Eine Tasse Leben ohne Zucker, bitte

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Ellenor
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Eine Tasse Leben ohne Zucker, bitte

Beitragvon Ellenor » Di 22. Jan 2008, 11:45

Das Fensterbrett war kalt. Also zog ich meine angewinkelten Beine dichter an den Körper. Es war noch ganz dunkel draußen. Nur selten fuhr ein Auto über die nasse Straße. Das Licht des Mondes wurde ab und an von zarten Wolkenfetzen unterbrochen. Und zeitweise schob sich ein kräftiger dunkler Schwaden, angetrieben vom stürmischen Wind, über den nachtblauen Himmel. Eine bedrückende Stille breitete sich in meinem Zimmer aus. Dieselbe Stille die mich heute Morgen vorsichtig aus meiner Traumwelt zog. Fast wie gelähmt lag ich in meinem Bett. Wagte es kaum zu atmen. Gleich würde wieder alles in mein Bewusstsein strömen. Gleich ist alles wieder Realität. Und meine zähflüssige Gedankenwelt wird die Seele versuchen zu ersticken.
Ich wehrte mich. Das war wahrscheinlich der Fehler. Mein Widerstand gegen diesen bleiernen Gefühlszustand schleuderte mit ganzer Wucht zu mir zurück. Die Kraft die ich täglich, oder besser noch stündlich aufbringen musste, um zu atmen oder mich zu bewegen, stoppte mich jetzt. Und das mit einer so ungeheuren Heftigkeit, das es mir sämtlich Lebensgeister entzog. Alle Hoffnung hatte sich von mir entfernt, doch ich konnte sie noch spüren. Egal wie groß die Entfernung war. Was hatte ich getan? War mein Wille, mein Weg nicht völlig klar gewesen? Habe ich es denn nicht gesehen, mein Leben? „Ich muss wieder aufstehen, egal wie oft ich noch auf dem Boden liege. Ich muss. Ich muss. Ich muss.“, rede ich mir krampfhaft ein. Und ja genau, das ist es. Es ist ein einziger Krampf. Meine Versuche, endlich selber zu gehen. Endlich aufrecht zu stehen. Sie bleiben nur Versuche, an denen ich ständig scheitere. So wie auch an diesem morgen. Ich breche in Tränen aus. Weil die Verzweiflung schon wieder alles unsichtbar gemacht hat. Dieser bedrohliche Nebel umarmt die ganze Welt. Und ich kann nichts mehr sehen. Meine Hilflosigkeit macht mich wahnsinnig. Die Unfähigkeit und mein Versagen zerreißen mich. In diesem Moment, an diesem Morgen, kurz bevor ich zur Arbeit muss und über meiner Tasse Tee zusammensacke, weiß ich dass der Tee schon kalt geworden ist. Genau wie dieses Leben.
„Wir können die Dosis erhöhen.“ „Sie sind psychisch krank.“ „Du musst was essen.“ „Wie siehst du denn aus?“ „Du musst mal wieder schlafen.“ „Hast du geweint?“ „Nimmst du Drogen?“ „Was ist passiert?“… Hört auf! Seid endlich ruhig! Seid still! Denn ich kann euch keine Antwort auf eure Fragen geben, keine Erklärungen oder halbwegs vernünftige Sätze erwidern. Denn „Ich weiß es nicht.“ Ich weiß nicht was ich fühle, wie es mir geht, was los ist. Ich habe keine Ahnung.
Wie oft habe ich schon mit mir und meinen Problemen gearbeitet? Mich mit meinem Dasein auseinander gesetzt? Meine komplette Geschichte immer wieder von vorn erzählt? Wie viel Tabletten und Therapeuten werden noch kommen? Und wie viel Zeit habe ich schon verloren? Was werde ich noch alles verlieren bis ich auch etwas finde, was ich behalten darf?
Ich bin noch nicht alt genug, um sagen zu können "Das war’s." Und ich weiß auch das noch eine Menge gute Dinge passieren werden. Aber wird es jemals genug sein, wofür sich dieser Weg gelohnt hat, zu gehen? Sicher nicht. Doch werde ich ihn trotzallem bis zum Schluss folgen.
Ich nehme einen letzten Schluck vom kalten Tee und bemerke das er nicht mehr gut schmeckt. Also schütte ich ihn weg ...und überlege ob ich mir einen neuen machen soll...



mfg Ellenor
Trink das Leben aus der Schnabeltasse=)

Rike
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Beitragvon Rike » Di 22. Jan 2008, 14:01

Liebe Ellenor,

du schreibst mir aus der Seele, danke dafür.
Du hast lyrisches Talent, mach da mal was draus, schreib ein buch, vielleicht eine Art Tagebuch?! ich würde es mir sicher kaufen.

Hab dich wohl,
Gott sei mit dir.

In Liebe,
die Rike
Ade
Ein Freund ist der, der die Melodie deines Herzens kennt und sie dir vorsingt, wenn du sie vergessen hast.

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Remedias
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Beitragvon Remedias » Di 22. Jan 2008, 15:44

Hallo @Ellenor,
deine Geschichten sind für mich eine Verschlüsselung;
du stehst an einem Scheideweg,
du möchtest das Andere wagen,
aber traust dich noch nicht.
Alles ist unsicher,
nirghends ist der Friede,
nach dem du dich sehnst.
Du brauchst Mut,
ich bin ziemlich zuversichtlich,
dass du ihn eines Tages finden wirst,
und dann werden dich einige nicht wieder erkennen.
Geh - mach´ dir eine andere Tasse Tee - o ja!
liebe Grüße Remedias

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Xcat
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Beitragvon Xcat » Di 22. Jan 2008, 20:46

Hi Ellenor,

auch wenn spürbar Schmerz dahinter steckt, finde ich den Text sehr schön, denn ich kann mich damit identifizieren.

Solche Texte zu schreiben kann auch eine befreiende Wirkung haben, oder einem selbst einige Sachen und Zusammenhänge klar machen.

lg Tom
„Ich möchte immer so sein, wie diesen Morgen: mich einfach nur normal fühlen!“ Xcat

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Ellenor
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Beitragvon Ellenor » Mi 6. Feb 2008, 18:23

Schön das der Text bei euch angekommen ist. Das freut mich sehr.


:lol:
Trink das Leben aus der Schnabeltasse=)

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Ellenor
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Beitragvon Ellenor » Sa 9. Feb 2008, 14:42

Hallo Wolfgang, :mrgreen:

Zurzeit gehts mir nicht so besonders. Manchmal überrollen mich die Depressionen komplett. Da liege ich weinend auf dem Boden rum oder trinke um mich danach zu übergeben("seelisches Auskotzen"). Leider bringt es nie die gewünschte Wirkung. :morning: Und zum Alkoholiker bin ich übrigens noch nicht geworden-ich muss meinem Vater ja nicht alles nach machen. Die meiste Zeit bin ich abwesend. In der Ausbildung sprechen mich die Leute Fünfmal an bis ich es mitkriege. :|
Ich bin vor kurzem 18 geworden. :bday: War aber ziemlich angetrunken und fuhr früh um 4 in irgendeiner Bahn durch die Gegend,in der ich eingeschlafen bin. Davor bin ich mit irgendeinem Mädel in ihre Wohnung gegangen und wir haben geredet. Ich war nämlich bei Freunden und wollte mit denen in den Geburtstag rein feiern. auf dem nach Hause Weg habe ich meine Haltestelle verpasst. Und ab da an kann ich mich nur noch verschwommen an alles erinnern. :oops: Jedenfalls war ich um sechs wieder zu Hause. Mit der FAmilie haben wir aber schön zu fünft gefeiert. Hat mir gefallen. :)
Ich versuche seit längerem einen Platz in einer Tagesklinik zu bekommen. Eigentlich hätte ich seit gestern auch einen Platz in der Kinder und Jugendpsy. Hatte schon ein Vorgespräch, in dem ich wieder den ganzen Mist erzählen musste.. Leider wird das jetzt doch nichts. Da ich ja 18 bin und die Krankenkasse das nicht übernimmt. Im März hab ich vielleicht noch eine Chance in die Tagesklinik für Erwachsene zu kommen. Aber nur wenn ich Glück habe. Das dauert alles. Ich hoffe nur das sehr bald etwas passiert.Ich kann nämlich nicht mehr. :sad: Gar nicht mehr.

lg Ellenor
Trink das Leben aus der Schnabeltasse=)

Aki
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Registriert: Di 29. Jan 2008, 11:21

@Wolfgang

Beitragvon Aki » So 9. Mär 2008, 15:55

Für soetwas hat schon mal jemand etwas
bezahlt ??
Das waren wohl Menschen mit einer höchstgradigen
Amnesie, welche unbedingt wissen möchten,
was in der Nacht für homo-und ach- so heterosexuelle Dinge passiert sind.
(Da hilft auch das Freud-Bild nichts.)
Alle anderen werden davon wohl wenig profitieren
allerhöchstens in ihrem Tun sinnlos aufgehalten.
Ja, ja der Eiermann, der klingelt bei mir auch immer
zweimal.
(Für den ist das doch geschrieben , oder ?
Es hört sich zumindest danach an.)


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