Persönlichkeitsstörung und Abhängigkeitserkrankung

florianlohse
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Persönlichkeitsstörung und Abhängigkeitserkrankung

Beitragvon florianlohse » So 23. Mai 2004, 15:28

Erst einmal Hallo zusammen,

ich beschäftige mich mit dem Thema Persönlichkeitsstörungen in Zusammenhang mit einer bei mir selbst vorliegenden Abhängkeitserkrankung (Alkohol).

Von Februar bis Mai diesen Jahres war ich deswegen in stationärer Kurzzeittherapie (BKH Kaufbeuren), nachdem ich nach 10 Monaten Abstinenz rückfällig wurde.

In dieser Therapie wird die Abhängigkeit als das vordergründig zu behandelnde Problem angesehen. Alle mit dieser Abhängigkeit in Verbindung stehenden psychischen Leiden (z.B. depressive Verstimmung, Angst, psychotische Vorstellungen, Kontaktscheu) werden unter dem Oberbegriff "organisches Psychosyndrom" abgehandelt, welches als direkte Folge der Abhängigkeitserkrankung verstanden wird.

Vereinfacht bedeutet das: Wenn ich es nur schaffe, meine Sucht in den Griff zu kriegen, dann lösen sich die anderen Probleme quasi von selbst.

An dieser Sichtweise habe ich jedoch meine Zweifel:

1. Warum ging es mir in den 10 Monaten Abstinenz nicht wirlich gut, so dass ich wieder rückfällig geworden bin?
2. Ich kann mich nicht daran erinnern, irgendwann einmal nicht-süchtig, also "normal" getrunken zu haben.
3. Kann es sein, dass bei meinem Bemühen, ohne Alkohol zu leben, nicht doch irgendeine Form von "unausgewogenem Persönlichkeitsstil" (um nicht gleich vorurteolsbehaftet Persönlichkeitsstörung anzunehmen) mir im Wege steht.

Gerade weil ich seit früher Kindheit mit Alkohol in der Familie groß geworden bin, selbst sehr früh übermäßig getrunken habe und jetzt gerade mal 27 Jahre alt bin, stellt sich mir die Frage, ob meine Abhängigkeit nicht eher Symptom einer im Hintergrund bestehenden Persönlichkeitsstörung ist.

Es würde mich freuen, wenn ihr vielleicht Erfahrungen und Meinungen zu diesem Thema habt.

Viele Grüße, Florian
Florian Lohse
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Lillyone
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Beitragvon Lillyone » Mo 21. Jun 2004, 01:08

Florian, weiß auch keine Antwort. War öfters mal im Forum Alkoholiker-Selbsthilfe. Es wird bei der AA-Front die These vertreten, dass es keinen Grund und keine Entschuldigung fürs "Saufen" gibt, Gruss Lillyone

SuMu
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Beitragvon SuMu » Mo 21. Jun 2004, 08:13

tja,
bei mir war das so:

ich wusste/fühlte immer schon, das mit mir etwas nicht stimmt, das ich einfach anders bin als andere, auch viel ernster.

1995 begann mein abstieg. ich hatte einen verantwortungsvollen job und gab immer 200%, riß alle verantwortung an mich, verzichtete auf meine freien tage usw.

ich kam nicht mehr runter, trank ab und zu zur entspannung, was ich dann öfters tat, konnte aber immer von allein aufhören und war zwischendurch auch mal 2 monate trocken.

ging zu einer suchtberatung, hatte dort gespräche, ich konnte aber nicht über mich reden, weil ich dachte, ich hätte keine probleme...

1997 stat. therapie - eine sog. entwöhnungstherapie 4 monate.
anschliessend ging es mir immer schlechter, ambulante thera....
teilzeit-jobs, ich war nicht mehr leistungsfähig, ich wusste nichts mehr, wer ich bin,was ich wollte....ich quälte mich durchs leben.

wurde dann beim doc als trockener depri geführt, war 2002 vier mal in der klinik, 2004 einmal und da hat man mir dann gesagt, ich habe eine instabile persönlichkeitsstörung typ borderline.....

hurrah. mein fazit:
es ist nicht leicht, wenn man nicht über sich reden kann, das verständlich rüber zubringen, ausserdem ist es sehr schwer einen guten psychiater zu finden, hab immer noch keinen.
ausserdem kann es somt dauern, bis man eine diagnose erhält!
viele Grüße
SuMu / http://psychomuell.de - http://blogzicke.de - http://su-mu.de/

Lillyone
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Beitragvon Lillyone » Di 22. Jun 2004, 22:38

SuMu würdest Du auch die Auffassung teilen, erst mal der Alk weg, dann kann das andere behandelt werden? Denn gerade mit dem Scheiss-Alk schafft man sich noch mehr Abhängigkeiten und Probleme, vor allem der soziale Abstieg, was ja gerade bei jemandem, der sich schon psychisch angegriffen fühlt, noch mehr Depris hervorrufen kann. Ich kenne solch einen Fall. Es wird getrunken. Dazu werden Psychopharmaka genommen, da verschrieben. Ein Alk.sollte keine Psychopharmaka bekommen. Denn diese Mischung ist ja tödlich. Und gelesen habe ich sogar, dass Borderliner auch keine Psychopharmaka bekommen sollten, sondern intensive Therapie, stationär und dann vor Ort und evtl. SH-Gruppen, sei es die EA, Emotion aholics oder der Teufel was. Ein Borderline kriegt man nicht mit Psychopillen weg, sondern es wird damit alles unterdrückt. Anders wäre es, wenn ne Psychose vorliegt oder Depris oder manisch depressiv. Gruss von Lilllyone

SuMu
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Beitragvon SuMu » Mi 23. Jun 2004, 08:37

ich kann mir nicht anmaßen, dir einen rat zu geben!

es scheint aber wohl so, dass der alk bei dir das aktuelle problem darstellt, somit würde ich eine stat. entgiftung und eine langzeit-entwöhnungstherapie machen.
dann wärst du trocken, kannst klarer denken und deine anderen probleme bewusst mitbekommen.

versuch doch mal mit einem psychiater in einer suchtambulanz zu reden.
viele Grüße
SuMu / http://psychomuell.de - http://blogzicke.de - http://su-mu.de/

Lillyone
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Beitragvon Lillyone » Fr 25. Jun 2004, 00:27

Hallo SuMu, ich bin Angehörige. Selber habe ich das Problem nicht. Ich habe schon alles erkundet, Kliniken, Drogenberatung etc. Aber sie fühlt sich nicht als Alk. Sie sucht sich andere Sachen aus, psychische (die sie auch noch dazu hat, also multipel), nur nix mit Alk. Daher wird sie seit Jahren falsch behandelt und mit Psychopillen "zugedonnert" Gruss Lillyone

Ma Baker
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Beitragvon Ma Baker » Do 9. Sep 2004, 09:21

Hallo,
vielleicht gibt es beide Möglichkeiten, erst die Sucht und dann die psychische Krankheit, oder andersherum.

Von mir muss ich sagen, als ich in der psychosomatischen Klinik war hatte ich keinerlei Bedürfnis zu trinken. Selbst als ich mal mit einem Kollegen im Cafe saß und er 4 Weizen trank hab ich Kakao getrunken *stolzbin*. Zurück in den "krankheitserhaltenden Umständen" bin ich manchmal wirklich nicht sicher, ob nicht doch eine Alkoholsucht vorliegen könnte. Eigentlich soll ich Antidepressiva nehmen aber da könnte ich dann nie autofahren, und die Depressionen sind eigentlich nur sehr unregelmäßig da. Dann kommts eben manchmal zu Verspannungen aber ich wills nicht verniedlichen: z.B. 1 Flasche Wein und 3 Gin Tonic sind Standard. Da ich auch verzichten kann wenn ich autofahren muss, ist das leichter zu kontrollieren als bei Antidepressiva. Natürlich ist das kein wirklicher Grund... weiß aber nicht recht, was tun.

Gruß Ma Baker

kayo
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Beitragvon kayo » Do 9. Sep 2004, 10:57

Hi,

ich bin zwar nicht alkoholabhängig und auch nie drogensüchtig gewesen aber ich glaube auch nicht, dass Süchte die ursächlichen Gründe für Depressionen oderSchizophrenie sind. Ich glaube eher es ist umgekehrt: Die Sucht ist das Resultat und auch der Auslöser von psychischen Problemen, so ist meine Meinung. Die psychischen Probleme treten eher und verstärkter unter diesen Bedingungen zutage.

Gruß Kay
Das Bedürfnis nach Glauben ist der grösste Hemmschuh der Wahrhaftigkeit

(Friedrich Nietzsche)

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Angelita
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Beitragvon Angelita » Do 9. Sep 2004, 22:50

Viele Angsterkrante und Depressive können ein Suchtpotenzial entwickeln. Dies sind dann auch die Standartfragen des amb. u. des klin. Psychiaters; trinken Sie, wie viel, seit wann, wie regelmässig?

Alk. u. andere Drogen (z.B. auch Benzos) wirken entspannend, das ist besonders wichtige bei einer Angststörung. Paniker empfinden ihre Paniken als so bedrohlich, dass sie oft nicht durch den Tag kommen ohne einer der oben aufgeführten Drogen.

Es gilt also nach einem Entzug sofort o. besser begleitend eine Therapie zu machen. Das ist das A u. O um aus dem Teufelskreis zu kommen. Meist sind das verhaltenstherapeutische Ansätze und Milieu-Therapien. Natürlich können auch andere Therapien sehr hilfreich sein, wie z.B. Musikthera, o. Maltherapien, Körperther.

Bei vielen "Störungen der Seele" können die Klienten sich selbst nicht mehr spüren, eindrücklich sieht man das bei Borderliner. Sie versuchen oft (nicht immer) durch körp. Selbstverletzungen sich wieder zu spüren. Depressive u. Angsterkrankte greifen mit unter zum Alk. oder eben zu Tabletten o. anderen Drogen.

Letztlich ist es auch die Frage, was man als Sucht taxiert. Ab wann u. nach wieviel u. wie regelmässigen Konsum ist es eine Sucht? Wo zieht man die Grenze? Und bei wem? Frauen vertragen bekanntlich weniger Alk. als Männer. usw.
Gruss Angelita

“Man muss im Ganzen an jemanden glauben, um ihm im Einzelnen wahrhaft Zutrauen zu schenken.” H. v. Hofmannsthal


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