Unterschied zwischen Persönlichkeitsstörung und akzentuierte

Mond
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Unterschied zwischen Persönlichkeitsstörung und akzentuierte

Beitragvon Mond » Di 8. Feb 2005, 08:07

Hallo,

wer kann mir den :

1) Unterschied zwischen Persönlichkeitsstörung und akzentuierte Persönlichkeitsstruktur erklären?
2) Was muß der Gutachter beachten, wenn er so eine Diagnose stellt, da die Diagnose ein Eingriff in das Persönlichkeitsrecht darstellt?


Gruss
Mond

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Franz Engels
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Beitragvon Franz Engels » Mi 9. Feb 2005, 08:09

Hallo Mond,

Ihre Frage ist nicht leicht zu beantworten und gleichzeitig sehr wichtig, weil ja eben die Diagnose eine Persönlichkeitsstörung automatisch eine medizinische Bewertung der Güte einer Persönlichkeit ist. Ich persönlich stoße mich deshalb schon immer an der Bezeichnung P.-störung und verwende sie sehr ungern.

Der Begriff "Akzentuierte Persönlichkeitsstruktur" oder "Akzentuierte P.-züge" oder auch "schädliche/störende Persönlichkeitszüge" dagegen erlaubt es, aus der Sicht des Betrachters einen Eindruck zu beschreiben, ohne diese Akzentuierung zu einer medizinisches Diagnose zu machen. Deshalb verwende ich ihn überall dort, wo die Wertung gesunde-kranke Persönlichkeit für den Betreffenden oder sein juristisches Umfeld keine Rolle spielt oder/oder für den therapeutischen Prozess nicht relevant ist. Es ist natürlich klar, dass man auch als Therapeut nicht immer so verfahren kann und dass damit dann das Problem nicht aus der Welt geschafft ist. Denn sobald bei dem Betreffenden oder in seinem sozialen Umfeld ein Leidensdruck entsteht, der sich wesentlich auf die Wirkung andauernder und situationsunabhängiger "schwieriger" und "unverständlicher" Persönlichkeitseigenschaften zurückführen läßt, liegt das Bedürfnis nahe, von einer "Störung" im medizinischen Sinne auszugehen und nicht von einer blossen Normabweichung. Jedem, der leidet, sei es eine Einzelperson oder ein soziales Umfeld, möchte man zunächst unterstellen, dass dieses Leiden nicht ein Normalzustand, sondern Ausdruck einer (behebbaren) Störung ist. Und naturgemäß wird dann der Arzt konsultiert. Diese Konsultation des Therapeuten ist ja für sich genommen, sofern sie freiwillig erfolgt, bereits eine Vorbewertung des Betreffenden selber in diese Richtung. Ebenso wird man auch bei Menschen, die unter andauernden depressiven Verstimmungen, Antriebslosigkeit, Schlafstörungen etc. leiden bis zum Beweis des Gegenteils (der nie erbracht werden kann...) davon ausgehen, dass es sich um eine Störung, eine Krankheit handelt, die man behandeln sollte. Dort würde es interessanter Weise sicher sehr rasch als "grob" empfunden werden, wenn man an einer Depression leidende Menschen als gesund und vielleicht einfach als "affektakzentuiert" bezeichnen würde...

Die Bewertung einer Persönlichkeit nach krank oder gesund kommt nun v. a. im juristischen Kontext vor. Hier ist es nämlich sehr entscheidend, ob die Fehlleistungen und ggf. Straftaten, die ein Mensch aufgrund von der Norm abweichender Persönlichkeitseigenschaften begeht, dem Bereich der Kriminalität oder dem der Krankheit zugeordnet werden. Ein vom Gericht bestimmter Gutachter kommt also nicht daran vorbei, eine diesbezügliche Wertung vorzunehmen, die dann für den Betreffenden sehr unterschiedliche Konsequenzen haben wird. Beides ist für den Betroffenen nicht schön, im zweiten Fall wird er als weniger oder gar nicht schuldig bewertet, was sich dann wiederum auf das Strafmaß bzw. den Bezug und das Ausmaß sozialer Vergünstigungen (IV-Rente etc.) auswirken kann. Wer mit solchen Fragestellungen im Rahmen von Gutachten zu tun hatte oder hat weiß, dass es sehr unterschiedliche Straffälle gibt, bei denen manchmal ganz eindeutig ist, ob ein Täter ein Verbrecher im eigentlichen Sinne oder ein psychisch kranker Mensch ist, häufig aber eben nicht. Auch dann muß der Gutachter seinen subjektiven Eindruck, möglichst gut abgestützt auf nachvollziehbare Argumente und Befunde abgeben. Letztlich entscheidet das Gericht, nicht der Arzt darüber, ob und in welchem Masse dann eine Strafe verhängt wird.

Die Angelegenheit ist schwierig und wird durch meine Ausführungen sicher nicht einfacher. Zusammenfassend würde ich Ihnen antworten:
zu1)
Der Unterschied liegt darin, dass im zweiten Fall eine medizinische Bewertung vorgenommen und der Betreffende als Betroffener wahrgenommen wird.
zu2)
Der Gutachter muß sich v.a. die Frage stellen, ob die beim Betreffenden selber oder in dessen Umfeld entstandenen Probleme eine Krankheitswert haben oder nicht, ob der Betreffende für seine als Fehlhandlung oder Fehlhaltung wahrgenommene Symptomatik vollumfänglich selbst verantwortlich ist (Der Verbrecher aus Überzeugung, wenn es ihn gibt) oder eben nicht. Dabei darf und muß er, sofern objektive Kriterien fehlen, subjektiv vorgehen. Er muß seine Wahrnehmung lediglich gut begründen, dem Gericht steht es frei, beliebig viele andere Gutachten einzuholen und zu einer völlig abweichende Entscheidung zu kommen!

Ich hoffe, es war nicht zu verwirrend. Es ist wirklich nicht so einfach, habe ich gerade wieder festgestellt. Und vielleicht gibt es ja noch mehr Statements dazu...

Freundliche Grüße

Franz Engels (Webmaster)
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Beitragvon Mond » Mi 9. Feb 2005, 12:55

Hallo.

vielen Dank für Ihre Ausführungen:

Der Begriff "Akzentuierte Persönlichkeitsstruktur" oder "Akzentuierte P.-züge" oder auch "schädliche/störende Persönlichkeitszüge" dagegen erlaubt es, aus der Sicht des Betrachters einen Eindruck zu beschreiben, ohne diese Akzentuierung zu einer medizinisches Diagnose zu machen. Deshalb verwende ich ihn überall dort, wo die Wertung gesunde-kranke Persönlichkeit für den Betreffenden oder sein juristisches Umfeld keine Rolle spielt oder/oder für den therapeutischen Prozess nicht relevant ist.

=Das würde bedeuten, daß die P.-Störung nach F 60 einzuordnen ist, aber nicht die Akzentuierte Persönlichkeitstruktur? Bedeutet es, daß die Störung somit schwerwiegender (drastischer formuliert ist)? Das wäre für mich sehr wichtig zu wissen, ob eine akzentuierte Persönlichkeitsstruktur eine Diagnose ist oder nicht.

Der Unterschied liegt darin, dass im zweiten Fall eine medizinische Bewertung vorgenommen und der Betreffende als Betroffener wahrgenommen wird.

=Das habe ich noch nicht ganz verstanden. Könnten Sie es mir noch etwas verdeutlichen?

Gruß
Mond

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Beitragvon Franz Engels » Mi 9. Feb 2005, 14:01

Hallo Mond,
=Das würde bedeuten, daß die P.-Störung nach F 60 einzuordnen ist, aber nicht die Akzentuierte Persönlichkeitstruktur?

Ja, korrekt.
Im ICD-10 gibt es zwar eine Diagnose namens "Akzentuierte Persönlichkeitsstruktur". Sie wird aber nicht unter den F-Diagnosen, sondern unter den Z-Diagnosen ICD-10:Z73.1 im Anhang vergeben und nicht näher ausgeführt. Ich könnte also meine Ausführung geringfügig korrigieren:
statt
zu beschreiben, ohne diese Akzentuierung zu einer medizinisches Diagnose zu machen
müßte es korrekter heißen:
zu beschreiben, ohne diese Akzentuierung zu einer relevanten medizinischen Diagnose zu machen.
Denn die Z-Diagnosen finden sich wie erwähnt im Anhang, sind eine medizinische Aussage, haben aber vor Kostenträgern, Behörden etc.. nur einen geringeren Krankheitswert, gelten als Randumstände. (Dies, obwohl manche dort kodierten Befunde einen z. T. erheblichen Krankheitswert für die Betroffenen haben, z. B. das Burnout-Syndrom Z73.0)
Bedeutet es, daß die Störung somit schwerwiegender (drastischer formuliert ist)?
Nach meinem Verständnis nicht unbedingt, obwohl ich persönlich es wenn möglich so handhabe. Die Verwendung der Bezeichnung "Persönlichkeitsstörung" bedeutet zunächst einmal nur, dass der Untersucher/Arzt/Therapeut bei dem betreffenden Patienten/Klienten Symptomkonstallationen und Bedingungen vorgefunden hat, die den Kriterien des Störungsbildes "Persönlichkeitsstörung" in der ICD-10 entsprechen. Ob und warum dieser Untersucher/Arzt/Gutachter sich dann auch auf das ICD-10-Manual stützt mag ganz unterschiedliche Gründe haben. Und oft ist es notwendig, diese Gründe zu kennen, um die Aussagekraft dieser "Diagnose" genauer einschätzen können: Zum Beispiel schreiben seit längerer Zeit viele Krankenkassen mit dem Einverständnis des Gesetzgebers behandelnden Ärzten vor, Ihre Diagnosen "nach ICD-10" vorzunehmen. Andere Versicherer ooder z. B. auch Behörden akzeptieren meist auch nur noch "Diagnosen nach ICD-10". D. h. wenn dann der Arzt stattdessen "Akzentuierte Persönlichkeitsstruktur" schreiben würde, würde die Kasse oder die Versicherung oder die Behörde ggf. die Leistung ablehnen oder kürzen, eine Rente nicht gewähren oder vielleicht den "Fall" nicht weiterbearbeiten. In anderen Situationen mag ein Arzt ganz bewußt zu dieser diagnostischen Kategorie greifen, entweder, weil er von der Deckungsgleichheit überzeugt ist oder um zu verdeutlichen, dass die vorliegenden Persönlichkeitseigenschaften aus seiner Sicht tatsächlich eine "Störung", also ein medizinisch-psychiatrisches Problem darstellen und nicht nur eine Normvariante ohne Krankheitswert. Das kann wichtig sein auch in der Kommunikation mit anderen "Experten", damit man weiß, wovon man spricht. Rein von der Symptomatik her ließen sich akzentuierte Persönlichkeitszüge sehr häufig in der ICD-10 auch als "Störung" klassifizieren und umgekehrt. Es hängt dann wie gesagt von den jeweiligen Umständen und Motiven ab, ob dieses Manual bemüht wird oder nicht. Ein Arzt wird eben bei seiner notwendigen Kommunikation mit Kostenträgern, Ämtern, Kollegen etc.. häufig gar nicht darum herumkommen, nach ICD-10 zu diagnostizieren, einfach weil es vorgeschrieben ist. Und dort hat dann halt nur die "Störung" einen wirklichen Krankheitswert und es fehlt in diesem Manual die Abgrenzung zu "gesunden Normvarianten".
Das wäre für mich sehr wichtig zu wissen, ob eine akzentuierte Persönlichkeitsstruktur eine Diagnose ist oder nicht.
Ärzte stellen Diagnosen, Diagnosen sind sozusagen "Arbeitshypothesen" für Ärzte und sozusagen ein ureigenes Werkzeug des Arztes. Eigentlich...! Denn uneigentlich besteht, wie ich oben ausgeführt habe, in der letzten Zeit, ausdrücklich gestützt durch den Gesetzgeber, der Trend, Ärzten eine bestimmte Anzahl von Diagnosen in Manuals zur Auswahl zu stellen und andere Arbeitshypothesen nicht mehr zu akzeptieren. Das entspricht dem gegenwärtigen Verständnis von Qualitätssicherung in der Medizin: je weniger verfügbare Diagnosen und je enger die Kriterien, nach denen sie vergeben werden können (festgelegte Algorithmen, Schulungen am Manual etc.) umso häufiger kommen verschiedene Ärzte zu gleichen Diagnosen. Ein eindeutiger Beleg für die Qualität dieses Prozesses. :D ....................................... :-k .................................................... #-o

Um also Ihre Frage zu beantworten: Der Begriff "Akzentuierte Persönlichkeitszüge" ist immer dann eine Diagnose, wenn ein Arzt sie äußert, der mit Ihrer Behandlung oder Begutachtung betreut ist. Denn "Diagnosen" werden von Ärzten als Werkzeug bei ihrer Arbeit verwnedet. Daran gibt es nichts zu rütteln, und das ändert sich auch dann nicht, wenn sie von Dritten nicht akzeptiert werden.
"Akzentuierte Persönlichkeitszüge", von einem Arzt zugesprochen, ist eine Diagnose. Sie sagt aus, dass der Betreffende zwar hervorstechende und möglicherweise "schwierige" Persönlichkeitszüge hat, dass dies aber aus Sicht des Arztes/Diagnostikers aktuell keinen eigenständigen Krankheitswert hat. So verstehe ich es.

Freundliche Grüße

Franz Engels (Webmaster)
=Das habe ich noch nicht ganz verstanden. Könnten Sie es mir noch etwas verdeutlichen?
Jetzt klarer? In dem Moment, wo man von einer P-störung spricht, wird ein Sachverständiger, ein Versicherer etc.. von dem Bestehen einer relevanten Krankheit ausgehen, weil dieser Begriff in der ICD-10 eine feste medizinisch-psychiatrische Bedeutung hat und weil die ICD-10 das offiziell anerkannte Handbüchlein für die gegenwärtig erlaubten Diagnosen praktizierender Ärzte und Fachärzte ist... Das mit dem Betreffenden und dem Betroffenen ist ein Wortspiel, ich neige zu solchem Kram... :???: Lassen Sie es notfalls einfach weg! Sie verpassen nichts dabei... :wink:

Freundliche Grüße

Franz Engels (Webmaster) #-o
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Beitragvon kayo » Fr 11. Feb 2005, 10:51

Hi,

die Diagnosen über meine Probleme haben sich ab und zu geändert. Ich habe nur anfangs damit ein Problem gehabt.

Ich finde es nicht so extrem wichtig, wie die Diagnose lautet, nur hinsichtlich der Medikation ist es wichtig. Juristisch auch.

Im täglichen Leben, wenn ich von meinen Problemen gesprochen habe oder spreche, dann ist es ziemlich egal wie ich das Kind nenne. Am Anfang, wenn ich jemanden kennenlerne, nenne ich es sowieso nicht. Ich habe auch noch niemanden getroffen, der mir gesagt hat er hätte bemerkt, dass ich Probleme habe. Das Wort Schizophrenie in den Mund zu nehmen ist allerdings schwieriger, da viele Menschen darunter eine gespaltene Persönlichkeit verstehen. Meine Therapeutin hatte später ihre Diagnose in schizoaffektive Psychose geändert. Das trifft es auch eher.

Je mehr ich mich mit den wirklichen Problemen meiner Problematik, d.h. dem Abstandsproblem, beschäftigt habe umso weniger wichtiger wurde die Frage: was ist es nun eigentlich; denn die Probematiken sind so vielfältig, dass es etliche Theorien gibt, was dazu beiträgt (Kommunikation, Kindheitserlebnisse, Familiensituation etc.) oder beitragen könnte.

Das Bewusstsein, das auch Ärzte und Therapeuten Menschen sind die sich irren können und das auch immer mal wieder tun, sollte dazu beitragen, dass jeder Patient ein Stück lernt sich auf sich selbst zu verlassen, was aber auch ein nicht zu verachtendes Problem dieser Problematiken darstellt.

Meine Therapeutin hat die Angewohnheit, das andere Extremum meiner Meinung anzunehmen; das führte dazu, dass ich oft an ihren Aussagen zweifelte. Das ging solange bis ich es bemerkte und ich somit erst in der Lage war sie zu relativieren. Möglicherweise irre ich mich aber vielleicht ist das ein Therapieansatz.

Grüße Kay
Das Bedürfnis nach Glauben ist der grösste Hemmschuh der Wahrhaftigkeit

(Friedrich Nietzsche)


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