Gefühlslosigkeit, Hilfe für eine Freundin

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Tinchen55
Beiträge: 2
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Gefühlslosigkeit, Hilfe für eine Freundin

Beitragvon Tinchen55 » Mi 7. Feb 2018, 20:39

Hallo alle zusammen. Ich wende mich an euch, weil ich Rat für eine sehr gute Freundin suche. Ihr geht es im Moment sehr schlecht und vielleicht gibts es hier jemanden, der ähnliche Erfahrungen gemacht hat. Zur Situation: Während eines Klinikaufenthalts wurde bei ihr das Medikament Venlafaxin abgesetzt und das sehr schnell. Sie sollte wieder mehr an ihre Gefühle rankommen. Nach anfangs körperlichen Absetzerscheinungen und sehr viel Traurigkeit ist nun ein Zustand der totalen Gefühlslosigkeit eingetreten. Sie sagt, dass sie sich wie ruhig gestellt fühle, richtig apathisch. Ihr fehlt der Zugang zu Emotionen. Mittlerweile dauert dieser Zustand schon über zwei Monate. Sie ist inzwischen komplett hoffnungslos und glaubt nicht, dass ihr jemand helfen kann. Seit fast zwei Wochen ist sie nun aus der Klinik raus und es geht ihr immer schlechter. Gute Stunden kann sie im Nachhinein nicht mehr abrufen, sich keine schönen Erlebnisse in Erinnerung rufen. Unterhaltungen sind schwer zu führen. Sie versteht, antwortet, fragt auch nach, aber von sich aus erzählen ist schwer, teilweise gar nicht möglich. Sie sagt, sie hat nichts zu erzählen. Sie kann sich an kaum etwas erfreuen und fühlt sich völlig monoton. Es gibt zwar Momente, in denen ich bei ihr Lebensfreude sehe, aber sie hält nicht an und kann auch später nicht mehr abgerufen werden.

Kennt jemand diesen Zustand der Gefühlslosigkeit und hat vielleicht ein paar Ideen und Tipps? Vielleicht auch Erfahrung in Verbindung mit Venlafaxin?

Vielen Dank schon mal im Voraus.

mamschgerl
Beiträge: 1105
Registriert: Mi 27. Apr 2016, 06:53

Re: Gefühlslosigkeit, Hilfe für eine Freundin

Beitragvon mamschgerl » Do 8. Feb 2018, 05:51

Hallo tinchen,
meine Erfahrungen mit Venlafaxin waren: ich fühlte mich abgestumpft, gefühllos, als hätte ich Watte im Kopf, alles wirkte unecht. Bei mir wurde auch das Medikament gewechselt, weil die Antriebslosigkeit überhand nahm und ich auch das Gefühl hatte, mich immer mehr zu verlieren. Venlafaxin wurde zwei Wochen ausgeschlichen, doch während dieser Zeit wurde Bupropion eingeschlichen. Der Entzug war daher nicht ganz so schlimm, trotzdem habe ich es gemerkt. Der Zustand, weswegen ich ursprünglich anfangs Citalopram, dann Venlafaxin genommen habe, war wieder voll da, zudem stellten sich Schwindel, Kopfschmerzen, Alpträume ein, auch die schmerzhemmende Wirkung von Venlafaxin verschwand und mein Bandscheibenvorfall machte sich wieder doppelt und dreifach bemerkbar. Bupropion habe ich von heute auf morgen abgesetzt, da gab es überhaupt keine Probleme.
Ich nehme jetzt seit über einem Jahr keine Medikamente mehr ein, meine Depression ist allgegenwärtig, die Sinnlosigkeit und Leere behaupten sich hartnäckig und selbst wenn ich mal lachen kann, empfinde ich dieses Lachen selbst als unecht.
Ich weiß nicht, was deiner Freundin fehlt, aber nach deiner Beschreibung nehme ich mal an, daß es sich bei ihr auch um eine Depression handelt. Wenn Venlafaxin über einen längeren Zeitraum eingenommen und dann ersatzlos so schnell ausgeschlichen wird, ist damit zu rechnen, daß man von den psychischen Störungen erstmal wieder völlig überrollt wird, weil eben diese abstumpfende Wirkung nicht mehr vorhanden ist. Aber nicht nur die Symptomatik wird unterdrückt, auch die persönlichen Empfindungen, mit denen muß man sich nun auch wieder auseinandersetzen, der Körper und der Geist reagieren dementsprechend heftig, man ist schutzlos. Venlafaxin hat ja bis dahin alles wunderbar unterdrückt. Wie gesagt, die Dauer der Einnahme wirkt sich im Verhältnis aus, das Gehirn muß lange daran arbeiten, wieder ohne Chemie auszukommen und das ist für einen Gesunden schon schwierig, um wieviel schwieriger ist es für einen psychisch Kranken?
Die Realität ohne Drogen zu ertragen, also die Depression voll erleben zu müssen, ruft auch Dissoziationen hervor, was nichts anderes als ein Schutzmechanismus ist. Bei mir stellen Sie sich ein, wenn die 'Traurigkeit' überdimensionale Ausmaße annimmt, aber ich lasse es zu, da Dissoziationen meiner Meinung nach "natürlicher" sind und zielgerichteter als alle Medikamente zusammen, die ständige Abwesenheit fördern.
Meine Freundin würde von mir wohl eine ähnliche Beschreibung abgeben ( was sie auch tut ) und ich weiß jetzt sicher, daß sie mein Zustand nicht belastet; würde ich das glauben, hätte ich die Freundschaft beendet. Sie ist im Grunde der einzige Mensch, der damit umgehen kann.
Für dich als Freundin muß es schwer sein, aber ich denke, du tust sehr viel, wenn du ihr einfach nur zeigst, daß du für sie da bist und deine Betroffenheit für dich behältst, denn ich denke, die meisten Depressiven wollen niemandem zur Last fallen und empfinden Sorge und Aufmunterungsversuche als zusätzliche Bürde, eben weil sie dem nicht gerecht werden können, was viele der Mitpatienten während meines Klinikaufenthaltes ebenso empfanden.
Ich hoffe also für dich, du sorgst dich nicht zu sehr, denn es dürfte nicht viel geben, das du tun könntest.
L.G. mamschgerl

Tinchen55
Beiträge: 2
Registriert: Mi 7. Feb 2018, 20:34

Re: Gefühlslosigkeit, Hilfe für eine Freundin

Beitragvon Tinchen55 » Di 13. Feb 2018, 20:04

Hallo mamschgerl,

Vielen Dank für deine schnelle Antwort und entschuldige meine verspätete Antwort.

Hattest du die Probleme wie "abgestumpft oder in Watte gepackt" während du das Venlafaxin genommen hast oder nach dem absetzen? Meine Freundin hat es erst, seit das Medikament abgesetzt ist.

Ich verstehe schon, dass der Körper erstmal lernen muss, nach dem absetzen ohne das Medikament auszukommen. Ich finde die Reaktion nur sehr hälftig, weil sie normalerweise anders ist. Ich selbst leide auch an Depressionen (mittlerweile ganz gut im Griff) und kann mir daher vorstellen, wie schwer dieser Zustand auszuhalten sein muss.

Ich wünsche dir, dass für dich der Weg ohne Medikamte der richtige ist und die Fortschritte im Kampf gegen die Depression nicht mehr lange auf sich warten lassen.

Liebe Grüße Tinchen

mamschgerl
Beiträge: 1105
Registriert: Mi 27. Apr 2016, 06:53

Re: Gefühlslosigkeit, Hilfe für eine Freundin

Beitragvon mamschgerl » Di 13. Feb 2018, 20:43

Hallo Tinchen,
...es ist schwierig, das genau zu beschreiben; wenn mich die Depression richtig fest im Griff hat, ist alles weit entfernt und ich fühle mich wie hinter einer Glasscheibe, die mich zwar alles wahrnehmen, aber nichts verstehen lässt. Meine Gedanken fliegen unkontrolliert und nicht greifbar irgendwo in fremden Gefilden und wenn es so ist, gerate ich auch gerne in Panik, weil ich das Gefühl habe, mich aufzulösen, die Kontrolle geht verloren. Als ich meinen Nervenzusammenbruch hatte, kam nichts mehr bei mir an und ich selbst konnte mich auch nicht mitteilen. Die Medikamente halfen anfangs, die Panik und die Angstzustände zu unterdrücken, aber wie gesagt, unterdrückten sie gleich alles andere mit. Mit Venlafaxin war ich ziemlich gleichgültig, abgestumpft, was mir eben deshalb nicht gefiel, weil es mich an meinen Alkohol- und Drogenmißbrauch erinnerte, da fühlte ich mich genauso gleichgültig und fern von allem.
Ohne all diese Verdrängungsmittelchen geht es mir zwar schlecht, also keineswegs besser, aber ich bin nicht mehr gleichgültig bzw. kann jetzt erkennen, was meine eigenen Empfindungen und welche auf die Depression und die PTBS zurückzuführen sind. Mit anderen Worten, alle Symptome sind voll da, aber sie sind mir bewusst.
Keine Ahnung, ob du verstehst, was ich meine, irgendwie denke ich oft, entweder sollte ich mehr lesen oder die deutsche Sprache hat zu wenig Wörter, um etwas genau zu erklären. :roll:
Zumindest lebe ich lieber so als unter ständigem Medikamenteneinfluß oder anderer auf die Psyche Einfluß nehmender Substanzen.
Liebe Grüße
mamschgerl


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