"cold turkey" im Maßregelvollzug

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eraserhead
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"cold turkey" im Maßregelvollzug

Beitragvon eraserhead » Do 30. Apr 2015, 22:19

Sers Leute,

ich befinde mich ja seit geraumer Zeit in einem Methadon-Programm (mit teilw. großem Erfolg), nun habe ich von einigen Mitpatienten gleichlautend Stories gehört, wobei einer aus erster Hand berichtete: In einem Maßregelvollzug wird grundsätzlich kalt entzogen, d.h. im Gegensatz zum Gefängnis wird nicht langsam abdosiert, oder gar die Behandlung weitergeführt, selbst wenn man "draußen" im Methadonprogramm war.

Nun ist es in zweierlei Hinsicht krass:

erstens ist es seit vielen Jahren klar, dass ein Kalter Entzug nicht nur ein grober ärztlicher Kunstfehler ist (und der Maßregelvollzug findet ja ironíscherweise auch noch in einer Klinik statt!!!!), wofür es in DE mehrere Präzedensfälle gibt, sowie
zweitens kommt ein sofortiges Absetzen des Substituts einer Folter gleich. In England (2005/2006) bekamen z.b. vor 200 Drogenabhängige mit einer Sammelklage ggn das Justizministerium recht, im Bezug auf Verletzung der Menschenrechte durch einen kalten Entzug im Gefängnis, und bekamen dafür Schmerzensgeld.

Gerade deshalb bin ich schockiert, dass das hierzulande im Jahre 2015 immernoch gängige Praxis ist. Ich kann es einfachq nicht so recht glauben.
Objektive Daten dazu - fehlanzeige (was mich nicht weiter verwundert, schließlich betrifft es hier diejenigen, die in den Augen der Gesellschaft den absoluten "Abschaum" darstellen [achtung, das soll kein Werturteil meinerseits sein!!!!], und die sich i.d.r nicht wehren können und in dieser Behandlung quasi darauf programmiert werden, sich in Zukunft nicht zu wehren).

Deshalb möchte ich selbst solche Daten sammeln. Wenn ihr betroffen wart, schreibt mir bitte (P.N.)!!!

Zum Verständnis, für alle anderen, nochmal: Seit ca. 20 Jahren gilt es als grober ärztlicher Kunstfehler, jemanden eine Kalten Entzug auszusetzen! Die vorgesehene Behandlung bei einem Entzug, egal ob man vorher im Programm war, besteht nämlich in einer schrittweisen Reduktion der Dosis (im Falle, dass jmd direkt "von der Straße" entzieht, wird er erstmal auf Methadon eingestellt, dann wird reduziert)! ein kalter Entzug ist u. bleibt Folter und kann Menschen mit Vorbelastungen (z.b. Herzklappenfehler) sogar das Leben kosten.

Es ist nicht so, dass mich das Thema Maßregelvollzug persönlich beträfe, aber als Substitutionspatient steht man allg. auf wackligem Boden, was die Anerkennung dieer Behandlung betrifft (selbst wenn sie, wie bei mir, dazu geführt hat, dass ich Abitur und Hochschlabschluss machen konnte.). Ich möchte deshalb unbedingt mehr über diesen Missstand erfahren: Wie gesagt, wenn ihr selbst in der o.g. Situation wart (Substitutionsprogramm -> Verurteilung -> Maßregelvollzug -> Cold Turkey), oder in ähnlicher, dann schreibt mir bitte eure Erfahrung.

Natürlich interessiert mich auch brennend ein Statement aus Sicht von Mitarbeitern einer solcher Einrichtung, auch in der Hinsicht, wie sie sowas mit ihrem Gewissen vereinbaren können

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fluuu
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Re: "cold turkey" im Maßregelvollzug

Beitragvon fluuu » Mi 6. Mai 2015, 13:32

In einer Klinik ist der kalte Entzug die gängige Praxis denn es ist die effektivste Methode den Körper vom Suchtstoff zu entwöhnen
und da in einer Klinik alle Möglichkeiten der Beobachtung und der Intervention bei eventuellen Komplikationen gegeben ist,
gibt es süchtige Menschen die freiwillig und bewusst diese Methode in einer Klinik bevorzugen.
Es gibt jedoch auch Menschen die Suchtstoffe ausschleichen wollen, jedoch sie kommen fast nie beim Ziel an.
Diese formulierten "Menschenrechtsverletzungen" sind also eher rhetorischen Ursprungs und bilden weniger die Realität ab.
Jede psychische Störung ist für den Betreffenden grausam, manchmal auch für die Mitmenschen aber deshalb ist nicht
die Institution grausam die sich versucht mit diesen Menschen auseinander zu setzen.
Auch eine Suchtkrankheit ist grausam und je mehr sie fortschreitet um so grausamer wird sie für den Betroffenen.
Die Grausamkeit liegt also mehr im Detail des kranken Zustandes als in der Umwelt.
Wieder ein Versuch Menschen gegen etwas aufzubringen anstatt für etwas zu sein, für ein Leben ohne Sucht.
gruß fluuu

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eraserhead
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Re: "cold turkey" im Maßregelvollzug

Beitragvon eraserhead » Mi 6. Mai 2015, 17:17

Sorry, aber was du da schreibst ist ein Gemisch aus veralteten u. überholten medizinischen Fakten, sowie pseudowissenschaftlich-ideologischen Grundsätzen, die den Ansprüchen einer evidenzbasierten Medizin mit ethischem Fundament seit Jahrzehnten schon nicht mehr genügen.

Natürlich hast du in einem Punkt recht, i.A. kann man ein biologisches System schnell und effektiv von einer Substanz entziehen, indem man sie abrupt absetzt, dies jedoch im Fall Opiat/Mensch unter Beibringung vollkommen unnötiger Qualen.

In einer Klinik ist der kalte Entzug die gängige Praxis
Und in eben diesem Fall der Opiate, widerspricht es aber bereits seit Ende der 90er medizinischen Leitlinien. In anderen Fällen, etwa Alkohol u. Benzodiazepine, schon etwas länger. Speziell bei Alkohol, denn dieser Entzug ist so tödlich, dass es nichtmal im NS-Regime (offiziell) gestattet war, ihn kalt durchzuführen. Es ist ohnehin eine Sache, ob ich freiwillig so einen kalten Methadonentzug mache (ich persönlich kenne keine Klinik, wo das immernoch geht, nichtmal auf eigenen Wunsch!), weil ich besonders motiviert bin - eine andere, wenn ich quasi von heute auf morgen in diese Situation geworfen werde, aus einem vorher etablierten Programm heraus. Klar kann jetzt das Argument erfolgen "es geht hier immernoch um Verbrecher", aber dann kann man nichtmehr anführen, dass man "ihnen ja doch helfen" und sie "behandeln" will [dieselbe Standardargumentation für das zweigleisige Strafsystem, und das seit die Nazis es in Deutschland eingeführt haben, und es ist fraglich ob seit dieser Einführung jemals etwas erstrebenswertes damit erreicht wurde]. Denn sie bekämen im Gefängnis eine gütigere und mildere "Behandlung", oder anders ausgedrückt: es bleibt ihnen die Folter erspart. Und auch Gefängnisse haben Krankenhäuser u. Psychiatrien, in die man die Süchtigen zum Entzug stecken könnte, und die wären dann auch nicht unbedingt damit überfordert [das sei nur gesagt, um etwaigen Pseudo-Legitimationen zu begegnen].

Besonders falschgefährlich ist u.a. die Behauptung, dass nur ein kalter Entzug dauerhaft zum Ziel führe. Allein in meiner ehemaligen WG arbeiten [als studierte Sozialarbeiter bzw. Betreuer] 2 ehemals schwer süchtige Menschen, bei denen dieser "Grundsatz" offenbar fehlschlägt. Und dies ist ganz sicher nicht als Anekdote zu verstehen, denn es liegen mittlerweile schon Langzeit-Studien dazu vor, manche sogar die seit Beginn der Methadonprogramme gelaufen sind. Informier dich!

Aber ein Gutes hat dein Posting ja: jetzt wird mir ganz schnell klar, wie der durchschnittliche Herr Meier, Pfleger in der Forensik für suchtkranke Schwerverbrecher, sein Gewissen zurechtrückt, und man kanns ihm nichtmal verdenken, denn er arbeitet am Schnittpunkt zweier "gesellschaftlicher Bodensatz"-Gruppen und tut das gutgemeint-falsche...

Verzeih meine teilweise scharfe Zunge in diesem Posting, falls deine Ausführungen mehr aus tatsächlicher Unkenntnis über den aktuellen Stand der Dinge, als aufgrund ideologischen Gesichtspunkten erfolgten, aber als selbst vom Thema Sucht Betroffener sitze ich sogesehen mitten drin. Ich weiß deshalb auch, wie eng medizinische Praxis, wissenschaftliche Erkenntis und Ideologie miteinander verflochten sind. Und hier kommt sogar noch erschwerenderweise das Thema Recht und Gerechtigkeit hinzu (was man ohnehin aufgrund der Problematik der Kriminalität bei illegalen Drogen nicht so recht davon zu trennen vermag).

Ich hab jetzt die Punkte hier nur kurz angerissen, aber gern liefere ich, bei Interesse und wenn meine Zeit es erlaubt, auch ausführlichere Erklärungen samt Quellenangaben.


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