Wie verhalte ich mich richtig?

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Sticapp
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Wie verhalte ich mich richtig?

Beitragvon Sticapp » So 24. Aug 2014, 00:58

Hallo!
ich hoffe, dass ich die richtige Kategorie für meine Frage gewählt habe und ihr mir meine Frage beantworten könnt.

Ich habe vor einer Woche besuch von einem guten Freund bekommen, der schon seit langer Zeit mit psychischen Problemen zu kämpfen hat. Bisher habe ich ihn versucht mit Gesprächen zu unterstützen und habe ihn dazu bewegt sich einem Arzt anzuvertrauen. Leider konnte ich nicht mehr tun, da wir 300km voneinander entfernt wohnen.
Als er wir uns jetzt wieder getroffen haben, wurde mir bewusst, wie drastisch sich seine Situation verändert hat, seitdem er seine Freundin verloren hat.
Ich war vor kurzer Zeit selbst in der Situation, dass ich zum ersten mal nicht nur den Wunsch sondern den Entschluss zum Suizid gefasst hatte, weshalb ich davon überzeugt bin, dass ich ihn richtig einschätzen kann.
Zwar ist ihm bewusst, dass er hilfe braucht aber er wehrt sich trotzdem strickt dagegen. Seine gesamte Wahrnehmung ist verdreht, wodurch er niemandem vertrauen kann und weshalb er sich auch komplett von seiner Familie distanziert hat. Zwar ist er momentan in psychiatrischer Behandlung, allerdings bekommt er die falschen Medikamente und hat kein Vertrauen zu seinem Arzt.
Als wir über seine Situation gesprochen haben, habe ich mich absolut wieder erkannt und ich bin mir sicher, dass er nicht mehr Kraft hat als ich zu diesem Zeitpunkt.
Ich denke nicht, dass genug Zeit dafür bleibt, andere Psychiater aufzusuchen, um den Arzt zu finden der ihn versteht und ihm helfen kann.

Ich fühle mich zum ersten mal während so einer Situation absolut Hilflos. Er ist nicht mehr dazu in der lage, Ratschläge anzunehmen, sich Hilfe zu suchen und die Situation zu erkennen. Zusätzlich wird er auch physisch alleine sein, sobald er wieder nach Hause fährt. Die Krönung ist, dass er sich in eine Abhängigkeit manövriert hat um alles zu ertragen.
Obwohl ich seine Gedanken nachvollziehen kann bin ich jetzt an meine Grenzen gekommen.

Er wird diese Situation nicht mehr lange aushalten und sobald er wieder fahren muss kann niemand auf ihn aufpassen. Er ist mmn auch nicht mehr dazu in der Lage sich selbst Hilfe zu suchen bzw. denke ich nicht dass die Zeit dafür bleibt.

Ich werde ein Gespräch mit seinen Eltern führen um eine Lösung zu finden aber momentan sehe ich keine andere Lösung als die Einweisung in eine Klinik - zur Not auch gegen seinen Willen.
Hoffentlich könnt ihr mir sagen, wie ich mich richtig verhalten kann. Ich werde ihm nicht tatenlos dabei zuschauen, wenn er sich in den Freitod ziehen lässt.

Danke & mfg,
Sticapp

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Re: Wie verhalte ich mich richtig?

Beitragvon lordi » So 24. Aug 2014, 22:10

Ich kann dir nur schreiben, wie es mir ging.
Ich hatte eine Freundin aus der psycho-somatischen Kur, die so viele Probleme hatte. Wir trafen uns selten, telefonierten aber. Sie war psychisch sehr krank. Sie wohnte auch sehr weit weg.
Ich hatte so eine Ahnung und die war wohl richtig. Ich schickte ihr noch ein Päckchen um sie aufzuheitern und 2 Tage später bekam ich die Todesanzeige ihrer Familie: "Plötzlich und unerwartet verstarb.... Von Beileidskundgebungen am Grab bitten wir abzusehen."

Tu das, was dir dein Bauchgefühl rät und es ist egal, ob dein Freund erst darüber böse ist.

Sticapp
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Re: Wie verhalte ich mich richtig?

Beitragvon Sticapp » Mo 25. Aug 2014, 09:15

Vielen Dank für deine Antwort!
Genau vor der Situation, die du beschrieben hast, hab ich angst. Ich bin allerdings froh darüber, dass ich mit meiner Einschätzung nicht alleine da steh. Ich werde heute versuchen gemeinsam mit seinen Eltern alles in die Wege zu leiten und hoffe, dass er früher oder später verstehen wird, warum ich das mache.

liebe grüße,
Sticapp

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fluuu
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Re: Wie verhalte ich mich richtig?

Beitragvon fluuu » Mo 25. Aug 2014, 09:42

Wieso übernimmst Du als selber schwer betroffen die Verantwortung für diesen schwer kranken Menschen?
Ein Ertrinkender will den anderen Ertrinkenden retten, das kann nicht klappen.
Es müssen Klinik, Ambulanz, Ärzte und Therapeuten die Fürsorge übernehmen, es geht nicht anders.
Wenn Du etwas stabiler bist überlasse ihm den Rettungsring so, dass er die Hilfe annehmen kann
und Du hast die Möglichkeit Dich um Dich selbst zu kümmern und das sichere Ufer zu erreichen.
Wie sollen zwei Siuzidkandidaten den Sinn im Leben finden? Da braucht es etwas Drittes von außen.
Die Kunst besteht darin in der größten Not den Strohalm zu greifen der nicht gleich bricht und das
ist oft nicht der der sich am meisten anbietet.
Wenn jemand in der Psychiatrie in Behandlung ist und das Vertrauen fehlt, dass ihm geholfen wird,
dann gibt es nicht mehr viele Möglichkeiten, die Akutpsychatrie ist die äußerste Variante der
Hilfestellung, die sollte man annehmen.
gruß fluuu

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Re: Wie verhalte ich mich richtig?

Beitragvon Sticapp » Mo 25. Aug 2014, 15:13

Hallo fluuu!
Erstmal vielen Dank für das Interesse und die Antwort !
Du hast vollkommen recht damit, dass ich die Verantwortung für ihn nicht übernehmen kann. Ich merke jetzt schon, dass mir das absolut nicht gut tut, obwohl es erst ein paar Tage sind. Aus diesem Grund will ich so schnell es geht eine gute Lösung finden. Alleine schafft er es nicht, sich Hilfe zu suchen und seine Familie hat ihn bisher auch nicht unterstützt. Von daher muss ich es wohl selbst in die Hand nehmen, wenn ich ihm nicht seinem Schicksal überlassen will. Dafür muss ich meine eigenen Bedürfnisse etc. eben ein paar tage vernachlässigen. Immerhin bin ich wieder aus dem gröbsten raus, da halt ich das schon ein paar Tage aus auch wenns nicht optimal ist :wink:
Ist es möglich, einfach zu einer Psychiatrischen Klinik zu fahren und sich vor Ort anzumelden oder muss vorher ein Termin ausgemacht werden?
Was für eine Art von Klinik wäre am angebrachtesten?
Ich hoffe wirklich, dass seine Eltern beim heutigen Gespräch begreifen was los ist und auch anfangen etwas zu unternehmen.

liebe grüße,
Sticapp

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Re: Wie verhalte ich mich richtig?

Beitragvon fluuu » Di 26. Aug 2014, 09:51

Ich denke Du bist Psychiatrie-Erfahrener, dann kennst Du Dich doch aus wie es in der Psychiatrie abläuft
und kannst den Freund bei der Selbsteinweisung begleiten und unterstützen.
Das ist der Vorteil von Betroffenen gegenüber den Familienangehörigen die keine Ahnung haben können und
große Berührungsängste vorhanden sind, der Psychiatrie-Erfahrene ist jemand mit Kompetenz auf diesem Gebiet
und kennt sich aus, das kann eine große Hilfe sein.
Für die Akutpsychiatrie gibt es keine Anmeldung, da geht man hin, meldet sich bei der Rezeption und wenn
die zu hat auf einer Station, dann kommt der diensthabende Arzt, auch am Wochenende, manchmal muss man
etwas warten und es wird das Aufnahmegespräch geführt. Ich wurde von Patienten schon öfter gebeten
sie zur Aufnahme in die Klinik zu begleiten denn besser eine Selbsteinweisung als zu warten bis eine
Zwangseinweisung unumgänglich ist, der Aufenthalt gestaltet sich so unterschiedlich.
Bei manchen akuten Schüben der psychischen Störung gibt es kein Zaudern, sie lassen sich nur stationär
in der Klinik behandeln und da sollte man die Courage haben konsequent zu handeln.
gruß fluuu

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Re: Wie verhalte ich mich richtig?

Beitragvon Sticapp » Mi 27. Aug 2014, 09:35

Guten morgen!
Entschuldigung, dass ich so lange zum Antworten gebraucht habe.
Ich hab mich in meinem ersten Beitrag denke ich falsch ausgedrückt. Ich bin zwar selbst seit Jahren in ambulanter Therapie, Erfahrungen in der Psychiatrie habe ich allerdings noch nicht gesammelt.
Ich habe in den letzten Tagen einige Gespräche mit ihm und seinen Eltern geführt. Alles sah danach aus, dass er endlich zur Einsicht gekommen ist. Seine Familie steht mittlerweile hinter ihm, versucht ihn so gut es geht zu unterstützen und hat mir die gesamte Verantwortung abgenommen. Sie wollten gemeinsam nach Kliniken suchen und ich war wirklich der Meinung, dass jetzt alles seinen gang geht.
Heute habe ich dann einen ernüchternden Anruf bekommen.
Es kam wieder zum Streit, er hat alle Pläne über den Haufen geschmissen und ist gerade auf dem Weg nach Hause, wo er vollkommen auf sich alleine gestellt ist.
Mal sehen wie das jetzt weiter geht...

Liebe Grüße,
Sticapp

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Re: Wie verhalte ich mich richtig?

Beitragvon lordi » Mi 27. Aug 2014, 21:09

Hallo,
du hast es versucht und hast dein Bestes gegeben.
Du kannst mit deinem Freund telefonieren. Aber ich habe sonst keinen Ratschlag mehr.
Alles Liebe Lordi

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Re: Wie verhalte ich mich richtig?

Beitragvon lordi » Mi 27. Aug 2014, 21:19

Hallo Sticapp,
ich habe dir eine private Nachricht geschickt.
Liebe Grüße
lordi

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Re: Wie verhalte ich mich richtig?

Beitragvon Remedias » Do 28. Aug 2014, 19:38

Sticapp,

dann gibt es nur noch einen Anruf beim Sozialpsychiatrischen Dienst.
http://de.wikipedia.org/wiki/Sozialpsyc ... her_Dienst
( die Adresse an deinem Ort bitte ergoogeln). Die schicken dann den Krankenwagen und notfalls Polizei.
Dein Name wird dabei garnicht genannt.

Viel Glück!

Mit freundlichen Grüßen Remedias

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Re: Wie verhalte ich mich richtig?

Beitragvon Sticapp » Mo 1. Sep 2014, 19:40

Hallo!
Leider hatte ich in den letzten Tagen keine Möglichkeit zum antworten.
Vielen Dank für deine PN, Lordi und vielen Dank für den Tip, Remedias!
An einen Sozialpsychiatrischen Dienst hab ich vorher noch gar nicht gedacht.
Ich denke aber, dass sich die ganze Angelegenheit vorerst erledigt hat. Ich musste Heute gemeinsam mit seinen Eltern den Entschluss fassen, die Polizei zu rufen und eine Zwangseinweisung in die Wege zu leiten, auch wenn es nicht leicht war.
Heute war das unserer Meinung nach die einzige Möglichkeit um ihn und uns zu schützen.

liebe grüße,
Sticapp

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Re: Wie verhalte ich mich richtig?

Beitragvon fluuu » Di 2. Sep 2014, 10:23

Traurig, mit etwas Beherztheit und Zivilcourasche hätte eine Zwangseinweisung mit der Polizei vermieden werden können,
man hätte den Bekannten nur zum diensthabenden Arzt der Station begleiten brauchen und er hätte ihn aufgenommen.
Wie oft wird gegen Zwangsmaßnahmen in der Psychiatrie gewettert aber wie man sieht liegt es auch an den
Angehörigen die trotz Information und Beratung sich zu einer Begleitung nicht durchringen können oder wollen.
Zwangseinweisung bedeutet Aufenthalt nach richterlichem Beschluss und das ist dann immer die geschlossene Station.
Viele Patienten die so etwas erlebt haben berichten, dass das eine noch stärkere Traumatisierung ist als der Grund
ihrer psychischen Erkrankung, zumindest wird es stärker erinnert und bleibt im Bewusstsein mehr haften.
Suizidabsichten verblassen im Laufe des Lebens wieder aber der Aufenthalt in einer Geschlossenen zwangsweise kaum.
Dieser Thread macht deutlich, dass es so weit nicht hätte kommen müssen hatte sich der Threadstarter nicht nur
theoretisch eingemischt sondern auch praktisch richtig gehandelt. Traurig aber so sind die Tatsachen.
Wie gesagt, ich habe schon einige Klienten in die Psychiatrie zur Aufnahme begleitet, sie haben mich teilweise darum
gebeten, dann sind sie freiwillig auf der Station zur Behandlung und genießen einen wesentlich freizügigeren und respektvolleren Umgang.
gruß fluuu

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Re: Wie verhalte ich mich richtig?

Beitragvon Remedias » Di 2. Sep 2014, 10:33

fluuu hat geschrieben:Wie gesagt, ich habe schon einige Klienten in die Psychiatrie zur Aufnahme begleitet, sie haben mich teilweise darum
gebeten, dann sind sie freiwillig auf der Station zur Behandlung und genießen einen wesentlich freizügigeren und respektvolleren Umgang.
der Betreffende wollte partout nicht. Er ließ sich auch nicht überreden.

Übrigens kann man auch, wenn man freiwillig auf eine Offene geht, noch auf eine Geschlossene verlegt werden. ( ist mir schon passiert).

Mit freundlichen Grüßen Remedias

Ich persönlich finde Zwangseinweisung nicht so schlimm. Was wirklich traumatisiert, sind Zwangsbehandlungen.


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