Risperdal in Drogentherapie

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Gina
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Risperdal in Drogentherapie

Beitragvon Gina » Do 15. Jan 2004, 16:15

Hallo, unser Sohn nahm 2 Jahre lang veschiedene Drogen und hat nun aufgehört und eine unterstützende Therapie besucht. Dabei wurde er wegen seiner depressiven Stimmungen und Psychose-Ansätze einem Arzt vorgestellt. Der hat Risperdal verschrieben. Wir waren von Anfang an dagegen aber unser Sohn hat sich eine Besserung seines Zustandes versprochen. Bis jetzt nach 4 Wochen Einnahme ist diese aber nicht eingetreten. Der Arzt will nun die Dosierung erhöhen. Angeblich kann sich durch die Drogen eine psychische Erkrankung entwickeln oder eine vorhandene Anlage ausbrechen und da wäre rechtzeitige medikamentöse Behandlung wichtig.
Ich kenne ihn seit 18 Jahren und er war vor der Drogenzeit immer gesund. Ich denke, unser Sohn verspricht sich nur ein besseres Fühlen in dieser " Entzugszeit" und habe Angst, das er zu wenig auf seine eigenen Kräfte vertraut. 6 Monate soll er die Tabletten erst einmal nehmen und dann... Wir als Eltern haben Angst das kaum das das Drogenszenario überstanden ist, neue Probleme entstehen. Auch wir sehen keine Besserung bei ihm, im Gegenteil er klagt ständig wie schlecht er sich fühlt,keine Lebensfreude mehr etc. Wir hatten gehofft, er würde ohne Drogen wieder normal und nach 4 Monaten müßte ja auch langsam alles aus dem Körper sein... oder ?
Danke für jede Antwort + Tip ! :)

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Franz Engels
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Beitragvon Franz Engels » So 18. Jan 2004, 15:49

Hallo Gina,

ich kenne natürlich die genaue Situation und den Zustand, in dem sich Ihr Sohn befindet nicht. Über Entfernung lässt sich auch nicht seriös eine Diagnostik durchführen bzw. Therapieempfehlung aussprechen. Die Schwierigkeiten, die Sie schildern, sind mir bei der Arbeit mit Patienten jedoch schon mehrfach begegnet. Häufig stellen sich genau die Fragen, die Sie jetzt haben, und deshalb will ich versuchen, aus meiner persönlichen Wahrnehmung heraus und keinesfalls als Ersatz für eine Beurteilung und Behandlung durch den Arzt vor Ort, Ihnen einige Gedanken mitzuteilen.

Drogenkonsum ist vermutlich nicht so selten an der Entstehung bzw. Auslösung von psychotischem Erleben beteiligt. Zumindest hat ein Teil der Jugendlichen oder jungen Erwachsenen, die eine psychotische Störung oder sogar eine Schizophrenie entwickeln, zeitnah zu dem Ausbruch der Erkrankung Drogen (z.B. Cannabis) konsumiert. Von anderen psychotischen/schizophrenen Patienten weiss man, dass sie hinsichtlich Drogenkonsum oft sehr verführbar sind und kaum wieder davon weg zu bringen sind. Paradoxerweise schildern diese Patienten in Gesprächen dann häufig, dass ihnen der Konsum der Drogen gut tue, dass die Medikamente hingegen schrecklich seien, ihnen die tollen Erlebnisse und Gefühle wegnähmen etc.. Derartige Gespräche finden oft in einer Phase statt, in welcher der Patient von aussen betrachtet nach Einnahme von Neuroleptika viel klarer ist, besser denken kann, eine viel bessere Selbst- und Fremdwahrnehmung hat und auch affektiv viel stabiler und belastbarer wirkt. In dieser Phase ist es dann aus unverständlichen Gründen sehr schwer, den Patienten zur weiteren Einnahme von Neuroleptika zu bewegen. Während er selber das Gefühl hat, die Medikamente würden ihn in negativer Weise zerstören, verändern und von sich selbst entfremden, empfinden Nahestehende und die professionellen Helfer diese Veränderungen als positiv auf dem Weg zurück in ein normales und integriertes Leben.
Wenn man dies oft genug erlebt hat kommt man nicht umhin ernstzunehmen, dass sich die Wahrnehmung des Patienten und dies einer Umgebung in diesem Punkt erheblich unterscheidet. Es gibt verschiedene Versuche, diese "merkwürdige" Weigerung der Patienten gegen die Rückkehr in die Normalität zu erklären, alle sind wohl spekulativ, und ich möchte hier nicht näher darauf eingehen. Relativ klar ist aber, dass die Patienten, die sich hinsichtlich einer medikamentösen Begleitbehandlung weniger widerständig verhalten und im Umgang mit Medikamenten eine ähnliche Kritikfähigkeit (mit Abwägung von Risiken und Nutzen) zeigen, wie die professionellen Helfer oder die Angehörigen, die selber auch der Meinung sind, dass der gegenwärtige Zustand "behandelt" werden sollte und die sich eine Rückkehr in das normale gesellschaftliche Leben wünschen, die bessere Prognose haben.

Ich habe Ihnen dies hier nur erzählt, um Ihnen zu sagen, dass die ablehnende Reaktion Ihres Sohnes gegenüber dem Medikament nicht selten, sondern eher häufiger ist.

Bezüglich der medikamentösen Behandlung von Psychosen bin ich folgender Meinung:
Die Gabe von Neuroleptika ist aus meiner Sicht bei psychotischem Erleben unabhängig von der Verursachung gerechtferigt und sogar angezeigt. Denn wie die meisten seelischen Störungen besteht auch bei psychotischem Erleben eine grosse Tendenz, sich zu etablieren und zu chronifizieren. Je schneller die psychotische Phase sich zurückbildet, je genauer die Auslöser erkannt und durch entsprechendes Verhalten in Zukunft vermieden werden, umso eher besteht die Chance, dass es zu einer vollständigen Ausheilung kommt, mit der wachsenden Zahl von Rückfällen hingegen steigt das Risiko einer Chronifizierung und Defektheilung.

Risperdal ist ein sehr wirksames Antipsychotikum, es wirkt bereits in Dosen unter 3mg und ist in dieser Dosierung auch hinsichtlich der Nebenwirkungen in den meisten Fällen unproblematisch. Bei einer ersten psychotischen Episode wird man sicher nicht gleich an einer lebenslange Behandlung denken, ein halbes Jahr sollte die Behandlung aber wünschenswerter Weise mindestens dauern, um eine sichere Rückbildung sämtlicher Symptome mit ausreichendem Sicherheitsabstand zu ermöglichen. Die Rückkehr ins Berufsleben bzw. die Re-Integration in die Gesellschaft und die Krankheitsverarbeitung stellen nämlich noch längere Zeit nach der Rückbildung der Symptome Stressoren dar, die einen Rückfall begünstigen können und deshalb einen medikamentösen Schutz sinnvoll erscheinen lassen. Sollten die Symptome nach 6 Monaten noch nicht vollständig zurückgebildet sein, muss die Medikation aus meiner Sicht unbedingt weitergeführt werden.

Einer Dosiserhöhung von Risperdal stehe ich persönlich skeptisch gegenüber. Normalerweise dauert es häufig 14 Tage bis 3 Wochen bis sich eine deutliche antipsychotische Wirkung zeigt. Dies ist unabhängig von der Höhe der Dosierung. Gerade beim Risperdal haben Studien gezeigt, dass eine Dosiserhöhung in der Regel nur das Risiko unerwünschter Wirkungen erhöht, während sich kaum eine Wirkungsverbesserung erreichen lässt. Sollte Risperdal weiterhin wirkungslos bleiben, sollte man vielleicht eher das Medikament wechseln. Wenn Ihr Sohn über fehlende Lebensfreude klagt, könnte auch zusätzlich eine Depression bestehen und ggf. zusätzlich die Gabe eines Antidepressivums nötig sein. Einige Neuroleptika, Risperdal gehört dazu, können depressive Symptome verstärken, sodass eine Behandlung mit zwei Medikamenten (Neuroleptikum + Antidepressivum) nötig sein kann. Von anderen Neuroleptika, z.B. Solian, gibt es die Meinung, dass sie selber bereits in niedriger Dosierung über eine antidepressive Wirkung verfügen. Lassen Sie sich von Ihrem Arzt darüber informieren.

Der Entzug der Drogen sollte nach vier Wochen erfolgte sein. Die Symptomatik Ihres Sohnes ist also vermutlich keine "Entzugssymptomatik", sondern eben eine psychiatrische Erkrankung, die entweder unabhängig oder infolge des Drogenkonsums aufgetreten ist. Deshalb nutzt hier vermutlich nichts, einfach zuzuwarten, bis der Stoff aus dem Köper ist!

Ich hoffe, Ihnen mit diesen Ausführungen ein wenig weitergeholfen zu haben, wünsche Ihnen und natürlich Ihrem Sohn alles Gute und würde mich freuen, später noch etwas über den weiteren Verlauf zu erfahren.

Freundliche Grüsse
Franz Engels (Webmaster)
Das Gegenteil ist nur die Rückseite derselben Medaille.


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