „Ach, da habe ich mich geschnitten/gebrannt!“, ohne dass es mich weiter stören, oder ich mich ertappt fühlen würde. Im Gegenteil, das SVV ist Normalität für mich geworden. Auch nach langen Auszeiten, in denen ich mich nicht verletzt habe, entsetzt oder besser erschrickt mich mein eigenes Verhalten nur noch sehr selten. Ärgern tut es mich, aber es gehört halt irgendwie zu mir – schämen tu ich mich deswegen auf jeden Fall nicht.

Aber die anderen Narben, die fremden. Sie sind schon alt und sehr blass. Wenn die Haut braun wird sind sie zwar deutlich zu sehen, aber ich schätze Mal dennoch, dass sie kaum jemandem auffallen. Ich kann zumindest an 10 Fingern abzählen, wie oft ich auf diese „komischen Pigmentstörungen“ angesprochen worden bin.

Aber ich verstecke sie so gut es geht. Und gelingt es mir nicht, habe ich das Gefühl dass man mir bis auf den Grund der Seele schauen kann, wenn man die Narben betrachtet.
Ist das die alte Scham, die in mir hochsteigt, vor dem was mit mir passiert ist? Ist es vielleicht das das eigene Verschulden, dass mir versucht wurde weiß zu machen? Oder ist es vielleicht doch einfach nur so, dass ich selbst diese Narben lesen kann, wie ein offenes Buch, das meine Geschichte erzählt?

In den kälteren Jahreszeiten kann ich mir diese Narben verschweigen, aber wenn es wärmer wird, werde ich sie wieder lesen können, und vielleicht ist es die Scham oder besser die Angst davor, dass andere auch diese Fähigkeit haben.
die Sekunden
jagen die nächsten
sind dann einfach verschwunden
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@Leonardo

Beitragvon Luka » Do 8. Mär 2007, 15:13

ich war übrigens mal wieder ein wenig in meiner Kreativschmiede tätig, falls Du Interesse daran hast, kommst Du über den alten Link hin.

LG, Luka
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Stille
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Beitragvon Stille » Do 8. Mär 2007, 17:53

Ich blicke auch auf eine lange „Kariere“ Selbstverletzenden Verhaltens zurück. Im Moment kann ich mich nicht einmal mehr genau erinnern, wann ich damit begonnen habe. Eigentlich dachte ich den Zeitpunkt genau definieren zu können, aber da steigen Erinnerungsfetzen hoch, dich ich nicht mehr zuordnen kann. Ich schäme mich trotz ambulanter und stationärer Therapie immer noch so sehr dafür. Immerhin konnte ich es aber fast die ganze Zeit vor meiner Umwelt verbergen. Ich werde jetzt hier nicht beschreiben, wie ich das geschafft habe. Es war mir immer sehr wichtig und das schlimmste sollte es mal jemand herausfinden. Natürlich gab es auch Zeiten der „Abstinenz“, in den es mir auch gut ging. Erfahrungen habe ich nun schon in beiderseitiger Hinsicht gemacht. Es gab Verständnis, da wo ich es nie erwartet hätte und Unverständnis auf professionellen Seiten. Damit umzugehen hat mir niemand beibringen können. Für mich sind es Zeichen meiner eigenen Unzulänglichkeit. Ich schäme mich sehr dafür und wenn mich jmd danach fragt, habe ich immer eine Ausrede parat. Vielleicht ist es mir inzwischen etwas egaler geworden, ob es die anderen es dann glauben oder nicht. Luka, ich kenne das Gefühl, dass jmd bis zum Grunde meiner Seele schauen kann und dann fühle ich mich schmutzig und schlecht. Mein Verstand weiß natürlich, dass ich es dem Grunde nach nicht bin. Dann ist da noch das Gefühl, noch verletzlicher angreifbarer geworden zu sein. Es kann sogar vorkommen, dass gut gemeinte Worte in meinen Ohren wie ein stiller Vorwurf klingen. Deshalb kann ich manchmal gar nicht reden, oder vermeide es abweisend. Aber was bleibt wenn man nicht reden kann ……
Nur weil du paranoid bist, heißt das nicht, daß sie nicht hinter dir her sind ;-)

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Beitragvon Luka » Sa 10. Mär 2007, 11:45

ja, ich weiß was Du meinst *seufz*

Danke für Deine Worte,

Luka
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Beitragvon filou » Mo 23. Apr 2007, 09:32

Hey!

Interessanter Thread , da das Thema ja weitesgehend in der Gesellschaft verschwiegen oder totgetreten wird. Oder man erntet eben nur verstohlene Blicke aus der Hilflosigkeit von anderen.
Und noch viel interessanter sind Ärzte die sich medizinisch um SVVler kümmern , die Wunden versorgen und nach geringer Zeit die Diagnose Borderline stellen ..... worüber ich immer wieder nur den Kopf schütteln kann. Aber nun gut das wäre jetzt alles am Thema vorbei aber eben schon alles erlebt.

Ich oute mich ebenfalls mal als ein Mensch mit selbstverletzenden Verhalten. Wobei ich dazu sagen muss das ich auch eine Borderlinerin bin. Ich bin seit über 10 Jahren betroffen .... und auch eher das ältere Semester aus der Materie (bin 26) .... die Gründe warum Menschen sich verletzen denke ich nehmen sich bei den meisten nicht viel .... entweder ist es der Drang sich zu bestrafen oder überhaupt wieder ein Körpergefühl entwickeln zu können, manchmal aber auch die eigene Machtlosigkeit der eigenen Gefühle gegenüber , oder bei BL - Betroffenen die emotionale Instabilität ( ich liebe diese Wortkombination, sie sagt alles und eigentlich nichts) .... es tut mir leid das soviel Ironie in meinen Worten liegt , ich hasse meine Krankheit und das was sie mit sich bringt.

Das Filou
(Die Kunst ist einmal mehr aufzustehen,
als man umgeworfen wurde)

(Churchill)

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Beitragvon Stille » Di 24. Apr 2007, 18:35

.... ja messen wir uns an der emotionalen Instabilität, dann ist die Welt voller Borderliner und wer will die dann retten?!

(mich auch für Ironie entschuldige ;-)

LG
Stille
Nur weil du paranoid bist, heißt das nicht, daß sie nicht hinter dir her sind ;-)


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