AD - absetzen

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Angelita
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AD - absetzen

Beitragvon Angelita » Mi 20. Apr 2005, 17:18

Sehr geehrte Forums-Leser u. Fachleute

Hattes einen Sinn ein Antidepressivum abzusetzen, nur weil der Patien überprüfen will, ob es ihm auch ohne AD gut geht oder vielleicht ohne Symptome ist?

Lohnt es sich eine gute AD-Einstellung aufs Spiel zusetzen um vielleicht danach zu wissen, dass es ohne nicht geht u. unterumständen das abgesetzte AD nicht mehr seine Wirkung tut?

Ist es sinnvoll, dem Patienten zu diesem Schritt zu raten o. eher ihm davon abzuraten?

Vielen Dank zum Voraus für Ihre Stellungsnahme.
Gruss Angelita

“Man muss im Ganzen an jemanden glauben, um ihm im Einzelnen wahrhaft Zutrauen zu schenken.” H. v. Hofmannsthal

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Laura
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Beitragvon Laura » Mi 20. Apr 2005, 23:58

Hallo Angelita,

ich finde, einem Patienten sollte zumindest einmal die Chance gegeben werden zu sehen, ob er auch ohne Psychopharmakon zurechtkommt. Die Nebenwirkungen können schlimm sein, was Psychiater meistens nicht aus eigener Erfahrung einschätzen können, da sie die Medikamente ja nicht selbst nehmen müssen. Und schließlich sind Psychopharmaka ja auch eine Art "Krücke", die einen sogar auf den Gedanken bringen können, man sei zu doof um aus eigener Kraft mit seinem Leben klarzukommen. Darüber hinaus wage ich mal zu spekulieren, dass ADs keine so große Rolle bei der Behandlung von Depressionen spielen wie eine Therapie, auch ein Klinikaufenthalt und wie die Lebensumstände des Patienten beschaffen sind. Zumindest habe ich schon Depressionskranke kennen gelernt, die sagten, sie hätten von dem AD selbst nichts Positives gemerkt und dass ihnen Gespräche viel mehr geholfen hätten.

Wenn immer so viel von der Mitbestimmung der Patienten bei der Behandlung gesprochen wird, dann sollte das auch mal in die Tat umgesetzt werden. Ein Patient, der sein Medikament absetzen möchte, ist sich in der Regel des Risikos, das er damit eingeht, bewusst und möchte wenigstens eine Chance haben. Ich finde, da müssen die Ärzte nicht gleich den Teufel an die Wand malen, denn niemand kann in die Zukunft sehen und Medikamente sind nicht alles.

Viele Grüße

Laura
Es ist o. k., wenn nicht alles supertoll ist. Wenn alles supertoll wäre, dann wäre alles nur noch o. k.

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moni
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Beitragvon moni » Do 21. Apr 2005, 02:10

Hallo Angelita

Also ich stecke zurzeit in so einer Ausprobierphase. Ich finde es aber wichtig, die Motivation dazu genau zu überprüfen. Persönlich möchte ich meine Medikation - sei es von ohne Medis zu Medis oder umgekehrt oder von einem Medi zu einem anderen - vor allem dann ändern, wenn die aktuelle Befindlichkeit nicht zufrieden stellend bis unerträglich ist. Wenn ich also die begründete Hoffnung haben kann, dass sich durch die Änderung etwas verbessern könnte (was dann ja immer noch eintreffen kann oder auch nicht).

Einerseits geht es dabei um den eigenen Zustand selber. Andererseits geht es auch um das Gefühl, "es" ohne oder eben nicht ohne AD zu schaffen. Es kann durchaus sein, dass es einem insgesamt besser geht ohne AD, auch wenn sich allenfalls nach dem Absetzen der Zustand ein wenig verschlechtert (was ja aber eben durchaus nicht sein muss!), man dafür aber Energie daraus schöpft, das Leben wieder aus eigener Kraft zu meistern - ähnlich wie Laura dies beschrieben hat. Die Entscheidung mit/ohne AD ist in meinen Augen in erster Linie abhängig von der Leidensfähigkeit des/der Betroffenen bzw. vom Leidensdruck, der auf ihm/ihr lastet (und von der Risikofreudigkeit, diese beiden auszutesten), und dies kann nur er/sie einschätzen, allenfalls mit Hilfe von Feedbacks und Erklärungen durch eine psychiatrische Fachperson. So handhabt es auch meine Psychiaterin: Sie rät mir nicht, was ich tun bzw. nehmen soll, sondern sie erklärt mir Möglichkeiten und gibt mir Feedback, wie sie mich erlebt. Das hilft mir, mich zu entscheiden, was ich mache. Und damit fühle ich mich wohl.

Bei mir war es jetzt konkret so, dass auf Ende März/Anfang April ein AD-Wechsel vorgesehen gewesen wäre, weil das alte AD mich zu sehr zu dämpfen anfing (weil ich mich und damit auch die Wirkung sich verändert hatte?); mit ein paar AD-freien Tagen dazwischen. Die ersten beiden dieser Tage habe ich jedoch so gut erlebt - das Gefühl gehabt, endlich wieder ich selber zu sein -, dass ich die Pause verlängert habe und bis heute AD-frei bin. Allerdings neigt sich mein diesbezüglicher Enthusiasmus und auch meine Kraft jetzt dem Ende zu, und ich werde das Experiment wohl bald beenden. Es war wohl noch zu früh, und das werde ich akzeptieren müssen. Trotzdem war es mir wert, es auszuprobieren!!

Was mich etwas verunsichert, ist Ihre zweite Frage. Was meinen Sie mit "aufs Spiel setzen"? Das klingt so nach unwiederbringlich, falls was schief geht. Heisst das, dass, wenn man eine gut funktionierende Medikation mit ADs absetzt, um einfach mal zu schauen, obs auch ohne geht, und dann merkt, dass es nicht geht und deswegen das genau gleiche Medikament in der genau gleichen Dosierung wie davor wieder einnimmt, dieses Medikament u.U. gar nicht mehr wirkt?? Kann das denn sein??? Weil ... das würde mich dann schon zumindest nachdenklich machen.

Ich finde diese Fragestellungen spannend!

Liebe Grüsse

moni

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Lydia
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Beitragvon Lydia » Do 21. Apr 2005, 09:08

Hallo Angelita,
ich denke, ein Patient, der diesen Wunsch äußert, wird sich über die Risiken auch seine Gedanken gemacht haben. Und wenn er trotz der Bedenken, die er natürlich kennen sollte, das Risko eingehen möchte, dann ist es seine Entscheidung, die ein Arzt/Therapeut dann auch respektieren und nicht als „fixe Idee“ abwerten sollte. Wenn man nicht ein Leben lang AD´s einnehmen möchte, muss man sich doch irgendwann dem Risko stellen und ich finde es eine positive Einstellung, wenn der Patient dafür kämpft und ggf. auch bereit ist, Rückschläge hinzunehmen.

Allerdings spielt u. U. noch eine Rolle, welches AD er nimmt, wie lange er es schon nimmt, ob es Nebenwirkungen oder sonstige Beeinträchtigungen gibt, ob Langzeitschäden bekannt sind und welche Ursache die Depressionen haben.

@Moni
Ja, ich glaube es ist möglich, dass ein AD, dass vorher gewirkt hat, nicht mehr wirkt, wenn man es einmal abgesetzt hat und danach wieder nimmt. Habe ich zumindestens irgendwo mal gelesen.

Viele Grüße
Lydia

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Angelita
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Beitragvon Angelita » Do 21. Apr 2005, 19:23

Liebe Forums-Frauen

vielen Dank für eure Voten. Ich gehe mit Ihnen einig, wenn der Wunsch für eine Absetzung vom Patienten kommt, ihn/sie ernst nimmt u. auch berät.

Bei meiner Fragestellung war die Situation anders: Da wurde die Patientin dazu gedrängt, obwohl sie grosse Furcht u. Angst vor einer Absetzung zeigte. Sie fand sich gut eingestellt u. wollte noch nicht absetzen.

moni
Heisst das, dass, wenn man eine gut funktionierende Medikation mit ADs absetzt, um einfach mal zu schauen, obs auch ohne geht, und dann merkt, dass es nicht geht und deswegen das genau gleiche Medikament in der genau gleichen Dosierung wie davor wieder einnimmt, dieses Medikament u.U. gar nicht mehr wirkt?? Kann das denn sein???
Ja, das kann passieren - muss nicht, aber kann. Daher sollte ein Absetzen wirklich gut überlegt u. ausdiskutiert sein. Der Therapeut sollte auf diese Tatsache hinweisen u. beratend zur Seite stehen.

Ich denke, wenn massive NW o. gar keine Wirkung eines ADs da ist, sollte man schon über einen Wechsel nachdenken o. um eine Ergänzung. Vorallem ist ein AD-Wechsel nicht ohne, zum einen bis die Wirkung eintritt (bis zu 4 W.) u. zum andern wegen der NW. Zudem hat der/die Pat. ja meist grosse Hoffnungen auf ein "wirksames" AD. Werden die nicht erfüllt aus irgendwelchen Gründen, ist man - zu recht - enttäuscht u. muss wieder von vorne anfangen.

Ich wünsche allen die eine Medi nehmen, dass Ihre Hoffungen erfüllt werden u. eine gute Wirkung eintritt. Sie haben alle meine Hochachtung, wie Sie tapfer mit o. ohne Medi durchs Leben schreiten u. sich so aktiv u. konstruktiv hier im Forum beteiligen. Danke!
Gruss Angelita

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moni
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Beitragvon moni » Fr 22. Apr 2005, 00:55

Hallo Angelita

Danke für Ihre guten Wünsche!

Apropos Wunsch: Auch wenn sich die Situation so herum präsentiert, wie Sie dies jetzt präzisiert haben, finde ich, dass der/die Betroffene bei der Medikation das letzte Wort haben dürfen sollte. Auch der Wunsch, ein AD (wegen guter Einstellung) nicht absetzen zu wollen, ist ein Wunsch ...

Zudem stellt sich mir hier die Frage, von wem die Patientin denn gedrängt wurde: von einem Angehörigen, oder (noch bedenkenswerter) von ihrem Arzt/Therapeuten? Falls vom Arzt/Therapeuten: Was bezweckte er damit? Wollte er die Patientin herausfordern? Sie auf ihre eigenen Kräfte aufmerksam machen? Sie aus einer (vermeintlichen?) "Bequemhaltung" herausreissen, aktivieren? Ja, PatientInnen sollen in einer Therapie ihre eigenen Möglichkeiten zur Veränderung kennen lernen, darauf aufmerksam gemacht und darin ermutigt und unterstützt werden, diese auszuprobieren und anzuwenden. Die Angst vor dem Abgeben der "Krücke AD" muss jedoch genauso ernst genommen und thematisiert werden.

Mir gefällt in diesem Beispiel einfach das Wort "drängen" nicht. Wenn jemand sich zu etwas gedrängt fühlt, dann ist das Thema nicht ausdiskutiert worden - und wie Sie auch sagen, ist das Ausdiskutieren gerade bei einer Veränderung der Medikation in welche Richtung auch immer unabdingbar. Zudem klingt "drängen" nach Macht-Ausüben, und darum kann es in einer Therapie ja wohl nicht gehen.

Da ich von Natur aus neugierig bin, noch eine Frage: Wie ist denn die Geschichte in Ihrem Beispiel ausgegangen?

Liebe Grüsse

moni

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Angelita
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Beitragvon Angelita » Fr 22. Apr 2005, 11:03

Hallo Moni
Wie ist denn die Geschichte in Ihrem Beispiel ausgegangen?
Die Patientin hat sich "gebeugt" u. das AD abgesetzt - auf Drängen des Therapeuten. Wie es ihr im Moment geht? Keine Ahnung.

Sie haben recht; Drängen tönt nicht nur nach Machtausübung sondern ist es auch. Die Motive sind mannigfach, warum jemand dem Drängen nachgibt:
  • um die Beziehung nicht zu gefärden
    um nicht den Vorwurf des nicht Kooperierens zu erfahren
    um nicht als Hasenfuss zu gelten
    um nicht eine Chance zu verpassen
    um anerkannt zu werden
    um geliebt zu werden
    weil man einfach sich nicht wehren will/kann
    Autoritätshörigkeit
Die Liste liesse sich beliebit fortsetzen. Aber in diesem Fall weiss ich es nicht.

Die Patientin wollte nicht absetzen, weil sie Angst davor hatte, dass die Depri u. die Panikattacken zurück kehrten...
Gruss Angelita

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Kratz
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Beitragvon Kratz » Sa 23. Apr 2005, 10:49

Grüß Sie Angelita,
Ich habe einmal für einige Zeit Saroten als Antidepressivum bekommen. da ich keine positive Wirkung verspürte habe ich es allerdinhgs nach drei Monaten still und heimlich abgesetzt. Hatte aber auch nicht gerade den Eindruck der wesentlichen verschlechterung, ging mir damals allerdings ohnehin schlecht - der tiefspunkt der Erkrankung war zu dieser Zeit zumindest psychisch erreicht.
Ich halte nach wie vor die Qualität der Theraphie für entscheidend. Dabei stellen medikamente für mich allenfalls eine zeitweise Hilfe da, falls mir die Dinge zu sehr entgleiten. Ich denke daß die Auseinandersetzung mit der eigenen Erkrankung und das erkennen und beherrschen der Smptome erstes Ziel sein sollten. Die extremen Nebenwirkungen der Medikamente sind für mich unerträglich geworden, und sicherlich geht es vielen so.
Nichtsdestotrotz halte ich esnicht für richtig gegen den Willen des patienten zu arbeiten.
Ich würde mir sowohl von ärztlicher als auch therapheutischer Seite eine Begleitung wünschen, die mich nicht zu unterwerfen versucht.

Gruß

Detlev


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