Psychose Alltagsbewältigung und soziale Kontakte

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Alanis 74
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Psychose Alltagsbewältigung und soziale Kontakte

Beitragvon Alanis 74 » Sa 1. Apr 2017, 21:20

Hallo,
ich leide seit meinem 23. Lebensjahr an einer schizoaffektiven Störung und seit meinem 12. Lebensjahr an Epilepsie. Meine Medikamte sind im Moment Seroquel, Zeldox und Lamotrigin. Ich bin 43 Jahre alt und seit meinem 30. Lebensjahr in Rente (Rente wegen voller Erwerbsminderung, unbefristet) ich habe seit 10 Jahren einen Mini-Job im Büro einer sozialen Einrichtung, da bin ich 2 Nachmittage in der Woche und die Arbeit mache ich auch gerne. Mein Chef und die Kollegen (die meisten sind Sozialpädagogen) wissen von meiner Erkrankung / Behinderung und da muss ich auch nix verstecken. An einem oder zwei Tage die Woche gehe ich noch in eine Tagesstätte für psychisch kranke Frauen, die hauptsächlich kunsttherapeutisch ausgerichtet ist. An den anderen Tagen mache ich meinen Haushalt, Wohnung putzen, Wäsche waschen, einkaufen und was sonst noch so anfällt. Ich habe 14 Jahre in einer therapeutischen Wohngemeinschaft für psychisch Kranke mit Psychosen gelebt und nun seit 2 Jahren wieder in einer eigenen, wirklich sehr schönen Sozialwohnung, ohne Betreuung ! Das klappt auch ganz gut, obwohl mir manchmal die Betreuung auch fehlt, meine Psychiaterin ist der Meinung, dass ich das auch nicht mehr brauche. Habe zur Überbrückung für die Wohnung noch eine Verhaltenstherapie gemacht, die ist jetzt leider zu Ende, da bin ich sehr traurig drüber ! Man kann erst in 2 Jahren wieder eine Therapie beginnen, irgendwie blöd, weil man ist ja nicht gesund oder geheilt, ich bin chronisch krank mit einer 70 %igen Schwerbehinderung.

Was ich eigentlich schreiben will: Ich habe immer wieder Tage, da fällt mir die Decke auf den Kopf, fühle mich einsam und depressiv. Grundsätzlich hat der depressive Anteil bei meiner Psychose IMMER überwogen ! Richtig psychotisch war ich nur 2 mal in meinem Leben. Epilepsie ist stabil, seit 10 Jahren keinen Anfall mehr.

Ich habe große Schwierigkeiten mit anderen Menschen im zwischenmenschlichen / persönlichen Bereich, hab auch schon viele Freunde verloren, im Moment hab ich nur eine gute Freundin, die sehe ich aber nicht oft, weil sie viel zu tun hat. Ich habe auch Familie, meine Eltern wohnen in der Nähe, zu denen hab ich aber ein schlechtes Verhältnis, jedesmal wenn ich dort war, geht es mir hinterher nicht gut, meine Ärztin hat gesagt, ich soll da nicht mehr so oft hingehen. Ich habe noch 3 Geschwister, einer meiner Brüder ist auch krank, er lebt in einem Heim, und noch eine Schwester und noch einen Bruder. Ab und zu mache ich mit denen was, da es in unserer Familie aber immer alles sehr schwierig ist, meide ich das auch eher.

Ich habe immer hundert Ideen, wie ich einen Freundeskreis aufbauen könnte, denke mir aber dann, dass das keiner mitmacht, hab auch schon viele Leute verloren und da muss ein anderer halt auch viel Verständnis aufbringen.

Manchmal mache ich mit einer Arbeitskollegin was, aber auch nicht so oft.

Nachts habe ich Albträume vom Seroquel, schlafe 12 Stunden und morgens hab ich einen total dicken Kopf und Kopfschmerzen.

Eigentlich könnte ich zufrieden sein, weil ich alles selbständig auf die Reihe bekomme, ohne Betreuung, aber mir fehlen halt die Kontakte.

Kennt das hier jemand auch, diese erhebliche Einschränkung im sozialen / zwischenmenschlichen Bereich ?

Würde mich total über Antworten freuen und vielleicht von jemand, dem es auch so geht.

Liebe Grüße, Alanis

mamschgerl
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Re: Psychose Alltagsbewältigung und soziale Kontakte

Beitragvon mamschgerl » So 2. Apr 2017, 12:53

hallo alanis,
da bist du leider nicht allein.
zwischenmenschliche kontakte zu pflegen, bedeutet viel vertrauensaufbau auf beiden seiten, aber wenn man selbst dazu nicht unbedingt in der lage ist, ist so etwas wie freundschaften schließen fast unmöglich.
komischerweise finden sich andererseits immer wieder menschen im leben, die von sich behaupten, ein freund zu sein, aber man selbst ist nicht fähig dazu, das zurückzugeben oder gefühlsmäßig ebenso zu erleben.
kontakte zu pflegen oder immer angepasst zu reagieren, ist nicht jedem gegeben und daher scheitert es oft schon im ansatz.
ich kann ebenso nur einen menschen als freundin bezeichnen und das liegt wohl hauptsächlich daran, daß wir ähnliche erlebnisse in der kindheit hatten. ein gegenseitiges verständnis für die verhaltensweisen ist also schon vorhanden und bedarf keiner erklärungen.
mit personen, deren leben sozusagen geordnet und glatt verlaufen ist, habe ich größte verständigungsprobleme, weder funktioniert es auf der gefühlsebene noch auf sonstigen, es besteht einfach nirgendwo eine gemeinsamkeit, da man aufgrund seiner psychischen probleme schon die meisten dinge völlig anders wahrnimmt und empfindet.
ich wusste schon ziemlich früh, daß ich bis zum lebensende im grunde allein sein werde, mag sein, daß sich im leben der ein oder andere weg mit jemandem kreuzt, der einen innerlich mehr berührt, aber letztlich bleibt man allein.
nun kann man daran verzweifeln oder nicht, ich versuche gerade, ohne medikamenteneinfluss damit leben zu lernen, die psychischen einschränkungen, die ein leben mit partner oder freundes- und bekanntenkreis eben unmöglich machen, zu akzeptieren und mich zu arrangieren.
ich finde es toll, daß du es geschafft hast, alleine deinen weg zu gehen und drück dir auch weiterhin fest die daumen, daß du dich von den depressionen nicht unterkriegen lässt, wo du schon so weit gekommen bist.
einen freundeskreis zu gründen, ist ziemlich anstrengend, weil man quasi die leitung übernimmt und damit auch verantwortlich ist, daß er bestehen bleibt.
ich habe mich während meines berufslebens und im privaten bereich immer mal ab und zu irgendwo dazugesellt, aber nie richtig zu einem kreis bekennen können, was auch nicht notwendig war.
je nach verfassung war ich mal hier, mal dort dabei und das hat völlig ausgereicht, auf beiden seiten.
kaum zu glauben, aber ich galt als gesellig und umgänglich, aber das gelang mir eben auch nur auf diese art und weise, indem ich mir die freiheit genommen habe, wirklich nur in guter verfassung anwesend zu sein.
leider musste ich bis vor knapp vier jahren meine psychischen probleme und symptome mit alkohol und davor zusätzlich mit drogen dämpfen, seitdem bin auch ich unbefristet arbeitsunfähig und berentet.
wie gesagt, nehme ich nun gar nichts mehr zu mir und die symptome sind heftig, aber sie gehören nun mal zu mir, das bin ich, auch wenn dadurch die kontakte zur außenwelt fast völlig unmöglich werden.
nun ist mein bedürfnis nach kontakten aber nicht so groß, im grunde hatte ich durch meine jobs und meine umtriebigkeit ausreichend davon, so daß ich behaupten kann, daß sie mir auch nicht fehlen und ich sie vor allem nicht brauche.
ich muss ehrlich gestehen, daß sich meine kontakte auf meine therapeutin, meine einzige freundin und meinen sohn beschränken und das reicht völlig aus. meine freundin sehe ich alle vier bis acht wochen und nach diesen treffen, die sich über stunden hinziehen, fühle ich mich immer total ausgelaugt, es ist einfach anstrengend, was auch daran liegt, daß ich mich nicht mehr durchgängig konzentrieren kann und oft wegdrifte, es ist schwierig, am ball zu bleiben, auch die zutage tretenden symptome machen das beisammensein nicht gerade einfach, aber es funktioniert irgendwie.
es ist verständlich, daß einem in so einer verfassung nicht gerade viele menschen bleiben. es ist schwer für außenstehende, das mitzuerleben oder damit umzugehen. ich persönlich will es sowieso keinem zumuten geschweige denn, daß ich mich soweit unter kontrolle hätte, die symptome zu unterdrücken, daher bin ich ganz zufrieden mit meinem alleinsein.
in wenigen tagen werde ich 52 jahre alt und beginne, wenn ich endlich wieder meine eigene wohnung habe, was leider noch monatelang dauern kann, wieder einen neuen lebensabschnitt ohne partner, der eben auch unschuldig die letzten jahre meinen zusammenbruch miterleben musste. er kann mir nicht helfen und ich will es auch nicht.
partnerschaft, freundes- oder bekanntenkreis, das sind eben dinge, die für mich nicht in frage kommen aber damit lässt es sich trotzdem weiterleben, vielleicht am ende sogar unbeschwerter, da ich mir dann keine gedanken mehr darüber machen muss, ob ich jemanden mit meinem unvorhersehbaren verhalten verletze.
also, soviel ( und nicht gerade wenig, stelle ich gerade fest :-" ) zu den schwierigkeiten im sozialen und gesellschaftlichen miteinander....
und ja, du kannst wirklich stolz auf dich sein!
alles liebe
mamschgerl

Alanis 74
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Re: Psychose Alltagsbewältigung und soziale Kontakte

Beitragvon Alanis 74 » So 2. Apr 2017, 17:12

Hallo mamschgerl,

vielen lieben Dank für Deine ausführliche Antwort ! Es hat mir echt gut getan, zu hören, dass es Dir auch so geht. Ich denke mir oft, keine oder wenig Freunde zu haben, ist nicht normal, auch mit einer psychischen Behinderung "muss" man gute Freunde haben, weil sie ja für einen da sind und einen unterstützen. Immer dieser Druck "jeder Mensch braucht ein soziales Umfeld und der Mensch ist nur glücklich in Beziehungen mit anderen, jeder Mensch ist ein soziales Wesen"

Was aber, wenn es nicht so ist ? Hat sich da schon mal jemand damit auseinandergesetzt ? Wenn ich von meiner Arbeitskollegin erzählt bekomme, was für einen großen Freundeskreis sie hat, frage ich mich immer, wie macht sie das nur ?

Muss jeder Mensch Freunde zu haben , um glücklich zu sein ? Es gibt auch Einzelgänger in dieser Gesellschaft, aber es werden halt immer nur die gesunden und normalen Menschen toleriert.

Menschen mit einer sozialen Phobie oder einer schizoiden Persönlichkeitsstörung haben auch wenig Kontakte.

Ich bin mit einer narzisstischen Mutter groß geworden, bis heute versuche ich mich aus ihren Klauen zu lösen, was in letzter Zeit besser wird. Trotzdem schwebt sie irgendwie immer wie ein Damokleschwert über mir, sie will über alle Menschen Macht ausüben und Kontrolle bekommen. Sie ist jetzt schon sehr alt und ich muss ehrlich sagen, dass es für mich eher eine "Erlösung" ist, wenn sie stirbt. Mein Leben lang hab ich unter ihr und unter ihren fiesen und gemeinen Manipulationen gelitten. Aber das möchte ich nun endgültig hinter mir lassen.

Mir ist von meinem letzten Partner einiges an den Kopf geknallt worden, er ist dann auch mit meiner Erkrankung einfach nicht mehr klar gekommen und hat sich getrennt. Auch habe ich eine sehr gute Freundin letztes Jahr dadurch verloren, sie hat gesagt, ihr ist das zu anstrengend.

Ich kann gut zuhören, das haben mir auch schon Leute gesagt und ich kann mich auch normal unterhalten. Aber es reicht irgendwie nicht mehr für eine stabile Freundschaft auf Dauer.

Vielleicht ist das dann halt einfach so und dann kann und muss man das akzeptieren. Jeder Mensch ist halt wie er ist.

Nur , wenn man keine oder nur wenige Freunde hat, wird man in der Gesellschaft ja schon wieder als Außenseiter und als komisch angesehen.

Liebe Mamschgerl, ich wünsche Dir für Deinen neuen Lebensabschnitt und in Deiner neuen eigenen Wohnung alles Gute.

Liebe Grüße, Alanis

mamschgerl
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Re: Psychose Alltagsbewältigung und soziale Kontakte

Beitragvon mamschgerl » So 2. Apr 2017, 22:49

hallo alanis,
von klein auf war ich ein außenseiter, ganz einfach, weil ich die gefühlswelt der sogenannten normalen menschen nicht verstanden habe. ich bin in einem umfeld aufgewachsen, von dem sich niemand eine vorstellung machen konnte, wenn ich denn versucht habe, darüber zu sprechen; man hat mir nicht geglaubt, weil es so fernab der norm war.
daß ich umgekehrt nicht in der lage war, an das normale zu glauben oder es zu verstehen, ist logisch, ich habe es genauso wenig kennengelernt.
die symptome meiner psychischen erkrankungen haben mein leben im umgang mit anderen erheblich erschwert und es war nie leicht, so zu tun, als ob ich dazugehören würde, aber leider habe ich mich auch beeinflussen lassen.
schließlich habe ich erkannt, daß es wenige gibt, die tatsächlich freunde haben, sondern eben hauptsächlich bekannte, und das ist nicht schwer.
dann gibt es verschiedene cliquen, kreise, orte, wo man sich ab und an trifft, vereine vielleicht, es verbinden einen lediglich ein oder zwei gemeinsame interessen, aber mehr spielt sich nicht ab, von tiefergehenden bindungen kann da keine rede sein.
deine arbeitskollegin ist vielleicht nicht gerne alleine und pflegt daher einen großen bekanntenkreis, aber wenn man an sich so etwas gar nicht braucht, warum sollte man dann mit aller gewalt so tun, als ob man gesellig wäre?
wenn man, egal aus welchen gründen, eher ungern unter menschen ist, warum sich dann das antun, nur, damit man nicht als eigenbrötlerisch abgestempelt wird?
das privileg, die hintergründe zu kennen, steht nun mal nur echten freunden zu und diese können dann auch damit umgehen, wenn man verabredungen absagen muss, weil man nicht in der verfassung dazu ist.
abgesehen davon, dieses recht hat jeder, ob mit oder ohne psychischen problemen, doch wer sich dann zurückgesetzt oder verletzt fühlt, kann kein freund sein.
meiner mutter habe ich vor ca. 20 jahren einen verbalen tritt in den hintern verpasst und ich habe mich selten in meinem leben so erleichtert und befreit gefühlt. nicht mehr in ihrem dunstkreis zu sein, hat vieles erleichtert.
ich kann nichts für diese eltern, ich habe sie mir nicht ausgesucht und noch weniger hatten sie das recht, mir all das anzutun. ich muss damit weiterleben, daß ich dadurch nicht zu gefühlen fähig bin, die sogenannte normale menschen haben. aber meine depressionen, angst- und panikattacken werden bestimmt nicht besser, indem man mir einreden will, daß mir etwas fehlt und ich durch diverse behandlungsmethoden, die bei weitem noch nicht ausgereift sind, diese fehlenden emotionen erlernen könnte. soll ich ein schlechtes gewissen haben und mich dafür schämen, daß ich so bin, wie ich bin?
mir fehlt nun mal nicht der soziale und gesellschaftliche kontakt, zudem bin ich beziehungsunfähig, schwerst depressiv, habe dissoziationen, albträume, schlafe im zwei-stunden-takt, lache und weine in für andere unpassenden situationen, warum also mich selbst und andere quälen und dazu um gefühle trauern, die nie da gewesen sind?
wenn das mal erkannt würde und die hilfe dahingehend zielte, daß man lernte, damit zu leben, dann wäre all die mit therapeuten verbrachte zeit wesentlich sinnvoller.
aber das bleibt einem am ende selbst überlassen und jeder muss seinen weg finden, damit umzugehen.
mittlerweile versuche ich nicht mehr, so zu sein wie alle ( von denen viele ebenfalls ihre rollen spielen ) und im grunde völlig an der realität vorbei zu leben.
es ist schon viel mehr schein als sein und nicht alle sind so glücklich und zufrieden und mit vielen freundschaften gesegnet, wie sie vorgeben. aber es ist schon so, wie du sagst, ein mensch mit wenig sozialem umgang wird mit argwohn betrachtet, ein mensch mit psychischen problemen und depressionen um so mehr, schließlich will man nicht mit dem unglück anderer belastet werden, was auch völlig verständlich ist, da jeder sein päckchen zu tragen hat.
mittlerweile neige ich sogar dazu, meinen zusammenbruch und meine berentung als einen umstand zu betrachten, der nicht der schlechteste ist. schließlich muss ich mich dadurch nicht mehr zwingen, nicht aufzufallen. ich kann mir die kontakte aussuchen und bin freier als zuvor.
das erhöht die qualität des umgangs mit anderen ungemein, denn der ist jetzt freiwillig und gewollt.
mit meiner familie verfahre ich schon länger so, ich habe nur noch zu einem meiner drei brüder kontakt, meine schwester lebt in vietnam und der zwischenzeitliche, rege austausch ist abgebrochen. uns vereinen nur schlimme erinnerungen und an die will keiner mehr rühren.
ja, ich will nicht viel, nur eine tür, die ich hinter mir schließen kann, ruhe, privatsphäre, keinen druck mehr, anderen etwas vorzuspielen, ich denke, dann pendelt sich einiges wieder ein.
in diesem sinne
l.g. mamschgerl

Alanis 74
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Re: Psychose Alltagsbewältigung und soziale Kontakte

Beitragvon Alanis 74 » Mo 3. Apr 2017, 09:58

Hallo mamschgerl,

ich stimme Dir vollkommen zu ! Werde den Kontakt zu meiner Mutter komplett abbrechen, sie ist eine sadistische, grausame Narzisstin, die andere Leute quält und runter macht um sich besser zu fühlen. Sowas will ich in meinem Leben nicht mehr haben !

Ich glaube es ist wichtig zu schauen, was oder wer einem gut tut, wo man sich hinterher nicht noch schlechter fühlt.

Ich fange gerade mit Sport an (Radl fahren, spazieren gehen und schwimmen), weil ich glaube, dass das für die Psyche sehr gut ist.

Stimmt Du hast Recht, wenn man im Grunde gar kein Bedürfnis nach einem großen Bekanntenkreis hat und eigentlich so zufrieden ist, alleine oder halt nur mit einer Freundin, dann ist das auch ok. Und dann sollte man sich auch von diesem gesellschaftlichen Druck befreien.

Ich war von klein auf an, genau wie Du, ein Außenseiter. Im Kindergarten habe ich mit den anderen Außenseitern gespielt, in der Grundschule war ich besser integriert, aber in der Hauptschule war ich wieder nur mit Außenseitern zusammen, wobei damals die ganze Schulklasse aus Außenseitern bestand.

In einer Gesellschaft, wo keiner mehr ohne Smartphone, Facebook und Internet leben kann, alles sich immer schneller dreht, die Leute immer aggressiver werden und jeder einem Bild wie aus der Werbung entsprechen soll, schlank, hübsch, toller Job, tolle Freundin, ein lieber Partner, ein riesiger Freundeskreis, eigenes Auto, tolle Familie etc. etc. ist kein Platz für Randgruppen, die aufgrund einer Behinderung / Erkrankung oder sonstigen Lebensumstände aus der "normalen" Gesellschaft heraus fallen.

In den letzten Jahren ist ja das Schlagwort "Inklusion" groß in Mode gekommen, vielleicht tut sich da noch was und die Gesellschaft wird offener für Leute die nicht mehr richtig am gesellschaftlichen Leben teilhaben können, weil sie krank sind.

Mal schauen....

Liebe Grüße an Dich Mamschgerl,

Alanis

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Re: Psychose Alltagsbewältigung und soziale Kontakte

Beitragvon mamschgerl » Mo 3. Apr 2017, 12:13

hallo alanis,
die schnelllebige zeit, die eine immer größere flexibilität und noch mehr einsatzbereitschaft und verfügbarkeit voraussetzt, um überhaupt daran teilhaben zu können bzw. zu dürfen, verhindert leider oft, daß sich diejenigen, die sich eben über vorgegaukelte idealbilder definieren müssen, auch nur minimalstes interesse an den randgruppen zeigen können bzw. wollen.
im gegenteil, die verfahrensweise diverser ämter, die zur hilfestellung gedacht sind, machen den hilfebedürftigen das leben doppelt schwer.
in einem angestrebten leben, das aus purem sonnenschein bestehen soll, ist für die außenseiter kein platz.
aber nun gut, jeder nach seiner facon, nur sollten die sonnenkinder, die in verantwortlichen stellen sitzen, sich nicht als human bezeichnen, denn von respektvollem umgang kann hier keine rede sein, geschweige denn von achtung der würde.
die würde wird einem in dem moment genommen, in dem man um hilfe bittet. es werden bedingungen daran geknüpft, vorschriften sind einzuhalten, man muss sich entblössen, ganz abgesehen davon, daß einem das gefühl vermittelt wird, ein sozialschmarotzer zu sein, der alleine der gnade der ämter ausgeliefert ist.
ich sehe da keine änderung seitens der verantwortlichen, sondern eine vergößerung des abstandes zwischen denjenigen, die fleißig in der tretmühle mithalten können und denen, die dazu nicht mehr in der lage sind.
krankheiten bedeuten schwäche und fehlende "humanrecourcen", dazu kosten sie den staat auch noch geld.
ich glaube nicht daran, daß die natur des menschen im großen und ganzen schon soweit gediehen ist, wirklich da human zu handeln, wo es nötig ist, von diesem bild ist die menschheit noch meilenweit entfernt, sie trampelt die schwachen lieber noch weiter in den boden hinein.
ich möchte trotzdem darauf achten, nicht griesgrämig zu werden und auf gott und die welt schimpfen, das macht es letztlich auch nicht besser.
früher nahm ich an vielen demos teil und habe mich zeitweise auch politisch etwas engagiert, doch man muss schon aus einem besonderen holz sein, um sich da seinen idealismus zu bewahren und den nötigen pragmatismus zu entwickeln, um etwas zu verändern.
ich habe einfach nicht die kraft, ruhig und gelassen über mißstände zu diskutieren und nicht die fassung zu verlieren, dafür ist meine allgegenwärtige wut auf die vielen ungerechtigkeiten einfach zu gross.

schöne ziele hast du dir gesetzt, vor allem die körperlichen aktivitäten möchte ich auch angehen, aber dazu brauche ich noch etwas zeit.
und ich überlege mir gerade, ob das wort außenseiter nicht auch bedeuten könnte, daß man eben nicht im allerweltsbrei versinkt, sondern sich im gegenteil seiner andersartigkeit bewusst werden sollte. diese nicht als manko zu empfinden, nur weil man anderen unbequem erscheint und als nicht anpassungsfähig, könnte man durchaus positiv betrachten.
vielleicht sind wir ja ganz besonders? :shock:
gerade gutgelaunt
l.g. mamschgerl

Alanis 74
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Re: Psychose Alltagsbewältigung und soziale Kontakte

Beitragvon Alanis 74 » Mo 3. Apr 2017, 19:50

Hallo Mamschgerl,

klar wir schwimmen nicht mit, sondern gegen den Strom, sind Außenseiter, unbequem, aber vielleicht gerade deshalb auch sehr interessant ? Kein 0815 -Mensch, der jeden Tag von morgens bis abends arbeitet, dann nach Hause kommt und sich vor den TV knallt :D
Wenn es mir nicht gut geht und ich mit jemand unabhängigen reden will, rufe ich manchmal bei der Telefonseelsorge an, kostet und nix und da sind wirklich tolle Leute, die gut zuhören können. Ein paar von denen haben auch schon gesagt, ich führe ein interessantes Leben.

Trotzdem, wenn ich nicht am gesellschaftlichen Leben teilnehmen kann, weil mir das Geld für teuere Konzerte, Ausstellungen und sonstiges Kulturelles fehlt und man sich unter Menschen auch immer irgendwie anders vorkommt, wie Du ja auch schon geschrieben hast. Ich bin anders, und das merken auch manche Leute. Kommt vor, dass ich in der U-Bahn auch blöd angeschaut werde, weil ich aufgrund meiner Epilepsie manchmal leichte Zuckungen im Gesicht habe. Ich habe zittrige Hände und manchmal fällt mir an der Kasse im Supermarkt deswegen das Geld auf den Boden. Ich kann kein Buch mehr lesen, weil mir die Konzentration fehlt und so versuche ich mich mit anderen Dingen zu beschäftigen.

In meiner Wohngegend hat ein paar Straßen weiter ein neues Cafe eröffnet, ein Integrationsbetrieb mit 12 Mitarbeitern und 7 davon sind behindert. Sowas finde ich gut.

Das mit den Ämtern ist wirklich totale Mist, vielen Frauen in meiner Tagesstätte geht es auch so. Eine psychisch kranke Frau in meiner Tagesstätte gibt privat Klavierunterricht, weil sie das gelernt hat und kann kaum Geld dafür verlangen, weil es ihr vom Hartz 4 wieder abgezogen wird. Sie macht es , weil sie es gerne tut und somit auch beschäftigt ist. Ich sag ja bloß ...

Wünsche Dir einen schönen Abend :)

mamschgerl
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Re: Psychose Alltagsbewältigung und soziale Kontakte

Beitragvon mamschgerl » Di 4. Apr 2017, 09:45

hallo alanis,
ja, das hat system...
als mein mann verstarb, da war mein sohn gerade 2 1/2 jahre alt, bekam ich zur sozialhilfe witwenrente, waisenrente und kindergeld, klingt gut, war aber zum leben zuwenig und zum sterben zuviel. ich habe also als bäckereiverkäuferin gearbeitet, eine tagesmutter engagiert ( nicht vom jugendamt, denn die konnte ich mir nicht leisten ) und vollzeit gearbeitet. danach kam ich bei einer autovermietung unter und arbeitete mich vom autozusteller über den counter zur außendienstlerin hoch. zwischendrin half ich bei meinem spezi als zimmermädchen und kellnerin aus, danach landete ich irgendwann in einer zeitarbeitsfirma, wo ich mich von einer telefonaquise über teamassistentin, dann disponentin bis zur abteilungsleiterin hoch arbeitete.
in dieser ganzen zeit wurde jeder cent, den ich dazuverdiente, von der witwenrente abgezogen, es dauerte also jahre, bis ich endlich soweit war, mehr als zu anfang zu verdienen und endlich mal sagen zu können, daß es zum leben gut reicht und ich meinem sohn auch eine mitgliedschaft im fußballverein ermöglichen konnte oder ab und zu ins kino gehen.
leider brannte zwischendrin meine wohnung ab, mein kompletter hausstand inklusive allem ( kleidung etc. ) war futsch und ich hatte keine hausratversicherung, also nahm ich einen kredit auf. du kannst dir vorstellen, daß eine wohnungseinrichtung, kleidung für zwei und all der krimskrams, den man braucht, eine menge geld kostete und die monatliche kreditrate war nicht gerade klein.
also habe ich noch mehr gearbeitet, am wochenende weiter als zimmermädchen und kellnerin, um wieder über die runden zu kommen, was ich aber aufgeben musste, weil ich in meinem hauptjob rund um die uhr und jederzeit zur stelle zu sein hatte, urlaub kenne ich nicht, konnte ich mir auch nicht leisten, irgendwann war dann halt schluss mit lustig, zusammenbruch.
krankengeld, eu-rente, witwenrente, das reicht hinten und vorne nicht, alle verbindlichkeiten blieben unbezahlt, ich meldete insolvenz an.
ich dürfte einen 450,- € job ausüben, mir würde von der eu-rente nichts abgezogen, aber von der witwenrente, abgesehen davon würde prozentual einiges an die insolvenzverwalterin fließen. ich habe es durchgerechnet, mir bliebe von diesem job natürlich gar nichts übrig. ungeachtet dessen, daß ich nicht arbeiten kann, weil alle voraussetzungen, auch für den "einfachsten" job, nicht mehr vorhanden sind, wäre also jede anstrengung sinnlos, denn es würde wieder jahre dauern, bis ich aus diesem finanziellen loch herauskäme und ich schaffe das nicht noch einmal, ohnehin habe ich das hauptsächlich für meinen sohn durchgehalten, ich selbst war noch nie vorher so eifrig dabei oder einsatzbereit bis zum umfallen, nur um einen job behalten zu können, bei dem man nicht mal krank werden durfte. ich war es auch nie, bis ich nach 9 jahren in dieser firma wegen gebärmutterhalskrebs ( vorstufe ) 6 wochen ins krankenhaus musste, aber selbst in dieser zeit wurde mir unterschwellig immer bei jedem heuchlerischen anruf nach meinem befinden klargemacht, daß ich gefälligst schneller gesund werden sollte.
ich habe zwei wochen gearbeitet und bin dann zusammengebrochen, als ich wagte, nein zu sagen und wüst vom chef beschimpft wurde.
wenn man nun die vorgeschichte meiner psychischen erkrankungen kennt und auch alle folgeerscheinungen, ist zum einen klar, wieso ich diesen untragbaren zustand in dieser firma jahrelang ertagen habe, aber eben auch, warum dieser tag das fass zum überlaufen brachte.
tja, und jetzt lebe ich wieder so, zum leben zuwenig, zum sterben zu viel und gebe noch mtl. einen für mich persönlich hohen betrag an die insolvenzverwalterin ab.
all das, was ich mir erarbeiten konnte, ist weg, freizeitvergnügungen ade, das war's.
und trotzdem, jetzt, da alles sprichwörtlich den bach runtergeht, sehe ich einen nullpunkt, an dem wieder etwas neues beginnen kann, einen punkt, an dem ich, befreit von dem druck einer partnerschaft, alles finanzielle geregelt ist ( wenn man das so sagen kann ) , mit eigener wohnung, wieder vor einer zukunft stehe, die zwar völlig unbekannt ist, aber auch spannend sein kann und ich hoffe, daß ich wieder neugierig darauf werde.
und ich werde wieder unterwegs sein, im wald, in der natur, und mich mit niemandem mehr abgeben, der mich überfordert oder der mir gegen den strich geht und kontakte nur dann zulassen, wenn ich es will.
sicher, mehr geld wäre schön und würde vieles erleichtern, aber für den anfang muss das genügen und irgendwann ist die insolvenz auch vorbei, so gesehen in ca 3 jahren, also auch hier ist licht am ende des tunnels.
ich kann mir das alles schönreden, denn ich habe keine lust mehr, nur alles schlechte zu erkennen.
im grunde genommen habe ich mich, teils gewollt, teils ungewollt, von allem befreit, was mir das leben schwer machte und das ist etwas verdammt gutes.
jetzt muss ich nur noch mit mir selbst klarkommen... :silly:
liebe grüße
mamschgerl

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Re: Psychose Alltagsbewältigung und soziale Kontakte

Beitragvon fluuu » Di 11. Apr 2017, 14:14

Hallo,
mir ist der Satz, "jeder braucht ein normales soziales Umfeld" aufgefallen. Wie soll das gehen wenn wie in Deinem Fall
bei schwerer chronischer psychischer Erkrankung das Meiste in den Gefühlen unnormal ist, dann ist der soziale Kontakt
der hauptsächlich aus seelischen Empfindungen besteht, auch unnormal. Es wird so vieles in der Gesellschaft angepriesen
was normal ist und man unbedingt haben sollte, für einen voll erwerbsgeminderten Frührentner trifft das Meiste nicht
zu und somit auch nicht der soziale Klassiker mit den vielen Freunden und Kontakten. Auf der anderen Seite, wenn es
viel Einsamkeitsgefühl in der Wohnung gibt, kann ein Schritt vor die Haustür Wunder wirken. Jedoch mit Sozialkontakt
ist nicht nur ein fester Freundeskreis gemeint der wie ein Besitz permanent zur Verfügung steht und nicht nur geben
kann sondern auch Forderungen stellt, sondern die vielen kleinen spontanen Begegnungen bis hin zu einem Lächeln
auf der Straße, die zwar alle flüchtig sind aber dennoch Kontakte mit positiven Gefühlen bedeuten ganz ohne Konsequenzen.
Ein psychisch betroffener Mensch ist vor allem mit sich selbst beschäftigt und seinen eigenen seelischen Empfindungen,
wenn ihm das gelingt kann er weitestgehend selbstständig leben und mit der richtigen Portion Wahrnehmung auf
die Umwelt auch Glücksmomente erleben die Anderen verschlossen bleiben und bekommt so die Kraft und Energie
für den Alltag auch ohne den rühmlichen Freundeskreis der belegen soll wie beliebt man ist. Ein Psycho versucht sich
vor allem selbst zu lieben, das verspricht die beste Lebensqualität und ist auch aus buddhistischer Sicht ein guter Weg.
gruß fluuu

kostenlose psychosoziale Online-Beratung
www.seelegut.de


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