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Trotz vorangegangener psychischer Erkrankung...

Verfasst: So 28. Apr 2019, 21:30
von Pia84
Hallo,

kann mir jemand sagen, inwieweit man trotz einer vorangegangenen psychischen Erkrankung, die nach ärztlichem Rat, lebenslang medikamentös behandelt werden muss, die Approbation zur Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin erhalten kann? Es soll sich diesbezüglich ja einiges ändern, in der Gesundheitspolitik. KAnn mich da jemand bitte aufklären. Sämtliche Telefonate mit Behörden haben ergeben, das würde vom Einzelfall abhaängen. Diese Aussage ist mir allerdings zu vage. Danke!

Re: Trotz vorangegangener psychischer Erkrankung...

Verfasst: Di 30. Apr 2019, 06:47
von mamschgerl
Hall Pia,
die Aussage, daß die Zulassung vom Einzelfall abhängen würde, halte ich persönlich für beruhigend. Man kann nicht erwarten, daß hier pauschal jeder, egal mit welcher psychischen Vorerkrankung, zugelassen wird, besonders nicht im Bereich Kinder- und Jugendpsychiatrie.
Grundsätzlich aber bin ich der Meinung, daß sich ein guter Psychotherapeut durch hohe Empathie auszeichnet, die im Falle einer Vorerkrankung unter Umständen sogar noch höher ausfallen dürfte, weil er dadurch bedingt noch besser nachempfinden bzw nachvollziehen kann, was sein Patient durchmacht.
Ein waschechter Psychopath sollte aber vielleicht besser nicht zugelassen werden, um nur mal ein Beispiel zu nennen...
Ich habe bereits in einem anderen Beitrag geschrieben, daß der Chefarzt der psychosomatischen Abteilung einer Klinik ( allerdings war er da schon als Arzt tätig ) unter einem Burnout litt, das er jedoch aufgrund stabiler Familienverhältnisse und dem beruflichen Umfeld ganz gut in den Griff bekommen hatte. Bei ihm fühlte ich mich weitaus besser aufgehoben und verstanden, als bei allen anderen Therapeuten.
Wie gesagt, bei bestimmten Vorerkrankungen bin ich sogar für eine Zulassung, weil sie im Gegenteil sogar bessere Voraussetzungen im Umgang mit Betroffenen schafft, aber bei weitem nicht grundsätzlich und pauschal, die Gründe liegen auf der Hand.
Insofern ist die Aussage, daß es auf den Einzelfall ankomme, doch sehr berechtigt und verständlich.
Wenn zudem noch lebenslänglich Medikamente eingenommen werden müssen, um eine gewisse Stabilität zu erhalten, fühle ich mich persönlich schon bei dem Gedanken daran unwohl, daß dieser Mensch Kinder und Jugendliche behandeln dürfte...
Aufgrund eigener Erfahrungen mit Medikamenten weiß ich, wie stark die Psyche und die Wahrnehmungen beeinträchtigt werden und nicht umsonst wird bei Einnahme von einigen Tätigkeiten abgeraten. Eine Tätigkeit als Kinder- und Jugendpsychotherapeut halte ich unter den Voraussetzungen für schlichtweg verantwortungslos.
Eine stabile Persönlichkeit aber, welche die psychische ( vergleichsweise "harmlose" ) Vorerkrankung überwunden hat und nicht mehr unter Medikamenteneinfluß steht, kann sogar eine Bereicherung in der Therapeutenriege darstellen.
Und du wirst mir zustimmen müssen, daß man einen Menschen unter Medikamenteneinfluß nicht als stabile Persönlichkeit bezeichnen kann, das ist ein Widerspruch in sich.
Sorry, ist eben meine Meinung...
L.G.
mamschgerl

Re: Trotz vorangegangener psychischer Erkrankung...

Verfasst: Di 30. Apr 2019, 19:46
von Laura
Hallo Pia!

Die "vage Aussage" entspricht der vagen Situation. Bisher war eine psychotische Vorerkrankung ein eindeutiges Ausschlusskriterium, um jemanden als Therapeut auf die Menschheit loszulassen, Erkrankungen wie Depressionen oder Angs-und Panikattacken wurden hingegen auch schon früher kulant gehandhabt . Wenn sich die Regelungen am Lockern sind, so würde ich aber auch nicht jeden Psychotiker (und ich bin selbst Psychotikerin) in den Therapeutenberuf schicken oder dort dulden wollen, schon gar nicht im Kinder- und Jugendbereich. An der persönlichen Stabilität eines selbst erkrankten Therapeuten hängt nämlich auch, wie gut er den Spagat hinkriegt, ein "kleiner Betroffener" und "schlauer Therapeut" in einem sein zu können. Und diese Fähigkeit würde ich nicht pauschalisieren wollen. Manche sind sicher geeignet, bei anderen wäre es eher ein "wie gewollt und nicht gekonnt". Das gillt natürlich nicht nur für eine psychotische Vorerkrankung, sondern auch für andere psychische Vorerkrankungen. Aber wenn ich mir theoretisch vorstelle, ich bin bei jemandem in Behandlung und auf einmal erscheint dieser Mensch psychotisch am Arbeitsplatz, wäre mein erster Gedanke natürlich "Hey, Deine klugen Ansätze wirken an Dir selber aber auch nicht so phänomenal..." Ansonsten gilt: "Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß!"

Übrigens: Wenn, wo auch immer im psychiatrischen oder psychotherapeutischen Hilfssystem, ein Mitarbeiter deutliche Fehlzeiten aufgrund von Krankmeldungen aufweist, dann wird natürlich stets eine somatische Erkrankung von offizieller Seite genannt. Patienten und Klienten denken sich aber natürlich ihren Teil...manchmal trifft man solch einen Mitarbeiter als "Bruder" oder "Schwester" im Hilfssystem wieder, wenn er sich aus seinem Beruf zurückzieht und selber Hilfe in Anspruch nimmt.

Es ist ein sehr häufiger Fall, dass jedwede Berufsausübung bei psychischer Vorerkrankung, insbesondere bei psychotischer Vorerkrankung, nur durch viele Krankmeldungen aufrechtzuerhalten ist. Ich habe z. B. mal eine Psychologin kennen gelernt, die sich auf diese Weise im Beruf halten konnte. Sie hatte deswegen keine Probleme, in den Beruf hineinzufinden, weil ihre Diagnose erst später, also nach Studienabschluss feststand. Die habe ich übrigens im Internet kennen gelernt, auf Betroffenenebene. Nicht, dass ich auf freier Wildbahn zu solch vertraulichen Gesprächen käme!

Ich weiß gar nicht, ab wann man bei psychologischen Psychotherapeuten von Approbation spricht. Wenn es um die Kassenzulassung nach der psychotherapeutischen Weiterbildung geht oder eine Prüfung vor dem Gesundheitsamt? Jedenfalls erfuhr ich durch diese Psychologin, dass man für eine Anstellung in einer Klinik nicht unbedingt die Weiterbildung zum Psychotherapeuten braucht. Weniger Hürden und weniger Befragung also. Ich weiß nur, dass sie nach der alten Studienordnung eine Diplom-Psychologin ist. Ob sie mit oder ohne Approbation in ihre Anstellung als Klinik-Psychologin gekommen ist, weiß ich nicht.

LG

Laura