Diskriminierende Bezeichnung

Die Bezeichnung "Persönlichkeitsstörung" – in Ordnung oder diskriminierend?

Ich finde diese Bezeichnung in Ordnung.
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67%
Ich finde diese Bezeichnung diskriminierend.
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Insgesamt abgegebene Stimmen: 18

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Sucamedica
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Beitragvon Sucamedica » Di 21. Okt 2008, 23:28

Ich finde das nicht diskriminierend, genauso wenig wie "Depri" oder "Behindi".
viele Grüße,
Sucamedica

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Lascia ch'io pianga mia cruda sorte, e che sospiri la libertà! Il duolo infranga queste ritorte de' miei martiri sol per pietà.[/color]

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Laura
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Beitragvon Laura » Mi 22. Okt 2008, 00:15

Hallo Melanie!

Ich finde die Grundsatzfrage, ehrlich gesagt, nicht beantwortbar. Für mich stimmt beides. Hinter einer Verhaltensauffälligkeit kann ein Leiden stecken und somit hätte die Titulierung "krankhaft" dann ihre Ursprungsbedeutung, nämlich dass da jemand kommen und helfen muss. Nur hat in unserem psychologischen Zeitalter das Wörtchen "krankhaft" die Konnotation "den kannste abheften, den wollen wir hier nicht". Insofern finde ich die Umbenennung von "Persönlichkeitsstörung" in "krankhafte Charakterzüge" auch nicht wesentlich rücksichtsvoller oder stigmafreier. Welche psychiatrische Diagnose fördert schon den Sex-Appeal des Betroffenen?

Und ob es in früheren Jahrhunderten "schwierige" Menschen oder gar "Sonderlinge" einfacher hatten, nur weil es noch keinen Psycho-Apparat gab, wage ich zu bezweifeln. Außenseiter und Ausgegrenzte gab es vermutlich schon immer. Natürlich mutet es perfide an, dass der psychologische Betrieb, der doch eigentlich helfen und das menschliche Miteinander verbessern soll, auch das Gegenteil bewirken kann. Die Kirche mit ihrer Heilslehre ist bereits demaskiert und enttrohnt worden, die Psychologie als die Ersatzreligion unseres Zeitalters wird vermutlich eines Tages folgen.

Aber solange wir in diesem überpsychologischen Life-Style stecken, muss man ja irgendwie damit umgehen, dass manche Menschen Probleme haben, die nicht so einfach in die großen Diagnosen "Depression" oder "Psychose" hineinpassen. Soll man sie alle als "emotional instabil" bezeichnen, um das Kind nicht mit dem Bade auszuschütten oder um missbräuchlichem Gebrauch von Diagnosen vorzubeugen? Ich kann diese Frage nicht beantworten. Es sieht nicht jeder ein, einen Kranken rücksichtsvoller zu behandeln, manche wiederum können schwierige Zeitgenossen, z. B. die eigene Mutter, gelassener akzeptieren wie sie sind, wenn sie sich sagen, dass da ein Nervenleiden dahintersteckt und nehmen somit die Schrullen des Betroffenen oder "schwierigen" Menschens nicht mehr so persönlich. Und ich glaube, das Ausschlaggebende, um einem wie auch immer diagnostizierten psychisch Kranken, zu helfen, ist nicht, ihn mit aller Macht "umerziehen" zu wollen, sondern ihn zu nehmen wie er ist. Da gilt für psychiatrisch Diagnostizierte dasselbe wie für Gesunde: Man muss sich an die Leute halten, die einen mögen. Ein Therapeut, dem man unsympathisch ist, kann einem natürlich willkürlich die abschätzigsten Persönlichkeitsstörungen festschreiben. Es gibt aber Patienten, die sich überlegen, ob an der Diagnose trotz alledem nicht doch etwas dran sein könnte und wenn sie bis dato nicht besonders selbstkritisch waren, können sie es werden, auch wenn die Diagnose nicht exakt richtig war.

Liebe Grüße

Laura
Es ist o. k., wenn nicht alles supertoll ist. Wenn alles supertoll wäre, dann wäre alles nur noch o. k.

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Laura
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Beitragvon Laura » Do 23. Okt 2008, 02:09

Hallo Melanie!
Zitat:
Die Kirche mit ihrer Heilslehre ist bereits demaskiert und enttrohnt worden, die Psychologie als die Ersatzreligion unseres Zeitalters wird vermutlich eines Tages folgen.

Na ja, für mich sind Psychologen keine Ersatzpriester o.Ä., und gute Psychologen möchten wohl auch nicht so gesehen werden.
So wortwörtlich hatte ich es nicht gemeint, dass Psychologie die "neue Kirche" ist und Therapeuten somit die "neuen Priester". Aber beiden ist gemeinsam, dass es um das Seelenheil geht. Früher betete man zu Gott und der erhörte einen oder auch nicht. Heute geht man zum Therapeuten und der versteht einen oder auch nicht. Falls hier jemand die Analogie Therapeut = Gott herauslesen möchte: Es gibt ja die böse Unterstellung, dass jemand nur aus dem Grund Therapeut würde, um Gott spielen zu können. Das ist schon ziemlich böse formuliert und Selbstüberschätzung ist in jedem Berufszweig anzutreffen. Und doch: Neigen wir nicht zu der Vorstellung oder Hoffnung, dass eine Psychotherapie einem das langvermisste Glück bescheren kann? Auch hier würde ich eine Gemeinsamkeit zur Vorrangstellung der Kirche in früheren Zeiten sehen: Alles, was helfen soll, kann überschätzt werden.

Aber das war jetzt off-topic.

Dein Argument, dass man jemanden lieber "krankhaft misstrauisch" denn als paranoid-persönlichkeitsgestört bezeichnen sollte leuchtet mir jetzt, da Du Dein Beispiel konkretisiert hast, ein. Und auch, dass es ein Unterschied ist, ob Herr Meyer oder Frau Schulz einen für ein bisschen "komisch" halten oder ob ein Therapeut es sozusagen amtlich macht. Was ein Therapeut diagnostiziert, wird gerne für objektiv gehalten (ob von einem selbst oder von anderen sei mal dahingestellt, aber die meisten Klienten erzählen ja die Diagnose weiter, zumindest privat). Dabei kann man gerade im geistig-psychischen Bereich stundenlang hin- und herargumentieren. Ob jemand "gestört" ist, ist nicht so objektiv feststellbar wie ob Wasser bei Hitze verdampft. Aber "gestört" kann ankommen als "unliebenswert" bis hin zu "Mensch zweiter Klasse". Jemand, der einen als "normal" kennen gelernt hat, könnte anfangen, sich Hintergedanken zu machen, nur weil da eine Diagnose im Raum steht. Und hier schließt sich der Kreis Macht der Kirche/Macht der Therapeuten. Die katholische Kirche kann einen exkommunizieren, der Therapeut kann einen als "nicht gesellschaftsfähig" abstempeln. In solch einer Situation muss man also irgendwo seine Zuflucht suchen (z. B. in diesem Forum :D ), fast schon wie die Vogelfreien im Mittelalter, die in den Wald gingen (aber letzteres bitte auch nicht so wörtlich nehmen :wink:.)

Insofern wäre es für viele Betroffene, die durch ihre "Persönlichkeitsstörung" nicht dramatisch beeinträchtigt sind, in der Tat angebrachter, die Diagnose umzuformulieren. Aber wenn jemand aufgrund seiner psyschischen Beeinträchtigungen, und ich meine hier gerade wieder die, die unter "Persönlichkeitsstörungen" subsumiert werden, nicht mehr arbeiten kann und Fürsorgeleistungen vom Staat beantragen muss, empfiehlt es sich bei der gegenwärtigen Lage wiederum, eine "spektakuläre" Diagnose zu formulieren. In Insiderkreisen kann man ja aufgeklärt und tolerant sein, von Beamten und der Allgemeinheit kann man das noch nicht erwarten. Wenn man bei Anträgen mit "krankhaften Zügen" argumentieren würde, könnte doch leicht das Gegenargument kommen: "Ja, und? Irgend einen Vogel hat doch jeder, hat dieser Antragssteller ein Recht auf Leistung XY, nur weil er die ein oder andere Macke hat und mal beim Therapeuten war?"

Du hast es ja selbst bei Deinem Antrag auf Deinen Klinikaufenthalt erlebt. Was für die einen wahr ist, ist für die anderen noch lange nicht so offensichtlich. Mein Betreuer hat neulich wieder den Schrieb ausgefüllt, um das Betreute Wohnen wieder für ein Jahr zu verlängern. Ich sehe mir das immer durch, muss eventuell etwas korrigieren lassen und auf jeden Fall muss ich es unterschreiben. Wenn ich da so die Angaben über mich lese, die verdammt privat sind, denke ich mir jedes Mal: "Mein Gott, als sei ich voll im Milieu und völligst stoned." Aber nur so bekomme ich die Maßnahme immer wieder bewilligt, auch wenn ich in Wirklichkeit nicht soooo extrem hilflos bin, wie sich das auf dem Papier darstellt.

Also, kurz und gut, sobald es um Kohle geht, die man nicht selber hat, ist das so eine Sache mit der Wahrheit. Für mich ist es wahr, dass ich meinen Betreuer in erster Linie als moralische Stütze brauche und ich das für hilfsbedürftig genug halte. Für das Landessozialamt ist es aber wahr, dass es nicht einfach nur "jemanden zum Quatschen" finanzieren kann oder will, sondern konkretere Nöte vorhanden sein müssen. Die sind bei mir ja auch durchaus da, aber nicht ganz so dramatisch wie auf dem Antrag. Das Landessozialamt kann mich nun für bescheuert und asozial halten. Damit kann ich leben, solange mir mein Betreuer erhalten bleibt.

Genauso ist jemand, dem eine Persönlichkeitsstörung attestiert wurde, auch nicht so gestrickt, dass bei ihm Hopfen und Malz verloren wären und er keinen zusammenhängenden Satz mehr sprechen könnte. Es kann aber sein, dass er nicht mehr arbeitsfähig ist und um letzteres glaubwürdig zu machen, braucht's zum gegenwärtigen Zeitpunkt eine drastisch klingende Diagnose. Was da an Klischees durch die Gesellschaft geistert, egal um welche psychische Erkrankung es sich handelt, das ist doch sowieso eins unserer Probleme, das kennen wir doch eh schon... :wink:

Liebe Grüße

Laura
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FallingDown
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Beitragvon FallingDown » Do 23. Okt 2008, 17:31

Ohne groß in die eigentliche Diskussion einzugreifen.

Ich finde den Begriff nicht diskriminierend. Er trifft an sich ja den Kern der Problematik.
[i]Because I'm falling down, with people standing round,
but before I hit the ground, is there time
I could find someone out there to help me...?[/i]
[ Duran Duran, "Falling Down", 2007 ]

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Angelita
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Beitragvon Angelita » Di 11. Nov 2008, 10:13

Angelita hat geschrieben:
Die Diagnose Persönlichkeitsstörung ist m.E. sehr fragwürdig. Wie schon im Einleitungsvotum geschrieben wurde, wird sie meist von aussen gestellt.

Viele Depressive kommen noch mehr in den Leidensdruck, wenn vom Psychiater die Diagnose geändert wird auf Persönlichkeitsstörung.

Hand aufs Herz, wer hat keine Persönlichkeitsstörung? :wink:

Es ist doch die Frag nach dem Leidensdruck.... Es gibt Menschen - von aussen betrachtet - die haben eine offensichtliche PS aber leiden selbst nicht darunter dafür ihre Umwelt.

Von mir aus könnte die WHO im ICD-10 F6 ganz streichen. Denn für viele Betroffene ist es ein Werturteil - so wie ich bin, bin ich nicht recht. Aber meist ist es eben nicht so.:roll:

Eine Depression muss nicht zwingend auf einer PS fussen und der Umkehrschluss ist auch fraglich.

Herzlichst Angelita
Dies habe ich in "Persönlichkeitsstörung" von Hr. Engels-Beitrag am 7.1.2003 geantwortet. Zwischen den Jahren habe ich meine Meinung nicht geändert. Den Überlegungen von Melanie pflichte ich bei. Beim Diagnose-Etikett Persönlichkeitsstörung wird suggeriert, dass man keine Veränderung herbeiführen kann, dass Persönlichkeit unveränderbar ist, dass es keine Hilfe gibt. Wofür in die Therapie gehen, warum noch in die Klinik eintreten; hat ja eh keinen Sinn.

Natürlich stimmt das so absolut nicht. Aber Betroffene/Diagnostizierte könnten das so empfinden. Nicht nur das, es gibt auch Psychiater, die das so an die "Persönilchkeitsgestörten" vermitteln...
Gruss Angelita

“Man muss im Ganzen an jemanden glauben, um ihm im Einzelnen wahrhaft Zutrauen zu schenken.” H. v. Hofmannsthal

Abigal
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Beitragvon Abigal » Sa 29. Nov 2008, 00:56

Hallo

ich finde es gut dass es Diagnosen, wie "Persönlichkeitsstörungen" gibt. Sie erklären für mich bestimmte irritierende Verhaltensweisen bei manchen Mitmenschen.

Abigal

Misa
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Registriert: Mi 24. Sep 2008, 08:46

Beitragvon Misa » Sa 29. Nov 2008, 11:54

hallo !

so lang meine persönlichkeit gestört sein kann, hab ich doch wenigstens eine persönlichkeit!

es gibt viele mitmenschen, deren persönlichkeit gar nicht gestört sein kann, weil sie keine haben.

und die frage, wer gestört ist, steht für mich einfach so in der landschaft. schließlich könnten ja all die gestört sein, die sich als "normal" bezeichnen. z.b. dass sie so angepasst an alle widrigkeiten des lebens sind, dass sie das leben an sich gar nicht mehr wahrnehmen. dass sie zwanghaft versuchen, normal und funktionsfähig zu sein, und dadurch keine zeit mehr haben, interesse an ihren mitmenschen zu zeigen.

dass sich manche menschen mit ihren diagnosen regelrecht identifizieren habe ich auch schon beobachtet, unter dem motto: klasse, endlich bin ich wer, wenn auch gestört. und ich hab mich gefragt, was diese leuts machen, wenn ihnen eine diagnose (aus gründen der besserung des gesundheitszustandes) genommen wird.

das wort "persönlichkeitsstörung" find ich nicht schlimm. wenn jemand nicht laufen kann, ist er "gehbehindert". wäre denn "kopfbehindert" besser?

die tatsache, dass immer mehr persönlichkeitsstörungen diagnostiziert werden... vielleicht ein ganz einfaches rechenexempel. er und sie. sie hat eine persönlichkeitstörungen. aus dieser beziehung kommt zweimal nachwuchs. persönlichkeitsgestört wie 'sie' ist, ist die wahrscheinlichkeit groß, dass die zwei nachwüchse auch gestört aufwachsen. in dem fall wäre das eine hundertprozentige zunahme :oops: !? (oha, sorry, bin blond).

lg misa


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