Voraussetzung für das Arbeiten in der Forensik..

Hier besteht die Möglichkeit zum fachlichen Austausch über Psychiatrierecht, Fragen der psychiatrischen Begutachtung etc
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Voraussetzung für das Arbeiten in der Forensik..

Beitragvon NoOne » So 23. Mär 2008, 11:12

Hallo,

ich mache zurzeit die Ausbildung zum Gesundheits- und Krankenpfleger. Mich interessiert die Arbeit in der Forensik, auch wenn ich mir nur bedingt bis gar nicht vorstellen kann wie die genau aussieht.

Was für Voraussetzungen beruflicher Art muss ich mitbringen um auf einer forensischen Station zu arbeiten ? In einer JVA z.B. müsste man zunächst eine Ausbilgung zum Justizvollzugsbeamten absolvieren, bevor man auf der dortigen Krankenstation arbeiten kann.
Ist das auf einer forensischen Station auch so ?

Ich konnte im Netz bisher nur wenig und teilweise widersprüchliche Informationen finden.

Dankeschön.

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Beitragvon fluuu » So 23. Mär 2008, 14:23

Hallo NoOne,

vermute, dass Du hier keine zufriedenstellende Antwort erhälst denn hier sind nur Betroffene unterwegs, außer Du wendest Dich direkt an den Betreiber der Website, er ist Psychiater in der Schweiz. Ob er sich mit Forensik auskennt, wer weiß.

Rein von der Logik her, da es sich bei der Forensik um die Station innerhalb der Psychiatrie handelt auf der psychisch Kranke Straftäter behandelt werden, ist der Angestellte kein Justizvollzugsbeamter, sondern eine Fachkraft der Psychiatrie. Vielleicht ist ein Praktikum möglich und dabei erfährst Du alle Umstände für einen beruflichen Werdegang innerhalb der forensischen Station.

gruß fluuu

PS: Habe zufällig gerade einen Praktikumsbericht gefunden von der Forensik die hier zuständig ist.
http://www.paed.uni-muenchen.de/~chris/ ... bkh_kf.doc
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Beitragvon NoOne » Mo 24. Mär 2008, 09:25

Oh, tut mir leid :oops: ! Dennoch vielen Dank für die Antwort, die doch zufriedenstellen war. Ich habe die Datei runtergeladen und werde sie gleich lesen.

An ein Praktikum habe ich auch schon gedacht, ich werde mich mal um eins kümmern.


Danke nochmal für die Antwort.


NoOne

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Beitragvon fluuu » Di 25. Mär 2008, 18:21

Hallo NoOne,

wie kommst Du auf den Wunsch in der Forensik arbeiten zu wollen? Das interessiert mich mal.
Kenne die Forensik nur vom Erzählen her aber ich finde es sehr spannend etwas über Menschen zu erfahren die sowohl eine psychische als auch eine kriminelle Störung haben. Als ob diese Extreme etwas darüber aussagen können was das menschliche Wesen wirklich ausmacht wenn es nicht zurecht gebogen oder in ein bestimmtes Schema gepresst wird. Menschen die sich über bürgerliche Normen hinwegsetzen, ohne Wertung, nur als Beobachtung.
Vermute man kann in der Forensik viel über das Ursprüngliche und Animalische des Menschen lernen.
Vielleicht irre ich mich auch und mache mir völlig falsche Vorstellungen...

gruß fluuu
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Beitragvon NoOne » Di 25. Mär 2008, 21:06

Naja..ich weiß nicht wie die Patienten da so sind. Ich mache halt die Ausbildung zum Krankenpfleger. Während dieser Ausbildung sind wir immer auf verschiedenen Stationen eingeteilt, so kam ich auch auf die geschlossen geführte psychiatrische Station. Dort machte mir die Arbeit besonders viel Spaß, weil ich es als eine angenehme Herausforderung empfand Menschen in Akutsituationen zu begleiten.
Ich will mich auf keinen Fall selbst loben, aber das eine brachte das andere, und die Arbeit, die mir Spaß macht mache ich (wie jeder andere) gut.
Vom jetzigen Standpunkt aus gesehen, also ohne jede Erfahrung mit psychisch erkrankten Straftätern, kann ich sagen das ich die Menschen erst einmal alle recht neutral sehe. Ich stelle mir vor, das ich das bei Straftätern auch machen würde.
Ich denke auch, das das wichtig ist, da ein arbeiten mit Vorurteilen immer schlecht ist, und gerade in diesem Bereich m.E. ein K.O. Thema ist.


Wie es im Endeffekt laufen würde, weiß ich natürlich nicht.

Und warum jetzt Forensik ? Ich sehe es als Herausforderung, als fortgeschrittene Fachdisziplin er Psychiatrie.
Das ist natürlich nur meine jetzige (!!) persönliche Ansicht. Es ist sehr gut möglich, das wenn ich beide Bereiche kennen lernen konnte das anders sehe.

Zurzeit hadere ich zwischen Forensik, JVA und geschlossene Psychiatrie.

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Beitragvon Reisende » Mi 26. Mär 2008, 07:24

Hallo

das war jetzt sicher nicht deine Absicht, fluuu, aber durch einige deiner Bermerkungen über forensische Patienten fühle ich mich doch betroffen.
Naja, was heisst betroffen, das hatte fast schon 'Trigger'-Charakter.


Gut, um herauszubekommen was NoOne's Motivationen sind, ok.

Aber mein Mann ist nun mal ein forensischer Patient und ich habe seit einem Jahr das Vergnügen ihn dort zu besuchen.
(wie schon in vorigen Post's erwähnt - nicht hier in DE, im ehem.Jugoslawien- da sind die Verhältnisse nochmal anders als hier in einer Forensik. Nehme ich zumindest auch mal an. Was sich für DE so ergoogeln ließ, weil an persönliche Erfahrungen anderer Mitbetroffener kommt man sehr schlecht)
die sowohl eine psychische als auch eine kriminelle Störung haben.
Was, bitte schön, soll eine "kriminelle Störung" sein ?

Mir reichts schon, zu wissen dass mein Mann eine schwere psychische Krankheit hat, die ihn u.a. dazu gebracht hat, zu tun was er tat und wie er es tat. Und inwiefern er selbst zu seiner Erkrankung beigetragen hat (psychose auslösende Drogen, falsche Freunde, nicht Reden, nicht Hilfe suchen...)oder eben durch frühere Erfahrungen in ihm angelegt war (Vulnerabilität o.ä...)

Mir reichts, dass es mir Angst macht, dabei erfahren zu haben, wie leicht man dazu kommen kann, einen Menschen zu töten. Dass es jedem von uns 'passieren' kann.

Ist das vielleicht das 'Spannende' daran:
Vermute man kann in der Forensik viel über das Ursprüngliche und Animalische des Menschen lernen.
??

Könnte gern darauf verzichten....

Wie gesagt, sorry, war sicher nicht so gemeint von dir, aus deiner Nicht-erfahrung mit Forensik heraus, wie sie eben viele haben.

Und diese Wut und Angst die ich grad spüre, ist meine Wut und Angst, aus meiner Situation heraus. Meine Sache eben, ok?

Wer interessiert sich eigentlich für die Angehörigen der forensischen Patienten, der psychisch Kranken die zudem Straftäter sind?

Die Besonderheit der psychisch Kranken Straftäter mag 'lediglich' darin liegen, dass sie eben eigentlich/oder neben her Staftäter, Inhaftierte sind. Für die eben nochmal extra Regeln gelten.
Und die nach der Forensik eben nicht nachhause gehen oder sich nen anderen Psychiater/Arzt/Therapie suchen können, sondern wieder ins Gefängnis wandern. Und manche eben für lange Zeit.

Eigengefährdung, Gefährdung anderer/der Gesellschaft, Schuldfähigkeit, Tatmotivation, Therapiewillen, Haftfähigkeit, das sind Fragen der Forensik - meiner Ansicht nach.

Fachfrau bin ich ja nun auch nicht - nur Betroffene.

Nix für ungut. Das musste ich doch mal loswerden.

liebe Grüße,

eine Reisende

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Beitragvon SuMu » Mi 26. Mär 2008, 08:05

eine geschlossene psychiatrische Station und Forensik ist wohl ein Unterschied!
viele Grüße
SuMu / http://psychomuell.de - http://blogzicke.de - http://su-mu.de/

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Beitragvon NoOne » Do 27. Mär 2008, 16:24

Reisende hat geschrieben: Fachfrau bin ich ja nun auch nicht - nur Betroffene.
Das macht Sie zu einer Fachfrau, zumindest aus einer Perspektive.

Ich kann leider nicht auf eine Erfahrung von einer forensischen Station oder Klinik zurückgreifen, hier kann ich wieder nur auf die Erfahrung aus dem Einsatz auf der geschlossenen Station vergleichen. Dort war es jederzeit möglich als Angehöriger ein Gespräch mit einem dortigen Psychologen oder psychiatrischen Arzt zu vereinbaren. Ist das in einer forensischen Klinik nicht so ? Natürlich stürmt man als Mitarbeiter aus dem therapeutischen Team, also dem Personenkreis, der sich mit der Rehabilitation des Erkrankten befasst, nicht direkt auf jeden Angehörigen zu und versucht mit ihm ins Gespräch zu kommen. Aber wie gesagt, wenn da Bedarf bestand war es eine Selbstverständlichkeit darauf einzugehen.

Habe ich das richtig verstanden, das Ihr Mann in dem ehemaligen Jugoslawien untergebracht ist ?

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Beitragvon NoOne » Do 27. Mär 2008, 16:25

SuMu hat geschrieben:eine geschlossene psychiatrische Station und Forensik ist wohl ein Unterschied!
Jo, und worauf bezog sich das jetzt ?

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Beitragvon Reisende » Do 27. Mär 2008, 22:09

Hallo NoOne,
Habe ich das richtig verstanden, das Ihr Mann in dem ehemaligen Jugoslawien untergebracht ist ?
ja, das haben Sie richtig verstanden.

Wenn es Sie interessiert, kann ich einen kleinen Bericht darüber einstellen, wie die Verhältnisse dort sind.


Ich kann natürlich nur aus dieser Perspektive berichten. Es ist dort schon so, dass man jederzeit mit Ärztin/Psychologin reden kann, sofern sie da sind - was nicht immer der Fall ist. Die Station ist sehr klein und in einem extra Gebäude untergebracht.
Ich habe halt die Problematik dass ich die Landessprache so gut wie nicht spreche und auch sehr wenig verstehe. Ich schlag mich im Alltag so durch, aber für solch 'schwierige' und wichtige Gespräche reicht es nicht. Eine Psychologin kann sehr gut englisch, die Ärztin so gut wie nicht, also komme ich so tröpfchenweise an Informationen. Sooo toll ist mein englisch auch nicht.
Den Rest besorge ich mir über deutsche Literatur. Und nachdenken...bis mein eigenes Gehirn schon ganz 'wundgedacht' ist :-)


Das Pflegerpersonal hat dort meines Erachtens keine besondere Ausbildung. Sie sind lediglich zum Medikamentenausteilen da und halten die Patienten zum Putzen an - dortige Form der Ergotherapie... Sie verwalten die Handys der Patienten und bestimmen über deren Gebrauch (laut Bericht meines Mannes)

Ich fahre z.Zt. alle 2-3 Monate für 7-10 Tage dorthin. Anfangs habe ich viel Zeit auf der Station mit meinem Mann verbracht, im Januar weniger, da haben wir zum 1.Mal Ausgang bekommen und haben das natürlich ausgenutzt..

Wäre er hier, würde ich die Ärzte/Psychologen und auch die Pfleger mit Fragen bombardieren, da ich denke dass gerade die Pfleger auch viel Kontakt zum Patienten haben. In einer Klinik hier in Bremen gibt es anscheinend sogar eine geleitete Angehörigengruppe, speziell für Angehörige von Patienten im Massregelvollzug.
Das finde ich klasse. Hier komme ich mir verloren und fehl am Platz vor, gerade auch in den Selbsthilfegruppen.

Einblick in die Krankenakte meines Mannes bekomme ich nicht. Bin mal gespannt ob sie mich über die anstehende Begutachtung informieren. Versprochen hat die Ärztin mir jedenfalls dass sie mir irgendwie mitteilen wird, sollte mein Mann wieder ins Gefängnis verlegt werden, oder sonstwas passieren.
email-Kontaktmöglichkeit besteht, anrufen muss sie mich nicht...

Ansonsten hat sie mich einigermassen über den Zustand meines Mannes aufgeklärt, könnte allerdings besser sein, weiss nicht worans liegt. Vielleicht erwarte ich auch zuviel. Bin dankbar für jede Kontaktmöglichkeit zu ihm, und da ist sie/die Klinik mehr als großzügig. Im Vergleich zum Gefängnis. Wie das hier im deutschen Maßregelvollzug ist, weiß ich nicht.

Hatten Sie schon einmal Einblick in eine JVA?

viele Grüße,

eine Reisende

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Beitragvon NoOne » Fr 28. Mär 2008, 22:53

Ja, ein Bericht würde mich sehr interessieren. :-)

Ich denke nicht das Sie zuviel erwarten wenn Sie alles über die Erkrankung und den weiteren Verlauf bzw. die Behandlung Ihres Mannes wissen möchten..Was anderes passiert in der im Krankenhaus auf einer onkologischen Station auch nicht.Ich kenne natürlich nicht die jugoslawischen Gegebenheiten und Mentalitäten, die Gründe warum die Ärtzin Ihnen nicht soviel mitteilen will/kann/darf können vielfälitig sein und von "Keine Lust" über "Gesetzliche Regelung" und "Ausländerantipathie" bis "Berufliche Überforderung" reichen.



Ich konnte einen Tag in die Arbeit der Krankenpfleger/schwestern in einer JVA schnuppern..Es war in einem offenen Vollzug, das heißt die Gefangenen konnten auch außerhalb des Gefängnisses arbeiten. Leider kamen Sie dann mit so schwerwiegenden Krankheiten wir Kopfschmerzen und Bauchweh auf die Krankenstation, das ganze mit der Absicht eine Krankmeldung zu bekommen.
Mich würde noch die Krankenpflege in einem geschlossenen Vollzug interessieren.

Sie haben geschrieben das Sie sich in Selbsthilfegruppen fehl am Platz vorkommen, ist das einfach weil es keine passende für Ihr Problem gibt ? Also das Problem das der Angehörige im Ausland untergebracht ist ? Darf ich fragen ob Sie schon einmal an einer Selbsthilfegruppe teilgenommen haben ?

Viele Grüße zurück, NoOne

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der Bericht

Beitragvon Reisende » Sa 29. Mär 2008, 09:34

Hallo NoOne,

hier der Bericht. Wie gesagt, das sind die Verhältnisse in der "Sudsko odjeljenje" - der 'gerichtlichen Abteilung' der Spezialklinik für Psychiatrie in einem Land des ehemaligen Jugoslawien.
Aus meiner subjektiven Sicht geschildert:

Die Station (der einzigen Fachpsychiatrischen Klinik des Landes, außer den psychiatrischen Abteilungen der größeren Allgemeinkliniken) besteht aus einem Stockwerk mit ca. 7 Zimmern á 3 Betten, mit jeweils einem Nachttisch für persönliche Dinge, mehr Platz ist nicht. Ein Essraum mit Fernseher (der den ganzen Tag in nervender Lautstärke dröhnt) einem Schwestern-/ Behandlungsraum, das Arztzimmer angeschlossen, und am Eingang die Loge des (privaten) Sicherheitsdienstes. Und ein Flur. Für Toiletten und Duschen gibt es 2 extra Räume, habe sie mir aber aus Gründen des Schamgefühls nicht näher angeschaut. Einem kurzen Blick nach – der Raum hat keine Türe – sind die einzelnen Toiletten nur durch Mauerwände abgetrennt, nach vorne offen. Sicherheitsaspekte wohl. Im Sommer wird täglich das Wasser für mehrere Stunden abgestellt. Wassermangel durch Hitze, in der ganzen Gegend. Stromausfälle sind häufig. Entsprechend der Geruch auf der Station. Aber es geht noch, sie halten schon auf Sauberkeit auf der Station. Aufenthaltsraum für Besucher ist nicht. Da sitz ich dann halt bei meinem Mann im Zimmer auf seinem Bett, Überwachungskamera, Zimmerkollegen...Allerdings sind die Fenster mit einer Folie oder Spezialglas gefasst, was Licht herein- aber Hitze abhält. Bei Sommertemperaturen von wochenlang 45Grad ohne Wind sehr angenehm... Nach hinten raus gibt es eine kleine „Terrasse“ mit Bank und Tisch, einer ewig kaputten Tischtennisplatte, und einem betonierten kleinen Basketballfeld. Das ist auch der einzige Bereich der zum Umfeld und Nachbarhaus (Frauenstation für chronisch Kranke) durch einen ca. 2-Mann-hohen Sicherheitszaun abgetrennt ist. Auf diese Terrasse kommt man nur durch eine abgeschlossene Tür, die vom Sicherheitsdienst geöffnet wird. Will man wieder rein, muss man rufen. Die Station ist belegt mit ca. 10-21 Männern, unterschiedlichster Einweisung, Suchtkranke, Straftäter mit psych. Krankheiten , vom Gericht vorübergehend Eingewiesene mit Persönlichkeitsstörungen – alles. Übergriffe unter den Patienten gibt es selten, kam aber schon vor. Selbst hab ich das noch nicht miterlebt, nur einen Fluchtversuch eines Patienten über den Zaun der Terrasse, der aber sehr schnell entdeckt wurde. Entsprechend medikamentös ruhiggestellt sah ich denselben einen Tag später wieder auf der Station. Kam wohl öfters bei ihm vor, hatte sonst keine Folgen. Das extremste war (nach Erzählung meines Mannes) dass ein Patient von 0 auf 100 nachts kurz vor Einschluß die Tür des Arztzimmers zertrümmerte und den Raum verwüstete. Verletzt wurde dabei niemand, die Folge für den Mann war, dass er innerhalb des 3-Betten-Zimmers direkt vor sein Bett ein Eisengitter bekam, eine Zelle in der Zelle. Wie lange das so blieb, weiss ich nicht. Fixiert war er nicht, aber die Gurte und Jacken sieht man gut sichtbar im Raum der Sicherheitsmannschaft auf dem Schrank liegen….Die Security-Jungs sind alle in Schwarz, gut gebaut und entsprechend ausgerüstet falls mal einer austickt, sehen auf den ersten Blick martialisch aus, sind aber eigentlich ganz nette Jungs, einer kann sogar ein wenig deutsch und begrüßt mich auch so, er gab meinem Mann auch seine SIM-Karte fürs Handy die er nicht mehr braucht. Taschen der Besucher werden kontrolliert, meine nur noch wenn ein neuer Wachmann da ist. Gegenstände aus Glas und Metall, auch entsprechende Verpackungen von Lebensmitteln sind nicht erlaubt, Messer und Scheren versteht sich von selbst.
Wenn ich meinem Mann ein Päckchen schicke, vermeide ich entsprechende Verpackungen bei Kaffee etc, ein Rauchfleisch hab ich ihm hier vorgeschnitten und vakuum-versiegelt geschickt. Rasiert werden die Männer übrigens von einer der Schwestern oder Putzfrauen, dann sitzen sie alle im Flur auf einer Bank und werden (hoffentlich mit Einwegrasierern..) eingeseift und rasiert. Bin mal gespannt ob meinem Mann der elektr. Rasierer den er sich wünschte und ich ihm mitbringen werde, genehmigt wird.
Besucher sind eher selten hab ich den Eindruck, oft kommen die Leute nur um ihre Angehörigen zum „Weekend“, oder „Urlaub“ abzuholen.

Das Personal besteht aus 1-2 Krankenschwester/oder – pfleger, 2 Sicherheitsleuten einer privaten Security-Mannschaft, die Ärztin ist da von ca. 8-10 Uhr, Psychologen/Sozialdienst kommen wohl einmal pro Woche vorbei um Gespräche anzubieten, nach Problemen zu fragen. Gemeinschaftssitzungen wo man sich z.b. über das Essen, Handynutzung, Ausgangserlaubnis etc. beschweren kann, gibt es ab und zu. Ob es feste Gesprächstherapiepläne o.ä. gibt weiss ich nicht. Die Schwestern/Pfleger teilen die Medikamente aus, verwahren die Handys der Patienten und geben sie nach Gutdünken aus, halten die Männer zum Putzen an – das ist die Ergotherapieform dort wohl – zusammen mit den Wachmännern, die ab und an mal zu Hilfstätigkeiten/ -arbeiten auffordern. Müll einsammeln etc… Aber es gibt wohl auch irgendwo eine kleine Patientenbibliothek, Gesellschaftsspiele im Fernseh/Essraum.
Die Zimmer werden nachts mit Gitterschiebetüren verschlossen, tagsüber sind sie offen. Zur Toilette lässt man die Patienten nachts nur fürs ‚grosse Geschäft’, zum Pinkeln gibt’s für jeden eine ‚Ente’ (als Krankenpfleger werden Sie das kennen..) die morgens erst wieder geleert wird.
Die Patienten bekommen, je nach Fall, Ausgang oder auch nicht, i.d.R. 30 min am Tag, das reicht um kurz über die Strasse zum kleinen Lädchen zu gehen, Süßigkeiten, Kaffee, Zigaretten zu holen. Mit Begleitung von Angehörigen werden auch Erlaubnisse zum stunden- oder tageweisen Ausgang erteilt.

Klingt jetzt alles ziemlich primitiv und grauenvoll, ist aber auszuhalten. Die Ärztin und das Psychologenteam sind jung und einigermassen engagiert, Direktor und eine Psychologin sprechen GottseiDank gut englisch, die Ärztin meines Mannes leider so gut wie nicht, aber wir können uns so einigermaßen verständigen. Könnte ich die Landessprache, wäre es für mich sicher einfacher, könnte ich mehr fragen, mehr Informationen bekommen, mich auch mehr über die Rechtsfragen erkundigen. Aber so schaffe ich das nicht- bin froh dass ich das mit dem Alleinreisen und so schaffe. Da unten läuft alles per verbaler Kommunikation – Bushaltestellen selten, zuverlässige Fahrpläne, Tarifpläne oder Fahrkartenautomaten oder so was gibt’s nicht. Rede und verstehe – sonst bist du verloren. Es hat 3 Reisen gebraucht bis ich mich auf das Abenteuer Busreisen eingelassen habe. Englisch versteht nicht jeder.

Es wird sehr viel gebaut dort, der Direktor ist sehr aktiv und sucht immer wieder Sponsoren. Viel wird auch mit EU-Geldern, oder privaten Spenden gemacht, das Notstromaggregat kommt aus der Armee. Ein extra Gebäude wurde neuerdings fertiggestellt, in dem ein Fitnessraum untergebracht sein soll. Wer den nutzen wird, weiss ich noch nicht. Aber immerhin…es scheint sich einiges zu tun.

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zu NoOnes Anliegen

Beitragvon Reisende » Sa 29. Mär 2008, 10:52

Hallo NoOne,

erstmal stelle ich Ihnen noch einen Link ein, vielleicht kennen Sie die Seite schon:

http://www.forensik.de/laender.html

Könnte ganz nützlich sein für Ihren Ausbildungswunsch.

Zunächst möcht ich Ihnen folgendes sagen:

Erwarten Sie nicht zuviel von der Arbeit in der Forensik oder einer geschlossenen Abteilung innerhalb einer JVA.
Und schon gar nicht von den "Insassen". Das sind keine Anschauungsobjekte besonders gruseliger Art um irgendeine abartige Neugier zu befriedigen oder sich toll vorzukommen dass man mit 'diesen Menschen' arbeitet oder ihnen hilft. Mal hart ausgedrückt.

Ich stelle es mir, ehrlich gesagt, nicht besonders angenehm vor, für Menschen dazusein von denen ich genau weiss dass sie in gewisser Weise abhängig von mir sind. Oder in einem ganz bestimmten Bezugsmuster zu mir stehen. Was erwarten Sie von Inhaftierten, deren wenige Möglichkeiten der Selbstbestimmung darin besteht, krankgeschrieben zu werden oder Medikamente zu bekommen? Das sind sehr diffiziele Beziehungs-und Verhaltenssysteme an die Sie da kommen. Das sind Menschen wie Sie, stellen Sie sich mal vor Sie wären in deren Lage, derart in ihrer Selbstbestimmung beschnitten, mal egal ob das gerechtfertigt ist oder nicht. Sie müssen in einem sehr engen Rahmen agieren und werden oft an Grenzen stossen, auch an ihre eigenen. Und wenn es nur die Monotonie ist, denn "aufregend" ist es da nicht.
Vielleicht ist d a s die Herausforderung?

In 'freier Wildbahn'-sarkastisch gesagt-haben Sie sicher mehr Möglichkeiten.

Selbst ich als Angehörige tue mich schwer mit der Beziehung zu meinem Mann. Ich weiss dass er in vieler Beziehung abhängig von mir ist und das gefällt mir nicht. Weil ich auch weiss das mich das innerlich auch anspricht und ich daran arbeiten muss (punkto 'Helfersyndrom' etc..) und er auch. Ich bin sein Garant für das Stückchen Freiheit das er durch mich genießen kann. Ich bin sein finanzieller Garant für das bisschen Kaffee, Süßes, Zigaretten, etc.. und auch was eine evtl. gemeinsame Zukunft betrifft, und da ist es schon schwierig die Balance zu halten, mich nicht ausnutzen zu lassen, nicht inhuman zu sein, und auch selbst Situationen nicht auszunutzen.
Das macht mir schwer zu schaffen, mal ganz abgesehen von der Ursache unserer Situation.

Soviel mal dazu.


die Gründe warum die Ärtzin Ihnen nicht soviel mitteilen will/kann/darf können vielfälitig sein und von "Keine Lust" über "Gesetzliche Regelung" und "Ausländerantipathie" bis "Berufliche Überforderung" reichen.
Ja, wobei ich "keine Lust", "Ausländerantipathie" oder "berufliche Überforderung" mal ausschließe. ich bin von Anfang an sehr nett aufgenommen worden. Die sprachlichen Hürden sind denke ich das ausschlaggebendste. Und das wir voneinander vielleicht nicht genau wissen, was der jeweilig andere will oder schon weiss oder erwartet. Wenn ich unten bin denke und rede ich in 3 Sprachen und dann noch mit emotionalen und verstandesmäßigen eigenen Unzulänglichkeiten...
Ein hier übersetzter Brief (1 Seite DINA4)kostet mich hier ca. 100Euro. Den Antwortbrief den sie mir letztesmal mitgab in Jugo habe ich mir mit Hilfe eines Wörterbuchs und einer vertrauensvollen Freundin selbst übersetzt. Meine Schwägerin tut sich mit ihrer eigenen Sprache schwer und hat ausserdem daraus Dinge übersetzt die so gar nicht drinstanden. Deshalb bin ich auf vertrauensvolle Hilfe von außen angewiessen oder teuerer Dolmetschertätigkeit, und das ist eben ein weiteres Hindernis. Ich bin da extrem misstrauisch geworden.

So schaue ich eben wie ich zurechtkomme und was mir das einzelne effektiv bringt, ohne dass es mich zuviel Kraft kostet. Draufgehen will ich dabei nicht.

Was die Selbsthilfegruppe angeht:
Dazu hat mir die Psychologin und die Ärztin geraten, eine solche in Deutschland aufzusuchen. Hab ich getan, aber da sind 'nur' Mütter und Väter von erwachsenen psychisch Kranken drin, keine Ehefrauen, und keine, deren Mann oder Kind in Strafhaft sitzt. Und wer erzählt schon gerne in offener Runde warum mein Mann kein 'gewöhnlicher' psychiatrischer Patient ist und sich Therapie, Aufenthalt etc.. nicht aussuchen kann. Und nur von betroffenen Blicken und Zusprüchen ist mir auch nicht geholfen. Dazu ist (oder halte ich) meinen Fall für zu speziell und das Thema zu sensibel.

Was ich mir wünschen würde oder für ideal finde (ich aber in den Bereich Märchenwelt stelle): Wenn mein Psychotherapeut in Deutschland, die Ärztin meines Mannes, mein Mann und ich, gemeinsam kommunizieren könnten.....

Die einzige einigermaßen reelle Möglichkeit bestünde eventuell darin, mir in diesem Land einen persönlichen psychologischen Beistand zu suchen, in der Nähe der Klinik, der am besten noch meine Sprache spricht und nicht zu teuer ist und sich auf diese Konstellation einlässt. DAS werde ich bei meinem nächsten Besuch mal versuchen herauszufinden.

Danke für das Interesse, NoOne.

viele Grüße,

eine Reisende

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Beitragvon fluuu » Mo 31. Mär 2008, 14:24

Reisende hat geschrieben: Wer interessiert sich eigentlich für die Angehörigen der forensischen Patienten, der psychisch Kranken die zudem Straftäter sind?
...außer für Popstars interessiert sich niemand so ohne weiteres für jemand anderes und auch die werden mit riesigem Aufwand beworben.
Also, wenn Du willst, dass sich jemand für Dein Schicksal interessiert musst Du etwas dafür tun ohne Garantie auf Erfolg, einen Mann in der Forensik heiraten reicht dafür nicht aus.
Wenn Du Glück hast wirst Du in eine Talkshow eingeladen, das habe ich schon gesehen, das kommt öfter vor, sowas wollen die Leute sehen.

Als eine kriminelle Störung bezeichne ich eine psychische Störung die in ihrer akuten Phase kriminelle Handlungen zur Folge hat. Also nicht nur Wahn und Selbstgefährdung sondern in der psychischen Krise ausgeführte kriminelle Handlungen (gegen das bürgerliche Gesetz verstoßen), zumindest in Deutschland. Nach meinem Verständnis haben auch die Insassen vom normalen Knast eine kriminelle Störung, denn die Ursachen sind meist psychischer Natur und bräuchten Psychotherapie als nur weggesperrt sein.

Es ist gerade ein guter Freund in der Forensik, eine bittere Geschichte die mir sehr nahe geht aber das muss man aushalten, kann ihn nur über die Genehmigung des Staatsanwaltes besuchen. Beruhigend wirkt auf mich die Vorstellung, dass die Forensik eine kleine komplette abgeschlossene Welt ist in der für fast alles gesorgt wird und kann nur abwarten.

Natürlich sind Forensik und geschlossene Station in der Psychiatrie zwei völlig verschiedene Dinge, kann mir kaum vorstellen, dass sie aus Platz- oder Strukturmangel zusammengelegt werden aber wer weiß?

gruß fluuu
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Beitragvon NoOne » Mo 31. Mär 2008, 18:55

Hallo Reisende,

Danke für den ausführlichen Bericht.
Es ist interessant wenn auch tragisch zu sehen wie die Forensik in anderen Ländern läuft. Ansich hören sich die räumlichen Bedingungen am schlimmsten an.
Ich hoffe Sie und Ihr Partner werden diese Zeit überstehen, vor allem Ihr Partner wird wieder gesund. Das ein Arzt aus Jugoslawien und ein Psychotherapeut hier aus Deutschland miteinander kommunizieren und arbeiten werden halte ich für unwahrscheinlich aber nicht unmöglich. Vielleicht finden Sie ja einen hier arbeitenden aber aus Jugoslawien stammenden, engagierten Psychotherapeuten. Somit hätten Sie schon mal einen großen Schritt geschafft.
Erwarten Sie nicht zuviel von der Arbeit in der Forensik oder einer geschlossenen Abteilung innerhalb einer JVA.
Und schon gar nicht von den "Insassen". Das sind keine Anschauungsobjekte besonders gruseliger Art um irgendeine abartige Neugier zu befriedigen oder sich toll vorzukommen dass man mit 'diesen Menschen' arbeitet oder ihnen hilft. Mal hart ausgedrückt.
Ich erwarte mir nichts von der Arbeit dort, ich bin nicht geil auf eine Randgruppe oder deren Unberechenbarkeit. Ich habe diesen Satz in dieser oder ähnlicher Form schon öfter gehört. Ich kann mir gut vorstellen das Sie das nicht so meinten, aber ich kann es so einfach nicht stehen lassen.

Wie lange voraussichtlich wird Ihr Mann noch inhaftiert bzw. untergebracht sein ? Wann ist mit dem Gutachten zu rechnen ?


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