Erfahrungsbericht aus Klinik

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Su Wang
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Re: Erfahrungsbericht aus Klinik

Beitragvon Su Wang » Di 8. Dez 2015, 03:36

Hallo Remedias,

Hinsichtlich der Dosierung geb' ich Dir natürlich Recht.
Vielleicht wolltest Du dann aber auch mal versuchen, Dich für nur mal diesen einen Moment, wo das zu entscheiden ist, in die Gefühlswelt eines Aufnahmearztes hineinzudenken, der einen erstmals anfälligen Patienten ja gar nicht kennt, und daher sicher selber nicht ruhig schlafen oder halt an sein weiteres Tagwerk gehen könnte, wenn er da "einfach nur so", oder um es dem zu zeigen, wer da grad das Sagen hätte, gleich mal immer die Höchstdosis verordnet.

Was Du danach schreibst ist schon viel näher am Thema:
In dem Moment, wo Du eines davon "wählen" würdest, arbeitest Du selber bereits mit, wie man es sich besser gar nicht wünschen könnte.
Besonders aber tätest Du Dir damit selbst den allergrößten Gefallen, manchem sehr entscheidend dafür, wie jemand mit einer psychischen Beeinträchtigung, gleich welcher Art, sich arrangieren erlernen kann, ist, ob er sich mit wirklich aller ihm möglichen Hingabe und Ehrlichkeit, auch gegen sich selbst dann, drauf einlassen kann, und die Sache akzeptieren, wie sie nun mal ist.

Auf eine Sache einwirken zu können - hier beispielsmäßig: unerwartet entstandenen und für den Moment nicht mehr steuerbar auftretenden Zuständen zu begegnen, soweit und in dem Maße wie dies einem selber dann überhaupt noch möglich ist - braucht es zuersteinmal das, daß man sich über die dann gerade noch verfügbaren "Werkzeuge" einen Überblick verschafft, denn mehr wird man für den akuten Moment nicht zur Verfügung haben. Wenn man halt das Pech hat, wo dann alles so übel zusammenkommt, und man vielleicht auch noch auf Personal trifft, das bis dahin vielleicht eh schon einen Scheiß-Tag hatte, da ist's naturgemäß halt nun mal äußerst kontraproduktiv, vehement auf andere Behandlung zu bestehen, nur weil man mal irgendwann vielleicht gelesen hätte, daß es das gar nicht geben dürfe, was man gerade erlebt.

Ebenso, verzeih', weit weg von aller Realität ist es, von den von Dir hier jetzt angeführten Soteria-Konzepten zu träumen, wenn hierfür eh nur ganz bestimmte Psychosepatienten-Typen in Frage kommen, mit denen soetwas überhaupt machbar erscheint

Wo ein Schiff absäuft, muß man, bevor man springt, halt nochmal kurz rekapitulieren, wie das mit dem Schwimmen nochmal ging. Für sehr viel mehr könnte in diesem Moment kein Raum sein.

... und wenn man sich in eine Psychiatrie zwangseingewiesen wiederfindet - dann kann man sich auch noch so viel Mühe gegeben haben und achtsam gewesen sein, daß genau das einem nicht passiert -, kann man aber noch immer so viel Instinkt aufbringen, was da zum "Überleben" jetzt angesagt wäre: Alle sonstige im Laufe eines an Zurücksetzungen nicht eben armen Lebens, wie's nun mal uns allen widerfährt, vielleicht antrainierte Aufmüpfigkeit im Dienste der Sache also vielleicht eben doch mal für den Moment zu "überspielen" resp. mal kurz auszusetzen damit.
Nachher passiert einem da auch gleich viel weniger. Schon gar nichts, was dann gleich auch noch ein Trauma begründen könnte.

Und keineswegs ist Psychose ein Trauma.
Nichteinmal würde ich zustimmen, wenn man eine Psychose in gerader Linie als regelmäßige Äußerungsform eines Traumas einordnen wollte.

Traumen entstehen im Ergebnis von tiefsten Ohnmachtserfahrungen.

Dazu braucht's aber dann zusätzlich noch den Eindruck, die Wirkung, daß es aus dieser Ohnmacht und Peinigung kein Entrinnen geben könnte.

Im beschriebenen Fall sind jener Person, die der TE da kennt, gleich schon im ersten Moment seiner Gegenwehr noch Ideen entstanden, wie er sich dagegen - wenngleich auch erst nach 5 Jahren so umzusetzen überhaupt erst angefangen - späterhin dagegen wehren will.
Ergo hat ihm dieses Gefühl längeren Ausgeliefertseins gar nicht erst entstehen können. Allein ein Blick auf die Mitpatienten ringsher hätte ihn eine Alternative zumindest erahnen lassen.
Ergo auch kein Trauma, von dem er meint, es könnte ihm hierbei gleich schon eines entstanden sein, oder aber - noch unwahrscheinlicher für Traumenentstehung schlechthin - daß ihm eine gescheiterte Liebe eines eingetragen hätte.

Bei wirklich schon manifesten Traumen kann nicht ausgeschlossen werden, daß diese mit unguten Erlebnissen in einer Psychiatrie dann wieder in gewisser Weise "bedient" würden.
Aber dann auch nur da, wo die Therapie noch längst nicht bis zum wirklichen Kern vorgedrungen war.

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Remedias
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Re: Erfahrungsbericht aus Klinik

Beitragvon Remedias » Di 8. Dez 2015, 17:45

Hallo Su Wang,
In dem Moment, wo Du eines davon "wählen" würdest, arbeitest Du selber bereits mit, wie man es sich besser gar nicht wünschen könnte.
wenn Du das so siehst, wärst du schon eine der guten Psychiater. Denn du würdest davon ausgehen, dass ich in der Lage bin, zu wählen.
Oft tun Ärzte nicht einmal das. Sie denken, dass der Patient per se nicht weiß, was gut für ihn ist.
Hinweise auf Unverträglichkeiten werden beispielsweise gerne ignoriert.
Wenn man halt das Pech hat, wo dann alles so übel zusammenkommt, und man vielleicht auch noch auf Personal trifft, das bis dahin vielleicht eh schon einen Scheiß-Tag hatte, da ist's naturgemäß halt nun mal äußerst kontraproduktiv, vehement auf andere Behandlung zu bestehen, nur weil man mal irgendwann vielleicht gelesen hätte, daß es das gar nicht geben dürfe, was man gerade erlebt.
Professionalität darf nicht mit Glück oder Pech zusammenhängen. Jeder Patient, auch derjenige, der gerade Pech hat, verdient eine professionelle Behandlung, in der ärztliche Ethik und die Gegebenheiten des Rechtsstaates eingehalten werden.
Ich weiß, ich lege die Latte hier sehr hoch.

ich gebe dir aber mal ein anderes Beispiel: Stell dir vor, ich hätte Krebs, verweigere aber die Chemo. Ist doch eigentlich selbstgefährdend, oder? Trotzdem wird mich kein Arzt auf der Welt zwangsbehandeln.,

Psychiatrische Patienten sollten die gleichen Rechte wie somatische Patienten haben.
Ebenso, verzeih', weit weg von aller Realität ist es, von den von Dir hier jetzt angeführten Soteria-Konzepten zu träumen, wenn hierfür eh nur ganz bestimmte Psychosepatienten-Typen in Frage kommen, mit denen soetwas überhaupt machbar erscheint
Das interessiert mich: Welcher Typ von Psychosepatient kommt dafür in Frage?
Soweit ich weiß, hat Soteria zunächst mit armen psychotischen Menschen, mit Obdachlosen angefangen.

In einer normalen Klinik muss ein reizoffener Mensch sehr viele Reize aushalten, weshalb - das vermute ich nur- auch mehr NL eingesetzt wewrden müssen. Ich weiß noch, dass ich sehr überfordert war mit ständig wechselnden Bettnachbarinnen, Lärm, etc. Eigentlich half da nur Tavor - was auch freigiebig verteilt wird.
Nachher passiert einem da auch gleich viel weniger. Schon gar nichts, was dann gleich auch noch ein Trauma begründen könnte.
Zwangseinweisung ist traumatisch. In dem Moment, in dem die Schlösser zuschnappen und die Polizei Handschellen anlegen möchte, falls man nicht "freiwillig" in den Krankenwagen einsteigt, erfährt man Gewalt.
Oder glaubst du, alle Psychisch Kranken hätten per se schon Gewalterfahrungen und wären solch eine Behandlung gewöhnt?
Die meisten zumindest das erste Mal nicht.
Die nächsten Male sind sie dann ganz cool und reden von "Einfahren", so wie gewisse Gefängnisinsassen.
Aber wer möchte schon eine Situation erleben, in der man vor Kollegen, Chefs, Familie, Nachbarn und je nach Größe des Wohnortes auch in der ganzen Stadt so bloß gestellt wird?
Ich bin in einer Frauengruppe von Frauen mit solchen Erfahrungen - wir alle haben Flashbacks.

Traumen entstehen im Ergebnis von tiefsten Ohnmachtserfahrungen.
Was ist denn Psychose sonst?
Du fasst den Traumabegriff viel zu eng, nämlich dass es
Du wirst vom eigenen Körper sozusagen "verraten".
Auch nach Operationen und auch mit chronischen Schmerzen kann man alle Zeichen eines PTBS zeigen, weshalb hier auch mit EMDR behandelt wird. http://www.traumatherapie.de/users/erdmann/schmerz.html

Bei der Psychose drehst du durch und kannst dich dagegen nicht wehren, es nicht aufhalten - größere Ohnmachtserfahrung gibt es doch kaum, oder?
Jeder Mensch verlässt sich in gewissem Sinn auf seinen Verstand. Diese Verlässlichkeit bröckelt weg. Es braucht Jahre, bis man der eigenen Wahrnehmung wieder vertrauen kann.
Nichteinmal würde ich zustimmen, wenn man eine Psychose in gerader Linie als regelmäßige Äußerungsform eines Traumas einordnen wollte.
Richtig.
Psychose und PTBS werden aber zu gerne miteinander verwechselt,.

Psychosen und bestimmte Auswirkungen posttraumatischer Belastung führen leicht zu Verwechslungen. 30 % aller Schizophreniediagnosen sind Fehldiagnosen. Hochdissoziative Borderline-Klienten werden als multipel diagnostiziert, oder Menschen die tatsächlich eine dissoziative Identitätsstörung haben, werden als schizophren diagnostiziert, weil man den Schilderungen von Grauen und Gewalt nicht Gauben schenken möchte oder kann
http://www.traumatherapie.de/users/brei ... hydra.html

Aber dann auch nur da, wo die Therapie noch längst nicht bis zum wirklichen Kern vorgedrungen war.
Welche Therapie denn? In der Akutpsychiatrie gibt es vorallendingen Medikamente.


Nochmals zu den Fixierungen: Ich verstehe das Argument, dass man sich manchmal nicht anders zu helfen weiß. Es gibt auch Patienten, die darum ersuchen ( meine Idee davon war, dass sie irgendwie gehalten werden wollten, und das ging nur um den Preis einer Fesselung).
Es ist leider aber auch so, dass Patienten gefesselt werden, weil sie "nerven" .

Mit freundlichen Grüßen Remedias

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Su Wang
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Re: Erfahrungsbericht aus Klinik

Beitragvon Su Wang » Mi 9. Dez 2015, 14:15

Hallo Remedias,

Ich will's mal so beantworten:

Man könnt's am besten gleich wieder mit dem Computer vergleichen. Da hat's all die Regeln, wonach der überhaupt funktioniert, nur "Maschinensprache" versteht, diese Sache mit den Einsen und den Nullen, von denen nachher wieder die inseitigen Halbleiter zur Halbleitung angeregt werden. Dies ist das Eine. Aber selbst das, was am Monitor nachher schon draus geworden ist, also Schrift oder Bilder oder auch Abfolgen von Tönen, ist noch nicht das schlußendlich Eigentliche, wofür dieses Andere alles gebraucht ist. Vielmehr nachher erst das, wozu das alles dem Anwender am Ende dient; was er damit anstellen kann.

Und so sollte man sich nachher auch diese ganzen Dinge um die Psyche des Menschen vorstellen: Als eigentlich getrennte Mirkrokosmen, von denen der eine dieser ganze "Kram" mit der Funktion der Nerven, der Botenstoffe, der Übergabestellen (Synapsen) dieses Eine darstellt. Für dieses KANN man sich interessieren, muß man aber nicht. Das kann man alles getrost der Wissenschaft und eben Forschung überlassen, die am Ende schon irgendwas herausfiltern werden, was die Psychiatrie dann auch wieder weiterbringt.

Denn auch hier ist das Eigentliche etwas, das sich nur schwer fassen und wissenschaftlich beschreiben läßt, gleichwohl es aber so existiert, und man es sich schon vorstellen (können) müßte, um - schneller - begreifen zu erlernen, was da in einem drinnen überhaupt abläuft.

Ich nenn's hier jetzt mal die "Denkpfade", welche im Grunde geradlinig auf ein (völlig beliebiges; da könnte man gerade jeden Denkprozeß hernehmen) Ziel zulaufen.
Im Verlauf seiner Persönlichkeitsentwicklung "wachsen" dem Menschen von diesen geradlinigen Pfaden nach den verschiedensten Seiten hin Verzweigungen, und jedes Erlebnis stellt sozusagen eine Merktafel dort dann auf.

Einige ganz Wenige sind imstande in Teilbereichen beim sozusagen Begehen dieser Pfade geradlinig auf's Ziel hin zu Denken, die Merktafeln auszublenden. Das sind dann etwa solche "Mathematik-Genies", die im Kopf blitzschnell Berechnungen mit zehnstellige Zahlen hinbekommen.

Die meisten aber lassen uns von diesen Merktafeln zumindest in unseren Denkprozessen ersteinmal ausbremsen; gar noch "verlaufen" wir uns in die Seitenwege.

Dies nur vorausgeschickt.
Natürlich wirst Du das so kaum irgendwo beschrieben finden, und noch viel weniger gibt es überhaupt auch nur Ansätze empirischer Erhebungen über diese Vorgänge.

Und wenn Du Dir nun aber diese imaginären Denkpfade oder -leitungen vorstellen kannst, dann weiters bitte auch so, daß, was über diese Wege läuft, spezifische Belastungen, Veränderungen, Verschleiß oder auch Beschädigungen einträgt; so wie es im "richtigen Leben" den Straßen und Wegen auch passiert.
Rohrleitungen etwa könnten sich weiten, verengen, brüchigwerden, verstopfen, verbiegen, gar verknoten.
(Hier nur erwähnt, damit diese Abstrahierung in etwa plastisch vorstellbar bleibt.)

Bei einem Trauma kommt es zur Überlastung und zu solchen Veränderungen. Die Denkpfade verbiegen sich sozusagen, und wo es zu Berührungen kommt - nachdem die Empfindungen der Menschen ebenso stets nur über diese Pfade geführt werden - kann es kurz- oder längerzeitig zu "Verschweißungen" kommen; Kurzschlüssen und heftigsten Irritationen in der Folge dann.

So läßt sich dann vielleicht auch gleich schon erahnen, auf welche Weise ein Trauma irgendwann dann auch mal wieder auflösbar wäre.

Manch einer wird dies als abstrus abtun.
Das sind dann meist jene, die sich selber darinnen verrennen, indem sie - was grundsätzlich erstmal völlig legitim erscheint, nachdem man ja schließlich wissen will, was man da jetzt für eine Störung oder Krankheit hätte - alles, was sie darüber lesen, hören oder sonstwie in Erfahrung bringen, irgendwie in Übereinstimmung mit ihren eigenen Empfindungen und Vorstellungskraft zu bringen versuchen, und alles dann so weit relativieren und reduzieren, bis es in ihr Bild von der Sache paßt.

Vorwärts kommen sie damit kein Stück.

Neben dem, was ich schon schrieb, daß man also stets nur das zur Lösung des eigenen Problems zur Verfügung hat, was da im Moment und am jeweiligen Ort gerade angeboten wird - also auch, wenn der "gute" und verständnisvollere Arzt gerade Frei hat und nur dem noch wär' man anheimgefallen, mit dem man eh noch nie gut gekonnt hatte, der von seinem Fach, für das er angetreten ist, kaum überhaupt sonderlich was versteht, wie man meint -, neben dem also muß man dann auch einfach mal akzeptieren, daß man nie auf einen treffen wird, der dies alles, was man selber dazu bereits "zusammengetragen" hätte, nachher, unterstellt "idealerweise", auch selber in seinem Behandlungsansatz so berücksichtigen wird, wie man dies gern hätte und eben meint, daß es NUR SO dann optimal sein könne. Das ist einmal sehr auch abhängig vom Herangehenskonzept der jeweiligen Einrichtung, und nicht zuletzt eben auch individuell von Arzt zu Arzt oder Therapeut zu Therapeut verschieden, wie er es einschätzt.

Genauso muß eine Vordiagnose nicht zwangsläufig falsch gewesen sein, wenn sich halt späterhin eine andere Sicht ergeben hatte.
Wo Dich ein Arzt in dieser Auffassung nicht korrigiert, solltest Du vielleicht gleich erstmal schon selber etwas kritisch sein, statt nur die Bestätigung zu empfinden.

Man kann durchaus mit Traumen leben, ohne daß sich gleich jedesmal eine PTBS draus entwickeln wird.
Und Psychose ist auch keine Ohnmachtserfahrung wie ich sie gemeint hatte.

Ich weiß sehr gut, was Du mit dem Dir offenbar entstanden Gefühl nach Bemerken der "Schäden" die Psychosen verursachen können, hinsichtlich abhandengekommener Verläßlichkeit Deines Verstandes meinst.
Wenn Du das allerdings als Ohnmacht nur empfinden kannst, entschuldige, dann bist Du an dieser Front (noch) falsch aufgestellt. Damit erklärst Du Dich abhängig von etwas, was in dieser gekannten Form nicht wieder vollständig zurückkommen wird und blockierst Dich selber beim Wieder-auf-die-Füße-Kommen.


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