Wie mit renitenten Senioren umgehen?

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bluesheep
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Wie mit renitenten Senioren umgehen?

Beitragvon bluesheep » So 24. Jun 2007, 20:15

In unserem Nachbarhaus wohnt eine ca. 70-jährige Oma welche der Schrecken der ganzen Umgegend ist. Nachbarn und Besucher werden von ihr grundlos angepöbelt oder beleidigt, ständig versucht sie Nachbarn Vorschriften zu machen, was diese zu tun haben oder unterlassen haben. Den Opa, ihren Mann, hat noch nie jemand sprechen hören und die Angehörigen machen auch einen weiten Bogen um sie, ebenso wie die Hausverwaltung, welche sich an nichts stört.
Nur manche Nachbarn haben eben immer wieder Ärger mit dieser durchgeknallten Oma. Aber für eine Zwangseinweisung reicht das wohl nicht.

Frage: hat jemand einen guten Tipp? Vielleicht jemand, der oder die im Pflegebereich arbeitet und Erfahrungen mit renitenten Senioren hat?

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Lydia
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Beitragvon Lydia » So 24. Jun 2007, 21:19

Hallo bluesheep,

feindseliges Verhalten im Alter muss ja nicht zwingend etwas mit einer Demenzerkrankung oder sonstigen psychischen Krankheiten zu tun haben, weswegen man eine Zwangseinweisung in Betracht ziehen muss.
Ich kann mir vorstellen, dass so ein Verhalten im Alter auch einfach aus Angst resultieren kann. Zum Beispiel vor Vereinsamung oder vor Unselbständigkeit aufgrund von körperlichen Gebrechen oder dem Nachlassen der geistigen Fitness.
Vielleicht hilft es, wenn ihr versucht, offen auf die Frau zuzugehen und ihr z. B. einen Blumenstrauß zum Geburtstag vorbeibringt, sie auf eine Tasse Kaffee einladet o. ä.? Sie eben explizit versucht, in die Gemeinschaft zu integrieren statt auszuschließen.

Gruß
Lydia

bluesheep
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Beitragvon bluesheep » Mo 25. Jun 2007, 13:35

@Lydia: vielen Dank für deine Antwort. Dein Vorschlag klingt auch recht gut.
Nur leider: ich bin ein zu schwacher Mensch um nach dem Gebot von Jesus: "wenn jemand dich auf die rechte Wange schlägt, dann halte auch noch die Linke hin" zu leben. (Dies meine ich durchaus ernst und ich bewundere die Menschen, die so etwas können). Wenn mich jemand mehrfach als Idioten oder Penner beschimpft, weil ich mein Auto angeblich falsch geparkt hatte (was eindeutig nicht der Fall war) und wegen anderer vermeintlicher "Vergehen", dann ist meine Gutmütigkeit einfach irgendwann zu Ende. Mit Freundlichkeit, Geduld oder einfachem Ignorieren scheint man in diesem Fall jedenfalls nicht weiter zu kommen. Mit zurück Brüllen habe ich es auch mal versucht, ebenfalls ohne irgendeine Änderung zu erreichen. Die Möglichkeiten zu Kontakten mit Gleichaltrigen, welche von umliegenden Kirchengemeinden des öfteren angeboten werden, ignoriert diese "Dame" übrigens auch. Das Rumpöblen und Nerven von Nachbarn scheint Ihr wesentlich mehr Spaß zu bereiten. Trotz des Alters ist dies offenbar wirklich keine schwache oder gar hilfsbedürftige Person bei soviel Boshaftigkeit und Aggressivität wie da immer wieder zum Vorschein kommt.

Ich frage mich wirklich, wie Pfleger in einem Seniorenheim oder psych. Kliniken mit solchen Leuten umgehen:
- sich ein so dickes Fell zulegen, dass man alle Beschimpfungen einfach wegsteckt?
- autoritär auftreten, also ständig noch lauter zurückschreien?
- die Leute verar... auf die eine oder andere Weise ?
- oder gibt es irgendeinen Psychotrick, der Wunder wirkt?

schokoholikerin
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Hallo bluesheep!!!!

Beitragvon schokoholikerin » Mo 25. Jun 2007, 16:00

Ich arbeite auf einer gerontopsychiatrischen Station.
Deshalb habe ich es öfter mit gereizten oder grantigen Älteren Patienten zu tun :wink:

Erstmal ist es für Dein Verständnis Evtl. hilfreich zu wissen das im Alter primärpersönliche Züge sich verstärken. Der Geizhalz wird z.B. noch geiziger, der Nette wird übermäßig nett und der eh schon grantige wird zum unangenehmen Nachbarn . Leider kann ich auch kein patentrezept für den umgang mit solchen Menschen geben. Es kommt halt darauf an was die Ursache ist - wie evtl. ein Wahhaftes Erleben oder halt primärpersönlichkeit...

Im Stationsalltag hilft oft validation ... d.h. ich kenne die vorgeschichte oder biografie des Pat. und kann deshalb besser auf ihn eingehen. Manchmal stimme ich dem pat. zu wenn er über irgendetwas meckert oder schimpft und schimpfe mit ihm darüber.

leider muß ich erstmal schluß machen vielleicht konnte ich dir ein wenig helfen.

Lg
schokoholikerin

bluesheep
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Beitragvon bluesheep » Di 26. Jun 2007, 08:38

Hallo Schoko, danke für deine Hinweise.
Noch mal ganz konkret nachgefragt anhand eines Beispiels:
Angenommen du hast wirklich einen "Super-GAU" unter deinen Patienten. D.h. eine(n) Zeitgenossen(in), der nicht verwirrt, sondern einfach nur total boshaft und permanent schlecht gelaunt und gemein zu dir ist.
Deinen Kollegen geht es vielleicht ähnlich mit dem Typ, aber du hast kaum Kontakt, bekommst keine Unterstützung, dein Chef kann oder will dir auch nicht helfen, etc.
Und jedesmal wenn du zu dem Ekelpaket gehen musst, um ihm z.B. Essen zu bringen oder schlimmer noch, den Allerwertesten abzuwischen, dann pöbelt er dich an und beleidigt dich aufs Schlimmste. Auf freundliche Antworten oder Ignorieren von deiner Seite ändert sich nichts, der Typ pöbelt dich beim nächsten Mal wieder an und beleidigt dich immer wieder.
Wie gehst du damit um? Frisst du den Ärger in dich hinein? Oder trittst du autoritär auf: anbrüllen, Befehle geben etc? Oder behandelst du ihn wie einen armen Irren: "na was hat der Kleine denn heute wieder?" Oder revanchierst du dich mit irgendwelchen kleinen Gemeinheiten?
Würde mich wirklich mal interessieren, wie Menschen, die beruflich häufiger mit solchen Problemfällen zu tun haben, damit umgehen.
viele grüsse, bluesheep

schokoholikerin
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Soll ich ehrlich antworten?

Beitragvon schokoholikerin » Di 26. Jun 2007, 17:35

Hi bluesheep :D ,

also ich ärgere mich schon darüber wenn ich so von einem Patienten behandelt werden würde.
Wahrscheinlich würde ich es eine ganze Weile einfach hinnehemen.
Aber irgendwann wäre der Punkt erreicht wo ich mich wehren würde.
D.h. ich würde trotzdem höflich bleiben aber dabei denjenigen versuchen zu "spiegeln" wie er sich verhält.

Oft ist mein Motto : "Wie man in den Wald hinein ruft so schallt es herraus!!!"
Damit meine ich irgendwann würde ich diesen Patienten genauso behandeln wie er mit anderen bzw. mit mir umgeht. Ein Beispiel : Wenn jemand kein Bitte oder Danke kennt --- dann sage ich das auch nicht mehr. Oder wenn jemand ständig schroff und unhöflich ist --- dann bin ich nicht mehr nett ud freundlich!

Aber oft entsteht ein Konflikt mit mir selbst da ich Patienten nun mal professionell behandeln muß .... also muß ich als Schwester anders reagieren als wenn ich die Privatperson bin.
Ich muß wenn nötig jemanden den Hintern wischen auch wenn ich ihn nicht leiden kann.

Das ist halt mein beruf ;-)
Aber zum Glück ergänzen sich meine Kollegen und ich --- oft gibt es Patienten mit denen ich nicht so gut kann, aber einer meiner Kollegen kann mit diesem gut umgehen. Oder halt auch umgekehrt!

Außerdem haben wir für unser Team Supervisionen so das wir dort auch schwierige Patienten oder Fälle besprechen können.

Naja, hoffe das ich dir irgendwie helfen konnte.
Die Antwort ist etwas länger geworden als geplant, sorry :!: \:D/

bluesheep
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Beitragvon bluesheep » Mi 27. Jun 2007, 11:40

Hi Schoko, danke daß du dir so viel Zeit genommen hast. Der Tipp mit dem "spiegeln" ist gut. Ich muß mal darüber nachdenken, wie ich dies verwenden kann. Ansonsten bewundere ich Menschen, die Unfreundlichkeiten, Unhöflichkeiten oder noch schlimmer: Beleidigungen, wegstecken können, ohne sich stunden- oder gar tagelang darüber zu ärgern. Wahrscheinlich ist dies meine grösste Schwäche, dass ich immer noch viel zu empfindlich bin und auf die Reaktionen von Wildfremden viel zu stark reagiere.
Aber ich arbeite daran...
Viel Grüsse, bluesheep

Heidi
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Beitragvon Heidi » Mi 27. Jun 2007, 14:39

Wär doch toll, wenn wir alle unliebsamen Nachbarn zwangseinweisen könnten, gelle?Bild
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speedy
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Beitragvon speedy » Mi 27. Jun 2007, 22:16

Hallo,
ja, wohin mit der Wut? Wohin mit der Wut darüber, plötzlich nicht mehr "gebraucht" zu werden, alleine zu sein, einsam zu sein, nicht mehr das tun zu können, was man möchte?
Den Opa, ihren Mann, hat noch nie jemand sprechen hören
Vielleicht auch Wut und Traurigkeit darüber und das Gefühl des Allein gelassen werdens, weil man seinen Partner alleine pflegt?
Ich weiß nicht, was diese Frau dazu bewegt, grantig zu sein. Aber ich weiß, dass Wut viele Ursprünge hat und einer davon ist die Angst. Ein Freund von mir hat in seiner Psychose auf dem Dach eines Hochhauses aus Angst vor Polizisten, die ihn dort runter holen wollten, ein großes Holzstück in die Hände genommen, um sich vor ihnen zu schützen. Sie haben ihm Angst gemacht. Sie haben wütend reagiert...
Ein anderer Bekannter hat sich, ebenfalls in einer Psychose, aus Angst von einer Brücke gestürzt und sitzt heute im Rollstuhl.
Ich will damit nun nicht sagen die alte Frau hätte eine Psychose. Mir geht es eher um die Angst, die jemanden offensiv oder defensiv werden läßt.
Je nachdem, wie sie ausgelebt wird erzeugt sie Unverständnis, Ärger, Wut oder Hilfsbereitschaft.
Aus einer Therapie ist mir in Erinnerung geblieben, dass oft gefragt wurde, "Wo ist denn Ihre Wut?". Als sie ersteinmal da war, wollte sie niemand haben.
Man muß nicht unbedingt gleich die andere Wange hinhalten. Manchmal reicht es schon, wenigstens den Versuch zu machen, einen anderen Menschen zu verstehen.

Viele Grüße, speedy

Knolle
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Renitente Oma

Beitragvon Knolle » Di 10. Jul 2007, 17:26

Hallo bluesheep,

Zwangseinweisungen funktionieren nur, wenn jemand tatsächlich gefährdet ist, also wenn die Oma entweder sich oder jemand anderen tatsächlich verletzt.

Vielleicht solltest Du oder einer der Nachbarn mal versuchen herauszufinden, woran es denn tatsächlich liegt. War die Dame schon immer unausstehlich und ist jetzt einfach zusätzlich alt geworden? Wurde sie erst mit dem Alter so? Hat sie Probleme, die sie dann an anderen auslässt? Könnt Ihr nicht mal versuchen, den Ehemann oder evtl. auf Besuch kommende Verwandte alleine zu erwischen und mit denen zu reden?

Ansonsten kann man sich nur geschlossen als Hausgemeinschaft an die Hausverwaltung wenden. Und wenn das auch nichts hilft, würde ich mir überlegen, ob ich meinen Nerven zuliebe nicht lieber woanders wohnen will.

Tja, und so zynisch es klingt - vielleicht löst sich das Problem ja mit der Zeit von alleine....

Ich kann auf jeden Fall nachfühlen, was ihr mitmacht, ich hatte mal einen solchen Giftzwerg als Nachbarn, der war aber höchstens 50 Jahre alt. Zum Glück fand er alle Nachbarn so furchtbar, dass er es unter seiner Würde fand, in so einem verkommenen Haus weiter zu wohnen. :lol:

Mitfühlende Grüße
Knolle


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