Ständige Zwiegespaltenheit

Elektrolurch
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Ständige Zwiegespaltenheit

Beitragvon Elektrolurch » Mi 25. Jun 2008, 22:35

Hallo liebes Forum,

Ich bin männlich und 18 Jahre alt.

Meine Gefühle sind eigentlich immer ambivalent. Ich mag kaum Beispiele nennen, weil ich dabei das Gefühl habe, das Problem auf irgendetwas zu reduzieren, aber werde es trotzdem tun (dieser Satz war schon das erste Beispiel...):

Mal komme ich mir als halber Mensch oder als Maschine vor, mal strotze ich nur so vor Lebendigkeit. Mein Selbstwert unterliegt starken Schwankungen. Mal fühle ich mich, als ob ich mit einem Schluck einen Ozean austrinken könnte, mal habe ich einfach nur Angst, ohne dass ich sagen kann, wovor. Manchmal suche ich nach Bestätigung und wenn ich sie dann habe, hasse ich mich dafür und will nur noch Kritik. Ich habe schnell Mitleid mit anderen, aber im grunde sind sie mir dann doch nur egal. Ich bin manchmal gemein zu anderen, obwohl ich innerlich eigentlich sehr nett bin und mich anschließend dafür schäme, aber wenn ich nett bin, bekomme ich ja meistens Bestätigung (durch ein Lächeln oder "Du bist ein Schatz!" oder sonstiges), und dann tritt wieder obiges ein... und wenn meine Freundlichkeit nicht geschätzt wird, bin ich wütend, dass die Leute sie nicht anerkennen. Wenn mir ein Kompliment gemacht wird, freue ich mich einerseits, andererseits bin ich aber einfach nur verzweifelt, anders lässt es sich nicht ausdrücken. Ich bin ständig nervös, meine Hände zittern oft, aber tief in mir bin ich gleichzeitig die ruhigste Person auf der ganzen Welt. Und so weiter...

Man kennt mich als sehr ruhige und nette Person (wenn ich schon immer jemandem Schmerzen zufügen muss, kann ich ja wenigstens versuchen, es bei mir zu belassen und nicht auf andere auszuweiten). Viel reden tu ich nicht und es fällt glaube ich sofort auf, dass ich sehr introvertiert bin. Früher habe ich mein Ideal im extrovertiert und normal sein gesehen, weil ich so orientierungslos war... das hat gerade deswegen natürlich gar nicht geklappt, da alle meine Handlungen über meinen Verstand laufen mussten, denn wenn ich mich nach meinen spontanen Gefühlen verhalten hätte, hätte ich immer Angst gehabt, etwas falsch zu machen - und das mit Sicherheit auch berechtigterweise.

Jeglicher Kontakt mit Menschen kommt mir als Zwickmühle vor, aber ich fürchte, dass die noch weiter ausgedehnt ist... wenn ich mich für ein paar Tage noch stärker als sonst in mich zurück ziehe, bekomme ich innerlich langsam das Gefühl - bildlich gesprochen - nackt durch eine Eiswüste zu laufen, ohne Möglichkeit oder Hoffnung, irgendwo Schutz zu finden. Und ich fühle mich einsam. Einsam fühle ich mich allerdings auch bei Kontakt mit Menschen, weil ich dann gleich spüre, dass mich niemand 'sieht', niemand versteht... erträglich ist es nur, wenn ich zwischen den beiden Extremen hin- und her wechsle.

Intellektuell neige ich dazu, alles bis aufs Schärfste zu relativieren und möglichst objektiv zu sein. Außerdem differenziere ich sehr stark, und abstrahieren kann ich sehr gut... das lässt sich als Gabe ansehen und ich habe schon einige Leute damit beeindruckt (eine Freundin von mir hat dadurch auch festgestellt, dass ich über sie anscheinend mehr weiß als sie über sich), ist bei mir aber so extrem, dass ich dadurch unproduktiv werde und mich niemandem verständlich machen kann... bevor ich eine Diskussion mit jemandem anfange, weil ich eine andere Meinung habe, stimme ich ihm lieber gleich zu und behalte meine Gedanken für mich... und bin anschließend natürlich wütend auf mich. Und auf ihn. Und sowieso die ganze Welt, Gesellschaft, das Universum... eigentlich auf nichts. Ich bin einfach nur wütend, aber rede mir ein, dass ich auf irgend'etwas' wütend bin.

Wenn ich mich recht erinnere, war das erste, was mir bei meiner Selbstreflexion aufgefallen ist, dass meine Stimmung immer das Gegenteil von der Stimmung um mich herum ist. Aber ich muss mir ja trotzdem einreden, dass es mir anders geht, weil ich sonst... ach, ich kann es nicht in Worte fassen. Noch nicht.

Anderen Menschen gegenüber bin ich sehr misstrauisch, geradezu paranoid... aber ich zeige es nicht, sondern wirke nach außen eher naiv. Bin es auch irgendwo, aber das ist eher oberflächlich und dieses Gefühl ist nicht wirklich 'ich'.

Vielleicht habe ich mittlerweile einen/den Grund dafür gefunden, dass ich so verkorkst bin. Ob mich diese Erkenntnis weiter bringen kann oder mich vielleicht schon weiter gebracht hat, kann ich bisher noch nicht sagen.

Von meinen Eltern habe ich gehört, dass ich als Kleinkind oft Bauchschmerzen hatte. Alter weiß ich leider nicht genau, und ich traue mich nicht, meine Eltern zu fragen, weil ich sie hasse und weil ich nicht will, dass sie sich Sorgen machen... oder sich am Ende noch um mich kümmern.

Durch Schmerz lernt man, zwischen 'Selbst' und 'Welt' zu differenzieren, denke ich. Die Welt ist die Ursache für den Schmerz (man fällt hin, man beißt sich den Daumen, Vater hebt den Gürtel, ...) und das Selbst nimmt den Schmerz war. Bei mir gab es nun aber keine erkennbare Ursache, die einzige Erklärung war, dass ich selbst die Ursache war. Das hatte zur Folge, dass ich mich innerlich von meinem Ego distanziert habe. (An sich klingt das wie etwas positives, aber hier stimmt das nicht. Mir fehlen meine 'Wurzeln'.) In der Kindheit wird man aber natürlich gezwungen, ein Ego aufzubauen... dieses blieb bei mir stets schwach, ich geriet schnell in (oberflächliche, aber für den Moment sehr intensive) Abhängigkeit von anderen, hatte scheinbar keine eigene Meinung, konnte nicht nein sagen. Innerlich war ich aber immer autonom, auch, wenn ich es erst nicht erkannt habe und mir mein scheinbares Ego als eigentliches Ich erschien, weshalb ich meinen tieferen Sinn für Gerechtigkeit, Abstraktion, Logik etc. stets von mir gewiesen habe. Der kam höchstens in Naturwissenschaften zum Ausdruck. Nun habe ich (emotional) erkannt, dass mir eigentlich alles, was oberflächlich ist und mit weltlichen Dingen zu tun hat, fremd ist. Aber ich kann das ja nicht einfach von mir weisen! Die 'Oberfläche' enthält schließlich meine 'Wurzeln', ohne meine Wurzeln würde ich den Halt verlieren, möglicherweise sterben. Ich brauche andere Menschen, um durch sie 'atmen' zu können, weil ich mich (oberflächlich) mit ihnen identifizeren muss.

Mein Konflikt besteht also darin, dass ich andere Menschen unbedingt brauche, dass sie aber all das auslösen, von dem ich oben ein paar Beispiele genannt habe, was wieder dafür sorgt, dass ich einfach allein sein will...

Bin mit der ganzen Sache wahrscheinlich erst am Anfang... seit ca. 1/2 Jahr weiß ich, wie es mir wirklich geht und dass mein Leben bisher eigentlich für die Katz war, weil ich nur für andere Menschen gelebt habe und die davon nicht einmal profitiert haben. Bin mir aber sicher, dass es keinen Weg zurück mehr gibt und dass ich von nun an durch meine Hölle laufen werde... ich wüsste nur gerne, ob die irgendwann vorbei ist, denn wenn das nicht so sein sollte, will ich nicht mehr leben, fürchte ich. Ich glaube ehrlich gesagt nicht, dass mir irgendwer einen nützlichen Ratschlag geben kann, aber ich will es mal trotzdem nicht unversucht lassen. (Ich habe auch vor, zum Psychiater zu gehen, allerdings erst, wenn ich von zu Hause weggezogen bin, damit meine Familie nichts mitbekommt.)

Das war jetzt sehr viel... schon mal ein herzliches Danke an alle, die sich die Mühe gemacht haben, das durchzulesen und sich verwirren zu lassen.

EDIT: Sollte vielleicht noch anmerken, dass ich übersensibel bin... im positiven wie im negativen Sinne.

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Remedias
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Beitragvon Remedias » Do 26. Jun 2008, 15:00

Hallo @Elektrolurch, du scheinst vermutlich wirklich eine HSP (high sensitive person) zu sein, aber in deinem Schreiben habe ich eigentlich nix gefunden, was irgendwie krankhaft bzw. nicht normal für deinen pubertären Zustand wäre. Lass dir noch ein wenig Zeit! Irgendwann wirst du der Mann werden, der du gerne sein willst. Es kann sein, dass dir eine Therapie helfen könnte. Richtiger Ansprechpartner ist da eher nicht der Psychiater, inder Psychiatrie wird viel mit Medikamenten gearbeitet, sondern ein Psychotherapeut. Warum hast du Scheu vor deiner Familie, zuzugeben, dass du eine Therapie machen möchtest? Viele Leute tun das.
Ich drücke dir die Daumen. liebe Grüße Remedias
Hier noch etwas über den Zusammenhang HSP/ psych. Erkrankung:
http://www.psychiatriegespraech.de/phpB ... php?t=2321

Elektrolurch
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Beitragvon Elektrolurch » Do 26. Jun 2008, 17:01

keksekekse hat geschrieben:Welches Sternzeichen bist Du?
Waage.

@Remedias:

Irgendwie kann ich mir nicht vorstellen, dass es 'nur' das ist. Aber da du in dem Zusammenhang mein Alter erwähnst... ja, kann sein, dass bei mir hormonell noch zu viel drunter und drüber geht.

Erst wollte ich schreiben, dass mein Selbstwert ja so starken Schwankungen unterliegt (und nicht konstant niedrig ist), aber erst jetzt fällt mir auf, dass er vor ca. einem Jahr für eine zeitlang übertrieben hoch war (allerdings nur tief in mir) und nun wieder absinkt... dadurch könnten die Schwankungen auch zustande kommen.

Das mit meiner Familie ist schwer zu erklären... wo der wirkliche Grund liegt, weiß ich gar nicht. Erst mal ist es so, dass ich mit meinen Eltern ein (aus meiner Sicht) distanziertes Verhältnis habe. Das persönlichste, worüber ich mit ihnen rede, sind meine Zukunftspläne... über Gefühle rede ich mit ihnen aber gar nicht. Ich scheue mich schon davor, in Zusammenhang mit Berufen das Wort 'Erfüllung' in den Mund zu nehmen.

Meine Mutter macht mich immer aggressiv, wenn sie in meiner Nähe ist. Es reicht schon, wenn sie im Raum nebenan irgendein Wort von sich gibt. Ich hasse sie. Das zeige ich ihr nur nicht, weil ich nicht weiß, ob meine Gefühle sich irgendwie rechtfertigen lassen. Dazu kommt, dass sie nicht weiß, wer ich bin, weil sie immer nur auf sich fokussiert ist und mich anscheinend als eine Verlängerung von sich selbst sieht... mich 'sieht' sie dabei aber gar nicht. Letztens hat sie dann auch wieder super bewiesen, dass sie keine Ahnung von mir hat, als wir uns zusammen einen Persönlichkeitstest für die Berufswahl angeguckt haben und sie bei nahezu jedem Ergebnis überrascht war. (Sie konnte es z.B. gar nicht verstehen, dass bei mir 'Verständnis' absolut überdurchschnittlich und 'Teamgeist' so gut wie nicht vorhanden war.) Ich hatte Angst in den Momenten.

Mein Vater hat mich bei diesem Persönlichkeitstest aber positiv überrascht. Irgendetwas hindert mich daran, nein, lässt es mir unmöglich erscheinen, mit ihm darüber zu reden.

Eigentlich kenne ich den Grund nicht... Der schlimmste Fall könnte sein, dass ich nicht mit ihnen drüber rede, weil ich sie damit quälen will, dass sie kaum etwas über mich wissen. Dafür würde ich mich schämen, aber der Scham könnte dieses Tabu-Gefühl nicht übertreffen, glaube ich.

Vielen Dank für den Link! Das Buch, von dem hier (http://www.psychosoziale-gesundheit.net ... sitiv.html) die Rede ist, werde ich mir besorgen. Vielen Dank für die Antwort sowieso :wink:

Kekskrümel
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Beitragvon Kekskrümel » Di 12. Aug 2008, 19:14

Hey Elektrolurch!

Ich hoffe, du lässt dich hier noch mal blicken.

Dein Posting geht mir sehr nahe, weil ich ähnliche Probleme habe. Bin auch Waage und nicht sehr viel älter als du.
Eins möchte ich loswerden: du scheinst mir sehr intelligent zu sein und das ist für einen jungen, unsicheren Menschen schwer.
Und deine Probleme zeigen deutlich auf die Ursache in der Familie. Ich kenn das.
Wenn du Fragen hast (Therapierfahrung hab ich auch) dann schreib mir ne PN.
Und hol dir professionelle Hilfe. Das muss keiner ausser Dir wissen. Ist ja schließlich auch dein Problem.
Alles Gute ! :cool:


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