Er ist im Maßregelvollzug. Wie lange noch?

Hier besteht die Möglichkeit zum fachlichen Austausch über Psychiatrierecht, Fragen der psychiatrischen Begutachtung etc
Lilian30
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Er ist im Maßregelvollzug. Wie lange noch?

Beitragvon Lilian30 » Mi 26. Mär 2014, 09:49

Hallo zusammen,

ich habe jemandem im Freundeskreis, der im Maßregelvollzug ist. Mittlerweile seit 22 Monaten.

Nun habe wir einige Fragen, von denen wir nicht genau wissen, wer sie uns beantworten kann:

- Wann darf er wieder komplett raus?
Derzeit ist er in der Stufe, in der er am Wochenende auf Tagesurlaub sich frei bewegen darf, jedoch am Abend wieder zurück muss. Er wurde aufgrund von Selbstmorddrohungen und einem Angriff auf Polizisten verurteilt. 2 Jahre. Jedoch musste er nicht ins Gefängnis sondern hat seine Therapie sofort angetreten.

- Muss er alle Stufen durchlaufen?

- Ich habe gehört, dass er erst eine feste Arbeitsstelle benötigt um "entlassen" zu werden.
Dies wird sich schwierig gestalten, da er fast kein Deutsch spricht und sicher bereits beim Vorstellungsgespräch aussortiert wird. Auch aufgrund einer Erkrankung von Kindesbeinen an, wird er sich damit sehr schwer tun.

- In welcher Weise können wir ihm helfen oder ihn unterstützen?

- Was muss er beachten?

Ich danke euch vorab schon für eure Antworten...

Lilian

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fluuu
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Re: Er ist im Maßregelvollzug. Wie lange noch?

Beitragvon fluuu » Mi 26. Mär 2014, 12:56

Hallo,
nach 22 Monaten ist ja die Strafe von zwei Jahren fast um und wenn er Urlaub bekommt
ist das ein gutes Zeichen, dass man ihm vertraut wieder psychisch gesund zu werden.
Häufig sind die Aufenhalte im Maßregelvollzug sehr langwierig und unbefristet, die Entscheidungen
richten sich nach Entwicklung des Verlaufs der Krankheit und dem Erfolg der Therapie.
Konkreter kann ich auf die Fragen nicht eingehen, ich weiß es nicht, besser ist es sich bei den
Behörden direkt zu erkundigen, einen Bewährungshelfer zu fragen oder zu schauen ob es in
der Nähe eine Selbsthilfegruppe gibt, die Betroffenen haben meist das beste Expertenwissen.
Wie kann man einem Insassen der Forensik der kaum deutsch spricht und bald entlassen wird helfen?
Bin überfragt, würde abwarten, Geduld aufbringen, die restliche Strafzeit verstreichen lassen und hoffen,
dass der ganze Prozess eine positive Wirkung hat so, dass diese Eskalation nicht mehr notwendig ist.
Das Gewaltmonopol hat der Staat, daran lässt sich so schnell nichts ändern und wenn man das weiß,
setzt man seine eigene Gesundheit nicht aufs Spiel um gegen Windmühlen zu kämpfen.
Demut ist manchmal die bessere Lösung um bestehen zu können gegen eine Übermacht,
das kann man lernen, üben und ausprobieren, dann war der Maßregelvollzug erfolgreich.
Womöglich steht ein Aufenthalt in Deutschland generell in Frage, dann ist zu hoffen,
wo immer der Betroffene leben wird, dass sein psychischer Zustand nicht eskaliert denn Gewalt,
Ungerechtigkeit und Bedrohung gibt es genug auf der Welt, was die Seele stark belastet.
gruß fluuu

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Lilian30
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Re: Er ist im Maßregelvollzug. Wie lange noch?

Beitragvon Lilian30 » Mi 26. Mär 2014, 13:24

Hallo fluuu,

vielen Dank schon mal für deine Antwort.

Wir wissen ja nur durch ihn, was bei der Visite gesprochen wird.
Er arbeitet in einem 1-Euro Job bei der ortsansässigen Diakonie. Bei der Visite fragt er jedoch fast jedes mal wann er denn wieder raus darf und es wird ihm wohl geanwortet es dauere noch so 2 Jahre. ?? ist das so einfach?? Wird nach 2 Jahren wieder ein Gutachten erstellt? Denn nach 2 Jahren ist er ja nicht automatisch sofort raus, wie z.B. bei einer Haftstrafe.

Für ihn ist es natürlich sehr schlimm. Vll. erkläre ich einmal kurz, warum es so weit gekommen ist.
Seine Absichten sich das Leben zu nehmen, möchte ich nur insoweit erklären, dass er betrunken, unglücklich verliebt und unglücklich hier in Deutschland war. Der Rest ergab sich durch einen abgesetzten Notruf, Polizei die angerückt war, es Verständigungsprobleme gab, weil er kein Deutsch spricht. Er muss anscheinend auf einen Polizisten losgegangen sein und es sind Schüsse seitens der Polizei gefallen. Es wurde ihm allerdings auch eine verminderte Schuldfähigkeit bescheinigt, aufgrund der Promille die im Blut nachgewiesen werden konnten. (Der Alkohol hat sich ebenso nicht so gut mit den Tabletten gegen die Epilepsie vertragen)

War alle nicht besonders schlau von ihm, aber ich möchte nicht darüber urteilen was passiert ist.

Muss er einen Bewährungshelfer haben? - Steht er ihm zu, oder wird dieser automatisch vom Gericht zugeteilt.

Stichwort Demut: Das haben wir ihm auch bereits gesagt. Er soll sich ruhig verhalten, nicht lange nachfragen, nicht aufsässig werden. Er sich hat seitdem nichts zu schulden kommen lassen, ist immer pünktlich zurück in der forensik, kommt nicht zu spät. Wir versuchen, ihnen allen Wind aus den Segeln zu nehmen. Leider ist es nicht so einfach, dass er sich mit Fragen bei der Visite zurück hält. Was will man erwarten, wenn jemand seit 22 Monaten, kein Stück Privatsphäre hat, eingesperrt ist und nicht weiß wie es weiter geht? Die Therapie daraus besteht, dass er seinen Therapeuten anschweigt, weil dieser nur immer fragt, ob es ihm gut geht? Er geht 2 mal wöchentlich zum Gruppengespräch und das war es dann auch schon. Wir haben Angst, dass er da drin wirklich zu Grunde geht.

Nur wann hört das ganze endlich auf??


Viele Grüße

Lilian

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fluuu
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Re: Er ist im Maßregelvollzug. Wie lange noch?

Beitragvon fluuu » Do 27. Mär 2014, 10:12

Hallo,
bei der Diakonie arbeiten ist gut, war da auch zwölf Jahre lang beschäftigt mit psychisch chronisch kranken Menschen zusammen
und habe sehr viel gelernt über Gemeinschaften, die Psyche und das seelische Befinden.
Der Unterschied zwischen JVA und Forensik ist vor allem auch die Dauer des Aufenthalts, im Knast gibt es einen festen Zeitrahmen,
den gibt es in der Forensik nicht und es wird nach Stand der Entwicklung entschieden.
Ein permanentes Nachfragen wie lange noch ist natürlich kontraproduktiv denn zuerst muss bewiesen werden, dass der Altag
im Rahmen des Maßregelvollzugs bewältigt wird bevor an ein Draußen zu denken ist.
Die Forensik ist eine Zwangsmaßnahme auf Grund einer strafbaren Tat im Zusammenhang mit einer psychischen Störung.
Die einzige Lösung die es gibt ist sich dem fügen, erst dann ist die Frage wie lange noch berechtigt.
Wie gesagt, es geht darum zu begreifen, dass der Kampf mit Gewalt gegenüber einer stärkeren Kraft eine Dummheit ist
die selbst verletzt oder andere unschuldige Menschen mit hinein zieht, diese psychische menschliche Veranlagung gilt auf der ganzen Welt,
völlig unabhängig von Kultur oder Religion. Wer jedoch in die Fänger des deutschen Maßregelvollzugs gekommen ist hat keine andere
Chance als die Übermacht das Staates anzuerkennen, ist doch logisch, der Staat als Gemeinschaftsgebilde muss stärker sein
als der Einzelne, darum gibt es diese Strukturen der Gesellschaft.
Natürlich ist ein Suizid, ein Selbstmordattentat immer möglich, dagegen gibt es kein Mittel.

Nicht die Frage nach dem Ende ist in der Forensik entscheidend, im Lebensablauf stellt man sie sich als gesunder Mensch
auch nicht, sondern wie bewältige ich die Lebensumstände in denen ich mich gerade befinde.
Nicht Absitzen und warten bis es vorbei ist sollte in der psychiatrischen Forensik der Antrieb und das Motiv sein, sondern
versuchen eine psychische Entwicklung mit sich selbst zu durchlaufen um eine emotionale Reife zu gewinnen.
gruß fluuu

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Re: Er ist im Maßregelvollzug. Wie lange noch?

Beitragvon MRV_eV » Do 27. Mär 2014, 20:04

Der Aufenthalt im MRV nach §63 ist unabhängig von der Parallelstrafe (hier: 2 Jahre) unbefristet. Zur Zeit haben wir in Deutschland eine durchschnittliche Verweildauer von knapp 8 Jahren, Tendenz immer noch steigend.
Ein weiteres Problem ist, dass die Verurteilten nur 2/3 ihrer Parallelstrafe in der Forensik absi9tzen können. Das heißt, egal wie lang sie dort untergebracht waren, immer 1/3 übrig bleibt, die bei vielen Landgerichten auch noch vollstreckt werden.


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