Sedierendes AD mit wenig NW gesucht

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Hannes
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Sedierendes AD mit wenig NW gesucht

Beitragvon Hannes » Mo 2. Mai 2005, 20:32

Tochter , 20, rezidivierende (?) Depr. , jetzt schon 2 Jahre krank zuhause,
nach 1. Einbruch 2001 hat Remergil gut geholfen bei Depression plus Angstattacke, in Klinik aber abgesetzt und nach ca. 6 Wochen ohne AD Cipramil gegeben; habe dummerweise ( als Vater ) zugestimmt, obwohl wir damit bei der Mutter schon sehr eingebrochen sind ( massive Schlafstörungen ... ) ; bei Tochter war die Ausgangsbasis besser und sie hat es ein Jahr relativ gut vertragen, die antidepressive Wirkung ist ja beachtlich, für jemanden mit starker innerer Unruhe war es aber wohl nicht die richtige Wahl; wir denken, daß durch den ständigen künstlichen Antrieb die inneren Reserven aufgezehrt werden ( vergl. Doping im Sport) ;
schließlich waren auch bei der Tochter Schlaf und Appetit so gestört, daß es nicht mehr ging; da war sie aber schon ausgebrannt und mit dem Absetzen kam das depressive Loch dazu; Remergil konnte das diesmal nicht auffangen, ob es nicht mehr so wirkt wie beim ersten mal oder die Bedingungen schlechter sind ? In den 2 Jahren ging es jedenfalls kaum vorwärts, ihr Hauptproblem sind die innere Unruhe und Gereiztheit , besonders ab nachmittags, mangelnder Abtrieb und Tieftraurigkeit sind noch nicht einmal so ausgeprägt; nach einer Testphase mit Seroquel sind wir jetzt bei standardisiertem Johanneskraut, ob sie damit soweit kommt, die eingeleitete Psychotherapie durchzustehen, müssen wir abwarten; deshalb rechnen wir damit, doch zu einem stärker sedierenden AD übergehen zu müssen; da die Erfahrungen anderer Leidensgenossen naturgemäß mehr zählen als Bücher und Theorie , die Frage an Euch, womit habt ihr gute Erfahrungen gemacht ? Daß es bei jedem anders wirkt, haben wir schon mitgekriegt, aber einen Versuch ist es ja wert . Hat auch sonst noch jemand so negative Erfahrungen mit SSRI gemacht ?
danke, nächstes Mal kürzer
Hannes
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Hannes
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Danke an Medley

Beitragvon Hannes » Do 5. Mai 2005, 19:55

Vielen Dank für Deine Antwort. Was Anja der Doc vorschlagen wird, wenn wir doch was sedierendes brauchen, weiß ich auch noch nicht. Zur Zeit hoffen wir noch, daß Anja mit Johanneskraut auskommt. Die Nebenwirkungen sind jedenfalls besser und mir erscheint sie auch besser drauf zu sein. Sie nimmt es aber noch nicht lang genug, um es abschließend beurteilen zu können. Wahrscheinlich wird es ja sowieso keine Arzenei geben, die all ihre Probleme lösen kann. Wir hoffen da doch sehr auf die Therapie, die nächstens beginnt. Aber auch dazu mußte sie ja erst ein bestimmtes Level erreichen. Es strengt sie halt sehr an und beschert ihr mehrere schlechte Tage, wenn sie über ihre Probleme reden muß.
Wir wollten nur vorbereitet sein, wenn es doch zu einem neuen Medi-wechsel kommen muß. Ich selbst versuche mit Büchern weiterzukommen , aber meine zwei "Erfahrenen" haben mehr Vertrauen zu jemanden , der es selbst erlebt hat. Anja's Doc scheint o.k. zu sein und man kann auch mit ihm reden, was ja nicht selbstverständlich ist. Die Zeiten des blinden Vertrauens sind aber bei uns vorbei. Dafür sind wir schon zusehr hereingefallen, aber das ist ein Thema für die " bessere Psychatrie" . Auf das Thema SSRI werde ich an anderer Stelle noch einmal kommen. Wir finden das für wichtig, wollen aber auch nicht die verunsichern, denen es wirklich hilft.

Viele Grüße und alles Gute
Hannes
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moni
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Beitragvon moni » Do 5. Mai 2005, 20:21

Hallo Hannes

Ich habe in einer Zeit grosser innerer Unruhe und Schlaflosigkeit vier Monate lang Trittico (Trazodon) genommen, was mir gut geholfen und (ausser ein bisschen Schwindel) kaum Nebenwirkungen gezeigt hat. Tagsüber konnte ich es allerdings unter der Woche nicht nehmen, da ich ungefähr eine halbe bis eine Stunde nach der Einnahme so müde geworden bin, dass für eine Weile an Arbeit, Autofahren usw. nicht mehr zu denken war. Dafür konnte ich sehr gut ein- und auch durchschlafen. In der Dosierung hat man einen grossen Spielraum - von ganz wenig bis (glaube ich) max. 600 mg pro Tag; ich hab max. 300 mg genommen. Gegen Ende dieser vier Monate wurde mir dieses Gedämpftsein jedoch immer unangenehmer, so dass ich Trittico/Trazodon schliesslich abgesetzt und jetzt gegen ein anderes AD ausgewechselt habe (Efexor/Trevilor; dazu kann ich aber noch nicht viel sagen).

Alles Gute euch und eurer Tochter, und liebe Grüsse

moni

Hannes
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Beitragvon Hannes » Fr 6. Mai 2005, 18:58

Hallo moni !
Es war auch Hintergrund unserer Überlegung, daß Anja für eine gewisse Zeit etwas stärker sedierendes nimmt, damit sie zur Ruhe kommt und zu viel e r h o l s a m e n Schlaf. Es ist unsere Erfahrung, daß damit alles steht und fällt, auch bei meiner Frau die sich schon lange mit Depressionen herumquält. Deshalb war es in unseren Augen ja so ungünstig, daß das Cipramil bei meiner Frau sofort und bei Anja nach längerer Zeit Schlafstörungen verursacht hat, die leider länger bleiben, auch wenn das Mittel abgesetzt ist.
Daß ein richtig sedierendes Mittel sich dann vielleicht zu sehr auf den Tag auswirkt, ist auch unsere Befürchtung . Da Anja aber z.Z. sowieso zuhause ist und nicht absehbar, daß sie ihre Ausbildung in diesem Sommer wieder aufnehmen kann, könnte wir eine solche Phase vielleicht doch einschieben oder hätten es schon früher tun sollen. Ihre Therapie muß sie aber trotzdem machen können und in nächster Zeit etwas zum langsamen Aufbauen wie Tagesstätte, Tagesklinik, Berufserprobung o.ä. mit sich allmählich steigerndem Stundenumfang.

Hallo medley !
Ja, eine Angehörigengruppe gibt es seit einiger Zeit auch bei uns und die bringt mir auch viel. Man kann doch viel Erfahrungen austauschen und es tut gut, mit jemanden reden zu können, der ähnliche Erfahrungen gemacht hat. Ansonsten sind die Tabu' s ja noch sehr groß. Eigentlich verwunderlich, wenn man liest, wieviel % der Bevölkerung im Laufe ihres Lebens selbst Erfahrungen machen und die haben ja auch alle Verwandte.
Ja, die Gegend ist schon schön hier und es gehört zu Anja's selbst gewählter " Therapie" jeden Tag ein Stück mit ihrem Hund zu gehen, auch wenn es Wetter für die Ofenbank ist.
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aktueller Stand

Beitragvon Hannes » Mi 8. Jun 2005, 20:58

@ Moni :
Anja's Nervenarzt und ich fanden Deinen Hinweis auf Trazodon durchaus bedenkenswert, leider hat der Ablauf bei unserem Cocktail nicht gepaßt. Das Seroquel hat ja keine antidepressive Wirkung und hat die Alpträume eher verstärkt - 2 Wochen weg;
dann wollten wir möglichst keine Nebenwirkungen , also Johanneskraut; leider ließ in der Aufbauphase die Nachwirkung des Remergil endgültig nach und die Tieftraurigkeit kam, für meine Tochter mit dem Gefühl, das kommt vom Johanneskraut - nach 3 Wochen flogen die schönen Tabletten zum Fenster raus
mit viel Überredung hat sie dann noch mit Trazodon gegonnen, die sedierende Wirkung kommt ja immer schnell , die antidepressive Wirkung erst einige Zeit später ; solange hat sie dem Trazodon aber nicht Zeit gegeben, weil sie fand, daß die Tieftraurigkeit noch viel schlechter zu ertragen ist, wenn man so runtergefahren ist.
Jetzt sind wir wieder beim Remergil und hoffen inständig, daß es wieder so gut wirkt wie vorher. Daß es eine so deutliche AD - Wirkung hatte und es meiner Tochter ohne so viel schlechter geht , habe ich nicht gedacht. Sie sagt: Lieber im Bauch kaputt als im Kopf !

Das war also die Demonstration, wie man es nicht machen soll. Letztendes hat sie keines der 3 Mittel so lange und in höherer Dosis genommen, daß man endgültig sagen kann, ob es helfen würde oder nicht. Geblieben ist der Vorwurf, wir hätten sie als Versuchskaninchen benutzt und ein "großer" Wunsch nach neuen Erprobungen.

Ob das Remergil wieder die vorherige Wirkung erreicht, werde ich Euch noch berichten.

@ Medley
Nachdem ich das dicke Buch gewälzt habe, stellte ich fest, daß wir das Schlafmittel schon als Somnosan kannten. Ich halte das unter den Schlafmitteln noch als eines der ungefährlichsten bezüglich Abhängigkeit und so. Meine Gattin hatte es damals, als sie nach Cipramil und Gladem nur noch 2--3 h schlafen konnte. Allerdings denke ich, daß dadurch zwar mehr Stunden zusammenkommen, aber die gestörten Schlafphasen nicht gebessert werden, so daß der Erholungseffekt bei ihr ausblieb.
Als sie dann gar nicht mehr weiter wußte, hat sie dann ihren Vorrat auf einmal genommen und reichlich geschlafen. Bis wir sie dann nach zwei Tagen endlich gefunden haben, war sie schon fast übern Berg und wäre wohl von selbst aufgewacht. = Glück gehabt =
Es scheint also relativ gut verträglich zu sein. Entschuldige, ich wollte das Thema eigentlich nicht hier ansprechen und deshalb den Tread abbrechen, aber nach Deiner leisen Kritik, ....
Jedenfalls haben wir das Mittel seither nicht mehr im Hause, auch wenn es nichts dazu konnte.
Wahrscheinlich werden deshalb mehr Neuroleptika in niedrigen Dosen zum AD dazu gegeben als Schlafmittel, weil sie vielleicht besser auf die Schlafstruktur wirken und nicht abhängig machen. Meine Frau nimmt jetzt bei Bedarf Neuroxil dazu, daß aber den Kreislauf ganz schön runter fährt und auf Dauer wohl auch nicht angezeigt ist.

soviel für heute, es gibt auch Gutes: Reha für die Tochter genehmigt, wahrscheinlich sogar dort, wo sie schon war und sich mit der Psychologin verstand, die anschließende ambulante Fortsetzung scheint auch gesichert !

Gruß
Hannes
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Beitragvon Hannes » Fr 10. Jun 2005, 21:42

Hallo Medley
Dein freundliches " schön wieder etwas von Dir zu lesen" hat mein schlechtes Gewissen getroffen, deshalb habe ich es als Kritik empfunden und das ist einer meiner wunden Punkte.. Entschuldige bitte

Zurück zum Thema " Ausprobieren von Medi's ":
Theoretisch ist es mir klar, daß man ein neues Mittel mindestens 4 Wochen nehmen muß und dann noch einmal 3..4 Wochen mit höherer Dosis, ehe man sagen kann ob es hilft oder nicht. Danach dann der gleiche Spaß mit dem nächsten. Nun muß ich es ja zum Glück nicht am eigenen Leib ausprobieren, aber daß das nervt, wenn man verzweifelt auf Besserung wartet , ist mir klar.
Hat jemand etwas von einer Methode gehört, wie man im Vorfeld schon ermitteln kann, was mit hoher Wahrscheinlichkeit hilft ?Ich habe von einem depressiven Mann gelesen, der 26 verschiedene Mittel und Dosierungen ausprobiert hat, bis er das Optimum hatte. Soviel Geduld haben sicher nicht viele.
Sicher wäre es wenigstens notwendig, daß es mehr Nervenärzte , ein größeres Budget und mehr Zeit für Gespräche gäbe , damit das Probieren erfolgversprechender begonnen werden kann.
Ich habe aber gelesen, daß das Budget nur noch für einen Termin pro Quartal und Patient reicht ! Da kann man nur wünschen, daß die Verantwortlichen zur Vernunft kommen oder das System selbst einmal testen dürfen.

Mit dieser vagen Hoffnung allen alles Gute !
Hannes
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