Umgang mit Unverständnis

Hier gehört all das hinein, was sonst keinen Platz hat.
mamschgerl
Beiträge: 1160
Registriert: Mi 27. Apr 2016, 06:53

Umgang mit Unverständnis

Beitragvon mamschgerl » Di 25. Mai 2021, 21:04

Es ist ja nicht so, daß ich mich völlig einigeln wollte, wäre es so, würde ich mich auf eine Alm verkriechen oder sonstwohin, Hauptsache alleine.
Also gebe ich mir Mühe, versuche sowieso schon die ganze Zeit über, mir so wenig wie möglich anmerken zu lassen, wie schwer mir alles fällt und erst recht bei meinem derzeitigen Ausnahmezustand gebe ich wirklich alles, in den zwei bis drei Stunden jeden Samstag zum Kaffeetratsch mit meiner Freundin nicht zu klagen, sondern eben einfach nur eine kurze Auszeit zu nehmen...
Meine Freundin wollte damals nach meinem ersten Klinikaufenthalt alles genau wissen, damit sie adäquat damit umgehen kann und sich selbst nicht so hilflos fühlen muss, falls ich unverhofft weinen muss oder mal wieder in einen dissoziativen Zustand verfalle, was ich gut gefunden habe, wenn auch anstrengend...sich jemandem, der null Ahnung hat, erklären zu müssen, ist nie einfach.
Worauf wollte ich eigentlich hinaus? Ach ja, genau...letzten Samstag fragte sie mich, ob ich mir nicht vorstellen könnte, wieder halbtags zu arbeiten?
Was soll ich sagen, mir fehlten die Worte und prompt bekam ich einen Heulflash...ich saß da und dachte mir, warum habe ich ihr alles erklärt, wenn sie es doch nicht verstanden hat?
Ich kam mir so vor wie damals in der Klinik, in der auch Patienten in der Onkologie und Herzabteilung untergebracht waren und eine von denen in der Raucherecke den Superspruch losließ, daß sie jetzt auch auf psychisch krank machen wolle, damit sie eine Erwerbsunfähigkeitsrente beantragen könne, denn sie habe keine Lust mehr auf Arbeiten.
Das Heulen konnte ich aber schnell wieder unterdrücken und habe nur kurz geantwortet, daß sich nichts geändert habe und ich nach wie vor die selben Probleme hätte.
Ich bin mir nicht sicher, ob sie insgeheim denkt, ich sollte mich mal wieder in den Griff bekommen oder was da in ihrem Kopf vorgeht...vielleicht kann ich auch einfach nur verdammt gut schauspielern, weil ich ja immer versuche, so „normal“ wie möglich rüberzukommen, damit ich in den kurzen Momenten des Kontakts zu anderen niemandem zur Last falle mit meinen Problemen und sie daraus schließt, daß ich immer und zu jeder Zeit so gut drauf bin, wie auch immer, ich war dann, als ich wieder zuhause war, ziemlich fertig und durcheinander.
Ich habe keine Ahnung, was sich manche Leute denken, wie ein psychisch gebeutelter Mensch zu sein oder sich zu geben hat, damit man ihm das überhaupt abnimmt...schade, denn irgendwie habe ich jetzt das Gefühl, daß ich mich von ihr entferne oder sie sich von mir...ich sollte mal genauer nachhaken, aber das ist mir eigentlich zu anstrengend und ganz ehrlich, für mich schwang da ein latenter Vorwurf zwischen den Zeilen mit und das finde ich einfach für den A...., sorry.
Muß ich jetzt wieder zeigen, wie es in mir aussieht, nur damit man mir glaubt, daß ich zu nichts mehr zu gebrauchen bin? Daß es einen unglaublichen Kraftakt bedeutet, wenn ich für diese kurze Zeit versuche, mich von allem abzulenken, was aber nicht gleichzeitig bedeutet, daß ich das lange durchhalte?
Zumindest hätte ich nicht gedacht, daß sie so wenig von dem verstanden hat, was ich ihr erklärt habe...daß sie das nicht nachempfinden kann, ist klar, aber daß sie mir nicht glaubt, das ist schwer verdaulich...oder sehe ich da wieder etwas verkehrt?

Benutzeravatar
Laura
Beiträge: 4534
Registriert: Sa 25. Sep 2004, 07:09

Re: Umgang mit Unverständnis

Beitragvon Laura » Mo 31. Mai 2021, 11:56

Hallo mamschgerl!

Mir können "kleine Randbmerkungen" auch sehr zu schaffen machen. Nun weiß ich aber nicht, was der Bemerkung Deiner Freundin (ob Du Dir vorstellen könnest, wieder halbtags arbeiten zu gehen) vorangegangen war. Vielleicht hattest Du vorher etwas gesagt, was auf Fitness schließen lässt, selbst wenn Du dabei eigentlich nur über Deine Träume und Wünsche sprechen wolltest?

Aber was ich eigentlich sagen wollte, ist, dass der Tipp Deiner Freundin vielleicht weniger daraufhin abzielte, dass Du Dich wieder nützlich machen sollest, sondern eher in die Kategorie "wieder mehr unter Leute kommen, sich mal von der Trauer und sonstigen Grübeleien ablenken, sich mal auf etwas anderes konzentrieren müssen" fällt. Sie hätte Dir alternativ auch den Besuch eines VHS-Kurses oder die Mitgliedschaft in einer Nordic Walking-Gruppe usw. vorschlagen können. Bei den Hobby-Dingen zahlt man allerdings was drauf, bei einem Halbtagsjob oder Mini-Job bekommt man ja Kohle.

Aber doch, diese "Verabsolutung" der Arbeitswelt, die durch die Gegend geistert, schafft natürlich kontraproduktiven Druck auf Leute wie unsereins, die das "schaffe, schaffe, Häusle baue..." krankheitsbedingt nicht lange durchhalten können.

Liebe Grüße

Laura
Es ist o. k., wenn nicht alles supertoll ist. Wenn alles supertoll wäre, dann wäre alles nur noch o. k.

mamschgerl
Beiträge: 1160
Registriert: Mi 27. Apr 2016, 06:53

Re: Umgang mit Unverständnis

Beitragvon mamschgerl » Mo 31. Mai 2021, 20:34

Hallo Laura,
Träume oder Wünsche bezüglich meiner Zukunftsgestaltung habe ich absolut keine...das war aber schon immer so bei mir, weil ich einfach keine Ziele ins Auge fassen kann und wenn, dann kann ich nicht den nötigen Ehrgeiz oder nötige Ausdauer aufbringen.
Natürlich ist es seit meinem Zusammenbruch noch extremer, was das anbelangt und alles, was ich noch will ist, jeden Tag aufs Neue irgendwie zu überstehen.
Gespräche zu führen, ohne abzudriften oder unvermittelt in Tränen auszubrechen, ist tatsächlich ein immenser Kraftakt und gelingt mal mehr, mal weniger...es ist einfach nur diese unbedarfte Aussage, daß man sich mal am Riemen reißen sollte, die aufgrund meiner nach außen hin gespielten Normalität und der mit Mühe aufrechterhaltenen Fassade gefallen ist, was mich so sprachlos macht.
Kann man denn nicht einfach auf solche Bemerkungen verzichten? Es ist ja nicht so, daß ich das nicht schon zur Sprache gebracht hätte, daß ich mich nicht mehr in der Lage fühle, schon einfachste Abläufe im Alltag oft nicht mehr auf die Reihe zu bringen, ganz zu schweigen von beruflichen Verpflichtungen...
Keine Ahnung, warum mir das so bitter aufgestoßen ist und vielleicht hast du ja Recht, daß das bestimmt nicht so gemeint war, aber es bleibt dennoch dieser Beigeschmack...ich hoffe, daß sich das in meinem Hirn wieder einrenkt und ich da wirklich zuviel hineininterpretiere...ich bin wohl wirklich zu überempfindlich...
In Wahrheit schaut es momentan so aus, daß ich in meiner Trauer absolut gefangen bin, in Watte eingepackt und im Nebel treibend und sowieso keinen Bezug zur Realität finde und auch nicht finden will...wahrscheinlich hat es mich daher umso mehr erschüttert, weil sie sich ( zum Glück! ) überhaupt nicht vorstellen kann, wie es in einem aussieht, der sein Kind verliert, dabei hätte sie ihres im Kleinkindalter beinahe verloren.
Nach gerade mal 22 Wochen einen solchen Spruch loszulassen, war für mich total daneben; ich hätte, gerade von ihr, etwas mehr Empathie erwartet...aber egal, was sollˋs, es ist im Grunde nichts, worüber man sich derart aufregen sollte, das ist es nicht wert...
L.G. mamschgerl


Zurück zu „Sonstiges“

Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder und 3 Gäste