Paroxetin (Deroxat) Höchstdosierung?

Hier hinein gehören alle Fragen und Beiträge zum Thema Psychopharmaka, medikamentöse Therapie, Dosierung, Kombinationstherapie, Unverträglichkeiten, Wechselwirkungen etc.
Benutzeravatar
Franz Engels
Site Admin
Beiträge: 899
Registriert: Mi 12. Jun 2002, 20:18
Wohnort: CH-3011 Bern
Kontaktdaten:

Paroxetin (Deroxat) Höchstdosierung?

Beitragvon Franz Engels » Do 3. Okt 2002, 15:02

Ich habe eine Frage an die ärztlichen Kollegen. Ich habe einen Patienten mit einer Zwangsstörung, den ich mit Deroxat behandele. Allerdings behauptet er, dass er unterhalb einer Dosierung von 100mg keine Wirkung spürt, dann aber eine deutliche.
Die empfohlene Höchstmenge liegt unterhalb dieser Dosierung. Hat jemand Erfahrung mit einer Risiken einer solch hohen Dosierung?

Benutzeravatar
Franz Engels
Site Admin
Beiträge: 899
Registriert: Mi 12. Jun 2002, 20:18
Wohnort: CH-3011 Bern
Kontaktdaten:

Beitragvon Franz Engels » Mo 7. Okt 2002, 10:57

Hallo Gast,

hm, das kenne ich auch aus der klinischen Arbeit ganz gut. Im Umgang mit Neuroleptika bei chronisch schizophrenen Patienten ist es ja schon fast die "übliche" Methode, Die Dosis über das Vielfache der empfohlenen Höchstdosierungen anzuheben. Gut finde ich das trotzdem nicht, und die "Erfolge" fand ich in aller Regel auch nicht sehr beeindruckend. Manchmal habe ich mich gefragt, was wohl Schlimmes passieren würde, wenn man die Neuroleptika einfach ausschleichen würde, anstatt sie immer weiter zu erhöhen.
Meine Frage mit dem Deroxat zielte allerdings in eine andere Richtung, weil dieser Patient eben bei der angegebenen Dosierung mit 100mg tatsächlich selber eine stark positive Wirkung spürt, die unterhalb dieser Dosierung nicht auftritt.

Trotzdem vielen Dank für die Antwort!

Herzlich
Franz Engels

Benutzeravatar
Franz Engels
Site Admin
Beiträge: 899
Registriert: Mi 12. Jun 2002, 20:18
Wohnort: CH-3011 Bern
Kontaktdaten:

Beitragvon Franz Engels » Do 31. Okt 2002, 17:01

Hallo NL-Junkie,

vielen Dank für diese plastische und nachfühlbare Schilderung. Das ist natürlich auch ein Kunstfehler, Neuroleptika auf einen Schlag abzusetzen und sollte nicht passieren.
Erlauben Sie mir in diesem Zusammenhang noch die Frage (Ich setze voraus, dass Sie entweder von sich selber geschrieben haben oder zumindest den weiteren Verlauf kennen):
Wie war es dann [/i]ohne Neuroleptika im weiteren Verlauf? Sie schreiben, dass es "aufwärts" ging. Heisst das, Sie konnten dann dauerhaft auf Neuroleptika verzichten?

Mit freundlichen Grüssen
Franz Engels

Rixse
Beiträge: 16
Registriert: So 18. Aug 2002, 12:12
Wohnort: Braunschweig
Kontaktdaten:

Beitragvon Rixse » Fr 1. Nov 2002, 21:03

Sehr plakativ. Aber kann man die in diesem Fall gute Entwicklung vorausetzen und verallgemeinern? Muß nicht von Fall zu Fall entschieden werden, ob und welche Nebenwirkungen akzeptabel sind?

Ich kenne mich zugegebenermaßen mit der Materie nicht aus, und wie es scheint ist in dem von Ihnen beschrieben Fall in der Tat die ein oder andere Fehlentscheidung getroffen worden (zumindest stellt es sich nach der notgedrungen einseitigen Darstellung so dar), ich denke aber doch, auch jedem Psychotherapeuten muß zugesprochen werden noch Mensch zu sein und irren zu können/dürfen und Allheilmethoden gibt es in der Psychiatrie sicherlich genauso wenig, wie anderswo. :roll:

Benutzeravatar
Franz Engels
Site Admin
Beiträge: 899
Registriert: Mi 12. Jun 2002, 20:18
Wohnort: CH-3011 Bern
Kontaktdaten:

Beitragvon Franz Engels » Mo 4. Nov 2002, 16:42

Hallo NL-Junkie,

vielen Dank für Ihren Beitrag!
Sie sprechen da mehrere sehr schwierige Theman an, auf die ich leider auch keine "pauschale", d.h. für alle Patienten und Situationen anwendbare "Lösung" habe. Ich denke, dass es tatsächlich viel zu oft vorkommt, v.a. in der stationären Psychiatrie, dass die Selbstbestimmung von Patienten missachtet und z.B. als "mangelnde Compliance" abgetan wird. Auch stimme ich Ihnen zu, dass viele der Nebenwirkungen, u.a. auch die immense Gewichtszunahme unter einigen Neuroleptika und Antidepressiva, aber auch sexuelle Funktionsstörungen, Bewegungsstörungen etc. in ihrer Bedeutung für den Patienten (vor allem den Langzeitpatienten) immer noch sehr häufig gering eingeschätzt und damit eben meistenteils falsch bewertet werden. Dies, obwohl ich den Eindruck habe, dass sich heute immer mehr Psychiater dessen bewusst sind und in der Auswahl der Medikamente darauf Rücksicht nehmen.
Im Rahmen einer Langzeitbehandlung ist es allerdings tatsächlich in einigen Verläufen sehr schwierig abzuschätzen, was "Symptom" und was "Nebenwirkung" ist.

Zwangsmassnahmen sind m. E. in jedem Fall heikel und überhaupt nur zu rechtfertigen, wenn dadurch grösseres Leid für die Betroffenen oder Andere abgewendet werden kann. Im Zuge aktueller Sparmassnahmen befindet sich die stationäre Psychiatrie hinsichtlich Platzangebot und Personalsituation derzeit leider wieder in einer Rückwärtsbewegung, was nach meiner Beobachtung dazu führt, dass Zwangsmassnahmen häufiger zum Einsatz kommen.

Ich habe aber bei aller Skepsis gegen jede Form von Gewaltanwendung durch Personal an Patienten vor dem Hintergrund meiner bisherigen Erfahrungen die Meinung entwickelt, dass es Situationen gibt, in denen sich Massnahmen gegen den aktuellen Willen des Patienten nicht guten Gewissens vermeiden lassen. Denn es gibt ja auch ein Gewaltpotential, dass von einigen akut erkrankten, in einer Krise befindlichen Patienten ausgeht und dass in seiner destruktiven (und auch sinnlosen) Gefährlichkeit begrenzt werden muss. Für diese Gewalt kann niemand etwas, aber begrenzt werden muss sie trotzdem. In diesen Fällen halte ich es für einen Kunstfehler, nicht zu reagieren.

Es ist natürlich sensationell, dass es der Dame, von der Sie erzählen, nach dem Absetzen der Medikamente (nach Überstehen des "Absetzsyndroms" meine ich :wink: ) derart gut geht. So wünscht man es natürlich jedem Patienten. Es ist auch sehr wichtig, dass Sie diesen Fall erzählen, denn dadurch bleibt das Bewusstsein für die Möglichkeit "unkonventioneller" Therapiewege erhalten. Das war es auch, auf das ich mit meiner Eingangsfrage zu diesem Thread abgezielt hatte.
Ich möchte in diesem Zusammenhang aber trotzdem den Beitrag von Rixse erwähnen, denn ich finde, er hat recht mit seiner Meinung, dass es gefährlich ist, Ausnahmen zur Regel zu erheben. Das gilt m. E. sowohl für das Thema "Medikamentenbehandlung", als auch für die Themen "Zwangsmassnahmen in der Klinik" und "Kunstfehler".

Herzliche Grüsse
Franz Engels (Webmaster)

Roland
Beiträge: 1
Registriert: Di 5. Nov 2002, 17:04

Beitragvon Roland » Mi 20. Nov 2002, 16:37

glaub ich nicht. Paroxetin ist ein Antidepressivum und eignet sich nicht besonders zum Missbrauch. Es macht auch nicht abhängig!

MfG
Roland

Benutzeravatar
Franz Engels
Site Admin
Beiträge: 899
Registriert: Mi 12. Jun 2002, 20:18
Wohnort: CH-3011 Bern
Kontaktdaten:

Beitragvon Franz Engels » Mi 11. Dez 2002, 17:25

Hallo betina,

herzlich willkommen im Forum "Psychiatriegespräch". Sie können selbstverständlich weiterhin als "Gast" posten. Wenn Sie sich registrieren können Sie aber Ihre Beiträge besser editieren und Sie können sich benachrichtigen lassen per E-mail, wenn auf Ihre Beiträge geantwortet wird.

Ihre Erfahrung mit Cipramil habe ich bei der Behandlung depressiver Patienten mit diesem Wirkstoff (Citalopram) auch schon gemacht: kaum Nebenwirkungen, aber auch kaum Wirkung. Manchmal hilft es aber auch sehr gut, und dann ist das Fehlen von Nebenwirkungen ein grosser Vorteil. Einen Versuch war es deshalb sicher wert.
Was das Paroxetin anbetrifft, so bin ich erstaunt über die Nebenwirkungen, die Sie beschreiben. Gewichtszunahme, Schwindel und Mundtrockenheit passen viel eher zu den älteren, sogenannten trizyklischen Antidepressiva und sind dort die typischen Nebenwirkungen. Allein der Schwindel ist auch ein gelegentliches Symptom zu Anfang bei der Behandlung mit SSRI wie dem Paroxetin. Unruhe und Ängste, die sich im Verlauf der ersten ein bis zwei Wochen wieder legen sollten, können hinzutreten.

Was mich auch verwundert ist, dass nach dem erfolglosen Einsatz von Cipramil (Citalopram) ein Wechsel zu einem zweiten Präparat aus derselben Wirkgruppe vorgenommen wurde. Das ist eher untypisch und leuchtet mir nicht ein. Wenn eine Wirkgruppe, z.B. ein SSRI, nicht hilft, dann wechselt man normalerweise zu einem Präparat aus einer anderen Gruppe, z.B. zu einem trizyklischen Antidepressivum. Das würde dann unter Umständen die Nebenwirkungen machen, die Sie beschreiben. Sind Sie sicher, dass es Paroxetin ist, was bei Ihnen die Gewichtszunahme, den Schwindel und die Mundtrockenheit hervorruft? Mundtrockenheit ist Folge der anticholinergen Wirkung von trizyklischen Antidepressiva. Paroxetin zeichnet sich als SSRI gerade dadurch aus, dass es keine anticholinergen Wirkungen hat und damit auch keine Mundtrockenheit verursacht!

Klären Sie dies doch einmal mit Ihrem behandelnden Arzt ab. Es würde mich sehr interessieren, wie sich dieser Widerspruch auflöst. Vielleicht können Sie in einem Post darüber berichten?

Liebe Grüsse und gute Besserung
Franz Engels (Webmaster)


Zurück zu „Psychopharmaka und Psychopharmakotherapie“

Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: Google [Bot] und 2 Gäste