Kontakt zum Gutachter/Psychiater

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Reisende
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Kontakt zum Gutachter/Psychiater

Beitragvon Reisende » Di 11. Mär 2008, 07:53

Hallo,

mein Mann ist seit Sommer 07 in einer forensischen Abteiling einer psychiatrischen Klinik. Während der Haft (1,5J nach Tat und Verhaftung) wurde er (Aufgrund eines Vorfalls - ich weiss es bis heute nicht genau) in die Klinik eingewiesen. Seine Diagnose lautet paranoide Psychose / F20.

Muss allerdings sagen, dass er nicht hier in DE ist.

Ich habe ihn dort schon 3x besucht und konnte jeden Tag kommen und solange bleiben wie ich wollte (bis abends 18Uhr, seit Oktober gibt ihm die Ärztin sogar Ausgang, erst stundenweise, im Januar dann sogar den ganzen Tag.
Weiss ja nicht ob das hier in DE auch so gehandhabt wird, aber ich habe (bis auf sprachliche Verständigungsprobleme) einen ganz guten Kontakt zu seiner Ärztin und einer Psychologin (die zumindest sehr gut englisch spricht). Ich bin jedenfalls sehr froh darüber. Auch dass sie uns diese ganzen "Freiheiten" gibt, das ist sicher nicht selbstverständlich.

In nächster Zeit steht allerdings eine Begutachtung über den Zustand meines Mannes an, über weiteres Verbleiben in der Klinik, und leider hat auch die StA wohl eine Revision des Urteil angestrebt bzw. wird dies tun - mit ungewissem Ausgang :cry:

Das macht mir grosse Sorgen, nicht eigentlich wegen ihm (auch wenn das komisch klingt), sondern wegen mir. Mit Tat und (erstem) Urteil habe ich mich genügend auseinandergesetzt, und nach seiner Einweisung war ich sogar erleichtert nun einige Antworten/Erklärungen für vorher Unerklärliches zu bekommen. Aber das Schlimmste für mich war u.a. dass ich durch die U-Haft/Haft so gar keinen Kontakt zu meinem Mann aufnehmen konnte und die Auseinandersetzung mit Tat/Trennung/Urteil im Alleingang soz. per gedanklichem "Trockenschwimmen" machen musste. Hab mir fast mein Gehirn "wundgedacht" in dieser Zeit. Es war grauenvoll und ich will das nie wieder erleben.

Ob man das was ich durchmachte unter PTBS einordnet, weiss ich nicht, jedenfalls fange ich nächste Woche eine Psychotherapie an um das ganze aufzuarbeiten und auch Klarheit über mich zu bekommen.

Mein Problem/Frage ist nun:

Mein Mann zeigt (noch) keine Einsicht in seine Erkrankung und was Motivation/reale Umstände der Tat angeht. Die Ärztin meint, dass es für sie einige Indizien gibt die auf eine Psychose bereits zur Tatzeit und vorher hinweisen. U.a. auch aufgrund dessen was ich ihr über meinen Mann erzählen konnte. Da ist allerdings noch mehr (was ich ihr erzählen könnte, weil mein Mann mir früher einiges aus seiner Vergangenheit berichtete) aber ich weiss nicht, ob ich das tun soll, ob das was bringt - positiv oder negativ, bzw. ob sich die Ärztin, die mit in der Gutachterkommission sitzt, davon überhaupt beeinträchtigen lässt/lassen darf.

Wie ist das hier in DE?

Ist so ein Kontakt von Arzt/Angehöriger überhaupt erlaubt oder erwünscht, dass der Angehörige Details aus dem Leben des Patienten weitergibt?
Dazu kommt noch, dass das natürlich ohne Wissen meines Mannes geschehen ist/wird. Allein das hemmt mich, finde ich eigentlich nicht fair und kommt mir wie ein Vertrauensbruch vor und das will ich nicht. Gerade wo wir beginnen wieder etwas Nähe zueinander zuzulassen.

Jetzt weiss ich nicht was ich tun soll, denn das scheint mir die einzige Einflussmöglichkeit überhaupt zu sein, die ich habe (neben dem Kontakt zu meinem Mann, der allerdings nicht sehr viel an sich heranlässt)
Rechtsanwalt ist übrigens nicht, da mein Mann keinerlei Vermögen besitzt und auch keinen RA will, und ich kann aufgrund der Sprachprobleme mit keinem kommunizieren, habe schlechte Erfahrungen gemacht und stecke das Geld lieber in die Reisen zu meinem Mann.

Nun ja, vielleicht weiss mir ja hier jemand Rat....

viele Grüße von

einer Reisenden

Lucinda
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Beitragvon Lucinda » Di 11. Mär 2008, 08:22

Oh weh,
das ist sicher heftig für dich!

Darf ich fragen was dein Mann getan hat?

Wenn er so lange Ausgang bekommt, scheint er ja wegen Krankheit oder irgendwas mildernde Umstände zu kriegen.
Keine Krankheitseinsicht- gut, das ist oft so, und kann auch Teil seiner Erkrankung sein.

Du schreibst du hast ein gutes Verhältnis zu seiner Psychologin.
Ich glaube ich würde dann bei seiner Psychologin/Ärztin schon über seine Vergangenheit berichten, wenn dadurch klar ersichtlich wird, dass sein jetziger gesundheitlicher Zustand die Spätfolgen seiner Vergangenheit sein können.

Lieben Gruß,
Lucinda
Komm mit mir und tanze,
versuche das Leben zu sehen,
dies ist der Anfang! (Hopi)

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moni
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Beitragvon moni » Di 11. Mär 2008, 11:50

Hallo Reisende

Von juristischen Dingen hab ich ja nun überhaupt keine Ahnung. Nur zu gut nachvollziehen kann ich jedoch, was du hier schreibst:
In nächster Zeit steht allerdings eine Begutachtung über den Zustand meines Mannes an, über weiteres Verbleiben in der Klinik, und leider hat auch die StA wohl eine Revision des Urteil angestrebt bzw. wird dies tun - mit ungewissem Ausgang. :cry:
Das macht mir grosse Sorgen, nicht eigentlich wegen ihm (auch wenn das komisch klingt), sondern wegen mir.
Das klingt überhaupt nicht komisch.

Du schreibst:
Ist so ein Kontakt von Arzt/Angehöriger überhaupt erlaubt oder erwünscht, dass der Angehörige Details aus dem Leben des Patienten weitergibt?
Dazu kommt noch, dass das natürlich ohne Wissen meines Mannes geschehen ist/wird. Allein das hemmt mich, finde ich eigentlich nicht fair und kommt mir wie ein Vertrauensbruch vor
Warum sollte das ohne das Wissen deines Mannes geschehen? Auch wenn er die näheren Umstände seiner Tat (noch) nicht an sich ranlässt und keine Einsicht in seine Krankheit zeigt - du kannst ihm ja trotzdem deine Perspektive auf das Ganze darlegen, auch deine Sicht auf die Gutachtersache und deine Möglichkeiten dabei. Auch wenn er für sich keinen Sinn darin sieht, eben selber gewisse Details aus seinem Leben den Gutachtern zu erzählen - vielleicht ist er ja einverstanden damit, dass du es tust; einfach weil er dir vertraut, auch wenn er nicht ganz versteht, warum du dies tun möchtest.

Dies sind nur meine Gedanken zu der Vertrauensfrage. Ich persönlich hätte wohl auch ein Vertrauensproblem, wenn mein Partner ohne mein Wissen fremden Leuten gewisse Dinge aus meinem Leben erzählen würde. Aber ich kann mir eben vorstellen, dass ich es ihm erlauben würde, wenn er mit mir darüber sprechen würde - auch wenn ich selber den Sinn davon nicht wirklich sehen und es schon gar nicht selber tun würde.
Welche Konsequenzen ein Offenlegen deinerseits von Details aus seinem Leben für das Gutachten und den weiteren Weg haben könnte, kann ich jedoch wie gesagt nicht abschätzen.

Alles Gute für dich - besonders auch für deine Psychotherapie!

Liebe Grüsse

moni
Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden.
Hermann Hesse

Reisende
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Beitragvon Reisende » Di 11. Mär 2008, 14:54

Hallo,

Danke für eure Antworten.

@Lucinda: er wurde wegen Mordes verurteilt. Im Moment zu 15J.

Nähere Angaben dazu werde ich nicht machen. Ich denke ihr versteht das.

@Moni: wegen dem "komisch klingen", war vielleicht nicht gut ausgedrückt von mir. Ich denke nur, oft wird von den Angehörigen (so sie zu ihren Verurteilten stehen) erwartet, dass sie voll hinter ihnen stehen oder sich komplett abwenden. Ich kann keines von beiden. Und über "gerechte Strafmaßzumessung"/Schuldfähigkeit möchte ich nicht diskutieren oder urteilen.

Ein Mensch ist tot und das hätte nicht sein müssen. Und die Konsequenzen MUSS er tragen.

Wie ich damit umgehe und unsere Beziehung sehe/gestalte steht auf einem anderen Blatt.

Aber ich kann diese Ungewissheit und Ausgeliefertheit/Hilflosigkeit nicht mehr ertragen, immer die Macht des Richters im Nacken, ich brauche Sicherheit und Konstanz im Umgang mit meinem Mann um auf ihn einwirken zu können und die Beziehung aufrechtzuerhalten, wie auch immer.

Und die Klinik dort gibt mir (wie ich das betrachte) beste Möglichkeiten. Ich will nicht dass er wieder ins Gefängnis geht. Noch nicht. Ich denke es ist besser für ihn wenn er in der Klinik bleibt. Ich weiss nicht was gut für ihn ist. Geht es ihm besser, ist er stabil dann ist er "haftfähig" und wer sagt dass er in Haft seine Medis nimmt, evtl. an Drogen herankommt, nochmal einen psychotischen Anfall bekommt? Aber ich wünsche mir auch nicht dass es ihm schlechter geht, er wieder hochdosierte Neuroleptika nehmen muss, es ist grauenvoll ihn in diesem Zustand zu sehen, wie kann man da reflektieren, über Tat und Zukunft nachdenken? Momentan bekommt er 3x25mg Leponex, 2x2mg Haldol und 3x5mg Diazepam

Es ist schon klar, dass man das nie sagen kann welche Auswirkungen meine Berichte an Ärztin/Psychologin haben werden. Es sind von aussen betrachtet kleine, unscheinbare Details in seinem Verhalten in bestimmten Situationen die wie ich finde schon zu einem Gesamteindruck beitragen (Ohne jetzt näher darauf einzugehen)


Das mit der Vertrauensfrage, da werde ich drüber nachdenken. Danke für die Anregungen.

liebe Grüße,

eine Reisende


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