Zuckerwatte mit Nutella & Marmelade - auf Kriegsfuß mit Mia

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beast within
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Zuckerwatte mit Nutella & Marmelade - auf Kriegsfuß mit Mia

Beitragvon beast within » Fr 8. Mai 2015, 18:23

Hallo liebe Leser/innen Bild

Ich möchte hier ein Kapitel meines Lebens niederschreiben, in dem ich fast 9 Jahre mit meiner atypischen Bulimie gefangen war. Vom schleichenden Anfang über die absoluten Tiefschläge und skurrile krankheitsbedingte Erlebnisse bis hin zum "Ende" der Krankheit, über das sich womöglich streiten lässt, denn ich habe zwar die Auswirkungen der Bulimie (Fressanfälle, Erbrechen, Abführmittelmissbrauch, ...) hinter mir gelassen, jedoch kann ich das Thema Essstörung an sich noch nicht endgültig abhaken, da mein Verhältnis zum Essen wohl noch lange nicht der "gesunden Normalität" entspricht.

Hinsichtlich meiner Krankheitsbilder betrachte ich dieses kranke Geschehen/mein Leben oft mit schwarzem Humor und etwas trockenem oder auch fragwürdigem Sarkasmus, was bei anderen nicht selten so ankommt, als würde ich mich über psychische Erkrankungen auf eine merkwürdige Art lustig machen, was so gesehen nicht der Fall ist. Wenn ich diesbezüglich tatsächlich Witze mache, dann auf meine eigenen Kosten, aber nicht auf die der anderen. Es ist lediglich das Resultat meiner etwas eigensinnigen Wahrnehmung dieses ganzen Trauertheaters, das bereits von meiner Kindheit an den Eindruck eines Akts des endlosen Wahnsinns vermittelt. Daher sollte sich hier kein (selbst betroffener) Leser auf den Schlips getreten fühlen.

Aufgrund dessen, dass möglicherweise einige oder auch viele der folgenden Beiträge über die Zeit mit der Bulimie für Betroffene triggernd sein könnten, werde ich (so gut ich es einschätzen kann) diese dementsprechend mit einer Triggerwarnung am Beitragsanfang versehen.

Sollten jemandem Anmerkungen oder Kommentare auf der Zunge (oder in den Fingern) brennen, tippt einfach drauf los (:

Liebe Grüße
beast within

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Gefundenes Fressen
Realer Albtraum
Say "cheeese" triggernd
Zuletzt geändert von beast within am Mi 13. Mai 2015, 22:52, insgesamt 1-mal geändert.

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Zuckerwatte mit Nutella & Marmelade - auf Kriegsfuß mit Mia

Beitragvon beast within » Fr 8. Mai 2015, 23:06

Gefundenes Fressen

Rückblickend hatte ich noch nie einen gesunden Bezug zum Essen, nur war es nie jemandem aufgefallen, weil ich mir das Ausmaß dieses ungesunden Bezugs nicht anmerken ließ. Ich habe bereits in meiner frühen Kindheit, soweit ich mich zurück erinnern kann, unangenehme Gefühle und unterdrückte Emotionen im Essen erstickt und das passierte sehr häufig heimlich, weil ich Angst davor hatte, dass mir jemand hätte sagen können, ich solle nicht so oft und viel am Tag essen.

Aufgrund dieser immer wieder aufgetretenen heimlichen Zwischensnacks nahm ich natürlich über die Jahre etwas zu und dass ich „ganz schön pummelig“ geworden war, bekam ich von meinem Vater mal direkt ins Gesicht gesagt als ich 9 Jahre alt war. Ich weiß noch, dass ich an diesem Tag einen roten Pullover anhatte und dass mir diese Erkenntnis kurz vor dem Abendessen mitgeteilt worden war. Obwohl ich eigentlich keine großartigen Probleme oder Komplexe bezüglich meiner Figur hatte, hatte es mich insgeheim trotzdem verletzt, diese Worte von meinem Paps zu hören. Aber es dauerte nicht lange und dann erstickte ich auch diese Erkenntnis im Essen.

Nach dem Schulwechsel nach der vierten Klasse bekam ich dann bezüglich meiner etwas pummeligen Figur eine fiese Art des Mobbings ab, wobei sich das Ausmaß der oberflächlichen Grausamkeit der anderen noch in Grenzen hielt. Es hätte weitaus schlimmer sein können und trotzdem gab es mir des Öfteren den Anstoß über eine Diät nachzudenken, nur blieb dieser Diät-Gedanke nur ein Gedanke und wurde nie in die Praxis umgesetzt. Nach der neunten Klasse machte ich meinen Abschluss und ging weiter auf eine andere Schule, in der das erste Jahr in der zehnten Klasse noch halbwegs normal ablief. Ich durfte mir immer noch hin und wieder dumme Sprüche anhören, aber es war nicht mehr ganz so enorm wie zuvor.

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Beitragvon beast within » Sa 9. Mai 2015, 10:28

Realer Albtraum

In den letzten beiden Wochen der Sommerferien vor der elften Klasse veränderte sich mein Essverhalten schlagartig. Ich wollte morgens wie gewöhnlich frühstücken, was ich grundsätzlich seit Jahren nur noch an den Wochenenden und in den Ferien tat, denn unter der Woche bekam ich es aufgrund meiner morgendlichen Trödelei nicht auf die Reihe, deshalb bestand mein Pseudo-Frühstück von montags bis freitags lediglich aus einer Zigarette. Ich stand vor offenem Kühlschrank und musterte den Inhalt, überlegte mir was ich frühstücken sollte, kam aber zu keinem Ergebnis, weil mich beim Anblick des vollen Kühlschranks auf einmal eine Welle von Übelkeit überkam, weshalb ich dann letzten Endes nichts aß und ich dachte mir nicht viel dabei. Mittags kochte meine Mutter Spaghetti Bolognese und insgeheim freute ich mich fast den ganzen Vormittag über darauf, weil es eines meiner Lieblingsgerichte war. Kurz bevor das Essen fertig war, ging ich in die Küche und holte mir etwas zu trinken und wieder überkam mich aus heiterem Himmel diese merkwürdige Übelkeit, nur diesmal war sie nicht mit dem Anblick, sondern mit dem Geruch des gekochten Essens verbunden. Je länger ich mich in der Küche aufhielt und mit diesem Geruch konfrontiert war, desto mehr bekam ich das Gefühl, als würde es mir den Magen umdrehen und dieses Gefühl wurde so penetrant, dass ich die Flucht zurück in mein Zimmer ergriff und das Mittagessen ausfallen ließ. Meine Mutter meinte, dass ich mir womöglich eine Grippe eingefangen hätte und das klang für mich nach einer logischen Erklärung, deshalb hinterfragte ich die Übelkeit auch nicht weiter. Selbst das Abendessen ließ ich aus.

Dieser eine Tag wiederholte sich hinsichtlich der Übelkeit, die mir einen gewaltigen Strich durch mein Essen machte und am Nachmittag fing ich insgeheim an, an einer möglichen Grippe zu zweifeln, weil es mir seltsam vorkam, dass sich eine Grippe lediglich durch eine derartige Form der Übelkeit äußern sollte, aber ich fand auch keine andere plausible Erklärung. Am dritten Tag war sie immer noch da, aber aufgrund der beiden vorherigen Tage ohne jeglichem Essen wurde ich von einem unglaublichen Hunger getrieben, den ich nicht mehr zurückhalten konnte, weshalb ich mich trotz diesem flauen Gefühl im Magen über eine Käsebreze hermachte. Ich stand allein in der Küche, zupfte mir ein Stück nach dem anderen von der Breze ab und aß es, nur kam ich nicht sehr weit, denn bereits nach etwa einem Viertel blieb ich quasi auf der zerkauten Pampe in meinem Mund sitzen, denn ich konnte es plötzlich nicht mehr schlucken. Ich hielt inne und fragte mich tatsächlich, ob ich nicht mehr alle Tassen im Schrank hätte und versuchte es erneut zu schlucken, aber es passierte nichts dergleichen. Es war, als hätte sich wie aus dem Nichts eine Blockade aufgetan und schließlich spuckte ich die Pampe in den Mülleimer. Anschließend ging ich leicht paralysiert in mein Zimmer, legte mich ins Bett und zog mir die Decke über den Kopf. Der einzige Gedanke, den ich noch klar fassen konnte, war das ist ein Albtraum, es ist zu verrückt um real zu sein.

In den darauffolgenden Tagen musste ich mich wohl oder übel damit abfinden, dass ich mich tatsächlich in der Realität befand und dass der Albtraum nicht nur ein grauenvolles gedankliches Geschehen war. Und obwohl meine Mutter nicht durchgehend zuhause war, war ihr trotzdem aufgefallen, dass ich die letzte Zeit über kaum etwas gegessen hatte und das wiederum trieb mich an, ihr eiskalt ins Gesicht zu lügen. Ich tischte ihr immer wieder auf, dass ich bereits etwas gegessen hätte als sie nicht zuhause war und sie glaubte mir. Es war auch nicht vollkommen gelogen, denn wenn ich allein war, versuchte ich tatsächlich immer wieder etwas zu essen, nur lief es jedes Mal wieder so schräg ab wie mit der Käsebreze. Es landete täglich also nicht mehr als lediglich ein paar Happen Essen in meinem Magen und nach einigen Tagen bekam ich selbst von diesen paar Happen das Gefühl, als hätte ich mich völlig überfressen. Mir wurde durchaus bewusst, dass irgendetwas nicht stimmen konnte, aber das „was“ und „warum“ waren offene Fragen, die mir Angst machten, deshalb sagte ich auch kein Wort zu meiner Mutter oder meinen beiden Geschwistern. Ich verschwieg es und stempelte es nach langem Kopfzerbrechen als pubertäre Phase ab, die sich nach einiger Zeit wieder in Luft auflösen würde. Wahrscheinlich tat ich das aus Angst und Überforderung mit der Situation, die ich noch einige Zeit zuvor ironischerweise im Essen erstickt hätte.

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Beitragvon beast within » Mi 13. Mai 2015, 22:46

Say "cheeese" *triggernd

Am ersten Tag der elften Klasse sah ich nach den sechs Wochen Sommerferien meine beste und auch einzige Freundin wieder und einer ihrer ersten Kommentare lautete erstaunt, ich hätte abgenommen, was mir selbst nur minimal aufgefallen war, da ich bereits keinen richtigen Kopf mehr für derartige Dinge hatte, denn die meiste Zeit über hing ich mit meinen Gedanken an dem eigentlich so geliebten Essen, das ich aus mir unerklärlichen Gründen nicht mehr richtig konsumieren konnte. Ich schenkte meiner Freundin lediglich ein ausdrucksloses "ja, kann sein" und ging nicht weiter darauf ein, lenkte stattdessen mit der Frage von mir ab, wie ihre Ferien waren. Sie verfiel in ein scheinbar endloses Schwärmen, denn sie hatte in den Ferien ihren ersten richtigen Freund kennen gelernt und es war nur eine Frage der Zeit, bis ich dank ihm abgeschrieben wurde, denn ich war eine schlechte Konkurrenz. Ich fing an meine Freundin zu hassen, da sie wochenlang in jeder freien Minute nur noch von ihm redete und keine Zeit mehr für mich übrig hatte, außer in der Schule, da war ich gut genug als Zuhörerin für ihre auf Dauer nervtötenden Schwärmereien.

Woche für Woche lebte ich nur noch stupide vor mich hin und ertrug meine "pubertäre Phase", die mich immer weiter in die schlechte Laune trieb, weil es oft Momente gab, in denen ich am liebsten den ganzen Kühlschrank geplündert und verschlungen hätte, stattdessen hing ich fast tagtäglich an meinen zwei bis drei Scheiben Käse, die ich noch einigermaßen problemlos essen konnte. Meine Lügereien meiner Familie (insbesondere meiner Mutter) gegenüber wurden mit der Zeit so zur Gewohnheit, dass sie mir beinahe schon locker flockig über die Lippen rutschten, als wäre es etwas ganz normales gewesen. Ich erzählte ihr, was ich den ganzen Tag über in der Schule gegessen hätte und dass ich mich teils sogar spätnachmittags noch so unglaublich voll davon fühlte, dass ich abends kaum noch einen Bissen hinunter bekam. Es war so einfach zu lügen und es wurde so leichtgläubig angenommen.

*Aufgrund der wochenlang sehr mager ausgefallenen Ernährung reduzierte sich mein Körpergewicht natürlich immer mehr, ich merkte es vor allem an meinen Klamotten. Insbesondere meine Hosen saßen auf einmal sehr locker, was mir Angst machte, weshalb ich anfing mich mit flüssigen Kalorienbomben zu vergnügen (Milchshakes, Coke, ...), um wenigstens annähernd auf die tägliche Menge an Kalorien zu kommen, die ich eigentlich gebraucht hätte. Wirklich geholfen hatte es nicht, weshalb ich als Resultat meiner überdosierten Grübeleien eine abartige Idee ausbrütete. Ich produzierte den Gedankengang, dass sich mein heimliches Verlangen nach Essen vielleicht allein durch dessen Geschmack in meinem Mund stillen lassen könnte und einen derartigen Versuch unternahm ich auch, sobald ich mal wieder allein zuhause war. Ich nahm einen leeren Joghurtbecher und aß ein Nutellabrot, kaute sorgfältig darauf herum und erlebte einen wahrhaftigen Geschmacksorgasmus. Da ich es aber nicht schlucken konnte, spuckte ich die zerkaute Pampe in den leeren Joghurtbecher. Dieser widerliche Ablauf wurde so oft wiederholt, bis das komplette Nutellabrot nur noch in dieser jämmerlichen Konsistenz existierte und letzten Endes samt Joghurtbecher in einer separaten Mülltüte landete, die wiederum sofort in der Mülltonne versenkt wurde, um meine erbärmlichen Spuren zu verwischen. Diese Verstand verarschende Methode fand von da an noch einige weitere Male statt.

*Gegen Ende November wendete sich das Blatt plötzlich und es passierte beim ersten Mal alles so schnell, dass es mir im Nachhinein fast schon unreal vorgekommen war. Ich hatte wieder meine wenigen Scheiben Käse gegessen, fühlte mich dadurch fast schon überfüllt, bestand aber insgeheim nur noch aus Hunger. Jeder Gedanke bezog sich aufs Essen und als hätte es mir auf einmal eine Sicherung heraus gehauen, bewegte ich mich wie ferngesteuert und von dieser penetranten und residierenden Sehnsucht nach Essen getrieben, holte mir etwas aus dem Kühlschrank, setzte mich ins Wohnzimmer auf die Couch und stopfte mir Lebensmittel in den Mund, die ich wahrhaftig hinunterwürgte. Einerseits fragte ich mich, was um alles in der Welt ich da eigentlich tat, andererseits war ich unglaublich erleichtert und befriedigt, weil endlich wieder mehr als diese elendigen Käsescheiben die Speiseröhre hinab wanderten. Und so wie ich zuvor vom Hunger getrieben worden war, wurde ich im Anschluss von einer so ekelhaften und grauenvollen Gefühlsmischung der Überfüllung und Beschmutzung getrieben, die mich immer noch wie ferngesteuert zur Toilette gehen und erbrechen ließ. Ich hatte währenddessen kurzzeitig wieder den Gedanken, dass es alles nur ein Albtraum sein müsste, aber im nächsten Moment stellte ich fest, dass es wirklich passierte. Aufgrund dessen, dass ich mir aus irgendwelchen Gründen den Finger nicht in den Hals stecken konnte, griff ich zur Zahnbürste und steckte mir diese so tief in den Mund, bis ich anfing zu würgen und mein Mageninhalt nach und nach wieder heraus kam.


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