Warum dieser Zwang zur Kausalität???

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MarvinS
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Warum dieser Zwang zur Kausalität???

Beitragvon MarvinS » Di 23. Okt 2007, 21:23

Mir ist heute während einer Methodenlehre-Vorlesung etwas durch den Kopf gegangen... es ist ja allgemein eine weit verbreitete Tendenz, insbesondere im Alltag psychologische Modelle wie die Instanzenlehre Freuds usw. so hinzunehmen, als wären sie schlichtweg "da" wie ontologische Entitäten: Irgendwo in meinem Kopf sitzt das Ich, links neben dem Es und gegenüber vom Über-Ich... Das ist alltägliches Denken ohne das Bewusstsein davon, dass gerade Freuds Begriffe eher Metaphern sind und gedankliche Konstrukte...
Dieser "Modellcharakter" wird ja in der Wissenschaft immer wieder betont: Modelle stehen nichtmals in einem Abbildverhältnis zur Realität, sondern sind nur Gedankengebäude, gedankliche Gerüste, mehr nicht.

Was mich dabei aber wundert, ist, dass von allen wie selbstverständlich hingenommen wird, dass die Wissenschaft in ihrem modernen Verständnis und insbesondere nach dem quantitativen Paradigma als einzige durch die Methode des Experimentes Kausalhypothesen aufdecken kann und als solche im Gegensatz zur Alltagspsychologie Hypothesen verifizieren und falsifizieren kann.

Warum aber diese "Verabsolutierung" des kausalen Denkens, wer legt fest, dass "richtige" wissenschaftliche Zusammenhänge immer kausal sein müssen? Dass überhaupt überall Kausalität vorherrschen muss?

Es wurde ja schon in der Philosophie Kants behauptet, dass "Kausalität" eine der Verstandeskategorien sei, die alle Menschen gemeinsam haben, eine Art "allgemeines Denkprinzip" - ich finde das allerdings fraglich und wundere mich, warum trotz allem Bewusstsein vom Theorienpluralismus kaum jemand danach fragt, wieso wir so selbstverständlich davon ausgehen, dass die Welt so weitgehend von Ursache-Wirkungszusammenhängen, von einem Bedingungsgefüge, bestimmt sein muss: Das "Gerüst" des "Gerüstes" quasi, der "Rahmen" einer Theorie wird also doch wieder als `"Seinseinheit" angenommen, auch wenn noch so oft behauptet wird, dass Theorien nur konstruiert sind...

Was mich noch wundert ist außerdem, dass dieses "Kausalitätsdenken" ja in gewisser Weise auch einen Determinismus enthält - zumindest in logischer Hinsicht - wenn man versucht, alles kausal zu erklären, impliziert das, dass die Ursache die Wirkung determiniert...

Sind wir so in diesem kausalen Denken "gefangen", dass wir uns - ohne dass es uns bewusst wird - immer wieder die eigene Freiheit, d. h. die Willensfreiheit, absprechen?

Hoffe, jemand versteht, was ich meine...

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moni
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Beitragvon moni » Di 23. Okt 2007, 22:27

Hallo Marvin
Hoffe, jemand versteht, was ich meine...
#-o

Meinst du, warum wir alles zu erklären versuchen, was wir sind und was um uns herum ist und passiert? Wie was warum genau so und nicht anders geworden oder herausgekommen ist? Und ihm dadurch den Zauber des Geheimnisvollen nehmen? Oder eben den Gedanken ihre, dem Willen seine Freiheit?

Na ja ... ich denke, wir Menschen sind von Natur aus Forscher, die nach Erklärungen von Phänomenen suchen. Schon bald nachdem kleine Kinder anfangen zu sprechen, kommen die Warum-Fragen zu allem und jedem.

Genauso sind wir aber auch Träumer und lieben Geheimnisse, sind fasziniert von unerklärlichen Phänomenen und tauchen staunend in fantastische Geschichten - und wollen sie gar nicht bis auf den Grund erklärt haben ...

Die beiden Teile sind bei jedem Menschen wohl unterschiedlich ausgeprägt.

Auf Psychotherapie übertragen: In der meinigen ist beides spürbar: Das Suchen nach (und Finden von) Erklärungen und das Stehen vor Fragezeichen, die auch einfach so stehen gelassen werden (müssen).

Ehmm ... die ersten vier Abschnitte deines Textes habe ich glaub nicht so wirklich verstanden ... :roll:

Liebe Grüsse

moni
Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden.
Hermann Hesse

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Oblomow
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Beitragvon Oblomow » Di 23. Okt 2007, 23:07

MarvinS hat geschrieben:...es ist ja allgemein eine weit verbreitete Tendenz, insbesondere im Alltag psychologische Modelle wie die Instanzenlehre Freuds usw. so hinzunehmen, als wären sie schlichtweg "da" wie ontologische Entitäten: Irgendwo in meinem Kopf sitzt das Ich, links neben dem Es und gegenüber vom Über-Ich...
Ist das denn so? Ich wäre jetzt eher überrascht, wenn jemand Freuds (oder auch anderer) Theorie als Fakt hinnehmen würde. Letztlich ist es ein Modell, mehr nicht.

Gerade in der Psychologie ist es eher schwierig (wenn nicht unmöglich) eine Art Naturgesetz zu finden. So ist es doch wohl heute so, das es zu verschiedenen Theorien auch verschiedene Therapieansätze gibt. So stellt es sich zumindest für mich als Laien dar.
Warum aber diese "Verabsolutierung" des kausalen Denkens, wer legt fest, dass "richtige" wissenschaftliche Zusammenhänge immer kausal sein müssen? Dass überhaupt überall Kausalität vorherrschen muss?
Das erscheint mir grundsätzlich logisch.
Nenn doch mal ein zwingend akausales Beispiel.
Eine Wirkung, ein Ereignis zu dem es keine Ursache gibt.

Was mich noch wundert ist außerdem, dass dieses "Kausalitätsdenken" ja in gewisser Weise auch einen Determinismus enthält - zumindest in logischer Hinsicht - wenn man versucht, alles kausal zu erklären, impliziert das, dass die Ursache die Wirkung determiniert...
Und genau das lässt sich ja auch wunderbar rekonstruieren.
Sind wir so in diesem kausalen Denken "gefangen", dass wir uns - ohne dass es uns bewusst wird - immer wieder die eigene Freiheit, d. h. die Willensfreiheit, absprechen?
Ich würde diese Dinge nicht vermischen. Wenn wir von Kausalität reden, können wir wissenschaftlich damit arbeiten und Ursache und Wirkung untersuchen. Die Willensfreiheit ist ein sehr abstrakter und nicht klar definierter Begriff für etwas, das bisher noch niemand wissenschaftlich darlegen konnte. Wenn du von Willensfreiheit redest, sprichst du genauso von einem Modell wie beim Es, Überich usw. welche du ja ganz oben selber schon korrekterweise als Gedankenkonstrukt eingestuft hast.

Ich persönlich halte die Willensfreiheit für sehr fraglich. Ein paar elektrische Impulse auf die richtige Stelle direkt aufs Hirn und man sieht, wie weit es mit der Willensfreiheit ist. ;)
Am Ende ist alles ein Witz
(Charles Chaplin)

MarvinS
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Beitragvon MarvinS » Mi 24. Okt 2007, 14:11

danke für eure Beiträge :)
Ist das denn so? Ich wäre jetzt eher überrascht, wenn jemand Freuds (oder auch anderer) Theorie als Fakt hinnehmen würde. Letztlich ist es ein Modell, mehr nicht.

Gerade in der Psychologie ist es eher schwierig (wenn nicht unmöglich) eine Art Naturgesetz zu finden. So ist es doch wohl heute so, das es zu verschiedenen Theorien auch verschiedene Therapieansätze gibt. So stellt es sich zumindest für mich als Laien dar.
In der Alltagspsychologie ist es durchaus so, dass der "Modellcharakter" zum Beispiel der Instanzenlehre verloren geht und es oft so klingt, als hätten wir "Schubladen" in unserem Gehirn oder verschiedene Bereiche, die zum Beispiel nur das Bewusstsein steuern, Bereiche, die für Sucht verantwortlich sind (z. B. nucleus accumbens usw) usw.
In der Psychologie gibt es schon ein "Modellbewusstsein" - was ich meine, ist, dass aber die Grundannahme - also unser Denken, das den Modellen vorgeschaltet ist, zu wenig reflektiert oder als selbstverständlich hingenommen wird , da wird geredet, als wäre Kausalität ein Selbstzweck: Es wird einerseits immer wieder betont, dass keine universal gültigen Gesetze aufgestellt werden (siehe Induktionsproblem), gleichzeitig wird aber Kausalität wie ein Naturgesetz behandelt...
Nenn doch mal ein zwingend akausales Beispiel.
Eine Wirkung, ein Ereignis zu dem es keine Ursache gibt.
Das habe ich mich dann auch gefragt: was sind eigentlich die Alternativen zum kausalen Denken? Wie sähe eine Wissenschaft aus, die nicht so sehr danach strebt, Kausalbeziehungen nachzuweisen...

Eine Alternative wäre ein rein deskriptives und auf Erklärungen verzichtendes Vorgehen, was aber zu reduktiv ist, eine andere Alternative wäre eine eher "narrative Psychologie", die Menschen eher dabei hilft, ihre eigene Welt sinnvoll zu konstruieren in Form von Geschichten. Auch das wäre nur ein Entwurf - genauso wie das "Kausalitätsdenken" nur einer ist.

Dass die Welt nicht zwingend in jedem Punkt kausal sein muss, erkennt man ja auch daran, dass Zusammenhänge, die zuerst für kausal gehalten werden, sich irgendwann nur als Korrelationen entpuppen und andere Kausalbeziehungen "entdeckt" werden, die die alten Sachverhalte erklären - die aber vielleicht auch wieder nur "versteckte Korrelationen" sind?
Nur was steht am Anfang?


Nichts? Irgendetwas "Geistiges", etwas "Göttliches" - oder nur die Einsicht, dass Kausalität ein Trugschluss und nur "Wunschdenken", nur eine Vereinfachung und letztendlich nicht auflösbar ist?

Diesen Aspekt mit dem Willen hab ich deshalb reingebracht, weil unsere so verbreitete Annahme oder Hofffnung, frei entscheiden zu können, im Widerspruch zu diesem "Kausalitätsdrang" steht.

Und nur ein Teil einer Kausalkette zu sein hätte den Vorteil und den Nachteil, dass man sein Handeln nicht mehr begründen müsste und wirlich "frei" wäre... und ich weiß nicht, wohin das führen würde...

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Oblomow
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Beitragvon Oblomow » Do 25. Okt 2007, 02:35

MarvinS hat geschrieben:In der Psychologie gibt es schon ein "Modellbewusstsein" - was ich meine, ist, dass aber die Grundannahme - also unser Denken, das den Modellen vorgeschaltet ist, zu wenig reflektiert oder als selbstverständlich hingenommen wird , da wird geredet, als wäre Kausalität ein Selbstzweck: Es wird einerseits immer wieder betont, dass keine universal gültigen Gesetze aufgestellt werden (siehe Induktionsproblem), gleichzeitig wird aber Kausalität wie ein Naturgesetz behandelt...
Das Induktionsproblem halte ich für ein sehr theoretisches Problem. Passend dazu gibt es von Popper die Forderung um Falsifizierbarkeit einer Aussage. Übertragen heißt das (auf unseren Fall übertragen und vereinfacht jetzt): Wenn man Kausalität nicht a priori als gegeben hinnehmen will/kann, sollte man sie zumindest als richtig in Betracht ziehen und zwar solange, bis jemand den Gegenbeweis liefern kann.
Eine Alternative wäre ein rein deskriptives und auf Erklärungen verzichtendes Vorgehen, was aber zu reduktiv ist, eine andere Alternative wäre eine eher "narrative Psychologie", die Menschen eher dabei hilft, ihre eigene Welt sinnvoll zu konstruieren in Form von Geschichten. Auch das wäre nur ein Entwurf - genauso wie das "Kausalitätsdenken" nur einer ist.
Irgendwo hab ich dieses Zitat hier schon mal gepostet. Ich mag es und es passt genau zu deinem gesagten, deswegen nochmal:
Das Potenzial der Psychoanalyse liegt dann freilich nicht so sehr darin, ein seelisches Troja zu finden. Ihr Potenzial liegt in der Möglichkeit, dass sich der Mensch eine symbolische Geschichte verschafft. Eine innerste Geschichte, in deren Licht er sich als Mensch begreifen kann. (geo 05/06)

Im gleichen Heft (Themenschwerpunkt des Heftes war Freud zum 150.) gab es noch ein Beispiel vom Analytiker persönlich. Er hatte einen seiner eigenen Träume gedeutet.
Genau das freilich ist die symbolische Geschichte, die Freud sich in seiner „Traumdeutung“ selbst gibt – er hätte durchaus eine andere erzählen können, wie der Historiker Carl Schorske bemerkt.

Ich möchte Kausalität in der Psychologie nicht grundsätzlich absprechen (Im Gegenteil) aber ich halte sie für extrem schwierig zu greifen. Der Mensch unterliegt per Geburt (und schon davor?) so extrem vielen unterschiedlichen Einflüssen, dass es unmöglich ist alle zu erfassen. Genau das wäre aber nach wissenschaftlichen Gesichtspunkten notwendig. Es reicht imho nicht aus, dass Person A und Person B beiden in Situation X das gleiche widerfahren ist, um von Kausalität zu sprechen. Entsprechend halte ich hier ein individuelles Konzept, das sowohl nach Korrelationen sucht als auch die narrative Psychologie miteinbezieht für wünschenswert. Beides ist einfach unumgänglich.
Dass die Welt nicht zwingend in jedem Punkt kausal sein muss, erkennt man ja auch daran, dass Zusammenhänge, die zuerst für kausal gehalten werden, sich irgendwann nur als Korrelationen entpuppen und andere Kausalbeziehungen "entdeckt" werden, die die alten Sachverhalte erklären - die aber vielleicht auch wieder nur "versteckte Korrelationen" sind?
Nur was steht am Anfang?
Darin sehe ich keinen Widerspruch. Ich würde unterscheiden, zwischen dem, was wir für kausal halten und was kausal ist. Das wir nicht alles erklären können ist soweit klar. Ist wie mit dem umfallenden Baum im Wald. Macht er ein Geräusch, wenn niemand da ist? Natürlich, alles andere wäre unlogisch. Wir können das auch technisch nachprüfen. Worum es geht ist, die Dinge sind (auch) im wissenschaftlichen Bereich, so wie sie sind, unabhängig davon, wie wir sie erkennen. Das ist unsere Erfahrung. Wir können entsprechende Versuche reproduzieren und kommen immer wieder zum gleichen Ergebnis. Wäre das nicht so…daran will ich nicht denken. ;)

Nichts? Irgendetwas "Geistiges", etwas "Göttliches" - oder nur die Einsicht, dass Kausalität ein Trugschluss und nur "Wunschdenken", nur eine Vereinfachung und letztendlich nicht auflösbar ist?
Das ist ein interessanter Punkt, den du da einbringst. Spinnen wir mal ein bissel.
Würde sich morgen der Himmel auftun und die Dreifaltigkeit persönlich käme auf Erden nieder, müssten wir dann alles über Bord werfen? Nein, wir müssten gängige Modelle und Theorien auf diesen neuen Aspekt überprüfen (zugegeben, einige wären damit ziemlich down). Wir müssten diesen neuen Aspekt „nur“ in unsere Modelle unterbringen, so dass sie wieder ein für uns logisches, kausales Bild abgeben.
Diesen Aspekt mit dem Willen hab ich deshalb reingebracht, weil unsere so verbreitete Annahme oder Hofffnung, frei entscheiden zu können, im Widerspruch zu diesem "Kausalitätsdrang" steht.
Das ist richtig. Aber die weit verbreitete Annahme der Willensfreiheit ist halt undefiniert und oberflächlich. Wenn man das aufdröselt, kommt man da schnell ans Ende. Wer hat die Willensfreiheit? > „Ich“. Wer oder was ist „Ich“ und dann geht der Spaß los.
Und nur ein Teil einer Kausalkette zu sein hätte den Vorteil und den Nachteil, dass man sein Handeln nicht mehr begründen müsste und wirlich "frei" wäre... und ich weiß nicht, wohin das führen würde...
Dazu fällt mir auf Anhieb eines ein.
Ob wir in unserem Handeln nun frei sind oder nicht. Wir sind juristisch dafür verantwortlich. (Ausnahmen gibts wie immer auch hier)

Ich hör mal auf, muss ins Bett. :sleeping:
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psycho
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Beitragvon psycho » So 28. Okt 2007, 15:42

das hängt wohl mit einer langjährigen tradition der abendländischen philosophie zusammen, fang mal mit kant an, dann verstehst du, warum in unserem kulturkreis alles kausal zu erklären versucht wird...

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Laura
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Beitragvon Laura » Fr 9. Nov 2007, 07:37

Hallo Marvin!

Wenn man spitzfindig sein wollte, dann könnte man Deine thread-Überschrift auch als Widerspruch in sich sehen. Wem Kausalität wichtig ist, den interessiert das Warum, insofern fragst Du nach der Kausalität der Kausalität :wink:

lg

Laura
Es ist o. k., wenn nicht alles supertoll ist. Wenn alles supertoll wäre, dann wäre alles nur noch o. k.

MarvinS
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Beitragvon MarvinS » Mi 14. Nov 2007, 13:57

Worum es geht ist, die Dinge sind (auch) im wissenschaftlichen Bereich, so wie sie sind, unabhängig davon, wie wir sie erkennen. Das ist unsere Erfahrung. Wir können entsprechende Versuche reproduzieren und kommen immer wieder zum gleichen Ergebnis. Wäre das nicht so…daran will ich nicht denken.
Ja, die Begrenzung der Erkenntnis ist ein wichtiger Aspekt. Mich erinnert das an Kant: er unterscheidet per se zwischen einer Erfahrungswirklichkeit, die für uns greifbar ist sowie einem "Ding an sich", das für uns auch a priori gar nicht zugänglich ist. Und die Erfahrungswirklichkeit ist vorstrukturiert durch bestimmte Anschauungsformen wie Raum und Zeit und der Mensch besitzt entsprechend Kategorien, die Erfahrungen überhaupt ermöglichen.
Nur muss man nicht zuerst einmal abklären, welche Bedingungen genau unsere Erfahrungen ausmachen (ob es wirklich Kategorien sind?) und ob sie sie tatsächlich so ausmachen und sich nicht gleich in einem "Kausalkettendschungel" verlieren, ohne einmal zurückzuschauen?

Das Induktionsproblem ist natürlich nur ein theoretisches Problem genauso wie die Frage nach der Kausalität und ich finde Poppers "Antwort" darauf ganz gut, aber selbst dann, wenn man immer nur deduktiv vorgeht, Theorien entwickelt und sie auf die Realität "anwendet", um sie zu falsifizieren, benutzt man dazu immer noch das Experiment und damit wieder Kausalhypothesen... auf dieses Problem, warum überhaupt alles kausal sein muss, gibt also auch der kritische Rationalismus keine Antwort - das, was er aber definitiv leistet, ist, den Geltungsraum von Theorien einzuschränken und damit einen anderen Wissensbegriff zu schaffen.

Hallo Marvin,

Ich glaube, Du bist hier im falschen Forum.

Du solltest lieber ein Philosophieforum aufsuchen.
Ja, es ist vielleicht etwas zu theoretisch für dieses Forum... andererseits fußt die wissenschaftliche Psychologie nun einmal auf der experimentellen Methode, diese wiederum sucht nach Kausalhypothesen - also sollte das schon eine Frage sein, die sich auch Psychologen stellen.
Nicht zuletzt sind es ja auch Therapiemethoden und sämtliche andere Anwendungsgebiete, die von Ergebnissen aus Experimenten profitieren.


Wem Kausalität wichtig ist, den interessiert das Warum, insofern fragst Du nach der Kausalität der Kausalität


Den Beitrag fand ich irgendwie toll :) Es stimmt schon, dass ich nach dem Warum des Warums frage - schon interessant, wie man sich im "Kausalnetz" verstrickt, obwohl ich gerad versuche, genau jenes Mal zu hinterfragen...

antipsychiatrie!
Beiträge: 6
Registriert: Mi 14. Nov 2007, 10:58

Ja, die Mama!

Beitragvon antipsychiatrie! » Do 15. Nov 2007, 15:46

Mama, die causa causae
oder der Grund allen Übels!
Warum fragst Du ?




(Bevor Z auch noch anfängt zu spinnen
gehe ich lieber )

MarvinS
Beiträge: 108
Registriert: So 17. Jun 2007, 10:50

...

Beitragvon MarvinS » Fr 16. Nov 2007, 20:58

Danke für den Link ... das trifft genau, was ich meine - aus sehr physikalischer Perspektive...

Besonders toll find ich zwei Stellen, in denen es um die Grenzen der menschlichen Erkenntnis geht:

1.den Aspekt, dass der Beginn der Kausalkette ja logisch gesehen akausal sein muss, quasi ein "unbbewegter Beweger" im Sinne Aristoteles, denn die erste Wirkung muss von einer "Erstursache" hervorgerufen worden sein,

2. Die Parallele zu dem Problem der "unendlichen Teilbarkeit der Teilchen" in der Quantenphysik

Was mich allerdings wundert, ist, dass aus dem Problem, dass der Anfang der kausalkette akausal sein muss und dass Teilchen unendlich teilbar sind nur geschlossen wird, dass die menschliche Erkenntnis begrenzt und die Welt nicht wirklich berechenbar ist.
Daraus könnte man aber doch genauso das Prinzip der Kausalität selbst anzweifeln - wenn sich Kausalität als logisch unmöglich erweist, kann es ja nicht wirklich "das" Organisationsprinzip dieser Welt sein ... das Gleiche auch in Bezug auf den zweiten Aspekt: wenn unendliche "Teilbarkeit" undenkbar ist, wieso sollten dann die Teilchen trotzdem unendlich teilbar sein?

Ich find den Beitrag toll, auch wenn ich nicht so ein euphorischer, von der Kausalität überzeugter Wissenschaftler bin wie der Mann in dem Video :)

lg
Marvin

Austerlitz
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Beitragvon Austerlitz » Sa 17. Nov 2007, 22:15

Hi Marvin!

Zunächst möchte ich sagen, dass ich mich als Philosophie/Geschichtsstudent im 3. Semester (noch) nicht so gut mit dem Begriff "Kausalität" auskenne. Trotzdem hier ein paar Gedanken zum Thema.


Der Ausgangspunkt deiner Ausführungen war ja , die Unzufriedenheit mit dem Ursache-Wirkungsprinizp, wie sie in der Psychologie an der Uni gelehrt wird.

Ich denke man sollte hier auch einen anderen Aspekt betrachten. Nämlich den der zunehmenden "Verbiologisierung" der Psychologie, wie sie in den letzten Jahren erfolgt ist. Der gigantischen Boom der Biowissenschaften (auch der Genetik) den wir jetzt erleben, strahlt auch auf viele andere Wissenschaften (insbes. Psychologie und Philosophie) aus. Das ist eine Tatsache und nicht
zu leugnen. Auch in der Philosophie, die hier in Würzburg eigentlich historisch ausgerichtet ist, werden immer wieder Themen aus den Neurowissenschaften aufgegriffen.

Ich denke, dass eine biologisch (oder wenn man so will "neuro-biologisch") ausgerichtete Psychologie immer wieder nach Ursachen und deren Wirkung fragen wird. Die "Hirn-" Biologie bzw. Biopsychologie übernimmt dabei Erkenntnisse der Biologie, Medizin und anderer Nachbarwissenschaften und versucht sie in den Kontext der Psychologie einzugliedern. Insofern ist daran eigentlich nichts kritikwürdig. Diese Vorgehensweise gibt es auch in anderen Wissenschaften (z.B. Mathematik und Physik). Was ich zu kritisieren hätte, ist die Tatsache, dass sich mit der Biologiesierung die Akzentuierung des Forschungsgegenstandes vom Menschen eher weg als auf ihn zu bewegt. So interessant es auch sein kann herauszufinden wo genau z.B. die motorik im Gehirn lokalisiert werden kann, oder wo die biologische Ursache für eine bestimmte psychische Störung Ihren Platz hat - es besteht die Gefahr, den Menschen als eine Art "Kybernetische Maschine" zu sehen die man (wie es übrigens bei Mäusen schon funktioniert) quasi mit einer Fernsteuerung nach belieben steuern und manipulieren bzw. programmieren kann.

Die Frage, die gerade in der Biologie und Philosophie zu einem Streit unter den Wissenschaftlern geführt hat ist die, ob der Mensch nun (biologisch)"determinert" ist oder ob er frei entscheiden kann, oder eben überhaupt frei ist.Die einen (psychologen) wie z.B. Prinz (aus München) sagen das eine, die anderen (Philosophen) wie z.B. Pauen (Magdeburg) das andere. Letztendlich ist das nicht zu klären.Zumindest ist noch niemand in der Lage gewesen das Eine oder das Andere schlüssig zu beweisen, da hat meiner Ansicht nach Oblomow recht.

Was meiner Ansicht nach für die psychobiologische Sichtweise spricht ist die Wirkung der Medikamente
Ich persönlich bin nämlich auf die Einnahme von Psychopharmaka angewiesen, ohne die meine Erkrankung wieder ausbrechen würde. Es gibt ja nun diese berühmte "Transmitter"-Theorie. Sie besagt, dass die Medikamente die Erkrankung bekämpfen in dem sie auf das Neurotransmittersystem einwirken. Und aus meiner Sicht ist das auch richtig. Denn es ist versucht worden die Medikamente auf meinen Wunsch hin unter sehr kontrollierten Bedinungen abzusetzen - woraufhin ich wieder starke Plus-Symptomatik entwickelte. Wenn also die Medikamente an den Rezeptoren wirken und ich ohne Medikamente wieder psychotisch werde, ist das für mich der Beweis das die Theorie schlüssig ist. Es gibt also bei jeder Theorie Schlüssige und unschlüssige Anteile.

Du wirfst nun such noch eine andere Frage auf: Die Frage nach dem berühmten "Unbewegten Beweger", sozusagen nach einer Kausaltät, die aus sich selbst heraus schöpft. Diese Frage ist für mich eine Glaubensfrage und deshalb auch nicht klärbar. Mann kann, wenn man z.B. glaubt, dass Gott dieser "unbewegte Beweger" ist, nicht beweisen dass man im recht ist, aber andere können auch nicht das Gegenteil beweisen ( -> Kant)!

Wenn ich bloß wüsste, wie ich diesen Knoten lösen soll....!


Viele Grüße (von)

Austerlitz


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